„Das tat ich für dich!“ – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 2)

In der Morgensonne machen sich bereits Besucher auf den Steg ins Herz des Federsees auf oder warten vor dem Museum, radeln dahin oder sitzen vor dem Eiscafé. Wandert man aus Bad Buchau hinaus, wird es aber sehr schnell ruhig. Auf Stunden werde ich auf den Wanderwegen niemandem begegnen. Stille liegt über den Wegkreuzen, nur ein Raubvogel zirkelt über dem Mais, weißer Kopf, roter Schwanz, ein Rotmilan, vermute ich, ohne es wirklich zu wissen. Das erste Waldstück zeigt sich licht, sein Untergrund besteht aus grünem Gras, büschelweise legt es sich auf die eine oder andere Seite. Diese Wegstrecken sind heiter wie die Wälder von Asterix und Obelix, nur dass hier statt endloser gallischer Eichen ein paar Buchen und Pappeln stehen. Am Waldrand zittern Espen.

Oberschwaben_Sommer_Wald

Weggefährten

Was für eine Gnade, an einem Donnerstagvormittag über menschenleere Waldwege gehen zu dürfen! Aber recht bald wird es mir doch langweilig. Die Waldflecken sind hier nie sehr groß, aber solange man sich auf Forstwegen bewegt, schweift das Auge nicht weit. Nicht jeder Wald hält den Reiz des Schauens lange aufrecht. Muss man diesen hier gesehen haben? Nein, muss man nicht. Dafür gibt es interessantere Regionen.

Die Landschaft ist wie gesiegelt von Kruzifixen; wo sie nicht stehen, ist nicht menschengestaltete Flur, sondern das Land der Füchse, der Wildnis, sofern dieses Wort hier überhaupt noch irgendeine Bedeutung hat. Manchmal ist das Wegkreuz zu wenig, dann strukturiert eine Kapelle den Horizont vor dem nächsten Waldsaum. Die winzige Bruckhofkapelle am Grundstück „Mördergässle“ ist kaum mehr als eine überdachte, offene Nische, ein Kniebrett fürs Gebet vor dem vergitterten Votivrelief, links und rechts geben Tafeln Erläuterungen. Gestiftet wurde die Kapelle für zwei Schwestern, die ins Kloster gingen und beide noch in jungen Jahren an einer Lungenkrankheit siechten. Das Leben von Maria Xaveria und Maria Nepomuciama, so die Ordensnamen der Frauen, rettete die fromme Stiftung nicht. Vielleicht, das mag von vornherein kalkuliert worden sein, wenigstens ihr Seelenheil.

Oberschwaben_Wandern_Landschaft_Bondorf

Schwung

Kurz hinter der keltischen Viereckschanze aus der La-Tène-Zeit – „vermutlich ein Kultplatz“, wie alles, was nicht gleich zuordenbar ist, gerne mal kultisch ist – liegt Bondorf ausgestreckt, lauschig und sehr verschlafen. Das Mädchen, das aus einem Haus tritt, weicht meinem zum Gruß bereiten Blick aus, die Katze rennt davon, der Bauer bleibt auf mein „Grüß Gott“ hin stumm. Das schöne Dorf mit seiner Bilderbuchkulisse – rätselhaft hängt das Schild einer Buchhandlung in Frakturschrift über einer Holztür mit einem aufgenagelten Schweinchen – wächst am Rand, zur Ebene gen Bad Saulgau hin, und verliert hier seinen ganzen Charme.

