Terminus Britanniae

„Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
nicht Britannien durchwandern, …
Skythenwinter nicht erdulden.“

Diese Verse gibt ein Dichter Kaiser Hadrian mit auf den Weg nach Britannien. Anders als sein Vorgänger Trajan – unter ihm hatte das Imperium seine größte Ausdehnung erhalten – setzt Hadrian nicht auf Eroberungspolitik, sondern auf Konsolidierung. Und Konsolidierung bedeutet im äußersten Norden des Reiches, dort, wohin Händler und Soldaten, nicht aber die villae rusticae der verfeinerten römischen Lebenswelt gefunden haben, eine Linie zu ziehen hin gegen das Ende der Welt. Und so errichten 15 000 Mann eine Mauer zwischen Küste und Küste, von der Mündung des Tyne im Osten hinüber an die Salzmarschen an der Irischen See. „Die Römer haben nun den besten Teil von Britannien“, schreibt der Historiker Appian. „Um den Rest kümmern sie sich nicht, denn auch das Gebiet, das sie innehaben, ist nicht eben ertragreich.“ Regen peitscht über das Land, im Winter liegt Schnee.

In Manchester herrscht Sommer. „Yes, darling, yes“, antwortet die Zugbegleiterin. Schöner könnte eine Begrüßung kaum ausfallen. Die Sonne scheint auf Gleise, Hecken, rote Backsteinhäuschen mit Miniaturgärten. Ortsnamen wie Gatley, Burnage oder Ardwick ziehen am Fenster vorbei, die Geschäftsleute neben mir sprechen Dänisch. Ich bin viel zu warm angezogen, denke ich mir.

Als ich in York umsteige, fröstel ich. Vor gut zwanzig Jahren stand ich schon einmal hier unter den Bogendächern aus Stahl und Licht. Ich erinnere mich nicht daran. Eine Festgesellschaft strömt in die Bahnhofshalle. Die Damen bevorzugen Creme- und Pastelltöne, dazu einen Strohhut. Gibt es auf dem Kontinent ein Land, in dem so viel Farbe gezeigt und zugleich so deutlich Zurückhaltung demonstriert wird? Auf einer anderen Ebene haben die Damen ihre englische Reserviertheit aber bereits unterlaufen. Sie sind betrunken, sie lachen und kreischen auf den Bahnsteigen.

Der Schriftzug des Unternehmens Virgin Trains ist mir von den Schallplatten her bekannt. Auch in diesem Zug stecken die bedruckten Reservierungskärtchen auf den Kopfpolstern der Sitze, er fährt aber flotter als die Bummelbahn des Transpennine Express‘. Die roten Bezüge vermitteln das Flair einer Theaterloge. Das ist sehr schick und sehr elegant und kein Vergleich zur Deutschen Bahn. Vorbei die Zeiten, in denen ich englische Züge mit Verspätungen, Müll und Vernachlässigung verbunden habe? Irritierend bleiben die Durchsagen eines demokratischen Überwachungsstaates – die Angst vor Terrorismus ist allgegenwärtig. Wie harmlos gibt sich im Vergleich das öffentliche Leben in Deutschland. Wie schnell aber würde sich das wohl ändern nach einem Anschlag islamistischer Attentäter hierzulande? Es dämmert. Die Wolken hängen tief, Regen liegt in der Luft. Das Land entlang der Trasse ist sehr flach. Hier bloß nicht wandern, denke ich mir. Doch im Osten, zur Küste hin, kauern die Schemen von Hügeln. Die kleinste Erhebung reicht, um das Land gefällig zu machen. Viel Wald ist da draußen, die Felder erscheinen mir weitläufiger als im Süden Englands, die Hecken höher. Es ist Bauernland hier, wo nicht grün, dort gelb von der Rapsblüte. Eine Müdigkeit drückt sich auf meine Schultern und ich komme mir, während der Zug weiter nach Norden rauscht, in die Nacht hinein, vor wie auf einer hoffnungslosen Flucht.

Die Mauer war in vier Jahren errichtet und wurde immer weiter verändert. Sie blieb nicht dauerhaft die Grenze. Mehrmals versuchten die Kaiser, wie auch schon vor Hadrian, den römischen Herrschaftsbereich nach Schottland hinein zu verlegen. Von Dauer waren diese Versuche nicht, und im Großen und Ganzen blieb der Hadrianswall für knapp 300 Jahre die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Bewacht wurde sie nicht von den Legionen, sondern von Hilfstruppen aus allen Teilen des Reiches: Menschen aus wortwörtlich halb Europa, aus Nordafrika und dem Nahen Osten bis hin zu einigen Bootsleuten aus dem Irak waren hier an der Mauer oder in ihrem Umfeld stationiert. Welche Mobilität, welche Logistik und ja, auch welche Möglichkeiten kultureller Horizonterweiterung das Römische Reich eröffnet hatte! Der Weg dorthin war natürlich eine Geschichte der Gewalt und Unterdrückung. Das kann uns kein Vorbild sein. Und trotzdem wünsche ich mir dort vor den Altären antiker Götter, die Europäische Union möge sich aller Herausforderungen zum Trotz – in Frieden und Vielfalt – lebendig erhalten.

Dann schultern wir unsere Rucksäcke, verlassen das Lager Segedunum und brechen auf gen Westen.

Newcastle, Hadrianswall, Wandern, Hadrian's Wall Path

Marschroute (Foto mit freundlicher Genehmigung von Stephan Scheiper)

Die Übersetzung des Dichters Florus (überliefert in der Historia Augusta, Hadrian 16, 2) ist Kai Brodersen, Das römische Britannien. Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 166, entnommen. Das Zitat von Appian, Prooimion 5,18, ebd., S. 180.

Wer sich für Geschichte begeistern lassen kann, wird mit Segedunum in Newcastle upon Tyne eine gute Wahl treffen. Das wunderbar lebendige Museum ist auch für Kinder sehr geeignet.

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Grenzbegehung

Im Hochmoor steht ein kleiner Tempel, dem Lichtgott Mithras geweiht. Die Altäre sind noch zu erkennen; beim Kultdienst wurde ein Vorhang aufgezogen, um das Bild des Erlösers erstrahlen zu lassen, einen Pfeilschuss entfernt von der nördlichsten Grenze des Römischen Reichs. Über den Trümmern einer alten Welt schmücken Lerchen den Himmel.

*

Es gibt wunderschöne, große Bäume hier, ihr Stamm ist auch von zwei Menschen nicht zu umfassen. Ihre Krone ist Fülle, wie sie allein stehen oder in einer Reihe auf dem Feld. So etwas kenne ich von uns nicht. Die Hecken werden immer weniger in England, aber sie sind trotzdem überall, so scheint es. So etwas kenne ich von uns nicht. Das Land ist ganz satt vor Grün, durchzogen von leuchtendem Gelb, heller der Raps, satter der Ginster in den Höhen. Die Bauern geben die Milchwirtschaft auf, weil die Preise fallen, züchten stattdessen Schlachtvieh, dazu ein paar Schafe, sie blöken überall. Und der Schnee, der in Northumbria winters fällt, ist nur noch nasser Schnee und niemals mehr Pulverschnee, wie ihn die Älteren noch kennen. Die Kinder tippen sich an die Stirn. Milecastle 30 liegt hinter uns im Wäldchen oder lag, denn von kaum einer der Befestigungen, von nur wenigen der je zwei steinernen Wachtürme dazwischen ist für den Wanderer heute noch etwas zu sehen. Die Hand lag in der Nachmittagssonne nur einmal auf der exakten Linie des Mauerwerks, das vor knapp 1900 Jahren hochgezogen worden war. Kalt weht der Abendwind, zwei Katzen springen sich an.

