Keine Suchergebnisse für: „Sad Arab Fags“

IMAG1241Das Wort hat auf meinem Blog einen eindeutigen Vorrang vor dem Bild, das sagt ja schon der Name „Zeilentiger liest Kesselleben“. Ganz recht ist es mir daher nicht, nach der Pfandpflicht auf dem Friedhof schon wieder ein Foto in den „Koordinaten“ zu veröffentlichen. Aber manchmal springt einen ein Zeichen aus dem unüberschaubaren Informationsgeflecht Stadt einfach an. Es hat meine Aufmerksamkeit errungen, es will gesehen werden.

So dieses anonyme Plakat am Marienplatz in Stuttgart-Süd. Wer sind diese traurigen arabischen Schwuchteln? Wer bemitleidet (oder verhöhnt) sie? Und warum hier? Wo noch steht diese Botschaft ? Ist sie womöglich nur der erste, enigmatische Schritt einer Kampagne, deren folgenden Botschaften irgendwann irgendetwas enthüllen werden? Die Suchmaschinen lüften den Schleier jedenfalls nicht. „Es wurden keine Ergebnisse gefunden.“ (Ist dies hier wirklich die allererste Nennung dieser Wortgruppe im frei zugänglichen Teil des Internets?)

Gerne wüsste ich mehr. Leserzuschriften ausdrücklich erwünscht! (Aber das ja sowieso.)

Pfandpflicht

IMAG0729Supermarktgefühl auf dem Friedhof: Der Ordnungswille hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. Mir zumindest waren in diesem Jahr das erste Mal Pfandschlösser an Gießkannen aufgefallen. Wie hier auf dem Fangelsbachfriedhof im Stuttgarter Lehen, wo unter anderem ehrwürdige Herrschaften wie Immanuel Fichte (Philosoph und Herausgeber der Schriften seines Vaters Johann Gottlieb Fichte) oder August Friedrich von Pauly (alle Altertumswissenschaftler kennen ihren „Kleinen Pauly“) liegen. Also, nicht vergessen, auch zum Friedhofsbesuch künftig Kleingeld mitzubringen!

Wetterlage funky bis hypnotisch – Netzers Heimspiel in der Kiste

Einen Tag vor der Eröffnung der Fußball-WM tritt Netzer für ein Warm-up auf die Bühne. In der Kiste, Stuttgarts kleinstem Jazzclub mit fast täglicher Livemusik, prangt der allbekannte markante Scheitel an der Rückwand. Irgendwann nach 21 Uhr lösen sich drei Männer aus den Unterhaltungen vor der Kneipe, stellen Biergläser ab, drücken Kippen aus, stecken eine elektrische Zigarette weg und entern die Bühne: Das Stuttgarter Instrumentaltrio Netzer eröffnet den Abend mit einer Elektro-Jazz-Version von „Walking on the Moon“. Und hat den Mond bald hinter sich gelassen.

Denn die Schaltzentrale Oli Rubow, im Hattler-T-Shirt und nicht nur der dunklen, in die Stirn hängenden Haaren und der großen schwarzen Brille wegen eine Art Woody Allen der Percussion, eröffnet mit seinem gar nicht großen Schlagzeug ungeahnte Räume. Er wirft sich mit neurotisch suchenden, fast schon spastischen Angriffen gegen die Grenzen von Raum und Zeit, schiebt sie weit hinaus und erweist sich als ein irrwitzig guter Spieleröffner.

Markus Bodenseh reiht sich mit Bass und minimalistischem Moog-Synthesizer in den Rhythmus ein, eine gut gelaunte Kante in temperaturgerechten Shorts und Zehensandalen, und mischt – vom Trio vielleicht am wenigsten innovativ – der musikalischen Sprache animalisches Blut, die schwere Süße des Weines bei.

Und diesen weiten Raum nutzt Fanta-4-Gitarrist Markus Birkle, hager, uneitel und in Soccer-T-Shirt, für sein Gitarrenspiel, fängt die Stimmung auf und gestaltet sie neu, zieht wie ein von John Scofield geborener Adler hoch am Himmel seine Loops, scharfkrallig, aufmerksam und berauscht von Höhenluft.