Es ist drückend heiß, über Kopf und Schultern habe ich meinen syrischen Schal – ein wirklicher Allzweckgegenstand – gebreitet und ich mache an einem schattigen Wegkreuz nochmals eine Rast für ein paar Schluck Wasser und einen Blick auf die Karte, obwohl die Silhouette von Bad Saulgau schon zum Greifen vor mir liegt. „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“, mahnt die Inschrift unter dem Gekreuzigten. Ja, das können sie gut, die Pfaffen und die ‚Bigotten‘, wie mein Großvater sie genannt hätte – den emotionalen Druck hochhalten! Und wie mir sofort alles wieder zuwider ist: die harten Kniebänke in den Kirchen, auf die sich die Kinder im Gottesdienst niederzulassen hatten, das Niederknien beim Betreten der Kirche und dem Kreuzeszeichen vor dem freudlosen Gesicht, überhaupt diese Leidensgesichter, nein, Freude war nicht gewollt, die derbe Lebensfreude feierte man außerhalb der Kirche, in ihr aber griesgrämige Gesichter, neidische Mienen, strafende Blicke, brüchiger Altweibergesang, salbungsvolles Schwadronieren, aber Lust und Freude, nein, nicht unter dem Zeichen des Gekreuzigten, und dann die Beichte, oh mein Gott, was für ein Unsinn, wenn Heranwachsende dazu verdammt werden, mit gebeugtem Haupt etwas gestehen zu müssen, leiden zu müssen für eine Schuld, obwohl es da vielleicht gar nichts gibt, wofür Schuld zu tragen gerechtfertigt wäre, welche Sünden denn, und überhaupt das Wort Sünde, da kommt es mir schon hoch, immerzu nur Schuld, Schuld, Schuld!

Grimmig setze ich mich auf die Bank auf der anderen Seite des Baumes, der das Kreuz beschirmt. Wer auch immer diesen Platz beehrt hat, er kümmerte sich nicht um feinere Dinge. Die Bank ist mutwillig beschädigt, verschmutzte Taschentücher liegen herum, Blätter von Maiskolben sind ringsum verstreut. Rebellion gegen diese Kultur der Schuld oder schlichte Ignoranz?

Oberschwaben_Bad Buchau_City of God_Graffiti

Fortführung des Barock mit anderen Mitteln?

Im Städtchen Bad Saulgau treffen sich die Oberschwäbische Barockstraße, die Deutsche Fachwerkstraße und die Schwäbische Bäderstraße. Um diese Kulturgüter zu würdigen, müsste ich länger verweilen, und wohl nicht zuletzt deshalb schlägt der Hauptwanderweg 7 den Ort als Etappenziel vor. Ich werde nur eine Rast machen und dann weiterziehen, denn es ist erst Mittagszeit und mir würde es langweilig werden den restlichen Tag, Kultur hin oder her. An der Straßenkreuzung zur Innenstadt – die Ampelmännchen sind aus Ostdeutschland aufgekauft – verkündet eine Steinstele stolz, dass Bad Saulgau 1299-1806 österreichisch war. Die Stadt gehörte zum Bund der fünf „Donaustädte“ (die keineswegs alle an der Donau lagen), die zusammen mit einigen weiteren oberschwäbischen Ortschaften über Jahrhunderte einen Teil Vorderösterreichs bildeten. Damit waren diese Städte sehr viel länger Teil Österreichs als sie seither württembergisch sind.

Ich bin unentschlossen, an welcher Gaststätte ich Mittagspause mache, kehre schlussendlich zur ersten zurück und ärgere mich sofort über die Wahl. Ich sitze nämlich noch nicht einmal, schon steht die Kellnerin neben mir und will, wenn nicht gleich das Essen, so doch wenigstens die Getränkebestellung aufnehmen. Ich lasse mich ungern drängen, erst recht nicht, weil ich immer gerne schaue, ob ein Gasthaus ein besonderes Getränk auf der Karte führt, mich zu überraschen weiß. Leider bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, mir freundlich und bestimmt mein Recht (und also eine Atempause) zu verschaffen und so geht nach einem eher umständlichen, fast gereizten Austausch, den ich so nie beabsichtigt hatte (denn ich will ja kein schwieriger Gast sein), die resolute Frau mit meiner Getränkebestellung hinfort.

