Frechdachs mit U-Boot – Das argentinische Caféhaus Chiquilín

Kaum habe ich meine Kaffeetasse abgestellt, fallen schwer zwei Hände auf meine Schultern. Sie haben mich.

An einer ruhigen Kreuzung des Stuttgarter Westens liegt das Restaurant und Café Chiquilín. Dort, wo sich die Gutenberg- und die Rötestraße schneiden, ziehen sich in alle vier Himmelsrichtungen die geliebten Gründerzeithäuser hin. Eines der Eckhäuser, die Regenbogenfahne über der Tür, beherbergt etwas geheimnisvoll das GOK (ein privater Schwulenclub in einer ehemaligen Metzgerei), im Uhrzeigersinn folgen ein Brautstudio, eine Arztpraxis und das Chiquilín.

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Vegetarische Empanada de acelga

Bei gutem Wetter stehen ein paar Holztische vor dem „Frechdachs“ (so der Name auf Deutsch), ein Aushang kündet von gelegentlicher Livemusik (nicht nur argentinischer Tango, auch brasilianischer Choro wird geboten), die Karte verspricht wochenends reichhaltige Frühstücksvarianten bis 17 Uhr – ein Paradies für Spätaufsteher.

„Weiß gar nicht, was man so in Argentinien isst, außer argentinisches Rind“, meint ein Freund, als ich das Chiquilín erwähne. Weit mehr als Steaks, wie das Caféhaus beweist. Die Einwanderer haben Einflüsse aus zahlreichen Ländern eingebracht, ein wichtiger Impuls kommt aus der italienischen Küche.

Der klassischen Vorstellungen recht nahe kommen dürfte die Milanesa, ein dünnes Schnitzel nach argentinischer Art aus der Rinderhüfte (auf Wunsch auch mit Süßkartoffelbrei statt Pommes als Beilage). Rustikal der Guiso de Quinoa, ein Eintopf mit Hühnchen, grünen Bohnen, Mais, Kartoffeln, Karotten und Tomaten, verfeinert mit frischer Minze und Koriander – genau das Richtige nach einem kalten, windigen Tag in der Pampa oder den Bergen. Ganz ‚südländisches‘ Flair hingegen haben die Albóndegas en salsa de tomate, kräftig gewürzte Hackfleischbällchen in Tomatensoße. Und darf es ein Callia Alta Chardonnay mit einer Note nach reifen Bananen, gerösteten Mandeln, Pfirsich und Honig dazu sein? Oder lieber ein tiefroter Calderón Merlot mit kirschroten Reflexen und einer Ahnung von Kirsche und Pflaume? Weine aus Argentinien, Chile, Spanien und Italien stehen auf der Karte.

Nicht nur Mittagstisch oder deftiges Abendessen bietet das Chiquilín, auch für eine leichte Mahlzeit lohnt der Besuch: vielleicht einer Empanada (einer gefüllten Teigtasche) und einem anschließenden Submarino (das U-Boot ist ein Stückchen Schokolade in heißer Milch) oder einem Café con leche (überraschend groß, eher ein französischer Milchkaffee als ein spanischer) zu einem Stückchen aus der verlockenden Kuchentheke oder einem köstlichen Alfajor aus bröckeligem Maismehlteig und einer Füllung aus Milchkaramel.

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Ausklang mit Genuss

Mehr noch als durch das Essen (gut, wenn auch nicht immer bestechend) überzeugt das Chiquilín durch sein Ambiente. Es ist ein angenehmer Kontrast aus dem kompromisslosen schwarzweißen Fließenmuster des Bodens und den Monochromfotografien an den Wänden – Straßenszenen aus Buenos Aires – auf der einen Seite und dem warmen Terrakottarot der Wände, dem Holz der freistehenden Balken, den gestapelten Weinkisten hinter der Theke, die als Regal für die glitzernden Gläser dienen, den Zimmerpalmen auf den Fensterbrettern auf der anderen.

