Fast Karma

Als ich aus der Stadtbahn aussteige, um die Linie zu wechseln, kommt mir ein einziger Fahrgast entgegen: ein Mann mittleren Alters mit MS, die Finger startbereit am Steuerhebel seines elektrischen Rollstuhls. Ich bin bereits an ihm vorüber, als er etwas sagt. Gedankenversunken reagiere ich nicht. Erst als er seinen Satz wiederholt, drehe ich mich um. Ja, er schaut mich an, er spricht noch einmal zu mir. Ich verstehe kein einziges Wort.

In diesem Augenblick völliger Strukturlosigkeit im eigenen Kopf suche ich mit meinen Augen nach einer Deutung und finde nichts: Die Tür zur Bahn ist offen, der Einstieg ebenerdig, der Zugang unverstellt, nichts liegt am Boden. Was soll ich tun? Ein Teil von mir will sich bereits wieder umdrehen und einfach den Weg fortsetzen – aber er schaut mich doch direkt an! –, da kommt ein Mann, der schneller begriffen hat als ich, aus der Bahn. „Soll ich Sie reinschieben?“, fragt er und tut’s. Die Türen schließen sich und ich komme mir dumm und rüpelhaft vor. Leute auf dem Bahnsteig schauen mich an. Bin ich nun geächtet?

Zwei Minuten später fährt der nächste Rollstuhl ein. Der Fahrer, wieder ein Mann mittleren Alters, bittet mich um eine Zigarette. Auch er hat keine volle Kontrolle mehr über seine Stimme, aber sein Lallen kann ich glücklicherweise deuten. Eine Zigarette habe ich trotzdem nicht. Er fährt weiter, parkt und ruft doch noch einmal zu mir herüber. Ob ich ihm in die U1 helfen könne? – Aber klar doch. – Ist halt schwierig über die Kante. – Kein Thema, grinse ich und schiebe den Wagen an.

Zwei Begegnungen innerhalb weniger Minuten. Ich kann mich nicht erinnern, auf dieser Linie jemals zuvor von einem Rollstuhlfahrer angesprochen worden zu sein. Mir kommt die Koinzidenz nur gelegen: immerhin vielleicht die schnellste Möglichkeit zur Wiedergutmachung in meinem Leben. „Danke“, sagt der Rollstuhlfahrer und zufrieden setze ich mich.

Krzysztof Penderecki – Ein runder Geburtstag und Avantgarde bei „Musik am 13.“

Heute feiert der bedeutende polnische Komponist Krzysztof Penderecki seinen 80. Geburtstag. Gelegenheit für einen Rückblick auf eine Begegnung im Sommer 2012.

Nicht nur Liebhaber der postseriellen Avantgarde kennen ihn, sondern auch Kinogänger: „Der Exorzist“, „Shining“, „Children of Men“, „Shutter Island“ … Seit Jahrzehnten findet die Musik des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki auch den Weg in den Film. Zur Veranstaltung „Musik am 13.“ gab sich der Meister die Ehre zum Komponistengespräch in der Stadtkirche von Bad Cannstatt, umrahmt von einem musikalischen Querschnitt seines Schaffens. Für das Gespräch – Penderecki spricht hervorragend deutsch – wich die ehrwürdige Veranstaltungsreihe zum ersten Mal von ihrer ehernen Regel ab und verlegte den Termin auf den 12. des Monats.