Das Bier, nein, es hat nicht geschmeckt und ich verlasse Österreich wieder gen Südwesten.

Oberschwaben_Wandern_Sommer_Himmel_Getreide

Unter dem Himmel Oberschwabens

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Mixtli läuft um sein Leben

Es ist Winterzeit und die kleine Bäckerei am Eck noch geöffnet, obwohl es bereits dunkel ist. Ein lockenkopfiger Mann verlässt die Bäckerei mit seinen beiden Kindern (für einen Moment sehe ich meinen Bruder in ihm), sie steigen, Papiertüten mit Gebäck in der Hand, die Sandsteinstufen herab zu ihren Rädern. Eines der kleinen Mädchen trägt einen martialischen, farbenprächtigen Fahrradhelm – einen Tigerhelm, durch dessen weit geöffnetes, zähnebewehrtes Maul das Gesicht des Mädchens schaut. Der Helm erinnert mich an den Kopfputz der aztekischen Jaguarkrieger. Ein merkwürdiger Kontrast zwischen dem kleinen Mädchen mit dem leicht schmollend-orientierungslosen Ausdruck und jenen altmexikanischen Elitesoldaten, die ihren militärischen Rang erst erhielten, wenn sie eine bestimmte Anzahl von Kriegsgefangenen für das Opfer auf den blutigen Aztekenaltären gemacht hatten …

Ich denke an eine Rollenspielrunde zurück, die ich vor ein paar Jahren geleitet hatte. Es ist ein – inzwischen selten ausgeübtes – Hobby, über das ich auf diesem Blog eher nicht erzählen würde (schließlich ist Zeilentiger liest Kesselleben kein Tagebuch). Vielleicht macht mich die Erkältung leichtsinnig, den Kopf mit Watte gefüllt und doch zu wach, um einfach nur dahinzudämmern. Ich hole einen externen Datenspeicher hervor, klicke mich durch Dateien, öffne schließlich ein Dokument, dessen Namen mit dem fremden Wort Amatl beginnt – einer Art Papier aus dem vorspanischen Mexiko, um nicht zu sagen ein Buch, eine Chronik untergegangener Zeiten. Ich überfliege ein paar Seiten und denke zurück an unsere Abenteuer in einem präkolumbianischen, um fantastische Elemente angereicherten Mesoamerika, erwachsen aus einer einfachen Gesprächssituation: Einer ist der allwissende, aber neutrale Erzähler, die anderen führen eine Figur in der Welt, die der Erzähler in Worten entwirft. Das ist, wenn das Miteinander gelingt, spannender als jeder Roman. Und ich lese mich durch die Aufschriebe, Nachschriften jener Abende mit lieben Freunden. Ameyatl, Checha, Ilhuicamina, Irraruru, Mixtli, Tecuani, Tlaco – schön war es mit euch.

Rot tropft das Blut in die Steinschale und rot leuchten die beiden Gestalten auf der
Tempelpyramide dort drüben, die im Licht der untergehenden Sonne einen Freudentanz
aufführen. Das Opfer brachte Erfolg, der Eingang ins Innere der Pyramide ist frei.
Der Wald unter dem Turm versinkt bereits in den Schatten. Affen kreischen auf den
Trümmern einer vergangenen Zeit, Vögel krakeelen, sie verabschieden den Tag,
begrüßen die Nacht. Lautlos löst sich ein Schemen von der Wand.

Ein kopfloser Mann springt auf Mixtli zu, die wuchtige Spitze eines Schlagspeers
schwingt herum.

Mixtlis Hände greifen nach der zweihändigen Schwertkeule auf dem Rücken, krallen
sich in den Griff der Waffe, ein erstaunter Ruf löst sich von den Lippen. Viel zu schnell
ist der kopflose Geist heran, er lässt Mixtli keine Chance. Die Breitseite des
Schlagspeers fährt in seine Brust. Poncho, Haut, Fleisch, Knochen – alles bleibt
unversehrt, aber die Wärme seines Blutes strömt aus der unsichtbaren Wunde.

