Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

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Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

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„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

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Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

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Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

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„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

Allgäu_Hoinzen

Sauber aufgereihte „Hoinzen“

Gemeinschaften

Trotzdem wäre der Bayer mit allen fertig geworden und hätte sie von sich geschubst und getreten wie Plunder, wenn sich nicht endlich auch der Allgäuer bequemt hätte, in den Kampf einzugreifen. Wie ein Mehlsack ließ er sich auf den Bayern fallen und schrie: „Ich blas‘ dir das Licht aus! Ich blas‘ dir das Licht aus, wenn du uns nicht auf der Stelle den Schimpf abbittest. Sieben ehrsame, wackere Männer aus dem Schwabenland mit Ungeziefer zu vergleichen! Bitte ab, Bayer, oder es ist um dich geschehen.“
(aus Den Sieben Schwaben, in der Stoffgestaltung von Barbara Bartos-Höppner)

Frühstück auf dem Wochenmarkt der Provinzstadt. Ans andere Ende der Bierbank setzt sich ein Klassenkamerad. Unsere Augen begegnen sich, aber er erkennt mich nicht. 20 Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Die an mir bin ich mir nicht bewusst; die an ihm sind es mir umso mehr. Nichts weiß ich von seinem Erwachsenenleben, außer dass er Ingenieur ist für ein bekanntes deutsches Unternehmen und irgendwann in Asien drüben für seine Firma. Seine Kleidung ist ausgesucht, sie sticht ab von seinen Begleitern – den Eltern, den Freunden, vielleicht ist er auf Auslandsbesuch hier in der einstigen Heimat -, die Uhr teuer. Aber sein Gesicht ist Erschöpfung. Es geht ihm nicht gut. Das ist so offensichtlich, so stark, dass ich es nicht wage, ihn anzusprechen. Und so erhebe ich mich, ohne mich zu erkennen gegeben zu haben, und gehe weiter, verschwinde wie ein unbeflaggtes Schiff im Nebel der Geschichte.

Vor der Raiffeisenbank des Marktfleckens müht sich ein Paar vorbei. Ich erkenne etwas in ihnen. Aber ja doch, das müssen irgendwelche Verwandte eines Schulfreundes sein! Erst als sie verschwunden sind, begreife ich es: Es sind seine Eltern. Diese alte Frau da am Stock, das ist jene Mutter, die ich vor 25 Jahren erlebt habe. Regungslos sitze ich im Auto, wie gelähmt von der zweifachen Begegnung mit der gefräßigen Bestie der Vergänglichkeit an nur einem Tage.

Wir sind, was wir essen. Wölfe zumindest sind es, führt Shaun Ellis aus. Erlegt ein Rudel ein Tier, bestimmt die Rangordnung darüber, welche Teile des Wilds sie fressen. Dabei spiegelt dieser feste Speiseplan nicht nur die Hierarchie an sich wider, sondern erfüllt auch eine Funktion. Was braucht jeder Rang seiner Aufgabe nach? Das Alpha-Paar ernährt sich vorwiegend von Innereien und Muskelfleisch von Läufen und Rumpf. Die „Vollstrecker“, die eigentlichen Jäger und Töter, fressen fast ausschließlich vom Fleisch von Läufen und Rumpf. Die „Tester“, die weniger kämpferische als gewisse soziale Fähigkeiten benötigen, erhalten neben Fleisch vom Hals und Rücken mehr Anteile vom Magen mit seinen pflanzlichen Inhalten usw. Mehr noch, sagt Ellis, denn das Alpha-Weibchen beeinflusst mit der Auswahl des Wilds die Qualitäten und das Verhalten des Rudels: Sollen die Tiere vor der Brunft angestachelt werden, sucht sie ein anderes, individuelles Ziel als Jagdbeute aus, als wenn sie das Rudel kurz vor der Niederkunft ‚runterfahren‘ will.

Wir haben kein Tier erlegt. Auf dem Tisch steht eine große Schüssel Kässpatzen mit gerösteten Zwiebeln und Schnittlauch, daneben eine zweite mit grünem Salat aus Großmutters Garten. Ein Gemälde, das nur darauf wartet, für den Blog fotografiert zu werden. Ich lasse es. Wer aber sind wir?

Nachmittags treffe ich …, wir teilen einen gemeinsamen Urgroßvater, seine Frau ist auch Lektorin. Später noch weitere Verwandtschaft, vielleicht zwei- oder dreimal im Leben gesehen, die Zuordnung fällt mir schwer. Wundern, dass wir an einem gemeinsamen Tisch sitzen. Dann setze ich mich unter die Linden und beginne zu schreiben.


Barbara Bartos-Höppner, Die Schildbürger und Die Sieben Schwaben, Würzburg: Arena 1991, S. 141.

Shaun Ellis mit Penny Junor, Der mit den Wölfen lebt. Aus dem Englischen von Gisela Kretzschmar, München: Random House 2010.

Eine Nordlandfahrt

Aufbruch. Ich weiß nicht, ob ich die Stadt je so ruhig erlebt habe. Das letzte Mal ist zumindest zu lange her, um mich zu erinnern. Ein großes, ein sehr, sehr großes Dorf im Schlaf.

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Eis auf Wasser, Frost auf Halmen, Schnee an Flanken. Der Norden weiß noch Winter.

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Uelzen. Fremde. Ich weiß nicht einmal, spricht man es Ulzen oder Ülzen. Die Sonne färbt das Land rot.

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Irgendwo in der Lüneburger Heide komme ich mit meinem Abteilnachbarn – Liege oben – ins Gespräch. Er ist hörbar Allgäuer. Wir sind überall.

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Ein Kran schwenkt über der Stadt, Dämmerblau verschluckt die Möwen und @GerardOtremba erzählt von Sounds & Books.

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Die Flucht der Holzbohlen beginnt eine Nasenlänge entfernt. In Armreichweite der schwungvolle Korpus der Framus-E-Gitarre. In den 60ern war sie auf kleinen Bühnen des Alpenvorlandes zu sehen, heute leuchtet ihr Rot im trüben Morgenlicht der Hansestadt immer noch wie Rock’n’Roll. Geträumt von der Flucht aus dem syrischen Bürgerkrieg und einem bis dahin von mir übersehenen 5000er-Berg im Garten meiner Mutter.

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Hamburg_Musik_Pianoforte Fabrik

Auf weißschwarzer Mission

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Ich schaute dem Teufel auf die Hörner, sie aber waren abgestoßen. – Mein Gastgeber hatte mich zu treuen Händen am Landungssteg übergeben. Ich freute mich, sie endlich einmal persönlich kennenzulernen. Auf einem Fährboot schoben wir uns die Elbe hinab, vorbei an Batterien von Containerkränen unter grauem, feuchtem Himmel, spazierten dann an den Kapitänshäuschen weiter stromabwärts, tauschten uns über konkrete Projekte und bekloppte Ideen aus, schwatzten weiter bei einem Kaffee auf einem schaukelnden Anlegerboot hinter der Teufelsbrück. Ob ich es aushalten würde?, fragte sie besorgt. Ich wusste es nicht und horchte in mich. Der Magen hielt dem Schwanken stand, nichts stand dem Stück Kuchen und der Unterhaltung im Wege. Ich genoss das Gespräch. Ihre offene, anregende, humorvolle und zuspitzende Art gefiel mir; gleichzeitig spürte ich, ich war in einer anderen Kultur. Norddeutsch, ja das war es wohl: sehr norddeutsch und ich – ich süddeutscher Binnenländer, der es nach Genua weniger weit hat als zur Nordsee – spürte eine Verunsicherung in mir. Und verlas mich in meiner kulturellen Dekodierung gründlich. Am besten gebe ich ihr, dachte ich, als wir zurück waren und meine S-Bahn einfuhr, die mich zu einem Jugendfreund bringen würde, am besten gebe ich ihr wohl höflich die Hand. Die Umarmung kam dann von ihr.