Gänsehaut pur gleich bei seinem „Stabat Mater“ für gemischten Chor, der mit der Polyphonie des 16. Jahrhunderts spielt und dann – ausgerechnet in der einzigen in ihrer Bausubstanz erhaltenen gotischen Kirche Stuttgarts – in atonaler Schrille die alte Weltordnung zerbersten lässt und uns jämmerlich zitternd vor der Kälte des Alls zurücklässt – herrlich. Obwohl (ich bekenne) alle, die anders als ich Ahnung haben von der Sache, mir widersprechen würden: der Komponist, weil bekennender Katholik, und die Kritiker (wie im Komponistengespräch diskutiert wurde), weil der Chor auf einen Jahre lang heftig umstrittenen D-Dur-Dreiklang („Hoffnung, Hoffnung!“) endet …

Und nach einem Streichquartett spielt ein Tonband die „Brigade of Death“ ab, 30 lange Minuten dissonanter Töne aus dem Elektronikstudio zu Texten des Holocaust-Überlebenden Leon Weliczkers („Lemberger Enterdungskommando“), Zeitzeugen von Übelkeit erregender Grausamkeit (eine deutsche Übersetzung lag dem Programm zum Mitlesen bei). Die polnische Radioproduktion von 1963 war vom Sender nicht ausgestrahlt worden.

Wie ist man danach erleichtert über die Wende Pendereckis – von den Avantgardekollegen ausgebuht – hin zur Tradition, denn so kann der Abend friedlich in nur noch altersmilde atonale Chorgesänge münden.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Krzysztof Penderecki!

Löffelbieger in der Pampa – Juan José Saer, „Die Gelegenheit“

9783803126382_SaerWenn nur die Positivisten nicht wären! Vor den Angriffen der Pariser Wissenschaft entflieht der berühmte Bühnenzauberer und Gedankenleser Bianco Mitte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien. Wie er auf Europas Bühnen mit der Kraft seines Willens Löffel verbog, so schafft sich Bianco nun zielstrebig eine neue Existenz im argentinischen Hinterland – ein Triumph des Geistes über die Materie. Doch eines entzieht sich Biancos Beherrschung: Hat seine Frau eine Affäre mit seinem besten Freund? Wer ist wirklich der Vater seines ungeborenen Kindes? Die Eifersucht zehrt Bianco auf, völlig hilflos sieht er sich seiner ungreifbaren Ehefrau gegenüber und das Ungeborene wird zum Schreckbild der Ungewissheit und der Unbezähmbarkeit der Welt – einer Verschwörung der Materie gegen Biancos Geistesmacht.

Juan José Saer, 1937 als Sohn syrischer Einwanderer in der argentinischen Provinz geboren und 2005 im französischen Exil gestorben, gilt als postmoderner Erbe des großen Borges und ist – anders als der blinde Bibliothekar – ein Musterbeispiel für jene sprachliche Unbarmherzigkeit, die vielen Lateinamerikanern und (wie mir scheint) ganz besonders den jüngeren argentinischen Generationen zu eigen ist. Saers Roman biedert sich, obgleich von überschaubarer Länge, nicht als schnelle Lektüre an. Er zwingt dem Leser den Rhythmus der Pampa auf, eines beharrlichen, ruhigen Rittes. Die Eindrücke der Krisen (im ursprünglichen Wortsinne) sind dafür umso mächtiger.

Wagenbach – der „Verlag für wilde Leser“ – wagte anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2010 (Gastland Argentinien) eine kleine Taschenbuchreihe „Argentinien bei Wagenbach“ – Lizenzausgaben in auffallend hübschen, bunten Umschlägen. Ein gelungener Blickfang und wahrlich eine Gelegenheit.

Juan José Saer, Die Gelegenheit. Roman. Aus dem argentinischen Spanisch von Erich Hackl. (Originaltitel: La ocasión, 1988, deutsche Erstausgabe 1992 im Piper Verlag). 208 Seiten, Broschur. © für diese Ausgabe Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010.

Vom Winde verweht, irgendwann

Es gibt so wunderbare Momente: Etwa an einem Spätsommerabend in Madrid die innige Umarmung einer Freundin, die ich über acht Jahre lang nicht gesehen habe. Und der Austausch von Erinnerungen an die gemeinsame Studienzeit in Damaskus, die für viele von uns, die dort waren, zu den herausragendsten, kostbarsten unserer Lebensjahre zählt (auch wenn sie eine nicht minder mächtige Kehrseite haben konnte: Verunsicherung, Einsamkeit, Isolation). Und an unser Wiedertreffen vor eben acht Jahren in Madrid und einen Abend in einer Bar, in der unser Gespräch auf Spanisch begonnen hatte und immer mehr ins Arabische übergegangen war, sehr zur Verwirrung des Barkellners.