Endlich hat Mixtli seine Waffe frei, sie zerschneidet die Luft und verschafft ihm den
nötigen Augenblick für einen Seitwärtsschritt, ohne dem Schemen dabei wirklich
gefährlich zu werden. Bevor der Kopflose ihn erreichen kann, setzt Mixtli den nächsten
Fuß über. Seine Schultern scharren über das Mauerwerk, dann ist ein Fenster hinter
ihm und er glaubt, den Sog der Tiefe zu spüren.

Mixtlis zweiter Hieb ist gezielter und ja, seine Waffe trifft. Sie fährt, ohne auf
Widerstand zu stoßen, durch den Schemen hindurch. Der Kopflose strauchelt nicht
einmal von der Wucht der Waffe. Unbeirrt umtanzt sein geisterhafter Schlagspeer die
Schwertkeule, aber er erreicht Mixtli nicht.

Was tun? Mixtli macht einen Satz zum Treppenhaus. Seine lange Waffe raubt ihm die
Schnelligkeit, blitzschnell ist der Kopflose hinter ihm und Mixtli spürt die Eiseskälte, als
der Schlagspeer knapp an seinem Nacken vorüberzieht.

Mixtli stürzt die Treppe hinab ins Dunkel. Er ahnt die brüchigen Stufen eher als sie
zu sehen. Steine bröckeln unter seinen Tritten. Dann ist die Stelle erreicht, an der im
Westturm ein lange Lücke in der Treppe klafft. Mixtli stößt sich ab. Als seine Füße nicht
den Boden finden, weiß er, dass er den Abstand falsch eingeschätzt hat. Er fällt. Ein
Stockwerk tiefer raubt ihm der Aufprall den Atem, er glaubt für einen Augenblick, ersticken zu müssen, dann ist sein Körper wieder auf den Beinen, während Mixtli sich noch
auf den Stufen zu liegen wähnt. Alles schmerzt, ein Bein ist nahezu taub. Mühsam
humpelt er weiter hinab. Wenn der Kopflose ihn verfolgt, wird er ihn gleich erreicht
haben …

Dann ist Mixtli im Erdgeschoss, er stürzt hinaus in den Abend und taumelt im
Laufschritt auf die Tempelpyramide zu. Irgendwo zwischen den Ruinen glüht ein
merkwürdiges Licht auf, aber Mixtli kümmert sich nicht darum. Er erreicht die
Pyramide und nimmt die hohe Treppe. Den Schmerz schließt er aus, er ignoriert die
schwindelerregende Tiefe – nur nach oben, nach oben, wo Tlaco und Ilhuicamina
warten! Stufe für Stufe erklimmt Mixtli den steilen, fast unendlich erscheinenden Weg.
Dann spürt er, er ist nicht allein auf der Treppe. Da ist noch etwas und er weiß nicht, ob
vor ihm oder hinter ihm …

Und jetzt Wolfsburg untergehen sehen. Dinge, die man eben macht, wenn man nicht ganz klar bei Verstand ist.

Moshés Schüler

Nachts reißt die Sirene das winzige Örtchen aus dem Schlaf. Ein Blick auf das Smartphone zeigt: Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Ich höre die Schritte der Großmutter auf den knarzenden Dielen. Nirgendwo Feuer zu sehen, sagt sie nach einem Rundgang an alle Fenster, besser: nuschelt sie, denn ihr Gebiss liegt ein Stockwerk tiefer in einem Glas. Nebenan ertönt ein langer Pfiff der Mutter. Sie ruft den Hund, der verängstigt von dem Sirenengeheul in einer Ecke der Terrasse kauern wird. Die Großmutter steigt die Stiege hinab, einmal geweckt, beginnt sie ihr Tagwerk. Ich drehe mich nochmals um. Draußen hängt Nebel. Später besprechen wir, ob es auf der nahen Autobahn einen Unfall gegeben haben mag, von Urlaubern auf dem Weg in die Alpen.