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Wein kann Himmel wie Hölle sein. Mein Himmel ist tief und dunkel und fruchtig, eine lichtschluckende, opale See aus verdichtetem Geschmack, gezogen aus der Erde Kataloniens oder Lusitaniens: Les Sorts Jove, Cume tinto, Monte das Promessas.

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Eine gewisse Munterkeit ist schwer erträglich. Ein Trupp großer, schlichter Männer fährt im ICE von der Hansestadt auf Schicht in Kassel. „Een“, „ooch“, „ich nich, Junge“, „oder wat“ am laufenden Band. Mein Ohr, viel zu sehr an andere Muster gewohnt, ist unvorbereitet auf diese Wirklichkeit. Könnte ich doch nur Tempo und Ausdruck drosseln! Ich fühle mich ertrinken in dieser Flut.

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Beute aus der Hansestadt. Der Plattentitel eine Ahnung hinter Gelb

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Die Metropole habe ich erst jetzt verlassen, als ich im Fränkischen in einen Regionalexpress wechsle. Nach Süden hin nur noch Provinz.

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Ich mag die Lichter auf den Hügeln, die Gliederung der Landschaft. Ich mag die sauberen Straßen. Ich liebe die hellen Sandsteinfassaden aus der Gründerzeit. Und sogar das kühle Wasser aus dem Hahn sagt willkommen zurück. Andere Städte sind schön. Diese hier ist auch nicht schlecht.

(Wer mag, kann den Blogbeitrag auch auf Storify anschauen: https://storify.com/Zeilentiger/nordlandfahrt. Dort habe ich ihn – als Spielerei, um mich mit der Plattform auch einmal vertraut gemacht zu haben – zuerst veröffentlicht.)

Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

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Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

Alpen_Allgäu_Winter

Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

„Sound of Sinning“

Manchmal passieren so Dinge. Wenn man sich nach dem merkwürdig schlappen Arbeitstag zum Sport schleppt und nach fünf Minuten merkt: Ist nicht. Wenn man beschließt, den Sprachkurs danach ausfallen zu lassen, und erleichtert ist, dem Redaktionsstammtisch sowieso schon abgesagt zu haben. Wenn man dann, den Kopf schwer wie ein geschlagener Boxer, auf dem Heimweg wider Vernunft und Vorsatz spontan in ein Lokal einkehrt, um etwas Warmes auf den Teller zu bekommen, das zu Hause an diesem Tag eh niemand machen würde. Dann kann es schon mal passieren, dass man eine geschmackfreie Hipster-Pizza ohne Käse und Soße für 11 Euro isst. Und sich danach denkt: Bist du denn bescheuert?

Liest man die Instrumentenliste, kann es einem warm ums Herz werden: Hammond Organ, Farfisan Organ, Optigan Organ, Fender Rhodes Piano, RMI Electra Harpsichord, Mini Moog Synthesizer … Das ist Vintage pur, auf Achtspurband eingespielt mit einem warmen, organischen Sound und zugleich musikalisch so frisch, so echt, ganz zeitgemäß: der „Psychedelic Soul“ der Monophonics. Die fünf weißen Musiker aus der San Francisco Bay Area schöpfen tief aus schwarzer Musik – Soul, Funk, Black Rock – und wagen sich auf ihrem jüngsten Album „Sound of Sinning“ (erschienen im April 2015 bei Transistor Sound Records) in neue musikalische Regionen. Da tauchen dann eingebettet in den Soul auch Anklänge an den weiten Wilden Westen auf von den Klassikern des amerikanischen Traums bis zu seiner Antithese „Django Unchained“ (ein Kritiker nannte die Monophonics „The missing soundtrack to a Tarantino movie“), kurze Phrasen erinnern an Santana, Eric Clapton, die Beatles oder gar an Jethro Tull in ihrer frühen, bluesigen Phase.

Es geht um Tränen und Lügen und Sehnsucht in den Texten des Frontmanns Kelly Finnigan, um Schmerz und Liebesbedürftigkeit, immer intensiv (wortstark: „Promises“), manchmal zärtlich verspielt („La la la love me“). Einer der Höhepunkte des Albums ist der Song „Falling apart“ (auf Vinyl das Schlusslied der stärkeren ersten Seite). „The struggles gone on to long / And what’s the use of dreaming“ – ein Hilferuf, der alle menschliche Not umfasst, eine Soul-Nummer, die bereitwillig alles annimmt, was jemand an Last zu tragen hat, die Unbegreiflichkeit des Terrors in den Tagen von Beirut, Paris, Yola etwa oder die Dunkelheit der Seele in den sterbenden Novemberwochen. All das greift das Lied auf, es ist dieser Schmerz und zugleich reinste, lautere Schönheit. Das ist Alchimie der Musik.

Die Pizza war bald vergessen. Und die Müdigkeit? In die Arme genommen.

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Schwingen im Licht, die Berge in Wolken.

Moshés Schüler

Nachts reißt die Sirene das winzige Örtchen aus dem Schlaf. Ein Blick auf das Smartphone zeigt: Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Ich höre die Schritte der Großmutter auf den knarzenden Dielen. Nirgendwo Feuer zu sehen, sagt sie nach einem Rundgang an alle Fenster, besser: nuschelt sie, denn ihr Gebiss liegt ein Stockwerk tiefer in einem Glas. Nebenan ertönt ein langer Pfiff der Mutter. Sie ruft den Hund, der verängstigt von dem Sirenengeheul in einer Ecke der Terrasse kauern wird. Die Großmutter steigt die Stiege hinab, einmal geweckt, beginnt sie ihr Tagwerk. Ich drehe mich nochmals um. Draußen hängt Nebel. Später besprechen wir, ob es auf der nahen Autobahn einen Unfall gegeben haben mag, von Urlaubern auf dem Weg in die Alpen.

„Die Ersten an Land, die Letzten zurück“, hatte Alexander Kent, Autor zahlreicher Seekriegsgeschichten, seinen Roman über die Royal Marines betitelt. Die Eschen machen es umgekehrt. Sie sind die letzten Bäume, die sich im Jahreslauf in Grün kleiden, und die ersten, die ihr Gewand wieder abwerfen. Die anderen Bäume zeigen sich umso bunter in Rot- und vor allem Gelbtönen, von selbst im Morgennebel leuchtenden Farben von melancholischem, ja krankhaftem Charakter, wie sie einem französischen Film um eine depressive Schönheit ziemen mögen aus jenen Jahren, in denen Frankreich noch für seine anspruchsvollen Problemfilme berühmt war – entschleunigt, schonungslos, mit messerscharfen Dialogen – anstatt für hektisch-seichte Komödien. Ich friere bei dem Frühstück auf dem städtischen Wochenmarkt, unserer ersten Etappe an diesem Tag im Indian Summer. Danach geht es hinaus in die Vorberge, schon am Rand der Stadt lassen wir den Nebel hinter uns, ein selbst in der Oktoberpracht auffallender, feuriger Herbst ziert das Plakat der Waldorfschule, die in ihrem Gartenareal ein Bauwagencafé betreibt. Im Sonnenschein wird das Fieber der Bäume zu reiner Schönheit. Wir unterhalten uns auf der Fahrt, ob Spiritualität auch ohne Transzendenz möglich sei.