Netzer sieht sich programmatisch als DJ. So fließt ein Song in den anderen, ohne Unterbrechungen, ohne Ansagen. Und als das Trio seinen musikalischen Parforceritt doch zu einem Abschluss gebracht hat, gesteht Bodenseh (nach einem Applaus so lang, wie ihn die Kiste nicht jeden Abend erlebt), wie es jetzt weitergeht, sei noch nicht ganz klar. Kein Problem, der Namensgeber hat es schließlich vorgemacht und Netzer wechselt sich selbst ein zur zweiten Spielzeit.

Und am Ende haben alle gewonnen.

Netzer spielte am 11.6. in der Kiste.

Endlich Hitze

Ein Sommerspiel am Pfingstmontag

Vanitas

Ein Schwall Säure lässt mich jäh aus dem Schlaf hochfahren. Es ist wie ein Schock. Was zu viel Essen, zu viel Wein war, ist plötzlich ein Wissen um Verletzbarkeit, um Endlichkeit. Ich spüle den Mund aus und ziehe die dünne Decke zum ersten Mal in dieser Nacht über die Schultern.

Kalenderfragen

„Entschuldigung“, rufen die beiden pubertierenden Jungs am Pfingstmontagmorgen vor dem Supermarkt. „Ist heute Feiertag? Haben die Geschäfte denn alle zu? Gibt‘s hier einen offenen Kiosk? Oder einen Araberladen? Aber morgen ist kein Feiertag mehr?“ Nein, morgen ist kein Feiertag mehr, bestätige ich den verdrießlichen Gesichtern.

Aus dem Kessel steigen

Meine Beine wissen nichts von Kopfschmerz und Müdigkeit und tragen mich die Windungen hoch nach Vaihingen überm Kesselrand. Das Rad schnurrt über den Asphalt, Autos brausen vorbei, der Schatten eines Raubvogels kreuzt meine Bahn. Den Radweg habe ich für mich allein, kein Sonntagsfahrer, den ich überhole, kein Rennradler, der gewichtslos an mir vorüberzieht. Ich liebe diese Steigung bei 30° Celsius. Denn dann ist wirklich Sommer. Glücklich komme ich oben an und verzage. Monströs ist schon vormittags die Schlange vor dem Freibad. Wider Überzeugung schaue ich in die Ritzen meines Geldbeutels und tatsächlich, da ist noch eine letzte zerknitterte Marke vom Vorjahr. Ich gehe an der Schlange vorüber, kein Mensch ist zwischen mir und der Frau, die die Marken am Eingang entwertet. Fünf Minuten später tanzt das Licht auf dem nackten Körper. Die Saison ist eröffnet.

Backsteine

Gegenüber der Tankstelle düst ein Auto bei Rot zwischen dem Fußgänger und mir über die Ampel, ein weißer Wagen mit Spoilern biegt zur Buddha Lounge ein, irgendwo vom Gelände dringen elektronische Beats. Kesseleinwärts wirken die Straßen zwischen den Backsteinhäusern des alten Arbeiterviertels – Heimat der Fantastischen Vier – fast frei von Verkehr in der Mittagshitze. Das Hotel Hottmann, ein trauriger Ort für Monteure, leuchtet wie neugestrichen, ein paar Häuser weiter hat jemand seine Wäsche zum Trocknen auf den Gehweg gestellt. Im zweiten Stock sitzt eine hübsche junge Frau auf dem Fensterbrett und liest im Licht. An der Wohnung, in der ich am Vorabend zu einem Geburtstag war, sind die Jalousien gegen die Hitze herabgelassen, an der, in der ich selbst einmal gewohnt hatte, lassen die Rollläden einen schmalen Spalt frei. Hinter dem Schaufenster der „Kichererbse – vegane Alternativen“ sitzt eine Frau und tippt in ihr Smartphone, und dann liegt Heslach hinter mir.

Definitionen

Sommerglück: Shirt runter, Balkontür auf. Zu Chet Baker mit einem scharfen Chutney beginnen. Dann Kyuss, „Blues for the Red Sun“, gerösteter Kreuzkümmel im Mörser. „Bei dir kann man immer von allem nehmen, weil eh alles schmeckt.“

IMAG1144 „Gewitterwürmer? Das sind diese kleinen, schwarzen Würmer, die vom Himmel fallen, kurz bevor es zu gewittern beginnt.“ Wir schauen uns ratlos an. Wir kennen sie nicht, weder den Begriff noch das Phänomen.