Der Geist im Welzheimer Wald

Schorndorf – Farbenspiele in der Daimlerstadt

Gottlieb Daimler ist hier geboren. Ich war zum ersten Mal in dieser Kleinstadt – das Ende einer S-Bahn-Linie östlich von Stuttgart –, als ich bei Nacht und Nebel der Einladung eines Studienfreundes gefolgt war, der in der örtlichen Buchhandlung seine Dissertation vorstellte. Er hatte über gesellschaftlichen Wandel in der alten Bundesrepublik im Spiegel von Pfarrberichten geforscht, und auch wenn er das als Historiker und vergleichender Religionswissenschaftler gewissermaßen aus einer Außenperspektive tat, fand der Pfarrerssohn mit seinem Thema hier doch ein Publikum: das protestantische Bildungsbürgertum der Stadt, das die Buchhandlung annehmbar füllte.

Als ich zum zweiten Mal in den Ort komme, ist vieles ganz anders – und doch manches ähnlich. Es ist Altweibersommer, die Sonne strahlt über der Stadt. Dem Bahnhof gegenüber steht ein braunes Triumphgebäude aus aufeinandergeschichteten Würfeln – der Neue Postturm, einige Stockwerke suchen offenbar noch Mieter –, so etwas wie der Versuch einer architektonisch kompromisslosen Moderne in der schwäbischen Provinz. Gegen die Altstadt, die sich sofort anschließt, vermag der Turm nicht mehr als einen Akzent zu setzen. Es ist Samstag und der Kopfsteinpflasterplatz zwischen schmuckvollem Fachwerkprunk beherbergt einen regen Wochenmarkt. Er ist überraschend groß, überraschend lebendig, ein schöner, vielseitiger Wochenmarkt, der kaum Wünsche offen lässt. (Bis auf den natürlich, dass er ein protestantischer Markt ist: Man kommt zum Einkaufen auf den Markt und damit genug. Der Wochenmarkt als Manifestation des unmittelbaren Lebensgenusses, auf dem man an kleinen Ständen den herrlichsten Kaffee bekommt und frischgepresste Säfte, im Stehen ein köstliches kleines Frühstück genießt oder auch zwei, Freunde und Bekannte grüßt und neckt, überhaupt zusammenkommt, um zu sehen und gesehen zu werden, wo ein fast italienischer Charme in deutsche Innenstädte geholt wird, diese wunderbaren Wochenmärkte kenne ich nur aus katholisch geprägten Städten.)

Immerhin sind die Schorndorfer genussfreudig genug, um rund um den Wochenmarkt die fest etablierten Cafés zu füllen. Es ist ein Bild der Fülle, der Ordnung, einer kleinstädtischen Sauberkeit und Lebensbejahung, ein Wohlstand aus frischem Gemüse und historischer Tradition. Schwarzgrün wäre das politische Äquivalent zu diesem Bild, denke ich mir. Die Realität ist noch weit ernüchternder. Gleich in einer hochfrequentierten Seitenstraße steht der Infostand einer Partei. Es ist die AfD, vertreten durch gleich vier oder fünf Parteigängern.

(Um mich nicht etwaigen Vorwürfen der Schorndorfer auszusetzen, eine Ergänzung aus Wikipedia: Der amtierende Bürgermeister von Schorndorf ist von der SPD, bei den letzten Kommunalwahlen stand die FDP deutlich vor den Grünen auf Platz 3. Was die Landtagswahl in zwei Wochen bringen wird?)

Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Ausflug

Ross vor dem Kirschenwasenhof. Dort stehen dann ganz andere Fahrzeuge – ein Porsche sogar mit vertrauensvoll offen stehender Fahrertür.

Schamgrenze am Ebnisee

Auf einem Parkplatz inmitten bewaldeter Hügel üben sich Motorräder in Rudelbildung. Biker halten gern hier am Kiosk der Familie Wörner. Die Currywurst gibt es wahlweise scharf und süßsauer. (Oder war es doch nur rot-weiß? Ich erinnere mich nicht mehr.) ‚Reisedevotionalien‘ ergänzen das Sortiment: Postkarten aus dem Welzheimer Wald, Krimskrams zum römischen Limes, der sich hier durch die Wälder zieht, Karten der Freizeitregion. Nördlich davon liegt der Ebnisee mit seinen braunen, ganz undurchsichtigen Wassern. Er war im 18. Jahrhundert künstlich angelegt worden als Flößergewässer. Von hier wurde das geschlagene Holz über Wieslauf, Rems und Neckar in die Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg gebracht. Heute dient der Ebnisee als Herzstück eines Naherholungsgebiets für Städter aus Schorndorf, Backnang und Winnenden, aus Stuttgart und Esslingen. Ein kleines Hotel am Ufer bietet Übernachtungen an, ein Tret- und Ruderbootverleih schließt sich an. Angler warten geduldig am Ufer, ein paar Boote sind auf dem Wasser. Schwimmer sehe ich keine an diesem 12. September, nur ein paar Enten.

Vom See bin ich enttäuscht. Er ist mir gar zu sehr erschlossen und so sehr Augenweide nicht. Aber es ist gewiss nicht fair, diesen kleinen See am Rande der Region Stuttgart mit den Voralpengewässern zu vergleichen. Ins Wasser zieht es mich trotzdem; doch ich traue mich nicht. Merkwürdig, was hält mich davon ab? Es ist, muss ich mir eingestehen, eine Scham. Ich scheue zurück, als einziger ins Wasser zu steigen, damit unweigerlich Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist, genau bedacht, sehr lächerlich. Würden mir die Blicke von einem halben oder ganzen Dutzend Menschen weh tun? Gewiss nicht. Werden sie lachen, weil ich statt einer Badehose halt eine Sportfunktionsunterhose anhabe? Nein, das werden sie nicht einmal erkennen! Erwartet mich soziale Ächtung, weil ich mich zurück aus dem Wasser nur mit einem Schal anstelle eines Handtuchs abtrocknen werde? Niemanden juckt’s. Es ist eine ganz irrationale Scham.

Jetzt kann ich natürlich nicht mehr zurück, schließlich geht es nicht darum, mich in einer Fußgängerzone lauthals zum Affen zu machen. Alles, was ich zu tun habe, ist meinen Rucksack auf der untersten Treppenstufe abzustellen, meine Kleidung darüberzulegen und in die braune Brühe zu steigen. Es ist frisch, aber nicht furchtbar kalt. Ein paar Leute wenden den Kopf, mustern mich, wie ich zu der Plattform in der Mitte des Sees schwimme. Ihre Blicke schmerzen nicht. Mit dem Gefühl eines kleinen Triumphes steige ich einige Minuten später wieder auf mein Rad.