Auf dem Parkplatz des Tales locken zwei schartige Container die Bauern der umliegenden Siedlungen. Sie laden ihren Eisenschrott hier ab, wuchten ihn mit dem Vorderlader der Traktoren in die Behältnisse, reichen sich meterdicke Rollen aus Drahtgitter und gebogene Dachrinnen mit den behandschuhten Händen hoch, werfen kleinere Teile von unten über die Containerwand. Der Hänger mit Platten wird nach seiner Entladung gleich abgekoppelt und stehengelassen, es war seine letzte Fahrt. Unsere Blicke meiden die Arbeitenden, untereinander aber scherzen sie. Wie gerne würde ich meinen gekünstelt gewordenen Dialekt unter ihnen schulen. Ein Bartträger zündet sich genussvoll eine Zigarette an, der Mann mit den grauen Koteletten pinkelt für alle sichtbar neben einen roten Opel ohne Nummernschild. Der Motor des Wagens läuft, ein paar Minuten später falten sich drei junge Burschen, groß und kräftig, Schirmmützen über den runden Gesichtern, in das Auto und lassen es unter dem Röhren des kaputten Auspuffs vom Parkplatz rollen. Auch dieses Auto hat einen Platten. Es hindert die Burschen nicht daran, es die für Kraftfahrzeuge verbotene Straße hochzujagen, über die wir gleich unseren Spaziergang beginnen werden.

Ganz unerwartet taucht oben auf dem Hügel ein liebliches Örtchen auf, eine Kapelle, eine Handvoll schmucker Höfe. Viel Holz ziert ihre Fassaden, die seltene Stechpalme wächst hier in großer Zahl. Am schönsten und lebendigsten Hof machen wir Halt, jemand kennt hier jemanden. Schrott wird verladen für den Container unten im Tal, Ziegen werden auf die Wiese getrieben, ein Pfau stolziert durchs Gehege, Enten queren ihren Teich. Die Hunde fallen sich immer wieder an, denn unsere hündische Begleitung ist zu frech, immer wieder gerät sie mit dem Hofhund aneinander, aber da ist nichts zu machen, das müssen die Hunde selbst klären. Ihre Besitzer bleiben gelassen, als würden sie Spatzen bei der Futtersuche studieren – aufmerksam, aber gelassen. In dieser Geschäftigkeit findet sich die Zeit, dass wir auf den sonnigen Bänken einen Kaffee erhalten. Ein weißbärtiger Alter in Latzhose gesellt sich zu uns, er ist nicht wie erwartet ein Allgäuer Großvater, sondern ein ‚Jobhopper‘ aus Israel. Deutsch spricht er nicht und außer mir scheint niemand willens (oder in der Lage) zu sein, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen und so komme ich mit ihm ins Gespräch. Und unerwarteter noch, als schon dieser schmucke Weiler auf dem Hügel sich gezeigt hat, erblüht hier in seinem Herzen noch eine weitere Schönheit auf. David, in einem Kibbuz aufgewachsen, hatte noch bei Moshé Feldenkrais gelernt, und bald sind wir in einem Gespräch über Achtsamkeit, über Wandel, über den Mut zur steten Veränderung. Ein Lehrer zu sein, weist David von sich, und doch ermuntert er mich, sehr bescheiden und ganz humorvoll, zu Schritten in ein neues Leben. „Ich sage nicht, dass es leicht wird! Wenn du natürlich glaubst, wie ein Schmetterling herumflattern zu können … Auch ein Schmetterling muss erst einen langen Zyklus durchlaufen, das ist harte Arbeit und er kann unterwegs gefressen werden. But of course, trust yourself and just do it. I did not regret one single change in my life.

In der nächsten Kapelle verkündet eine schlichte Tafel „‚Vergelts Gott‘ für an guate Alpsommer.“ Dem Dank kann ich mich in gewisser Hinsicht anschließen. Ein gutes Wanderjahr war es, auf Berg und in Auen und auch in seinen menschlichen Begegnungen. Von dem Heuschnaps an der Alpe gegenüber nippe ich nur und statt des mit Zwiebeln und Essig angemachten herben Romadurs – kein Essen verbinde ich mehr mit meinem Großvater selig als diesen Sauren Käs – wähle ich lieber Weißwürste. Die Sonne wärmt, der Herbst verzaubert das Voralpenland zu einem Paradies, einem Sehnsuchtsort, den ich nie wieder verlassen will. Der Tag ist ganz Erfüllung und zugleich liegen Kopfschmerzen wie ein Folterreif um meinen Schädel.

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Herbstfrucht

Hirsch röhrt, Strauß stirbt

Die Hänge gleichen einer Wüste. Was einst Wälder waren, ähnelt einem Schlachtfeld aus geknickten, zersplitterten, zerstreuten Stämmen. Erst hatte der saure Regen Vorarbeit geleistet, dann kamen zwei Orkane mit vernichtender Wucht, was danach noch stand, hatte der Borkenkäfer zerstört. Heute noch stehen und liegen kahle, entrindete Bäume am Berg, von der Sonne gebleicht wie die Knochen einer zugrunde gegangenen Karawane.

Als der Wecker klingelt, steht der Vollmond noch am Himmel. Ich sehe ihn direkt von meinem Bett aus durch das Fenster des Baumhauses. Der runde Mond färbt, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, die Welt in einen fahlen gelblichen Ton. Es ist eine unwirkliche Farbe, wie sie nur in Zwischenzeiten möglich ist. Später, als ich von der Schnellstraße nach Osten abbiege, fahre ich geradewegs ins Morgenlicht. Die tiefstehende Sonne erreicht dank der Schutzblende nicht direkt meine Augen, trotzdem lässt mich diese Flut an Licht fast erblinden, kaum erkenne ich die Straße vor mir. Und dann ist schlagartig alles anders. Im Lichtschatten des Berges vor mir wandelt sich das Tal übergangslos zu einem kühlen, dämmerigen Landstrich, einem Reich Saurons. Nein, in solchen Schatten wollte ich nicht leben. Als ich am Parkplatz aussteige, friere ich, an einem Sonntagmorgen Ende August.