Es ist doch immer wieder beruhigend, nicht in einem totalitären Geheimdienststaat zu leben. Die Hände auf meinen Schultern gehören einem Freund, der mit seiner Frau (wir kennen uns alle aus der Verlagsbranche) im nahen Tarte & Törtchen essen war. Und während wir uns noch unterhalten, kommt ein Ex-Kollege aus einem anderen Verlag die Straße herunter. „Mensch, hier sieht man ja ein bekanntes Gesicht nach dem anderen“, rufe ich ihm zu. „Deshalb wohnt man ja auch im Westen“, gibt er zurück.

Es ist Abend. Canelones mit einer Spinat-Ricotta-Walnuss-Füllung, ein apulischer Primitivo (Vanille, Rosmarin) und zum Abschluss ein Cortado – ein kraftvoller, runder Geschmack. Fast möchte ich zu rauchen beginnen. Die Hesperidina, ein argentinischer Orangenlikör, wird auf das nächste Mal verschoben. Dämmerung senkt sich über die Stadt und der spanischsprachige Kellner hat Feierabend, er wird von Freunden abgeholt und dribbelt einen Fußball mit der Hand, Freude im Gesicht. Die steht auch in meinem Gesicht.

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Chiquilín: Gutenbergstraße 87 – 70197 Stuttgart (Haltestelle Schwabstraße)

 

 

 

 

Die verborgene Seite der Literatur

Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Nicht jeder ist eben empfänglich für den eigenwilligen Charme der Verlierer. Denn heute Abend ging es im Literaturhaus Stuttgart um Bücher, die nie entstanden sind, genauer um verworfene Buchtitel. „Gescheiterte Titel – die verborgene Seite der Literatur“, unter diesem Motto waren die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annette Pehnt, die Stuttgarter Suhrkamp-Autorin Anna Katharina Hahn und Hanser-Verleger Jo Lendle zur Diskussion eingeladen. Der Mann, der auf dem Podium Platz nahm, war aber nicht Jo Lendle. Der war krank und Tom Kraushaar, Geschäftsführer von Klett-Cotta, sprang kurzfristig für ein Heimspiel ein.

„Titel sind eine Verlockung“, ist sich Annette Pehnt gewiss, weshalb sie 200 Autorinnen und Autoren angeschrieben hatte, einen verworfenen Titel für eine Anthologie beizusteuern. 70 (darunter Anna Katharina Hahn) folgten dem Ruf, verfassten einen erklärenden Text zu ihrem Titel und erhielten von jungen Grafikern eine richtige Titelgestaltung. Das Ergebnis: eine reizvolle und hübsche „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“, da stimmte auch Tom Kraushaar zu: „Ich habe das Buch vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen, werde es aber unbedingt lesen. Ich gehöre ja gewissermaßen zur Kernzielgruppe.“

„Wie grausam ist die Suche nach dem Titel“, versuchte die Moderatorin eine Diskussion über das Ringen um den richtigen Buchtitel zwischen Autorinnen und Verleger in Gang zu bringen. Der Erkenntnisgewinn blieb allerdings überschaubar (Feuerwanzen gehen gar nicht auf dem deutschen Buchmarkt, gleich zwei Autoren fanden für ihre verschmähten Titeltiere Zuflucht in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“) und der Unterhaltungswert beschränkte sich auf „Döner Hawaii“. (Wer mehr wissen will, besuche die Website des Klett-Cotta Verlags.) Vollends in Allgemeinplätzen versackte das Gespräch in seinem „Wurmfortsatz“ der einschlägigen und offenbar unvermeidbaren Themen E-Book, Selfpublishing, Amazon.

Schade: ein müder Auftakt zur vermutlich wichtigsten Kalenderwoche für das antiquarische und schöne Buch in Deutschland. Am Donnerstag eröffnet die Antiquaria in Ludwigsburg ihre Messepforten, am Freitag die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Auf der hatte ich selbst ein paar Jahre lang verkauft, unter anderem für ein Antiquariat, das besonders Hermann Hesse-Fans bekannt sein könnte. Ich erinnere mich, wie ich noch während meines Studiums Kurierdienste für das Antiquariat erledigte und zum Beispiel den Berg hochstrampelte, um Walter Jens eines seiner Bücher zum Signieren vorzulegen, oder wie ich mich einmal an einem Samstag im Ladengeschäft ärgerte, weil ich in dem Besucher nicht den Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel erkannte, dem ich gerne für seine H.G. Wells-Biographie gedankt hätte. (Wer weiß, wie viele literarische Besucher ich sonst nicht erkannt habe.) Später entdeckte ich, dass wir in der Kundendatenbank Rafik Schami führten, und erfuhr, dass er mit dem Vater des Eigentümers befreundet war. Ich habe Rafik Schami noch nie im Leben leibhaftig gesehen. In Damaskus aber hatte ich einmal seinen Bruder kennengelernt.