Ebnisee_Welzheimer Wald_Schwäbisch-Fränkischer Wald_Limes_Legionär_Kiosk

Ein Kiosk am Ebnisee wird bis heute von römischen Legionären bewacht.

Alternativwelten im Schwäbisch-Fränkischen Wald

Es geht hinab, lang hinab, weit hinab, an tief geschnittenen Tobeln vorbei, ich staune, wie lange es hinabgeht, und lasse, den Körper ungeschützt, das Rad doch nicht frei laufen auf diesen Schotterwegen. Wild ist der Wald und dann öffnet sich plötzlich eine Landstraße unter einer alten Eisenbahnbrücke, eine Bushaltestelle verkündet die Verbindung in die Zivilisation, moderne Gebäude sprenkeln ein Tal, die Tafel eines Cafés, Kinderlachen auf Spielplätzen, ein „Erfahrungsfeld der Sinne“ hinter den Bäumen, Bodenwellen und Ampeln auf dem asphaltierten Zubringer.

Ich durchquere das Grundstück der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft in der Laufenmühle. Hier finden rund 85 Menschen mit geistiger Behinderung einen Lebens- und Arbeitsplatz. Betrieben wird die soziale Einrichtung auf anthroposophischer Grundlage und die an das Café angeschlossene Kaffeerösterei el molinillo beliefert sogar die Kantine der Weleda AG in Schwäbisch Gmünd am südöstlichen Rand des Schwäbisch-Fränkischen Waldes.

In Stuttgart kann man leicht übersehen, dass die Stadt eines der Hauptzentren der Anthroposophie ist. Hier im Schwäbisch-Fränkischen Wald tritt die von Rudolf Steiner gegründete Weltanschauung überraschend deutlich entgegen. Die ganze Höhe hier zwischen Rems und Murr zeigt immer wieder eine anthroposophische Prägung, von Weleda im Süden bis zur Villa Frank – im Besitz der Christengemeinde und in unmittelbarer Nachbarschaft eines anthroposophisch ausgerichteten Seniorenheims – in Murrhardt im Norden, dazwischen die Laufenmühle oder das idealistische Klein-ORPLID e.V., einer „Lebensgemeinschaft der Generationen und Menschen mit besonderen Schicksalen“. Und wer weiß, vielleicht zeugt der Schlag der Holzskulpturen in Waldenweiler ebenso von einer anthroposophischen Ausbildung wie die auffallende, in Stein gemeißelte Schrift am Biotop Bühlhau.

Aber nein, die Stele ist vom Bürgermeister von Althütte gestiftet. Der wird ja wohl nicht auch noch Anthroposoph sein.

Die dreibeinigen Herrscher

Europa liegt unter Nebel, so scheint es, so ist es zumindest über Hunderte von Kilometern hinweg. Mit der Dämmerung rückt die Welt dann noch weiter fort. Auf der Autobahn ist Stau und er wird dichter, je näher wir der Grenze kommen, an der seit den Anschlägen von Paris wieder provisorische Kontrollen ausgeführt werden. Anfahren und Stoppen, immer wieder Anfahren und Stoppen, in mir Müdigkeit und draußen nur Dunkelheit und Nebel. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Raum, werde aus allen Sinnzusammenhängen herausgelöst. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Blaulichter künden die Kontrollstelle an und mischen Unruhe unter die Erschöpfung. Endlich rücken auch wir vor ins Nadelöhr. Polizisten in Warnwesten, Gewehre in den Armbeugen, stehen auf dem feuchten Asphalt, eine Batterie von Scheinwerfern leuchtet die Fahrbahn aus, schält uns aus der schützenden Dämmerung des Autos, gibt uns den Bewaffneten preis.

Später dann Blindfahrt auf der freien Autobahn, ich jedenfalls erkenne nichts vor mir, sehe nur, was sich an uns vorbeischiebt, entmenschlichte Industrieanlagen unter milchigen Straßenlampen, Andeutungen von Siedlungen ducken sich im Nebel, Schwärze. Hier regiert nicht mehr der Mensch.

*

Sein obszöner, bleicher, knochiger Leib erhebt sich hoch über den Grabfeldern. Es ist eine Monstrosität, wie sie H. P. Lovecraft hätte beschreiben, Giger sie skizzieren können, eine ghulische Scheußlichkeit und damit ihrem Zweck völlig angemessen. Vor uns liegt das Beinhaus von Douaumont, Erinnerungsort von Verdun.

Wagt man sich unter dem hohen Turm der Toten ins Innere, zeigt sich das Ossuarium überraschend anders. Das mittlere der drei Schiffe nimmt eine große Kapelle ein, nach links und rechts zieht sich weit das Gewölbe mit zahlreichen runden Alkoven für Sarkophage. In die Steine sind bis über den Kopf Namen eingemeißelt: Hedoin Pierre 106 B.C.P. 29.12.95 + 16.6.16. Salamite Casimir, Breton Adrien, Guilloux Aristide … Draußen muss die Wolkendecke aufgerissen sein, denn durch die gefärbten Glasscheiben fällt plötzlich rotes Licht auf den Boden, weihevoll und mahnend. Unter den Bodenplatten liegen Knochenberge aufgeschüttet: die Gebeine von 130 000 Menschen, namenlose Opfer des Schlachtengottes.

Neun Stunden lang legen die deutschen Geschütze die Grenze unter Feuer, zwei Millionen Granaten prasseln in dieser Zeit auf die Frontlinie herab, zerhacken, zerstampfen, zermalmen den Grund. Danach sind die Hügel vor Verdun umgegraben, die Wälder Holzsplitter in einer Wüste aus Schlamm. Zwei Millionen, ich kann die Zahl, kaum dass ich mich aus dem roten Sessel des Vorführraums erhoben habe, schon nicht mehr glauben, nicht begreifen. Zwei Millionen Granaten und dann schweigen die Kanonen und eine gespenstische Stille tritt ein an jenem 21. Februar 1916. Und trotzdem leben da immer noch Menschen nach neun Stunden Hammerschlägen, in Bunkern, in Unterständen, in Ruinen. Als die deutsche Infanterie mit Seitengewehr und Flammenwerfer die Hügel stürmt, beginnen die französischen Maschinengewehre zu rattern. Es ist Tag eins einer 300-tägigen Hölle. Willkommen in der Knochenmühle von Verdun.

Zuhause schneit es, erfahre ich, als wir zwischen Tausenden weißer Grabsteine wandern.