Am Freitag, erfahre ich, war mein kleiner Text im Magazin +3 erschienen. Gesehen habe ich die Beilage der Süddeutschen Zeitung noch nicht. Als Reiseautor firmiere ich da. Das ist wohl eine Definitionssache.

Am Platz

Der Kessel liegt bereits im Abendschatten, nur auf der Höhe noch kratzt das Licht. Die Schlange vor der Gelateria reicht noch immer bis auf die Straße. Ein paar Buben haben einen Einkaufswagen mit bunter „Fahrerkabine“ für Kleinkinder erobert. Lärmend, schreiend, lachend, zankend rattern sie immer wieder den Weg herab, drehen Pirouetten wie auf Glatteis, bremsen kühn vor dem ersten Tisch des Cafés. Es ist 9 Uhr abends, die Schlange vor der Eisdiele ist nochmals länger geworden, am Kaiserbau sind alle Außentische besetzt und kein einziger Gast im Inneren, auf dem Platz – heute Mittag noch wie ausgestorben – sitzen wieder Menschen auf den Treppen, den Mauern, auf dem Plattenboden. Ich lehne mich zurück an die Steinwand, sie strahlt noch die Hitze des Tages ab, schließe die Augen und schwimme in einem Meer aus Stimmen und Sommerwärme. Alles ist gut.

Und es ist noch nicht zu Ende

Ein Stückchen meine Straße hoch blickt man ganz genau in die Schneise einer Verkehrsader drüben im Stuttgarter Westen. Mir war das nie vorher aufgefallen. Die Scheinwerfer der Autos flimmern dort geheimnisvoll in der Dämmerung, gleich Versprechungen einer Fata Morgana. Vögel singen wie irre geworden in den Abendhimmel, der Wind streicht über nackte Haut, wirbelt eine Strähne umher, die Schultern glühen sanft. Verheißung, Verheißung überall.

Gemalte Wörter

Heute war sie wieder da. Alles an ihr − der Teint, ihre kurzen, gelockten Haare mit der hochgesteckten Sonnenbrille, Schuhe, Schmuck, Bluse, die Hose mit dem umgeschlagenen Saum, die Handtasche, quer hängend, die größere Tasche, aus der sie, kaum sitzt sie in der Bahn, sofort ihre Unterlagen zieht −, all das sind Nuancen auf einer Palette zwischen Haut, Bronze, Gold, Orange und Braun. Sie ist eine Dame, nicht mehr jung, die Augenbrauen in einem Halbrund nach oben gezogen, was ihr Gesicht − fast spöttisch fragend − noch einmal länger macht, die Augen, blicken sie einmal auf, wach und bereit zu einem Lächeln wie ihr konzentrierter Mund, doch meistens ist ihr Blick gesenkt.

Sie schreibt. Ihr kurzer Bleistift huscht über das Papier und formt Zeichen, chinesische Schriftzeichen, mit einer Leichtigkeit, die ich ehedem einer westlichen „Großnase“ kaum zugetraut hätte. Zeichen für Zeichen bringt sie zum Leben, das Blatt füllt sich − ohne Hast, ohne Zögern.

Sie legt den Stift zur Seite, sie zerreißt mit kurzer, entschlossener Geste − zielstrebig, frei von Kraftaufwand − einen Zettel, womöglich abgearbeitete Notizen, und lässt die gleichmäßig großen Papierstücke in die Tasche gleiten, bevor sie ihre Schreibübungen fortsetzt.

Einmal hatte ich sie angesprochen. Zwei Jahre (oder waren es drei?) lernte sie bereits Mandarin und nein, es sei überhaupt nicht schwer, wehrte sie meine Bewunderung ab, und wir hätten noch ein paar Sätze mehr gewechselt, wäre ich nicht an meinem Ziel angekommen.

Heute sitze ich ein paar Reihen weiter weg und verfolge den Lauf ihrer Hand übers Papier. Da verharrt ihr Stift einen Moment lang, sie zögert, ihre Lippen formen lautlos ein Wort, beinahe halte ich den Atem an, dann aber tanzt ihr Bleistift weiter auf seiner makellosen Bahn.

Ich steige aus, eine Haltestelle zu spät.