Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

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Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

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„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

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Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

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Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

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„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

Allgäu_Hoinzen

Sauber aufgereihte „Hoinzen“

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Gemeinschaften

Trotzdem wäre der Bayer mit allen fertig geworden und hätte sie von sich geschubst und getreten wie Plunder, wenn sich nicht endlich auch der Allgäuer bequemt hätte, in den Kampf einzugreifen. Wie ein Mehlsack ließ er sich auf den Bayern fallen und schrie: „Ich blas‘ dir das Licht aus! Ich blas‘ dir das Licht aus, wenn du uns nicht auf der Stelle den Schimpf abbittest. Sieben ehrsame, wackere Männer aus dem Schwabenland mit Ungeziefer zu vergleichen! Bitte ab, Bayer, oder es ist um dich geschehen.“
(aus Den Sieben Schwaben, in der Stoffgestaltung von Barbara Bartos-Höppner)

Frühstück auf dem Wochenmarkt der Provinzstadt. Ans andere Ende der Bierbank setzt sich ein Klassenkamerad. Unsere Augen begegnen sich, aber er erkennt mich nicht. 20 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Die an mir bin ich mir nicht bewusst; die an ihm sind es mir umso mehr. Nichts weiß ich von seinem Erwachsenenleben, außer dass er Ingenieur ist für ein bekanntes deutsches Unternehmen und irgendwann in Asien drüben für seine Firma. Seine Kleidung ist ausgesucht, sie sticht ab von seinen Begleitern – den Eltern, den Freunden, vielleicht ist er auf Auslandsbesuch hier in der einstigen Heimat -, die Uhr teuer. Aber sein Gesicht ist Erschöpfung. Es geht ihm nicht gut. Das ist so offensichtlich, so stark, dass ich es nicht wage, ihn anzusprechen. Und so erhebe ich mich, ohne mich zu erkennen gegeben zu haben, und gehe weiter, verschwinde wie ein unbeflaggtes Schiff im Nebel der Geschichte.

Vor der Raiffeisenbank des Marktfleckens müht sich ein Paar vorbei. Ich erkenne etwas in ihnen. Aber ja doch, das müssen irgendwelche Verwandte eines Schulfreundes sein! Erst als sie verschwunden sind, begreife ich es: Es sind seine Eltern. Diese alte Frau da am Stock, das ist jene Mutter, die ich vor 25 Jahren erlebt habe. Regungslos sitze ich im Auto, wie gelähmt von der zweifachen Begegnung mit der gefräßigen Bestie der Vergänglichkeit an nur einem Tage.

Wir sind, was wir essen. Wölfe zumindest sind es, führt Shaun Ellis aus. Erlegt ein Rudel ein Tier, bestimmt die Rangordnung darüber, welche Teile des Wilds sie fressen. Dabei spiegelt dieser feste Speiseplan nicht nur die Hierarchie an sich wider, sondern erfüllt auch eine Funktion. Was braucht jeder Rang seiner Aufgabe nach? Das Alpha-Paar ernährt sich vorwiegend von Innereien und Muskelfleisch von Läufen und Rumpf. Die „Vollstrecker“, die eigentlichen Jäger und Töter, fressen fast ausschließlich vom Fleisch von Läufen und Rumpf. Die „Tester“, die weniger kämpferische als gewisse soziale Fähigkeiten benötigen, erhalten neben Fleisch vom Hals und Rücken mehr Anteile vom Magen mit seinen pflanzlichen Inhalten usw. Mehr noch, sagt Ellis, denn das Alpha-Weibchen beeinflusst mit der Auswahl des Wilds die Qualitäten und das Verhalten des Rudels: Sollen die Tiere vor der Brunft angestachelt werden, sucht sie ein anderes, individuelles Ziel als Jagdbeute aus, als wenn sie das Rudel kurz vor der Niederkunft ‚runterfahren‘ will.

Wir haben kein Tier erlegt. Auf dem Tisch steht eine große Schüssel Kässpatzen mit gerösteten Zwiebeln und Schnittlauch, daneben eine zweite mit grünem Salat aus Großmutters Garten. Ein Gemälde, das nur darauf wartet, für den Blog fotografiert zu werden. Ich lasse es. Wer aber sind wir?

Nachmittags treffe ich …, wir teilen einen gemeinsamen Urgroßvater, seine Frau ist auch Lektorin. Später noch weitere Verwandtschaft, vielleicht zwei- oder dreimal im Leben gesehen, die Zuordnung fällt mir schwer. Wundern, dass wir an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dann setze ich mich unter die Linden und beginne zu schreiben.


Barbara Bartos-Höppner, Die Schildbürger und Die Sieben Schwaben, Würzburg: Arena 1991, S. 141.

Shaun Ellis mit Penny Junor, Der mit den Wölfen lebt. Aus dem Englischen von Gisela Kretzschmar, München: Random House 2010.