„Die Ersten an Land, die Letzten zurück“, hatte Alexander Kent, Autor zahlreicher Seekriegsgeschichten, seinen Roman über die Royal Marines betitelt. Die Eschen machen es umgekehrt. Sie sind die letzten Bäume, die sich im Jahreslauf in Grün kleiden, und die ersten, die ihr Gewand wieder abwerfen. Die anderen Bäume zeigen sich umso bunter in Rot- und vor allem Gelbtönen, von selbst im Morgennebel leuchtenden Farben von melancholischem, ja krankhaftem Charakter, wie sie einem französischen Film um eine depressive Schönheit ziemen mögen aus jenen Jahren, in denen Frankreich noch für seine anspruchsvollen Problemfilme berühmt war – entschleunigt, schonungslos, mit messerscharfen Dialogen – anstatt für hektisch-seichte Komödien. Ich friere bei dem Frühstück auf dem städtischen Wochenmarkt, unserer ersten Etappe an diesem Tag im Indian Summer. Danach geht es hinaus in die Vorberge, schon am Rand der Stadt lassen wir den Nebel hinter uns, ein selbst in der Oktoberpracht auffallender, feuriger Herbst ziert das Plakat der Waldorfschule, die in ihrem Gartenareal ein Bauwagencafé betreibt. Im Sonnenschein wird das Fieber der Bäume zu reiner Schönheit. Wir unterhalten uns auf der Fahrt, ob Spiritualität auch ohne Transzendenz möglich sei.

Auf dem Parkplatz des Tales locken zwei schartige Container die Bauern der umliegenden Siedlungen. Sie laden ihren Eisenschrott hier ab, wuchten ihn mit dem Vorderlader der Traktoren in die Behältnisse, reichen sich meterdicke Rollen aus Drahtgitter und gebogene Dachrinnen mit den behandschuhten Händen hoch, werfen kleinere Teile von unten über die Containerwand. Der Hänger mit Platten wird nach seiner Entladung gleich abgekoppelt und stehengelassen, es war seine letzte Fahrt. Unsere Blicke meiden die Arbeitenden, untereinander aber scherzen sie. Wie gerne würde ich meinen gekünstelt gewordenen Dialekt unter ihnen schulen. Ein Bartträger zündet sich genussvoll eine Zigarette an, der Mann mit den grauen Koteletten pinkelt für alle sichtbar neben einen roten Opel ohne Nummernschild. Der Motor des Wagens läuft, ein paar Minuten später falten sich drei junge Burschen, groß und kräftig, Schirmmützen über den runden Gesichtern, in das Auto und lassen es unter dem Röhren des kaputten Auspuffs vom Parkplatz rollen. Auch dieses Auto hat einen Platten. Es hindert die Burschen nicht daran, es die für Kraftfahrzeuge verbotene Straße hochzujagen, über die wir gleich unseren Spaziergang beginnen werden.