Allgäu_Alpen_Rotspitze_Berge_Bergwandern

Wege

Beim Aufstieg wundere ich mich über den jungen Wald, den zahlreichen Ahorn, auf dem Rückweg dann erfahre ich den Grund. Eine Schautafel zeigt in drei Bildern die Veränderungen der Forstlandschaft. Bis 1990 war auch an diesen Hängen wie vielerorts im Allgäu (eine seiner reizloseren Seiten) Fichten-Monokultur vorherrschend: schnell wachsende Flachwurzler. Das zweite Foto zeigt die verheerenden Zerstörungen durch Orkane im Jahr 1990, bei dem ganze Hänge leergefegt wurden. Das dritte ist ein rechteckiger Ausschnitt in der Tafel: Es öffnet den Blick auf den echten Wald dahinter. Einen Mischwald, der in vieler Hinsicht eine Bereicherung und Gesundung darstellt, zugleich sicher weniger Rendite abwirft (das steht nicht auf der Tafel) und nicht zuletzt auch stärker bejagt werden muss (was sehr wohl erläutert wird). Erst Schaden macht klug. Und ich denke zurück an jenes Jahrzehnt, als das Schreckgespenst des sauren Regens in der Bundesrepublik umherging, das Waldsterben die Westdeutschen um ihren Schlaf brachte und wir Kinder Karl dem Käfer für die Hitparade die Daumen drückten …

Interessant wird der Aufstieg erst im Häbelesgund. Hier öffnet sich ein Kessel, der Wald weicht Latschenkiefernbewuchs, mächtig erhebt sich die Rückwand in die Höhe. Unterhalb des schräg geschichteten Gesteins ziehen sich erstarrte Ströme aus Geröll herab auf den Kesselboden, sie verbreitern sich zum Grunde hin, und dort wo sie sich treffen, bilden dicke Felsbrocken die Speerspitze. Der Weg weicht dieser drohenden Klinge aus, er gabelt sich. Links windet er sich auf den bewachsenen Breitenberg, rechts ziehen sich Serpentinen über steile Schotterflächen auf die Rotspitze. Dort steige ich hinauf, während sich die Sonne über die rückseitige Kesselwand erhebt und den Weg erstrahlen lässt. Mit jeder Wende komme ich dem ergrauten, aber bergerprobten Paar über mir näher, und kaum könnte ich zum Überholen ansetzen, verliert sich der Weg auf einer kiefernüberwucherten Kante. Stoisch und ohne Tempowechsel setzt der Graubart vor mir einen Stock vor den anderen, ich hingegen gerate fast auf alle Viere, wie ich mich an Wurzeln und Gestein klammere, den Abgrund zur Rechten spüre und doch nicht sehen will. Als ich den Grat hinter mir lasse und der Weg sich wieder zurückwindet, ist das Paar davongezogen. Schattseitig geht es weiter, der Fels ist hier noch kalt, wie meine Hände staunend ertasten, der nackte Ellbogen streift das Gestein. Das Paar hole ich wieder ein, aber ich überhole es bis zum Gipfel nicht, denn immer wieder falle ich dort zurück, wo ich zögerlicher werde, denn die beiden vor mir kennen den Sog der Tiefe nicht. Endlich auf dem Gipfel wundere ich mich über Wanderer, die sich die Mühe machen, eine Bierflasche mit in die Höhe zu tragen, ich stütze die Arme auf den Beinen auf, während ich den Rundumblick in meinem Notizbuch festhalte, und als ich die Ellbogen wieder löse, sehe ich Bluttupfer auf der Hose. Nicht stark war der Schlag gegen den Felsen, aber Stein ist eben härter als Fleisch.

Rotspitze_Allgäu_Berg_Bergwandern

Ausgebleicht

An einem herrlichen Herbsttag Ende der 80er-Jahre waren zwei Familien – vier Erwachsene, fünf Kinder und alle auf irgendeine Weise im BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) aktiv – auf einer Wanderung irgendwo in den Tannheimer Bergen. Es war ein perfekter Tag für eine Bergwanderung, ein goldener Herbsttag: golden das schwere Licht, golden das Gras, das Laub der Wälder, der Ruf der Hirsche. Als wir am Parkplatz zurück waren, hörten wir im Radio, dass Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und Übervater der CSU, gestorben war. Betroffenheit war, um ehrlich zu sein, nicht die vorrangige Reaktion in unserem Kreis. Auch die beiden Familienväter, sensible Männer mit den für die 80er-Jahre typischen Schnurrbärten und gelegentlicher Schwermut in den sanften Augen, Polizist der eine, Lehrer der andere, waren vom Hinscheiden ihres Landes- und obersten Dienstherrn nicht erschüttert. Es war vielmehr, als wäre eine Last von uns abgefallen. Ich will das hier nicht beurteilen, aber ich meine, es sagt etwas aus über das Lebensgefühl im Bayern der 1980er Jahre.

„Es gibt zwei markante Stellen“, beschreibt mir der Mann in seinem charakteristisch schwerfälligen Dialekt die Hohen Gänge. Ich höre auf seinen Rat und steige lieber über die Südseite ab. An der Weggabelung fühle ich mich bestätigt. „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit erforderlich“, warnt ein Schild vor dem Weg nach Osten. Durch die ersten beiden hätte ich mich noch durchgemogelt, das dritte ist mir ernste Mahnung. Über Grashänge steige ich also ab, suche über vereinzelte felsige Platten meinen Weg, ausgespülte Rinnen zwingen zu tiefen Schritten und lenken die Aufmerksamkeit dorthin, wohin man den Fuß setzt. Das Tier sehe ich erst, als ich zwei Schritte von ihm entfernt bin. Ein Schlangenkopf zuckt empor. Es ist die erste Kreuzotter, der ich in meinem Leben begegne, braun mit dem dunklen Rückenmuster und nicht sehr lang, vielleicht 30 cm nur, aber ganz eindeutig Viper und nicht Natter. Der gedrungene Leib, der charakteristische Kopf mit dem deutlichen Halseinschnitt, das Verhalten des Tieres bezeugen es. Denn nach dem ersten Schreck verharrt es aufmerksam an Ort und Stelle, wartet, ob mich ihr Ruf als giftiges Getier zum Rückzug bewegt. Erst als es merkt, dass ich nicht das Weite suche (sondern nach der Kamera in der Tasche taste), setzt sich die Schlange in Bewegung und kriecht unter ein Grasbüschel, auch dabei nicht gar zu eilig verglichen mit einer hurtigen Ringelnatter (wenn auch immer noch zu schnell für meine Kamera, leider). Die Schlange zischt auf ihrer Flucht. Ist die Schlange so klein, für einen Erwachsenen nicht tödlich giftig und vor allem auf der Flucht vor einem selbst, ist solch ein erstmals vernommenes, drohendes Zischen eine reizende Erfahrung.

Rotspitze_Alpe_Allgäu_Pferde_Kühe

Durst

Am 7. Oktober 1988 geleitete ein Trauerzug Strauß‘ Leichnam durch die bayerische Hauptstadt. Über 100 000 Menschen verfolgten das Ereignis vor Ort – es war der größte Trauermarsch in der Geschichte Münchens. Und zugleich empfand ein Teil der Bevölkerung eine neue Freiheit. Luft zum Atmen.