*

Wasserlachen platschen unter Stiefelschritten. Es tropft von den Decken des Forts Douaumont, irgendwo rauscht es in den unterirdischen Gängen, der Korridor zum Lazarett steht unter Wasser. Auch damals, als dieser gewaltige Bunker, eine unterirdische Festung mit Geschützstraßen, umkämpft war, erst von den Deutschen, dann wieder von den Franzosen erobert wurde, wateten die Soldaten durch Wasser. Metallsprossen führen hinter einem Absperrgitter schwindelerregend tief hinab in ein Loch, in einen Schlund, noch tiefer hinein in die Geheimnisse einer finsteren Zeit. Die Soldaten, die sich in dieser Festung vergraben hatten vor dem einstigen Erbfeind, hörten über Kilometer hinweg die Kanonen, die stark genug waren, um die meterdicken Wände aus Stein und Beton aufzubrechen, und sie wussten, in 63 Sekunden würde das Geschoss einschlagen … Was macht ein Mensch in diesen 63 Sekunden?

Draußen, über Stacheldraht und schwärzlichem Mauerwerk, sind die französische und die deutsche Fahne aufgepflanzt. Neben ihnen weht die Europaflagge: goldene Sterne auf blauem Grund. Ich bin so dankbar für sie.

*

Es ist der erste Advent und statt in der Stube einen heißen Tee zu trinken, zirkeln wir weiter auf den Höhen um Verdun. Wind zerrt an uns, Regen schlägt uns entgegen, die Schuhe versinken im Schlamm. Drüben ragt der Ghulturm über den Wald, er hat uns immer im Blick, als würde uns etwas Böses, Totes beobachten. Einmal zwingt uns dort, wo die Karte einen Wanderweg zeigt, die französische Armee zum Rückzug: militärisches Sperrgebiet. Wir machen kehrt, weichen Pfützen aus, balancieren auf schlammigen Stegen. Gehe ich hinten und rücke zu nahe auf, spritzen die bestiefelten Fersen vor mir mit jedem Schritt Matsch auf meine Kleider. Schreite ich voran, ist durch den Wind, durch die Wollmütze und die Kapuze hindurch nur ganz schwach das Flapp-Flapp der Schritte im Rücken zu hören. Dann verschwindet auch dieses Geräusch und einen schrecklichen Augenblick lang fühle ich mich, als wäre ich ganz allein auf dieser Welt.

Wald_Verdun_Frankreich

„Das tat ich für dich!“ – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 2)

In der Morgensonne machen sich bereits Besucher auf den Steg ins Herz des Federsees auf oder warten vor dem Museum, radeln dahin oder sitzen vor dem Eiscafé. Wandert man aus Bad Buchau hinaus, wird es aber sehr schnell ruhig. Auf Stunden werde ich auf den Wanderwegen niemandem begegnen. Stille liegt über den Wegkreuzen, nur ein Raubvogel zirkelt über dem Mais, weißer Kopf, roter Schwanz, ein Rotmilan, vermute ich, ohne es wirklich zu wissen. Das erste Waldstück zeigt sich licht, sein Untergrund besteht aus grünem Gras, büschelweise legt es sich auf die eine oder andere Seite. Diese Wegstrecken sind heiter wie die Wälder von Asterix und Obelix, nur dass hier statt endloser gallischer Eichen ein paar Buchen und Pappeln stehen. Am Waldrand zittern Espen.

Oberschwaben_Sommer_Wald

Weggefährten

Was für eine Gnade, an einem Donnerstagvormittag über menschenleere Waldwege gehen zu dürfen! Aber recht bald wird es mir doch langweilig. Die Waldflecken sind hier nie sehr groß, aber solange man sich auf Forstwegen bewegt, schweift das Auge nicht weit. Nicht jeder Wald hält den Reiz des Schauens lange aufrecht. Muss man diesen hier gesehen haben? Nein, muss man nicht. Dafür gibt es interessantere Regionen.

Die Landschaft ist wie gesiegelt von Kruzifixen; wo sie nicht stehen, ist nicht menschengestaltete Flur, sondern das Land der Füchse, der Wildnis, sofern dieses Wort hier überhaupt noch irgendeine Bedeutung hat. Manchmal ist das Wegkreuz zu wenig, dann strukturiert eine Kapelle den Horizont vor dem nächsten Waldsaum. Die winzige Bruckhofkapelle am Grundstück „Mördergässle“ ist kaum mehr als eine überdachte, offene Nische, ein Kniebrett fürs Gebet vor dem vergitterten Votivrelief, links und rechts geben Tafeln Erläuterungen. Gestiftet wurde die Kapelle für zwei Schwestern, die ins Kloster gingen und beide noch in jungen Jahren an einer Lungenkrankheit siechten. Das Leben von Maria Xaveria und Maria Nepomuciama, so die Ordensnamen der Frauen, rettete die fromme Stiftung nicht. Vielleicht, das mag von vornherein kalkuliert worden sein, wenigstens ihr Seelenheil.

Oberschwaben_Wandern_Landschaft_Bondorf

Schwung

Kurz hinter der keltischen Viereckschanze aus der La-Tène-Zeit – „vermutlich ein Kultplatz“, wie alles, was nicht gleich zuordenbar ist, gerne mal kultisch ist – liegt Bondorf ausgestreckt, lauschig und sehr verschlafen. Das Mädchen, das aus einem Haus tritt, weicht meinem zum Gruß bereiten Blick aus, die Katze rennt davon, der Bauer bleibt auf mein „Grüß Gott“ hin stumm. Das schöne Dorf mit seiner Bilderbuchkulisse – rätselhaft hängt das Schild einer Buchhandlung in Frakturschrift über einer Holztür mit einem aufgenagelten Schweinchen – wächst am Rand, zur Ebene gen Bad Saulgau hin, und verliert hier seinen ganzen Charme.

Es ist drückend heiß, über Kopf und Schultern habe ich meinen syrischen Schal – ein wirklicher Allzweckgegenstand – gebreitet und ich mache an einem schattigen Wegkreuz nochmals eine Rast für ein paar Schluck Wasser und einen Blick auf die Karte, obwohl die Silhouette von Bad Saulgau schon zum Greifen vor mir liegt. „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“, mahnt die Inschrift unter dem Gekreuzigten. Ja, das können sie gut, die Pfaffen und die ‚Bigotten‘, wie mein Großvater sie genannt hätte – den emotionalen Druck hochhalten! Und wie mir sofort alles wieder zuwider ist: die harten Kniebänke in den Kirchen, auf die sich die Kinder im Gottesdienst niederzulassen hatten, das Niederknien beim Betreten der Kirche und dem Kreuzeszeichen vor dem freudlosen Gesicht, überhaupt diese Leidensgesichter, nein, Freude war nicht gewollt, die derbe Lebensfreude feierte man außerhalb der Kirche, in ihr aber griesgrämige Gesichter, neidische Mienen, strafende Blicke, brüchiger Altweibergesang, salbungsvolles Schwadronieren, aber Lust und Freude, nein, nicht unter dem Zeichen des Gekreuzigten, und dann die Beichte, oh mein Gott, was für ein Unsinn, wenn Heranwachsende dazu verdammt werden, mit gebeugtem Haupt etwas gestehen zu müssen, leiden zu müssen für eine Schuld, obwohl es da vielleicht gar nichts gibt, wofür Schuld zu tragen gerechtfertigt wäre, welche Sünden denn, und überhaupt das Wort Sünde, da kommt es mir schon hoch, immerzu nur Schuld, Schuld, Schuld!