Ganz unerwartet taucht oben auf dem Hügel ein liebliches Örtchen auf, eine Kapelle, eine Handvoll schmucker Höfe. Viel Holz ziert ihre Fassaden, die seltene Stechpalme wächst hier in großer Zahl. Am schönsten und lebendigsten Hof machen wir Halt, jemand kennt hier jemanden. Schrott wird verladen für den Container unten im Tal, Ziegen werden auf die Wiese getrieben, ein Pfau stolziert durchs Gehege, Enten queren ihren Teich. Die Hunde fallen sich immer wieder an, denn unsere hündische Begleitung ist zu frech, immer wieder gerät sie mit dem Hofhund aneinander, aber da ist nichts zu machen, das müssen die Hunde selbst klären. Ihre Besitzer bleiben gelassen, als würden sie Spatzen bei der Futtersuche studieren – aufmerksam, aber gelassen. In dieser Geschäftigkeit findet sich die Zeit, dass wir auf den sonnigen Bänken einen Kaffee erhalten. Ein weißbärtiger Alter in Latzhose gesellt sich zu uns, er ist nicht wie erwartet ein Allgäuer Großvater, sondern ein ‚Jobhopper‘ aus Israel. Deutsch spricht er nicht und außer mir scheint niemand willens (oder in der Lage) zu sein, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen und so komme ich mit ihm ins Gespräch. Und unerwarteter noch, als schon dieser schmucke Weiler auf dem Hügel sich gezeigt hat, erblüht hier in seinem Herzen noch eine weitere Schönheit auf. David, in einem Kibbuz aufgewachsen, hatte noch bei Moshé Feldenkrais gelernt, und bald sind wir in einem Gespräch über Achtsamkeit, über Wandel, über den Mut zur steten Veränderung. Ein Lehrer zu sein, weist David von sich, und doch ermuntert er mich, sehr bescheiden und ganz humorvoll, zu Schritten in ein neues Leben. „Ich sage nicht, dass es leicht wird! Wenn du natürlich glaubst, wie ein Schmetterling herumflattern zu können … Auch ein Schmetterling muss erst einen langen Zyklus durchlaufen, das ist harte Arbeit und er kann unterwegs gefressen werden. But of course, trust yourself and just do it. I did not regret one single change in my life.

In der nächsten Kapelle verkündet eine schlichte Tafel „‚Vergelts Gott‘ für an guate Alpsommer.“ Dem Dank kann ich mich in gewisser Hinsicht anschließen. Ein gutes Wanderjahr war es, auf Berg und in Auen und auch in seinen menschlichen Begegnungen. Von dem Heuschnaps an der Alpe gegenüber nippe ich nur und statt des mit Zwiebeln und Essig angemachten herben Romadurs – kein Essen verbinde ich mehr mit meinem Großvater selig als diesen Sauren Käs – wähle ich lieber Weißwürste. Die Sonne wärmt, der Herbst verzaubert das Voralpenland zu einem Paradies, einem Sehnsuchtsort, den ich nie wieder verlassen will. Der Tag ist ganz Erfüllung und zugleich liegen Kopfschmerzen wie ein Folterreif um meinen Schädel.

Allgäu_Hagebutte_Herbst_Voralpen

Herbstfrucht

Gold – Eine Vermessung Oberschwabens (Teil 1)

Dass ich meine Wanderung durch Oberschwaben in einem ICE beginnen würde, überraschte mich selbst. So viel also zum Thema Entschleunigung. Die Realität war aus dem Zug hinausklimatisiert, vom Land da draußen gab es nur verschwommene Fernsehbilder durch die Fensterscheiben. Etwa dort, wo ich im Juni meine Flucht über die Schwäbische Alb abgeschlossen hatte, knüpfte ich im August meine fünftägige Durchquerung des schwäbischen Oberlandes an. Es würden die heißesten Tage des Jahres werden. Davon ließ der wolkige Morgen noch wenig ahnen.

Zwiefaltendorf_Fest_Landleben

Sommer in Oberschwaben

Zwiefaltendorf, die „Idylle an Ach und Donau“. Ein Schloss steht an der Donaubrücke. Auf dem Turm des sehr aufgeräumten, hübschen Kirchareals nisten Störche, gegenüber „Im Gäßle“ plätschert ein Brunnen vor einem strahlend blau gestrichenen Häuschen. An der Front steht um das Gesicht unseres Gestirns geheimnisvoll die Parole „Die Wahrheit liegt im Sonnenaufgang“.