Kurz vor dem Talausgang komme ich am Café Horn vorbei, von dem mir W. vorgeschwärmt hat, weil der Ort das verklärte Ausflugsziel seiner Kindheit war, dort, wo Kuchen und Torten ausgebreitet waren, um bestaunt zu werden und um aus ihnen auszuwählen. Das war etwas Außerordentliches für W., denn er ist in einer Bäckersfamilie aufgewachsen, da ging man nicht einfach Kuchen anderer Leute kaufen. Volksmusik aus der Dose dringt mir entgegen, ich mache an der Schwelle kehrt und verzichte gerne auf meinen Kuchen. Unten an der Ostrach, fast schon am Ziel, mache ich dann doch noch Halt und setze mich auf die Terrasse eines kleinen Landgasthofes. Die Bedienung ist eng in ein Dirndl geschnürt, aber das ist nur Kulisse, Staffage. Die osteuropäischen Augen verraten die junge Frau noch vor ihrem Akzent. Ihre zur Schau gestellte Langeweile und die Tatsache, dass sie mich mehrmals ostentativ übersieht, ärgert mich, aber zugleich meine ich sie zu verstehen. Da zwängt sie sich für einen saisonalen Job in die Tracht einer Regionalkultur eines anderen Landes und bedient in einem Gasthaus irgendwo zwischen zwei Bergen, wo sie die Hälfte der Besucher ihres Dialekts wegen vermutlich nicht versteht. Das alkoholfreie Weizen bringt mir ihr Kollege an den Tisch. Binnen Sekunden ist das Glas geleert und sofort glänzen meine Unterarme feucht. Der Kellner schaut verdutzt. „Soll ich Ihnen nochmals die Luft aus dem Glas lassen?“ Danke, nein. Frisch getankt geht es nach Hause.

Die CSU regiert noch immer.

Allgäu_Berge_Wald_Retterschwanger Tal

Ein Blick zurück

Gipfeltreffen

Grenzstein 147

Der Sommer treibt mich hinaus aus dem Kesselleben. Ich steige in die erste Bahn des Tages und erreiche nach vier Stunden mit dem Bummelzug Oberstdorf. Nach einem zweiten Kaffee steige ich aufs Rad um und fahre weiter nach Süden, immer tiefer in das Tal hinein. An der Schwarzen Hütte binde ich meinen Drahtesel an und gehe zu Fuß weiter, nach Süden immer noch. Am frühen Mittag stehe ich dann oben, dort wo Bayern, Vorarlberg und Tirol einander treffen. Am Grenzstein 147, dem südlichsten Flecken Deutschlands. Alle Last habe ich hinter mir gelassen, in der Kesselstadt, den Wegen, dem Tal.

Das war ein Tag zum Zugrundegehen oder auch ein Tag zum Zugrunderichten (Thomas Bernhard hätte diesen Satz über eine ganze Seite zu bringen gewusst). Nichts wäre willkommener gewesen, als auszuschreiten und Trümmer hinter mir zu lassen.

Biberkopf_Allgäu_Alpen

Der Himmel über dem Biberkopf

Eine Bemessung der Zeit

In islamischen Ländern wandert der Ruf des Muezzins, er springt mit dem Lauf der Gestirne von Dorf zu Dorf. „Auf, ihr Leute, auf zum Gebet!“ Hier auf dem Land sind es die Feuerwehrsirenen, die Samstagmittag aufheulen, wie um zu sagen, Achtung, es könnte Schreckliches passieren, Fürchterliches, seid euch dessen immer bewusst, aber wir sind da, wir sind auf der Hut. Dreimal jagt die Sirene ihren schrillen Warnruf in die Höhe, und wenn ihr letzter Ton abklingt, hört man einen Hügel weiter schon die nächste sich erheben.

50 Shades of Grey, das ist auch der Blick aus dem abendlich auslaufenden ICE in Stuttgart: Schotter, Beton, Wolken, stumpflackiertes Metall, Bankengebäude, Bahnen und Bauschutt. Viel gewollt und in Wahrheit eine traurige Angelegenheit.

Gipfeltreffen

Im Gunzesrieder Tal liegt die Rote Wand, unter ihr steht Totholz – Ulmen wohl – zwischen Fichten und Laubbäumen. Über Viehwege geht es gegenüber den Wald, den Berg hinauf, über Almwiesen – der Grottenstengel (Sauerampfer) hüfthoch – und durch Blumenmeere hindurch: Weißer Germer und Gelber Enzian, Eisenhut und Türkenbund, Alpenrose und Habichtskraut, Arnika und Teufelskralle … Mir schwirrt der Kopf. Bekomme ich einen Namen vorgesagt, vergesse ich einen anderen. Senkrecht ragen die Schichten des Nagelfluhs empor, „Herrgottsbeton“ heißt ihn der Volksmund, denn so sieht der Fels aus, wie ein grober Beton, satt an Kieselsteinen. Still ist es unter der Sonne, der Klang der Kuhglocken zwar überall, Vogelrufe aber nur gelegentlich, selten der Wind am Ohr, als würde er zu einem Flüstern ansetzen und wieder zurückfallen, vorantanzen. „Lauter Württemberger unterwegs“, seufzt meine Mutter dann auf dem Gipfel, wie es meine Familie immer tut, wenn sie in den heimatlichen Bergen ist, dabei stimmt es gar nicht, eine Familie spricht Französisch und ein Mann mit oberbayerischem Zungenschlag weist nach Westen, deutet für uns auf einen weißbemantelten Berg – den Tödi in der Schweiz, der einzige 4000er, der von unserem Standort aus zu sehen ist. (Stimmt nicht, es sind 3614m.) Und als uns dann eine ältere Württembergerin etwas vorjammert, ist meine Mutter sehr nett und geduldig, geduldiger, als ich es (eigentlich ja inzwischen selbst ein Württemberger) gewesen wäre. Beim Abstieg tönt der vertraute Ruf über das Tal. „Hoooo-hou-hou-hou-hou-hou“, treibt ein Bauer sein Vieh.

Der Motor wird gezündet, er röhrt auf, der Wagen erzittert unter den sich regenden Kräften wie ein sich schüttelnder Bulle, dann verfällt er, ganz wachgeworden, in ein gleichmäßiges Brummen. Das Handygespräch, das Knistern einer Süßigkeitentüte, eben noch alles beherrschend, verblassen. Die Bahn ist bereit für die Fahrt nach Süden, den Fluss entlang, Bergwassern entgegen. Draußen ist es schwarz.

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Bergvieh

Das Käserennen

An der Alpe machen wir Brotzeit, es ist eine halbe Enttäuschung, den Käse – dicke Scheiben, garniert mit Zwiebelringen, Pfeffer, Kräutersalz, ragen weit über den Rand der Brotscheibe – machen sie seit drei Jahren nicht mehr selbst, und der Kirschmost, den ich aus Neugier und wider Vernunft gewählt habe, ist mir zu sauer und steigt zu Kopfe. Am Ende des Tales, da gebe es den besten Bergkäse überhaupt, sagt meine Mutter, und so machen wir uns im Anschluss an unsere Wanderung noch auf den Weg, eine Stunde Marsch hin, eine zurück, immer mit flottem Schritt, denn das schnelle Gehen habe ich von meiner Mutter gelernt, erbarmungslos war sie dem kleinen Bub gegenüber damals als sehr, sehr junge Frau – immer flott also außer an den Steigungen, da muss sie inzwischen doch langsamer machen. Auf einer Wiese steht das Vieh unruhig um ein Wasserfass. Hier gehen wir behutsamer, um die nervösen Schumpen (Jungkühe) und das kräftige Moggele (Kalb), bald schon ein Mollen (Stier), nicht zu reizen. Etwas stimmt nicht, und meine Mutter, im Umgang mit Tieren vertrauter als ich, erkennt es sofort. Der Wasserschlauch hat sich von der Tränke gelöst, ein schlammiger Rinnsal entflieht ins Tal hinab. Meine Mutter drängt sich zwischen die Leiber und befestigt den Schlauch wieder am Fasswagen. Am nächsten Hof wendet sie sich dann an den Bauern. „Doba bei da Schumpa isch der Schlauch aagfalla. I hau en meh naa dua. Und jetzat hoff i halt, dass se meh a Wasser hend.“ „Joa, dankschee“, antwortet der Bauer sparsam.