Grimmig setze ich mich auf die Bank auf der anderen Seite des Baumes, der das Kreuz beschirmt. Wer auch immer diesen Platz beehrt hat, er kümmerte sich nicht um feinere Dinge. Die Bank ist mutwillig beschädigt, verschmutzte Taschentücher liegen herum, Blätter von Maiskolben sind ringsum verstreut. Rebellion gegen diese Kultur der Schuld oder schlichte Ignoranz?

Oberschwaben_Bad Buchau_City of God_Graffiti

Fortführung des Barock mit anderen Mitteln?

Im Städtchen Bad Saulgau treffen sich die Oberschwäbische Barockstraße, die Deutsche Fachwerkstraße und die Schwäbische Bäderstraße. Um diese Kulturgüter zu würdigen, müsste ich länger verweilen, und wohl nicht zuletzt deshalb schlägt der Hauptwanderweg 7 den Ort als Etappenziel vor. Ich werde nur eine Rast machen und dann weiterziehen, denn es ist erst Mittagszeit und mir würde es langweilig werden den restlichen Tag, Kultur hin oder her. An der Straßenkreuzung zur Innenstadt – die Ampelmännchen sind aus Ostdeutschland aufgekauft – verkündet eine Steinstele stolz, dass Bad Saulgau 1299-1806 österreichisch war. Die Stadt gehörte zum Bund der fünf „Donaustädte“ (die keineswegs alle an der Donau lagen), die zusammen mit einigen weiteren oberschwäbischen Ortschaften über Jahrhunderte einen Teil Vorderösterreichs bildeten. Damit waren diese Städte sehr viel länger Teil Österreichs als sie seither württembergisch sind.

Ich bin unentschlossen, an welcher Gaststätte ich Mittagspause mache, kehre schlussendlich zur ersten zurück und ärgere mich sofort über die Wahl. Ich sitze nämlich noch nicht einmal, schon steht die Kellnerin neben mir und will, wenn nicht gleich das Essen, so doch wenigstens die Getränkebestellung aufnehmen. Ich lasse mich ungern drängen, erst recht nicht, weil ich immer gerne schaue, ob ein Gasthaus ein besonderes Getränk auf der Karte führt, mich zu überraschen weiß. Leider bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, mir freundlich und bestimmt mein Recht (und also eine Atempause) zu verschaffen und so geht nach einem eher umständlichen, fast gereizten Austausch, den ich so nie beabsichtigt hatte (denn ich will ja kein schwieriger Gast sein), die resolute Frau mit meiner Getränkebestellung hinfort.

Das Bier, nein, es hat nicht geschmeckt und ich verlasse Österreich wieder gen Südwesten.

Oberschwaben_Wandern_Sommer_Himmel_Getreide

Unter dem Himmel Oberschwabens

„A Russ, a siaßa“ – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 1)

Aufbrechen, beginnen, angehen zum Wochenbeginn. Ich meine, es könne keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine Wanderung – Welterschließung durch Gehen – zu starten.

Das Kruzifix am Fuß der Berge

Reist man filsaufwärts, fallen einem – ein gutes Stück hinter Geislingen, gleich nach Überkingen mit seinem Mineralwasser – die Brunnenfiguren auf. Die Muttergottes und Heilige bezeugen, dass das obere Filstal katholisch ist. Dann gesellen sich Nischenfiguren von Schutzheiligen an Brücken hinzu, Kruzifixe überschauen Wegkreuzungen und Dorfplätze, Kapellen wachen am Wegesrand. Der Unterschied zum protestantisch-pietistisch geprägten Großraum Stuttgart ist auffallend und man versteht plötzlich, wie der englische Schriftsteller D.H. Lawrence nach seiner Wanderung von Bayern nach Norditalien Kruzifixe zum Mittelpunkt seines Reiseberichts (Twilight in Italy, 1916) machen konnte. Als ich aus dem Bus heraus diese Kulturlandschaft in mich aufnehme, geschieht eine Wandlung mit mir, rätselhaft wie die Eucharistie. Es ist vielleicht das erste Mal, dass dieser Anblick sachte Wehmut auslöst in mir, ein Sehnen, verbunden mit einer Art archaischen Willkommensgruß. Dieses Empfinden geht ganz an der Ratio vorbei, es hat nichts mit Überzeugungen oder Glaubensinhalten zu tun, es ist nur ein Wiedererkennen der landschaftlichen Zeichensprache meiner Kindheit.

S‘alte Haus

Viel freundlicher zeigt sich Wiesensteig, der Ausgangspunkt meiner Wanderung, als noch im April, als ich von meiner letzten Etappe den Hügel herunterkam. Die grüne Fülle auf allen Hängen nimmt der Enge ein wenig an Druck, auch wenn der Horizont der Straßen, der Hügel abweisend bleibt. Diese wenig einladende Lage hatte trotzdem nicht verhindert, erfahre ich vor einem rotgestrichenen Fachwerkhaus (zu verkaufen ist das wunderschöne Bauwerk mit seinem Schild „S‘alte Haus“), dass das winzige Städtchen einst von den Schweden niedergebrannt worden war – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, als alle Parteien längst schon am Verhandlungstisch saßen. Das ist wieder etwas, was aus den Tiefen heraus an meine alte Heimat anklingen lässt. Auch das Allgäu hatte – wie so viele Regionen Deutschlands – unter den schwedischen Truppen gelitten, auch hier wissen die Menschen immer noch von Schwedenschanzen (eine von Dutzenden über Deutschland und darüber hinaus bekannten und bisweilen vielleicht nur irrtümlich so bezeichneten Schutzwällen) wie vom Schwedentrunk – jene unter anderem bei Grimmelshausen überlieferte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche eingeflößt wurde.

Es sind Erfahrungen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis jener Region eingeschrieben haben. Merkwürdigerweise eigentlich, denn welcher furchtbare Ruf, welche Zerstörungen haben sich sonst so im Gedenken jener Landschaft verankert? Die Rote Armee kam nie so weit, von den Verwüstungen des Spanischen Erbfolgekrieges weiß kaum jemand mehr und die plündernden Magyarenreiter sind dann wirklich gar zu lange her. Nur der Bauernkrieg mag vielleicht eine ähnliche Erinnerungskraft besitzen, als Männer wie Jörg Schmid, der Knopf von Leubas, sich gegen die Unterdrückung erhoben und den Herren und ihren Ritterheeren die Stirn zu bieten versucht hatten und – auch wenn sie oft zugrunde gingen in der Schlacht, unter der Folter, am Galgenbaum – zumindest im Allgäu die rechtliche Stellung der Bauern langfristig verbessern konnten.

Aber ich schweife ab. Ich rücke den Rucksack zurecht und schreite hinaus aus dem Ort, an dem Kreuzweg vorbei, den ich das letzte Mal hinkend herabgekommen war, und tiefer hinein ins Tal.