Vom Bab Tuma, dem Thomas-Tor, führte vor dem Bürgerkrieg (wie es nun aussieht und inwiefern es vom Krieg betroffen ist, weiß ich nicht) eine gleichnamige Straße durch das Christenviertel der Damaszener Altstadt. Beiderseits der Kopfsteinpflasterstraße reihten sich zahllose kleine Geschäfte. Manche von ihnen erfüllten jeden westlichen Anspruch an Modernität. Ein Blick nach oben, zu den oberen Stockwerken der Häuser aber zeigte unmissverständlich, dass die Straße Bestandteil der Altstadt war: graue, unstrukturierte Altbauten, schäbig und mit einem schmutzigen Charme aus Alter und bloßen Stromkabeln. Auf den Gehwegen hockten tagsüber wild aussehende Männer oder Bäuerinnen wie aus einer anderen Welt vor einer Auslage an Gemüse, an Küchenkräutern, Oliven oder Walnüssen. Mittags strömten Horden von Kindern in blauer Schuluniform durch die Straße. Zu den Stoßzeiten brach der Verkehr praktisch völlig zusammen. Dann lagen auf voller Länge der Straße Autos, Taxis und Busse regungslos und mit laufendem Motor da und raubten einem die Luft zum Atmen. Schwer hingen die Smogwolken über Damaskus. Abends kamen dann die Eckensteher, gelangweilte junge Männer, die in kleinen Grüppchen dastanden und vielleicht rauchten und manchmal kein Wort sagten. Manche orderten eine Schawirma oder einen frisch gepressten Fruchtsaft oder Bananenmilch (die nicht unsympathische syrische Alternative zu alkoholischen Getränken) beim kurdischen Angestellten eines der vielen Imbissstände. Hauptsächlich aber schauten sie nur auf die Straße, musterten die Frauen (Kopftücher gab es hier im Viertel kaum) oder folgten mit ihren Blicken den Autos der Privilegierten, die mit heulenden Motoren durch die enge Straße rasten.

Es gab verschiedene Bäckereien in der Straße, jede hatte ihre Spezialität. Eine schlichte Backstube am Anfang der Straße verkaufte zum Beispiel Fata’ir, diese kleinen herzhaft belegten Fladenbrote, sowie syrische Hostien: dicke, runde, leicht süßliche Fladenbrote mit einem Stempelaufdruck. Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte, und der grauhaarige Verkäufer mit den auffallenden Koteletten erklärte es mir mit lispelndem Zungenschlag, als ich der Neugierde wegen eines dieser Brote kaufte. „Bei euch sind die Hostien ja wie Papier“, nuschelte er und riss zur Bekräftigung seiner Worte das Eck einer Zeitung ab und tat so, als würde er den Papierfetzen in den Mund schieben, zwischen den braunen Zahnstümpfen hindurch, und darauf kauen. Ich lachte. Beim christlichen Abendmahl, erklärte der freundliche Bäcker weiter, wurden die Brotbrocken in Wein (dem säuerlichen Wein aus den christlichen Bergdörfern Syriens) getunkt und verteilt. Wir unterhielten uns ein bisschen über Deutschland und der Bäcker erzählte, dass er schon mehrmals dort gewesen sei, vor allem in Heidelberg, das er gut kannte und schätzte. Dann zog er eine Mappe mit Zeitungsartikeln heraus, aus deutschen und anderen Zeitungen. Er tippte mit dem Finger auf ein Foto und fragte: „Kennst du den? Das ist mein Bruder.“ Ich beugte mich über das Bild: Es war Rafik Schami.