Mit dem alten Kerle ist es nicht mehr weitergegangen. Eine Stunde standen sie um ihn herum und redeten. Die Ärztin fragte und die anderen erzählten und alle redeten mit ihm da unten in der Mitte ihres Kreises, bis schließlich die drei tödlichen Spritzen gesetzt wurden. Bei Sonnenuntergang wurde er hinter dem Garten vergraben. Einen Leichenschmaus gab es dann auch noch – einen Kräutertee bei der Großmutter drüben.

Bergbäche

Die Bäuerin der Alpe führt uns in den Keller, während der wortkarge Bauer sich verzieht. Das Reden überlassen die Männer den Frauen. Draußen, auch im knarrenden Vorraum noch riecht es kernig nach Stall. Alle Räume sind tadellos aufgeräumt, der Flur, die Stube, der Keller voller Vorräte, der kupferne Käsekessel glänzt, als würde er nie benutzt. Dabei haben sie vierzig Laibe schon gemacht in dieser noch jungen Saison, erzählt die Bäuerin. Ihr Zungenschlag ist eindeutig alemannisch. „Vieradrießg“ sagt sie, wo ich „Vieradreißg“ sagen würde, vermutlich ist sie aus dem Vorarlberg, das ein paar Schritte hinter der Alpe beginnt. Der Käse ist fantastisch. Ob mir zweieinhalb Kilo Käse zu schwer zum Tragen seien, fragt mich meine Mutter besorgt. Ich lache sie aus, die Bäuerin lacht mit mir. Den besten Bergkäse des Allgäus im Rucksack machen wir uns auf den Rückweg. Ganz unten dann, am Parkplatz, schleiche ich mich nochmals zurück an den unendlich klaren Bach – wo außer in den Bergen sieht man auf der Welt sonst schon so etwas! -, werfe die Kleider von mir und tauche ein in diese Klarheit. Es ist entsetzlich kalt.

Die Erkenntnis kommt plötzlich. Als ich in der Stille des Baumhauses liege, Frieden in mir und ein Gefühl für die Kraft meiner Herkunft, die mir (es war lange Jahre anders gewesen) von meinem Vater, meiner Mutter zufließt, weiß ich es. Es ist Mitternacht und alles ruhig und an mir wird es liegen, meine Erkenntnis zu leben.

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Oben

„A Russ, a siaßa“ – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 1)

Aufbrechen, beginnen, angehen zum Wochenbeginn. Ich meine, es könne keinen besseren Zeitpunkt geben, um eine Wanderung – Welterschließung durch Gehen – zu starten.

Das Kruzifix am Fuß der Berge

Reist man filsaufwärts, fallen einem – ein gutes Stück hinter Geislingen, gleich nach Überkingen mit seinem Mineralwasser – die Brunnenfiguren auf. Die Muttergottes und Heilige bezeugen, dass das obere Filstal katholisch ist. Dann gesellen sich Nischenfiguren von Schutzheiligen an Brücken hinzu, Kruzifixe überschauen Wegkreuzungen und Dorfplätze, Kapellen wachen am Wegesrand. Der Unterschied zum protestantisch-pietistisch geprägten Großraum Stuttgart ist auffallend und man versteht plötzlich, wie der englische Schriftsteller D.H. Lawrence nach seiner Wanderung von Bayern nach Norditalien Kruzifixe zum Mittelpunkt seines Reiseberichts (Twilight in Italy, 1916) machen konnte. Als ich aus dem Bus heraus diese Kulturlandschaft in mich aufnehme, geschieht eine Wandlung mit mir, rätselhaft wie die Eucharistie. Es ist vielleicht das erste Mal, dass dieser Anblick sachte Wehmut auslöst in mir, ein Sehnen, verbunden mit einer Art archaischen Willkommensgruß. Dieses Empfinden geht ganz an der Ratio vorbei, es hat nichts mit Überzeugungen oder Glaubensinhalten zu tun, es ist nur ein Wiedererkennen der landschaftlichen Zeichensprache meiner Kindheit.

S‘alte Haus

Viel freundlicher zeigt sich Wiesensteig, der Ausgangspunkt meiner Wanderung, als noch im April, als ich von meiner letzten Etappe den Hügel herunterkam. Die grüne Fülle auf allen Hängen nimmt der Enge ein wenig an Druck, auch wenn der Horizont der Straßen, der Hügel abweisend bleibt. Diese wenig einladende Lage hatte trotzdem nicht verhindert, erfahre ich vor einem rotgestrichenen Fachwerkhaus (zu verkaufen ist das wunderschöne Bauwerk mit seinem Schild „S‘alte Haus“), dass das winzige Städtchen einst von den Schweden niedergebrannt worden war – im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, als alle Parteien längst schon am Verhandlungstisch saßen. Das ist wieder etwas, was aus den Tiefen heraus an meine alte Heimat anklingen lässt. Auch das Allgäu hatte – wie so viele Regionen Deutschlands – unter den schwedischen Truppen gelitten, auch hier wissen die Menschen immer noch von Schwedenschanzen (eine von Dutzenden über Deutschland und darüber hinaus bekannten und bisweilen vielleicht nur irrtümlich so bezeichneten Schutzwällen) wie vom Schwedentrunk – jene unter anderem bei Grimmelshausen überlieferte Foltermethode, bei der dem Opfer Jauche eingeflößt wurde.

Es sind Erfahrungen, die sich tief ins kollektive Gedächtnis jener Region eingeschrieben haben. Merkwürdigerweise eigentlich, denn welcher furchtbare Ruf, welche Zerstörungen haben sich sonst so im Gedenken jener Landschaft verankert? Die Rote Armee kam nie so weit, von den Verwüstungen des Spanischen Erbfolgekrieges weiß kaum jemand mehr und die plündernden Magyarenreiter sind dann wirklich gar zu lange her. Nur der Bauernkrieg mag vielleicht eine ähnliche Erinnerungskraft besitzen, als Männer wie Jörg Schmid, der Knopf von Leubas, sich gegen die Unterdrückung erhoben und den Herren und ihren Ritterheeren die Stirn zu bieten versucht hatten und – auch wenn sie oft zugrunde gingen in der Schlacht, unter der Folter, am Galgenbaum – zumindest im Allgäu die rechtliche Stellung der Bauern langfristig verbessern konnten.

Aber ich schweife ab. Ich rücke den Rucksack zurecht und schreite hinaus aus dem Ort, an dem Kreuzweg vorbei, den ich das letzte Mal hinkend herabgekommen war, und tiefer hinein ins Tal.

Karstgewässer

Überall rauschen Bäche. Allein schon dieses Wasser ist der denkbarste Kontrast zur Wanderung in der roten Pfalz wenige Wochen zuvor. Am Lauf entlang stehen Eschen, Weiden, jetzt erst blühende Holderboschen – es ist üppig, grün, feucht, keineswegs heiß. Sachter Nieselregen fällt. Nicht mehr als eine Erfrischung, von niemandem bestellt.