Die monströse Hupe eines Lastwagens reißt das Dorf aus seiner träumenden Beschaulichkeit. Der Transporter hat erschreckend große Schlachtschweine geladen, ein Pestschweif zieht sich hinterher. (Wer nur mag solche Tiere essen?) Als Motorengeräusch und Schweinegestank jenseits der Donau ersterben, setzt sich das Dorf wieder durch. Essensduft zieht vom Gasthaus – ist es das mit der Tropfsteinhöhle im Keller? – über die Straße, schon sitzen (anders als in den Albdörfern) Menschen auf der Terrasse in Vorfreude auf das Mittagsmahl. Die Bahnhofsstraße hinaus stehen schmucke, alte Häuser aus einer bürgerlichen, nicht bäuerlichen Welt. In den Getreidefeldern knackt es. Hinter dem schmalen, langen Gleis kommt Wind auf. Es raschelt im Gebüsch, in den jungen Kirschbäumen, im hohen Mais.

Über weite Schleifen führt der Weg zwischen Waldsaum und Getreidefelder hinein ins Oberland. Ein Vogel schlägt Alarm, ein Reh setzt in hohen Sprüngen aus dem Korn ins Unterholz. Einmal noch holt die Zivilisation den Wanderer auf rohe Weise ein. Die Lastwagen brausen über die Bundesstraße, die den Wald durchschneidet, oder sie reihen sich auf dem Parkplatz, wo Polizeibeamte eine Kontrolle durchführen. Dann hat einen der Wald wieder und wenn man schließlich heraustritt, dort den Bussen sieht – den heilige Berg Oberschwabens, auf weite Strecke gen Süden die markanteste Erhöhung –, da den flachen Schwung von Hügeln, das Blau der Wälder, das erdige Gold der Kornfelder, teils bereits geschnitten, warme Flächen, gänzlich reifer Sommer, hier Wiesen und grüner Mais, seine Spitzen hell, die Fäden rot, immer wieder Wegkreuze unter schattigen Bäumen … Dann hat man sich längst verliebt in diese Landschaft.

Oberhalb des Dorfes Möhringen mit seiner auffallenden St. Vitus-Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen schön bemalten Fensterläden, deren Muster mich an antike Formen erinnern, geht es rückseitig über einen Schleichweg den Bussen hinauf. Die Fichten stehen hier locker genug, um grünwuchernden Untergrund zu erlauben, es ist keiner dieser leb- und klanglosen, dunklen Forste, wo du auf dem braunen Nadelteppich, karg bis vielleicht auf Knochen und kleine Schädelchen, die Luft anhalten möchtest, um kein namenloses Unheil zu wecken. Rasch wird der Wald noch lichter mit Eschen und anderen Laubbäumen, geradeaus zieht sich der Weg als herrlicher Trampelpfad, das Gras wächst teils schulterhoch, nur der Gedanke an Zecken trübt die unschuldige Freude ein wenig.

Die Wallfahrtskirche auf dem Hügel steht im Gerüst, zwei Handwerker beschallen den Platz mit einem österreichischen Popsender. Von der Sakralität des Ortes ist da wenig zu spüren, doch der Blick nach Süden ist offen und weit und reicht an klaren Tagen – über den Federsee, über Felder und Wälder, über Ketten von Höhenzügen – bis zu den Alpen. Über eine Breite von über 300 Kilometern, das demonstriert eine gewaltige Panoramatafel, zeigen sich dann die Gipfel der Alpen, von tief im Bayerischen im Osten bis ins Berner Oberland im Westen. Kein Wunder, dass sich auf dem Bussen – heute noch vielbesuchter Wallfahrtsort – Hinweise auf eine Kultstätte schon in keltischer Zeit finden lassen.