Solche Gespräche können wir nicht mehr führen, unser Arabisch ist leider dahin. ‚Mit dem Wind gegangen‘, wie nicht nur Margaret Mitchell schreibt, sondern schon die klassischen Araber sagen. Aber schön, dass wir uns nach so vielen Jahren überhaupt wiedergesehen haben. Und noch irgendeine Ebene der Verständigung finden. Noch hat der Wind, der unbarmherzige, stetig wehende, nicht alles hinfortgetragen.

Daran denke ich, als ich auf einem Voralpenhügel aus dem Fenster schaue und meine Großmutter beobachte. Sie trägt den Aschekasten ihres Küchenofens zum Komposthaufen, dick eingepackt, denn ein grimmer Ostwind zerrt an ihrem Schal, er wirbelt Asche empor und trägt sie mit den Nebelfetzen hinfort. Sie wird am nächsten Tag einen runden Geburtstag feiern, die Großmutter, nach und nach trudeln ihre Nachkommen ein. Wie oft wird sie den Aschekasten noch hinaustragen, bevor sie selbst verweht wird wie die Asche, wie Staub im Wind?

Später legt sich der Hochnebel schwer aufs Land, die Felder verschwinden. Der Wind weht weiter.

Der letzte Sommer – Stewart O’Nan, „Alle, alle lieben dich“

O'Nan_978-3-499-25425-3.jpg.434775„Es war der Sommer, als Kim die Chevette fuhr, mit J. P. zusammen war und sich das Haar wachsen ließ.“ Doch dann verschwindet die junge Frau spurlos, nur wenige Tage, bevor sie die Kleinstadt fürs College verlassen sollte.

Minutiös schildert der Roman das Leben der Zurückgebliebenen, legt mit sicherer Hand die Ängste und Hoffnungen der Familie und engsten Freunde bloß, ihre Geheimnisse und verborgenen Gedanken, hält die verzweifelte Suche fest, das verbissene Erinnern und Gedenken und die allmähliche Rückkehr des Alltags, der doch niemals wieder das sein würde, was er einmal war.

Aufmerksam wurde ich damals auf das Taschenbuch durch seine außergewöhnlich ansprechende Gestaltung, fesselnd war die erste Seite in der Buchhandlung, interessant das erste Kapitel – gelesen an einem heißen Sommertag wie im Buch – mit seinen genauen, klaren, ganz unpathetischen, aber keineswegs gefühllosen Sätzen.

Doch so wie sich das Suchen und Warten in der Handlung hinzieht, wird das Buch selbst quälender, unzusammenhängend reihen sich die Kapitel als Teil dieser Chronik der Überlebenden. „Unaufdringlich anrührend und von beklemmender Präzision“ wirbt der Rückentext, doch der Sog der Geschichte verliert irgendwann seine Kraft, sie erlahmt, ermüdet, stößt ab, die Fliehkraft wird stärker (ich habe Seiten übersprungen) und wie befreit löste ich mich endlich von dem Buch.

Ob die großen Zeitungen oder Blogrezensenten: alle, alle liebten das Buch – nur ich nicht. Das Cover aber schaue ich bis heute immer wieder gerne an. Und denke dabei manchmal zurück an jenen Tag, an dem ich es nach einer Radtour zwischen sommerblonden Getreidefeldern in einer Kleinstadt zum ersten Mal gesehen hatte.

Stewart O’Nan: Alle, alle lieben dich. Roman. Deutsch von Thomas Gunkel. (Originaltitel: Songs For the Missing, 2008). 410 Seiten, Taschenbuch oder als E-Book. © Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009.