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Im oberen Filstal

Nach dem Sägewerk hebt sich der Wanderweg empor, beinahe terrassenförmig fällt die Wiese zur Rechten steil ab zum Grund, der von der Fils durchschwungen wird. Das Rauschen ist nur noch ein gedämpftes Plätschern. Gegenüber, auf der anderen Seite des Baches, stehen Posten gleich ein paar Tannen dem Buchenmischwald vorgelagert. Jungvieh fehlt in diesem idyllischen Tal. Nur ein Reiher steht stille unten. Sind es hundert Schritt hinab zum ihm? Immer noch zu nah: Allein das Innehalten und langsame Greifen nach dem Fotoapparat ist dem scheuen Tier bereits zu viel, es erhebt sich, die ersten Flügelschläge schwerfällig, und flattert bachaufwärts.

Dort senkt sich der Weg wieder hinab, die Büsche rücken näher in dem sich verengenden Tal. Der Filsursprung, das sind eigentlich mehrere Quellen am Waldesrand, wo das Wasser aus den kalkigen Schotterflächen tritt. Das Hasental aber führt weiter. Ohne das einladende Plätschern verändert es sofort seinen Charakter, abgeschlossener wirkt der Wald mit seinen Fichtenreihen, verhaltener das Tal. Die Sinne werden in der Stille wacher, wachsamer. Unter der Hochsommerglut wird das Tal, so stelle ich mir vor, in der Hitze geheimnisvoll summen und surren.

Drohnenland

Der Albaufstieg könnte kaum sanfter sein auf diesen von Giersch flankierten Waldwegen. Ich passiere die Schertelshöhle, ich werde die Tropfsteinhöhle bei anderer Gelegenheit besuchen, das ist bereits beschlossene (und inzwischen umgesetzte) Sache. Als ich dann oben aus dem Wald trete, empfängt mich eine geschwungene Weite, ein Fächer aus Grüntönen spannt sich auf. Hecken und Haine sind über die Hügel verteilt, junges Getreide wechselt mit hohem Gras, ein Landsträßchen zieht sich über den nächsten Kamm. Für einen Augenblick glaube ich mich in England. Und hier begegnet mir, von einem Radfahrer abgesehen, seit Wiesensteig der erste Mensch.

Schon am Waldrand ist von fern ein stetes Motorengeräusch zu hören gewesen. Auf der nächsten Anhöhe sehe ich seinen Ursprung: Das Geräusch kommt von einem Werksgelände des Ortes Westerheim. Das ganze Dorf scheint unter dem Brummen dieses Motors zu liegen, einer akustischen Dunstglocke gleich. Vor der Kirche mit dem runden Dach steht sehr schmuck das restaurierte, bunt bemalte „Haus des Gastes“ mit Bücherei, gegenüber und zurückversetzt hinter der Bushaltestelle liegt die Dorfbäckerei. Sie ist eine jener Geschäfte, wo die Verkäuferinnen ungeachtet Wartender minutenlang mit den Einheimischen reden, aber vor dem Fremden plötzlich – eher unbeholfen denn grimmig – ihr Sprachvermögen verloren zu haben scheinen.

Ich verirre mich in ein Neubaugebiet, links und rechts gleiten flache Roboter über den Rasen, als würden sie mich bewachen. Im zweiten Industriegebiet des Dorfes weiß ich mich endgültig auf dem falsche Weg und mache kehrt. Die Drohnen sind verschwunden, dafür sehe ich jetzt erst über dem gestutzten Grün die Nationalflagge gehisst. Es fügt sich so gut ins Bild.

Mit den Römern zum Mond

Der Regen wird ein wenig stärker, aber nicht viel und so lohnt es nicht, die Regenjacke über das T-Shirt zu ziehen, ich wäre sonst von innen auch nicht weniger nass als von außen. Nach einigen Metern auf dem Seitenrand einer vielbefahrenen Landstraße biegt ein Weg ab zwischen grünes Getreide. Überlandtrassen ziehen sich durch das Tal, der Regen summt auf den Stromleitungen, so laut und aggressiv, dass ich meine, Kiefer und Ohren würden zu schmerzen beginnen. Ich verlaufe mich, mache vor der nächsten Überlandstraße kehrt, finde über nasse Graspfade wieder auf den eigentlichen Weg.

Schwäbische Alb_Wandern

Frühsommer auf der Schwäbischen Alb

Ortschaften und ihr Umland sind meist ein Ärgernis für Wanderer und es dauert, bis sich die Laune wieder hebt. Dort drüben ziert eine Schafsherde den sanften Schwung der Landschaft, da recken sich ein paar Ziegen innerhalb einer umzäunten Hecke empor, um besser an die Zweige zu kommen, oder harmlos meckernd, als könnten sie kein Wässerchen trüben, dabei braucht es kaum mehr als eine Herde hungriger Ziegen, um aus eine Landschaft eine Wüstenei zu machen; zwischen zwei Baumhecken (wieder muss ich an England denken) stehen sehr helle Jungrinder auf dem Feld, sie haben mich, obgleich ich gegenüber im Schatten eines Baumes stehe, sofort im Blick.

Ein kurzes Stück führt die Wanderroute hier über die schnurgerade alte römische Heerstraße, die bis ‚zum Mond‘ reichte – Ad Lunam, einem Kastell auf der Schwäbischen Alb, das sogar auf der Tabula Peutingeriana eingezeichnet war, jener auf eine antike Vorlage zurückgehende Karte des Straßennetzes von den britischen Inseln bis nach Indien. Kaum ist das Herz wieder frei, ist Laichingen aber bereits in Sicht und überhaupt war fast der gesamte Weg vom Waldrand über der Schertelshöhle bis zum Etappenziel asphaltiert. So haben die Füße wenig Freude.

Grünkernmaultaschen

Laichingen, eine Kleinstadt von gut 10 000 Einwohnern, ist eine ganz andere Welt als das nahe Westerheim. Der Einstieg zeigt sich noch sehr ländlich auf der Seite, von der ich komme. Pferdegehöfte, schäbige Hausfassaden, wie man sie in Deutschland nicht so sehr häufig sieht, ein Misthaufen zur Dorfstraße hin, umringt von ganz gewöhnlichen Wohnhäusern (was schon wiederum großartig ist, denn wo sieht man so etwas schon noch in unseren Dörfern). Dann aber ein rühriges Zentrum, Supermärkte – vom türkischen Arzum über den ominösen H‘s Markt bis zum Drogeriemarkt Müller -, ein ganzer Haufen religiöser Infrastruktur, eine richtige Buchhandlung gegenüber der VHS und der Dorfbibliothek, Rap hörende, kurzgeschorene Jugendliche an einer Haltestelle, schlaksige, arabisch telefonierende Männer, eine italienische Eisdiele mit hübscher, wenn auch ihrer anwesenden Kinder wegen gestresster Bedienung, die einen kurzen prüfenden Blick wohlwollend aufnimmt, was das Eis leider auch nicht besser macht …

Im Gasthaus, in dem ich mein Quartier aufschlage, stärke ich mich. Ein Bio-Dreikornhefeweizen zu Grünkernmaultaschen, das muss man einfach beides probieren und dann nichts bereuen, auch wenn es geschmacklich weniger hält, als die Fantasie versprochen hat. Den Stammtisch habe ich mir gegenüber. Hier regiert noch der Dialekt. Die Männer sprechen ein kräftiges, hartes Schwäbisch ohne Nasale, eine Variante des Schwäbischen, das meinem Allgäuer Ohr naturgemäß entgegenkommt. „A Russ, a siaßa“, bestellt der Erste. Wann habe ich das zum letzten Mal gehört? Der nächste ruft „A siaßa Russ.“ Und auch der dritte will sein Weizenbierradler auf dem Tisch: „An Russ, siaß.“ Ich achte nicht auf die Inhalte, ich bin hingerissen, geradezu entzückt von dem dialektalen Klang und seiner Selbstverständlichkeit vor allem, denn eine solche hörst du nicht mehr unten in den großen Städten.