Irgendwann fasste ich den Mut und schrieb Rafik Schami aus dem Antiquariat eine E-Mail. Ich erklärte, wer ich war, und berichtete von der Begegnung mit seinem Bruder zwei Jahre zuvor. Und eines Tages war die Antwort da. Liebenswürdig bedankte sich der Schriftsteller für die Nachricht und berichtete, sein Bruder habe die Bäckerei inzwischen in ein Café umgewandelt. Post von Rafik Schami habe ich trotzdem nie bekommen, denn offenbar hatte er meine Nachricht nicht allzu aufmerksam gelesen: Namentlich angesprochen war in der E-Mail mein Chef.

„Verlosung“: Ich habe Eintrittskarten für die Stuttgarter Antiquariatsmesse übrig!

Antiquaria Ludwigsburg, 22.-24. Januar

Stuttgarter Antiquariatsmesse, 23.-25. Januar

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Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. Piper 2014. 224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.

Umanand*

* Umanand, in verschiedenen Dialekten des südlichen deutschsprachigen Raums „umher“, „herum“, auch im Sinne einer unspezifischen Ortsangabe, je nach Kontext von „in der Nähe“ bis „unterwegs“.

„Moggele ist tot! Wir waren krank, beide krank und so schwach, dass wir einfach nicht in der Lage waren, ihn zu beerdigen. Ich war so krank wie wahrscheinlich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr. Ich kam mir vor wie ein alter Mann, wenn ich mich kraftlos aufs Klo geschleppt habe. Da hat sich das Meerschweinchen den denkbar ungünstigsten Zeitpunk zum Sterben ausgesucht. Es lag dann erst einen Tag auf dem Balkon, in einer Mülltüte, weil wir dachten, vielleicht hätten wir abends genügend Kraft, ihn zu beerdigen. Aber es ging einfach nicht, zudem war der Boden gefroren, und so landete er schließlich in der Restmülltonne. Wir haben eine Müllverbrennungsanlage, immerhin also hatte er eine Feuerbestattung, zwar in Gesellschaft alter Schuhe und Essensreste, aber immerhin. Leid tut es uns aber trotzdem.“

(Wiedergabe mit dem Einverständnis des Urhebers)

*

Zufallsbegegnungen mit Uraltbekanntschaften auf dem Wochenmarkt, ein absolut perfekter Cappuccino zum läppischen Preis von 1,90 € (oder überhaupt ein Cappuccino auf dem Markt!), die besten Brezeln (Brezen oder Brezga bitteschön), Weißwurstfrühstück … Das bekomme ich nicht in Stuttgart auf dem Markt, dafür fahre ich nach Kempten ins Allgäu. Es ist eine Art Mischung aus Katholizismus und Toskanafraktion hier mit einem Dialekt schleppend wie das Wiederkäuen der hiesigen Rinder, zugleich eine Region, von Esoterik nur so gesättigt, von Gesundbetern und Masseurinnen mit Reinkarnationstherapie und Atlaskorrektur, von Propheten und Schamanen, einer ganzen Reihe buddhistischer Klöster und und und. Aber ich schweife ab, ich stehe ja nur in der Markthalle und überlege, das Frühstück nochmals von vorn zu beginnen. Vielleicht kommt ja auch gleich jemand ums Eck und ruft: „Ja grias di, Holle!“ Was machst du denn hier? Schauen und horchen. Luaga und losa. Und genießen.

*

Da sitzt die Oma und strickt an einem Strampelanzug für den jüngsten Zuwachs in der Verwandtschaft, meinen Neffen zweiten Grades. Für einen Augenblick stoppt sie den Lauf der Nadeln und sie sagt zu mir: „Nach diesem Muster habe ich dir deine ersten Hosen gestrickt.“ Und weiter eilen die Nadeln. Gepriesen seien die Großmütter (und Urgroßmütter).