Karstgewässer

Überall rauschen Bäche. Allein schon dieses Wasser ist der denkbarste Kontrast zur Wanderung in der roten Pfalz wenige Wochen zuvor. Am Lauf entlang stehen Eschen, Weiden, jetzt erst blühende Holderboschen – es ist üppig, grün, feucht, keineswegs heiß. Sachter Nieselregen fällt. Nicht mehr als eine Erfrischung, von niemandem bestellt.

Fils_Filstal_Wiesensteig

Im oberen Filstal

Nach dem Sägewerk hebt sich der Wanderweg empor, beinahe terrassenförmig fällt die Wiese zur Rechten steil ab zum Grund, der von der Fils durchschwungen wird. Das Rauschen ist nur noch ein gedämpftes Plätschern. Gegenüber, auf der anderen Seite des Baches, stehen Posten gleich ein paar Tannen dem Buchenmischwald vorgelagert. Jungvieh fehlt in diesem idyllischen Tal. Nur ein Reiher steht stille unten. Sind es hundert Schritt hinab zum ihm? Immer noch zu nah: Allein das Innehalten und langsame Greifen nach dem Fotoapparat ist dem scheuen Tier bereits zu viel, es erhebt sich, die ersten Flügelschläge schwerfällig, und flattert bachaufwärts.

Dort senkt sich der Weg wieder hinab, die Büsche rücken näher in dem sich verengenden Tal. Der Filsursprung, das sind eigentlich mehrere Quellen am Waldesrand, wo das Wasser aus den kalkigen Schotterflächen tritt. Das Hasental aber führt weiter. Ohne das einladende Plätschern verändert es sofort seinen Charakter, abgeschlossener wirkt der Wald mit seinen Fichtenreihen, verhaltener das Tal. Die Sinne werden in der Stille wacher, wachsamer. Unter der Hochsommerglut wird das Tal, so stelle ich mir vor, in der Hitze geheimnisvoll summen und surren.

Drohnenland

Der Albaufstieg könnte kaum sanfter sein auf diesen von Giersch flankierten Waldwegen. Ich passiere die Schertelshöhle, ich werde die Tropfsteinhöhle bei anderer Gelegenheit besuchen, das ist bereits beschlossene (und inzwischen umgesetzte) Sache. Als ich dann oben aus dem Wald trete, empfängt mich eine geschwungene Weite, ein Fächer aus Grüntönen spannt sich auf. Hecken und Haine sind über die Hügel verteilt, junges Getreide wechselt mit hohem Gras, ein Landsträßchen zieht sich über den nächsten Kamm. Für einen Augenblick glaube ich mich in England. Und hier begegnet mir, von einem Radfahrer abgesehen, seit Wiesensteig der erste Mensch.

Schon am Waldrand ist von fern ein stetes Motorengeräusch zu hören gewesen. Auf der nächsten Anhöhe sehe ich seinen Ursprung: Das Geräusch kommt von einem Werksgelände des Ortes Westerheim. Das ganze Dorf scheint unter dem Brummen dieses Motors zu liegen, einer akustischen Dunstglocke gleich. Vor der Kirche mit dem runden Dach steht sehr schmuck das restaurierte, bunt bemalte „Haus des Gastes“ mit Bücherei, gegenüber und zurückversetzt hinter der Bushaltestelle liegt die Dorfbäckerei. Sie ist eine jener Geschäfte, wo die Verkäuferinnen ungeachtet Wartender minutenlang mit den Einheimischen reden, aber vor dem Fremden plötzlich – eher unbeholfen denn grimmig – ihr Sprachvermögen verloren zu haben scheinen.

Ich verirre mich in ein Neubaugebiet, links und rechts gleiten flache Roboter über den Rasen, als würden sie mich bewachen. Im zweiten Industriegebiet des Dorfes weiß ich mich endgültig auf dem falsche Weg und mache kehrt. Die Drohnen sind verschwunden, dafür sehe ich jetzt erst über dem gestutzten Grün die Nationalflagge gehisst. Es fügt sich so gut ins Bild.

Mit den Römern zum Mond

Der Regen wird ein wenig stärker, aber nicht viel und so lohnt es nicht, die Regenjacke über das T-Shirt zu ziehen, ich wäre sonst von innen auch nicht weniger nass als von außen. Nach einigen Metern auf dem Seitenrand einer vielbefahrenen Landstraße biegt ein Weg ab zwischen grünes Getreide. Überlandtrassen ziehen sich durch das Tal, der Regen summt auf den Stromleitungen, so laut und aggressiv, dass ich meine, Kiefer und Ohren würden zu schmerzen beginnen. Ich verlaufe mich, mache vor der nächsten Überlandstraße kehrt, finde über nasse Graspfade wieder auf den eigentlichen Weg.

Schwäbische Alb_Wandern

Frühsommer auf der Schwäbischen Alb

Ortschaften und ihr Umland sind meist ein Ärgernis für Wanderer und es dauert, bis sich die Laune wieder hebt. Dort drüben ziert eine Schafsherde den sanften Schwung der Landschaft, da recken sich ein paar Ziegen innerhalb einer umzäunten Hecke empor, um besser an die Zweige zu kommen, oder harmlos meckernd, als könnten sie kein Wässerchen trüben, dabei braucht es kaum mehr als eine Herde hungriger Ziegen, um aus eine Landschaft eine Wüstenei zu machen; zwischen zwei Baumhecken (wieder muss ich an England denken) stehen sehr helle Jungrinder auf dem Feld, sie haben mich, obgleich ich gegenüber im Schatten eines Baumes stehe, sofort im Blick.

Ein kurzes Stück führt die Wanderroute hier über die schnurgerade alte römische Heerstraße, die bis ‚zum Mond‘ reichte – Ad Lunam, einem Kastell auf der Schwäbischen Alb, das sogar auf der Tabula Peutingeriana eingezeichnet war, jener auf eine antike Vorlage zurückgehende Karte des Straßennetzes von den britischen Inseln bis nach Indien. Kaum ist das Herz wieder frei, ist Laichingen aber bereits in Sicht und überhaupt war fast der gesamte Weg vom Waldrand über der Schertelshöhle bis zum Etappenziel asphaltiert. So haben die Füße wenig Freude.

Grünkernmaultaschen

Laichingen, eine Kleinstadt von gut 10 000 Einwohnern, ist eine ganz andere Welt als das nahe Westerheim. Der Einstieg zeigt sich noch sehr ländlich auf der Seite, von der ich komme. Pferdegehöfte, schäbige Hausfassaden, wie man sie in Deutschland nicht so sehr häufig sieht, ein Misthaufen zur Dorfstraße hin, umringt von ganz gewöhnlichen Wohnhäusern (was schon wiederum großartig ist, denn wo sieht man so etwas schon noch in unseren Dörfern). Dann aber ein rühriges Zentrum, Supermärkte – vom türkischen Arzum über den ominösen H‘s Markt bis zum Drogeriemarkt Müller -, ein ganzer Haufen religiöser Infrastruktur, eine richtige Buchhandlung gegenüber der VHS und der Dorfbibliothek, Rap hörende, kurzgeschorene Jugendliche an einer Haltestelle, schlaksige, arabisch telefonierende Männer, eine italienische Eisdiele mit hübscher, wenn auch ihrer anwesenden Kinder wegen gestresster Bedienung, die einen kurzen prüfenden Blick wohlwollend aufnimmt, was das Eis leider auch nicht besser macht …