Das schwere Essen hat mich müde gemacht. Ich zahle, stehe auf und nicke den Männern am Stammtisch zu. Sie nicken zurück. Ich darf wiederkommen.

Umanand*

* Umanand, in verschiedenen Dialekten des südlichen deutschsprachigen Raums „umher“, „herum“, auch im Sinne einer unspezifischen Ortsangabe, je nach Kontext von „in der Nähe“ bis „unterwegs“.

„Moggele ist tot! Wir waren krank, beide krank und so schwach, dass wir einfach nicht in der Lage waren, ihn zu beerdigen. Ich war so krank wie wahrscheinlich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr. Ich kam mir vor wie ein alter Mann, wenn ich mich kraftlos aufs Klo geschleppt habe. Da hat sich das Meerschweinchen den denkbar ungünstigsten Zeitpunk zum Sterben ausgesucht. Es lag dann erst einen Tag auf dem Balkon, in einer Mülltüte, weil wir dachten, vielleicht hätten wir abends genügend Kraft, ihn zu beerdigen. Aber es ging einfach nicht, zudem war der Boden gefroren, und so landete er schließlich in der Restmülltonne. Wir haben eine Müllverbrennungsanlage, immerhin also hatte er eine Feuerbestattung, zwar in Gesellschaft alter Schuhe und Essensreste, aber immerhin. Leid tut es uns aber trotzdem.“

(Wiedergabe mit dem Einverständnis des Urhebers)

*

Zufallsbegegnungen mit Uraltbekanntschaften auf dem Wochenmarkt, ein absolut perfekter Cappuccino zum läppischen Preis von 1,90 € (oder überhaupt ein Cappuccino auf dem Markt!), die besten Brezeln (Brezen oder Brezga bitteschön), Weißwurstfrühstück … Das bekomme ich nicht in Stuttgart auf dem Markt, dafür fahre ich nach Kempten ins Allgäu. Es ist eine Art Mischung aus Katholizismus und Toskanafraktion hier mit einem Dialekt schleppend wie das Wiederkäuen der hiesigen Rinder, zugleich eine Region, von Esoterik nur so gesättigt, von Gesundbetern und Masseurinnen mit Reinkarnationstherapie und Atlaskorrektur, von Propheten und Schamanen, einer ganzen Reihe buddhistischer Klöster und und und. Aber ich schweife ab, ich stehe ja nur in der Markthalle und überlege, das Frühstück nochmals von vorn zu beginnen. Vielleicht kommt ja auch gleich jemand ums Eck und ruft: „Ja grias di, Holle!“ Was machst du denn hier? Schauen und horchen. Luaga und losa. Und genießen.

*

Da sitzt die Oma und strickt an einem Strampelanzug für den jüngsten Zuwachs in der Verwandtschaft, meinen Neffen zweiten Grades. Für einen Augenblick stoppt sie den Lauf der Nadeln und sie sagt zu mir: „Nach diesem Muster habe ich dir deine ersten Hosen gestrickt.“ Und weiter eilen die Nadeln. Gepriesen seien die Großmütter (und Urgroßmütter).

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Wintermorgen, Allgäu

In einem Niedrigenergiehaus kochen wir unter kundiger Anleitung gemeinsam ein marokkanisches Mahl mit selbstgemachten eingelegten Zitronen und großzügigen Mengen an Safran. Danach gleich im Nachbarhaus ein Privatkonzert. 50 Menschen oder mehr drängen sich in dem Raum, zwei junge Frauen − Magdalena Fingerlos und Doro Heckelsmüller sind beide Musiktherapeutinnen − spielen als die Chromantischen „Volxmusik traditionell bis experimentell“ vom Alpenjodler bis zum afrikanischen Friedenslied „Ya salam a dunja“. Der Hausherr, ein in der Region allbekannter Musiker, trägt zwischendurch komische Texte in seinem Oberstdorfer Heimatdialekt vor. Am Lachen merkt man sofort, wer den Witz, das Wort verstanden hat und wer nicht. Die „Bergler“ sind ja berüchtigt für ihren harten Dialekt, der schon sehr alemannisch klingt und die restlichen Allgäuer (von den Berglern „Unterländer“ genannt, wobei das Unterland eigentlich immer hügelabwärts vom eigenen Standpunkt anfängt, das ist so wie mit dem Orient, der mal gleich hinter Wien, mal hinter Budapest oder Belgrad, Istanbul oder Ankara oder sonstwo beginnt) bereits an Grenzen bringt. (Ich habe nur die Hälfte verstanden, ich gebe es zu.) Ein Oberstdorfer Urgestein, dieser Hausherr, aus einer Sippe, die in Jahrhunderten kaum einmal aus ihrem Bergtal herabgekommen ist, so könnte man meinen, aber natürlich ist die Welt viel bunter. Seine Familie, erzählt er, war erst vor drei, vier Generationen als Holzer aus dem Bayerischen (Baierischen müsste ich schreiben, geht es doch um Sprach- und Mentalitäts- und nicht um Landesgrenzen) gekommen, und seine Mutter ist − aus Braunschweig.

*

Eine Senke in der Wiese, von Eismatsch gefüllt, eine einsame Krähe hat sich auf einer Schneebank zwischen den Lachen − einer Miniaturseenplatte − niedergelassen. Dann puschelige Schafe auf einer verschneiten Koppel, selbstzufriedene Wollknäuel, den Kopf gesenkt auf der Suche nach Wintergras. Wenig später sind die Wiesen schon wieder grün und die Äcker satt vor erdiger Dunkelheit. Statuettengleich stehen Reiher zwischen den Krumen, im Hintergrund die schorfigen Bäume an der Iller, der die Bahn flussabwärts folgt. Kurz bricht Licht durch den tiefen Himmel. „Wallah, ich sage dir, es gibt noch andere geile Typen“, tröstet eine Schülerin ihre Freundin am Nebentisch.

*

„Etwas, doch nur wenig, bin ich auch in der mir in den Dithmarsischen Schmach- und Pein-Verhältnissen verlorengegangenen Fertigkeit, mich, wenn ich Menschen gegenüberstehe, selbst für einen Menschen zu halten, weitergekommen.“

(Friedrich Hebbel, Tagebücher, Jahresbeginn 1837)

*

Gleich geht es auf eine Lesung in der Stuttgarter Innenstadt. „Lass Dich von dem Namen und dem etwas schäbigen Hinterhofeingang nicht täuschen …, einfach die Treppe runter und schon bist Du da. Ist ein bisschen versteckt, falls Du es nicht findest, einfach mich anklingeln.“ Das klingt interessant.

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Wegesrand, Schwäbische Alb

P.S. WordPress informiert mich, dass dies der 200. Beitrag auf Zeilentiger liest Kesselleben war. Na dann.