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Wintermorgen, Allgäu

In einem Niedrigenergiehaus kochen wir unter kundiger Anleitung gemeinsam ein marokkanisches Mahl mit selbstgemachten eingelegten Zitronen und großzügigen Mengen an Safran. Danach gleich im Nachbarhaus ein Privatkonzert. 50 Menschen oder mehr drängen sich in dem Raum, zwei junge Frauen − Magdalena Fingerlos und Doro Heckelsmüller sind beide Musiktherapeutinnen − spielen als die Chromantischen „Volxmusik traditionell bis experimentell“ vom Alpenjodler bis zum afrikanischen Friedenslied „Ya salam a dunja“. Der Hausherr, ein in der Region allbekannter Musiker, trägt zwischendurch komische Texte in seinem Oberstdorfer Heimatdialekt vor. Am Lachen merkt man sofort, wer den Witz, das Wort verstanden hat und wer nicht. Die „Bergler“ sind ja berüchtigt für ihren harten Dialekt, der schon sehr alemannisch klingt und die restlichen Allgäuer (von den Berglern „Unterländer“ genannt, wobei das Unterland eigentlich immer hügelabwärts vom eigenen Standpunkt anfängt, das ist so wie mit dem Orient, der mal gleich hinter Wien, mal hinter Budapest oder Belgrad, Istanbul oder Ankara oder sonstwo beginnt) bereits an Grenzen bringt. (Ich habe nur die Hälfte verstanden, ich gebe es zu.) Ein Oberstdorfer Urgestein, dieser Hausherr, aus einer Sippe, die in Jahrhunderten kaum einmal aus ihrem Bergtal herabgekommen ist, so könnte man meinen, aber natürlich ist die Welt viel bunter. Seine Familie, erzählt er, war erst vor drei, vier Generationen als Holzer aus dem Bayerischen (Baierischen müsste ich schreiben, geht es doch um Sprach- und Mentalitäts- und nicht um Landesgrenzen) gekommen, und seine Mutter ist − aus Braunschweig.

*

Eine Senke in der Wiese, von Eismatsch gefüllt, eine einsame Krähe hat sich auf einer Schneebank zwischen den Lachen − einer Miniaturseenplatte − niedergelassen. Dann puschelige Schafe auf einer verschneiten Koppel, selbstzufriedene Wollknäuel, den Kopf gesenkt auf der Suche nach Wintergras. Wenig später sind die Wiesen schon wieder grün und die Äcker satt vor erdiger Dunkelheit. Statuettengleich stehen Reiher zwischen den Krumen, im Hintergrund die schorfigen Bäume an der Iller, der die Bahn flussabwärts folgt. Kurz bricht Licht durch den tiefen Himmel. „Wallah, ich sage dir, es gibt noch andere geile Typen“, tröstet eine Schülerin ihre Freundin am Nebentisch.

*

„Etwas, doch nur wenig, bin ich auch in der mir in den Dithmarsischen Schmach- und Pein-Verhältnissen verlorengegangenen Fertigkeit, mich, wenn ich Menschen gegenüberstehe, selbst für einen Menschen zu halten, weitergekommen.“

(Friedrich Hebbel, Tagebücher, Jahresbeginn 1837)

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Gleich geht es auf eine Lesung in der Stuttgarter Innenstadt. „Lass Dich von dem Namen und dem etwas schäbigen Hinterhofeingang nicht täuschen …, einfach die Treppe runter und schon bist Du da. Ist ein bisschen versteckt, falls Du es nicht findest, einfach mich anklingeln.“ Das klingt interessant.

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Wegesrand, Schwäbische Alb

P.S. WordPress informiert mich, dass dies der 200. Beitrag auf Zeilentiger liest Kesselleben war. Na dann.

Ausblick

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Wir stehen auf dem Gestern und schauen in das Morgen, wie hier auf dem Birkenkopf kurz nach Neujahr – höchster Punkt im inneren Stadtgebiet Stuttgarts. Die obersten 40 Meter sind aus anderthalb Millionen Kubikmetern Trümmerschutt aus dem Zweiten Weltkrieg geformt, daher auch sein merkwürdige Zweitname Monte Scherbelino. Bald wird es wieder lichter auf der Anhöhe, wenn die Birken austreiben, und im Sommer räckeln sich Eidechsen auf den warmen Steinen.