Im Gasthaus, in dem ich mein Quartier aufschlage, stärke ich mich. Ein Bio-Dreikornhefeweizen zu Grünkernmaultaschen, das muss man einfach beides probieren und dann nichts bereuen, auch wenn es geschmacklich weniger hält, als die Fantasie versprochen hat. Den Stammtisch habe ich mir gegenüber. Hier regiert noch der Dialekt. Die Männer sprechen ein kräftiges, hartes Schwäbisch ohne Nasale, eine Variante des Schwäbischen, das meinem Allgäuer Ohr naturgemäß entgegenkommt. „A Russ, a siaßa“, bestellt der Erste. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Der nächste ruft „A siaßa Russ.“ Und auch der dritte will sein Weizenbierradler auf dem Tisch: „An Russ, siaß.“ Ich achte nicht auf die Inhalte, ich bin hingerissen, geradezu entzückt von dem dialektalen Klang und seiner Selbstverständlichkeit vor allem, denn eine solche hörst du nicht mehr unten in den großen Städten.

Das schwere Essen hat mich müde gemacht. Ich zahle, stehe auf und nicke den Männern am Stammtisch zu. Sie nicken zurück. Ich darf wiederkommen.

Noch war‘s kein Maienregen – Auf dem Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg (2)

Zum ersten Mal reizvoll wird die Strecke, wenn, fast schon durch Jebenhausen hindurch, das Schloss vor einem liegt, sechs Kilometer vom Göppinger Bahnhof entfernt. Bis dahin ist es verschenkter Weg. Auch in Jebenhausen habe ich nicht innegehalten, nicht am Jüdischen Museum (geschlossen) noch am Schloss (in Privatbesitz). Ich wollte ausschreiten. Ich wollte Wegstrecke hinter mich bringen. Am Ende wurde mir diese Hast zum Verhängnis.

An jenem trüben Apriltag hatte ich mir die beiden kürzeren Etappen 2 und 3 des Schwäbische Alb-Oberschwaben-Wegs (= Hauptwanderweg 7 des Schwäbischen Albvereins) vorgenommen, von Göppingen im mittleren Filstal nach Wiesensteig kurz vor dem Filsursprung. Die erste Station Jebenhausen ist mehr wert als meines flüchtend-flüchtigen Satzes oben. Jahrhunderte waren die Freiherren von Liebenstein (einer Familie, die im Hochmittelalter aus dem Elsass ihren Stammsitz nach Schwaben verlegt hatte), als reichsunmittelbare Ritter die Dorfherren von Jebenhausen. Erst 1806, nachdem sich die Landkarte der deutschen Lande durch Säkularisation und Mediatisierung radikal verändert hatte, fiel die Herrschaft an Württemberg. 30 Jahre vorher hatten die Freiherren den Juden ein – unbefristetes – Schutzprivileg ausgestellt, das diese in dem Rittergut besser stellte als zum Beispiel im benachbarten Württemberg. Die Gemeinde blühte und Mitte des 19. Jahrhunderts waren die christliche und die jüdische Bevölkerungsgruppe Jebenhausens beinahe gleich groß. Recht bald aber löste sich die jüdische Gemeinde nahezu auf. Einige schlugen den – sehr kurzen – Weg ins benachbarte, sich industrialisierende Göppingen ein, viele andere den – sehr weiten – Weg nach Nordamerika. 1900 wurde die Jebenhausener Synagoge verkauft.

Bezgenriet_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Im Grünen

 

Ein paar Hundert Schritt hinter dem malerischen Schloss verliert sich der Weg im Grünen. So etwas ist ungewöhnlich in Deutschland: Dass eine ausgeschriebene Route – hier für ein ganz kurzes Stück zugleich ein Teil des Jakobswegs – ohne erkennbaren Pfad einfach mitten durch eine ungemähte Wiese verläuft. Passend ländlich-malerisch empfängt einen der nächste Ort Bezgenriet (der Name klingt so unerwartet nach Allgäu) mit seinen Scheunen am Feldrand, der ehrwürdigen Dorfschule gleich dahinter, gegenüber ein etwas heruntergekommener Bauernhof, vom üblichen Arsenal aus Maschinen, Materialien und einem vermutlich nicht mehr fahrtüchtigen PKW umlagert. Eine Brennerei und Hofläden versprechen kulinarische Genüsse.

Bad Boll_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Am Fuß der Schwäbischen Alb

 

Die Obstbäume erblühten, das erste Grün spross, viele Äste auf den Streuobstwiesen und oben auf den Hügeln ragten noch kahl empor. In wenigen Wochen würde die Landschaft wieder ganz anders und noch reizvoller aussehen als unter dem grauen Aprilhimmel. Es ist, das denke ich mir immer wieder, eine liebliche, einnehmende Landschaft am Fuß der Schwäbischen Alb: um die Dörfer liegen Äcker mit sanftem Schwung, hangaufwärts erstrecken sich die Streuobstwiesen, darüber die bewaldeten Hänge des Mittelgebirges. Ich werfe einen Blick zurück, hinüber zum Hohenstaufen und freue mich, diese Wegmarke meiner letzten Etappe zu sehen und den Raum dazwischen zu spüren, den ich mit meinen eigenen Schritten durchmessen habe. So etwas ist Welterschließung vom Innigsten.

Die Wanderroute schneidet den Kurort Bad Boll nur an, ein Umweg führt hinein ins Ortszentrum. Ich wollte eigentlich nur weiter, aber andererseits, wann würde ich schon wieder einmal hier sein in diesem kleinen Bäderort mit seiner Akademie (der ältesten nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstandenen Evangelischen Akademie in Deutschland und in den letzten Jahren mehrfach ausgezeichnet für die ökologische Ausrichtung ihrer Hauswirtschaft). Der Weg hinein in Bad Boll, nein, der lohnt sich nicht wirklich, das weiß ich nun, und innegehalten habe ich auch hier nicht, aber der Weg wieder hinaus aus dem Ortskern, der hat es in sich. Sehr lieblich zeigte sich hier der Ort. Kirschblüten prangten weiß vor einem dunklen Himmel, hinter den hohen Birken rollte Donner um Donner, dort das rote Haus vor dem Gewitterhimmel, das ich leider nicht fotografiert habe. Über mir und den Frühlingsblüten noch Sonnenschein, im Norden aber, wo ich vor zwei Stunden gestartet war, regnete es.

Als ich die Kurgebäude hinter mir ließ, erreichte der Regen auch mich. Im Teilort Eckwälden klappte eine Belegschaft auf Betriebsausflug, aus Brennereien und Stallbesichtigungen entströmend, ihre Regenschirme mit Firmenlogo auf. Obstler und Kühe, das schien ihnen gefallen zu haben, wie sie scherzend bergauf schlenderten, vielleicht einem gemeinsamen Mittagsmahl entgegen. Ich überholte die Anzughosen und Röcke über Büroschuhen und passierte, schon am Waldrand, die Firmengebäude von Wala, die ich ihrer anthroposophisch begründeten Naturkosmetik wegen (vielleicht zu Unrecht) als „kleine Schwester“ von Weleda – nur rund 30 km entfernt – wahrnehme.

Wandern_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Die Wahrheit in Bad Boll

 

Der Waldweg hob sich, der Regen rauschte, milchiglehmige Rinnsale kamen mir über den hellen Kalkmergel entgegen, das Nass färbte das Grau der Buchen dunkel. Als ich auf einen Trampelpfad, der die weiten Schleifen des Waldwegs abkürzte, einbog, donnerte es. Der Weg war steil und glitschig, immer wieder nach bangen Pausen erneuter Donner über mir und ich stieg immer höher, dem Gewitter entgegen. Es war mir mulmig zumute, beinahe gehetzt arbeitete ich mich den Schleichweg empor, aber irgendwo vor mir war eine Autobahnunterführung, dort wäre ich vor Blitz und Regen sicher.

Als ich die A8 erreichte, war das Gewitter bereits weitergezogen. Und nichts verlockte dazu, ausgerechnet hier einen Halt zu machen. Oben rauschte der Fernverkehr, ich stand allein auf unpassend breit gewordenen Waldwegen vor der asphaltierten Unterführung. Ein hässliches Wegstück. Wäre mir nun ein großer Wagen, brummend, die Scheiben spiegelnd, entgegengekommen, ich hätte mich sofort in innerlicher Alarmbereitschaft gefunden, hätte auf diesen Metern jedes Verbrechen für möglich gehalten. Merkwürdig, wie unsere seelenlose Autoarchitektur solche Fantasien von Gewalt und Ausgeliefertheit beflügelt.

Ich trat aus dem Wald und hatte das Deutsche Haus (Kaltenwang) vor mir. Ruheständler schauten mich aus ihrem Mercedes heraus an, ein Hund wütete hinter einem Gatter, es lockte auf einem Schild Steinofenbrot (aber was wollte ich mit einem Laib Brot im nassen Rucksack), köstlicher Duft drang aus der Gaststube. Menschen machen hier Mittagsrast und ließen es sich schmecken, es konnte gar nicht anders als schmecken bei diesen Gerüchen, aber ich wollte nicht einkehren, ich wollte erst hinauf auf den Gipfel gleich hinter dieser langgezogenen Lichtung, den Boßler hinauf, wo ich dann oben sein würde auf dem Albtrauf.

Der Aufstieg auf den Boßler ist steil und steinig und rutschig, ich war froh um mein gutes Schuhwerk und verstand zum ersten Mal annähernd, warum die Route als „schwierig“ ausgeschrieben ist. Wer alpines Terrain kennt, lacht natürlich, und kein geübter Wanderer wird diese Etappen als schwierig empfinden. Dieser Aufstieg aber ist jedenfalls nichts für ungeübte Sonntagsspazierer. Und vielleicht wird so etwas manchen ja erst klar, wenn ein Weg als „schwierig“ bezeichnet wird.

Boßler_HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

„Symbolbild“ – recht verdüsterter Blick vom Boßler

 

Oben, am Gipfelkreuz mit Ausblick nach Westen, machte ich eine Rast, trank die ersten Schlucke, biss in ein Käsebrot. Ich war bis auf die Haut durchnässt. Es war kalt und ich konnte mich nicht lange aufhalten, zog nach dem zweiten Butterbrot wieder die Regenjacke über. Ich fror und da half nur eines. Schnell weiter, in Bewegung bleiben, um so wieder warm zu werden.

Die nächsten rund zehn Kilometer, gleich hinter dem Gedenkstein für die vielen Luftfahrzeuge, die schon in den Boßler gekracht sind, führen den Albtrauf entlang und teilen sich den Weg mit dem HW 1. Es ist der interessanteste Abschnitt dieser Etappe. Auf einem schmalen Streifen zwischen der Hochfläche zur Linken – einer keineswegs hässlichen, aber doch vergleichsweise reizlosen, wohlgeordneten Fläche aus Wiesen, steinigen Äckern, Hecken und Wäldern – und den von Mischwald bewachsenen Steilhängen zur Rechten führt ein malerischer Weg über Stock und Stein. Wie schön es sein muss, über Hunderte von Kilometern des Schwäbische Alb-Nordrand-Wegs solche Pfade zu gehen!

HW 7_Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg

Albtrauf

Gleich zweimal warb ein Schild mit schwarzem Ross im Walde, lockte hinab in den Grund mit dem Versprechen einer warmen Mahlzeit. Man konnte durch den noch weitgehend unbelaubten Wald hinunter ins Dörfchen Häringen sehen, das Rössle, Landgasthof und Metzgerei, erkennen. Aber wer will da schon hinab, diesen Steilhang hinunter und dann mit gefülltem Magen wieder empor?

Niemand war auf den Wanderwegen unterwegs. Nach einem Sporn, auf dem einst gleich zwei Burgen standen, liegt traumhaft das Dorf Neidlingen in einem Tal, das nur nach Nordwesten hin geöffnet ist. Die übliche Szenerie aus Ackerlinien und Streuobstwiesen am Fuß der Hänge. Hier möchte man doch wohnen, überraschte ich mich selbst mit meinem Wunsch. Doch stünde man unten, wer weiß, ob der Zauber nicht verfliegen würde angesichts streng geordneter Neubauten. Man müsste es ausprobieren, vielleicht einmal mit dem Rad an einem Sommertag.

Bald nach dem Startplatz für Gleitschirmflieger fallen die Routen HW 1 und HW 7 wieder auseinander. Der eine schwenkt nach rechts weiter den Albtrauf entlang (ein paar Kilometer weiter liegt der Neidlinger Wasserfall), der andere nach links, kurz am pfadlosen Rand der Landstraße entlang, dann am Christlichen Jugenddorfwerk Bläsiberg vorbei und durch den lauschigen Weiler mit seinen auf Wanderungen leider unvermeidlichen übermotivierten Hofhunden bald schon wieder hinab nach Wiesensteig, dem Ziel der dritten Etappe. Schon? Die letzten zwei, drei Kilometer waren quälend geworden, ich spürte eine Blase in den eigentlich eingelaufenen Wanderstiefeln und die Gelenke ächzten. Passenderweise entpuppte sich der Weg hinab ins Dorf als Kreuzweg.

Gehen, das bedeutet eigentlich, sich frei zu machen, abzulegen, was nicht unmittelbar notwendig ist. Vielleicht hatte ich das an diesem Tag zu sehr gewollt (gewollt statt zuzulassen): das Voranschreiten, das Weg-Ablaufen, das Flüchten. Ich war, was selten geschieht nach einer Wanderung, unzufrieden, gereizt, rastlos. Und stand in den noch regenfeuchten, nun miefenden Klamotten in einem engen Tal und wartete – als der Fremde, der ich war, erkannt und geflissentlich ignoriert – mit einer Handvoll Schüler und älteren Personen auf den Bus, der mich aus dieser Enge im Tal hinausführen würde, vielleicht nicht aus der Enge in mir.