Im Dorf unterhalb der Kirche setze ich mich in einen Biergarten mit Fernblick und freue mich, ein alkoholfreies Weizen einer Brauerei zu finden, die ich bisher nicht kannte. Alkoholfreie Weizenbiere überzeugen ja nur selten im Geschmack, dann aber sind sie mir – erst recht an einem heißen Tag auf Wanderung – mein größter Favorit. Das Bier der Brauerei Farny aus Kisslegg wird mir am heiligen Bussen zur Offenbarung: Mühelos schlägt es die bisherigen Favoriten, leicht und herrlich frisch ist es, süffig und rein im Geschmack ohne den kleinsten Anklang an Moder, wie es viel zu viele alkoholfreie Weißbiere haben. Ich habe mein neues Lieblingsbier gefunden.

Die Kellnerinnen sind freundlich und offen, nicht alle anwesenden Schwaben aber können aus ihrer Haut. Belustigt lausche ich den zahlenden Damen am Nebentisch: „Die Pommes zahle ich aber nur zur Hälfte, die andere zahlt sie“. Der Ort jedenfalls profitiert von den vielen Besuchern. Der Biergarten ist gut besucht, an der Straße gibt es einen Antik-Laden, den ein Herr mit wallend weißem Bart betreibt, auch ein Backhaus kennt das Dorf. Hier in Offingen ist Leben.

Unterhalb des Bussens geht es über kaum geschwungenes Land, abwechslungsreich und offen, weiter zum Federsee. Längst brennt die Sonne herab. Traktoren wirbeln Staub über den Äckern auf. Das Getreide, das sie schneiden, und das Stroh, das gefällt auf dem Felde bleibt, spielen in den verschiedensten Tönungen von Gold: Hellgold, Ockergold, Kupfergold zeigt sich mir an diesem Tage … Auf einem Waldweg steht ein Reh. Noch hat es mich nicht wahrgenommen, ich komme näher und warte jeden Augenblick auf das Heben des Kopfes, das kurze Erstarren, das Schnellen des Leibes. Da ist es endlich soweit. Ein kurzes Stück später mache ich eine Rast, einen Apfel und ein gekochtes Ei lang. Wieder taucht das Reh vor mir auf, quert, wechselt zurück, kommt nochmals ein Stückchen weiter unten aus dem Unterholz, trollt vor mir den Weg entlang, bis es schließlich endgültig im Wald verschwindet.

Als ich an einer Wegkreuzung nicht weiter weiß und die Karte studiere, hält ein Traktor mit beladenem Hänger neben mir und der Fahrer – golden das Haar, goldbraun seine Haut – fragt mich gutmütig nach meinem Ziel, erklärt mir ausführlich den Weg. Ich bedanke mich, mache einen Scherz, falle dabei wie von selbst in meinen eigenen Dialekt. Wir lachen. Ja, der Bussen mit seiner alten Tradition von Pilgern und Besuchern und seinem lieblichen Umland öffnet seine Menschen. Mir gefällt es.

Die Landschaft verändert sich. All dies hier war einst Teil eines nacheiszeitlichen Sees, dessen letzter Rest der Federsee bildet mit seinem weiten Speckgürtel aus Sümpfen, Mooren und Feuchtwiesen. An manchen Stellen ist das Gras am Waldrand verdorrt, regelrecht versengt von der Sommersonne. Überquere ich diese Flecken, spüre ich die Glut aufsteigen – und einen würzigen, heuartigen Geruch, der mich beinahe berauscht. Dann wieder duften die Feuchtwälder. Licht flimmert zwischen den hellen Stämmen, mannshohe Brennnesseln flankieren den Pfad.

Hinter Moosburg beginnt der lange Steg durch das Banngebiet Staudacher hinüber nach Bad Buchau, jener einstigen winzigen, ja kleinsten Reichsstadt überhaupt, die im Alten Reich von ihrem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil profitiert hatte. Das Wurzelwerk eines gestürzten Baumes ragt in die Höhe, Schlick und Brackwasser sind zwischen dem Pflanzendickicht unter den Planken zu ahnen. Ein Kanal zieht sich durch das Schilfmeer, das in seinem Herzen den Rest des Federsees verbirgt, der mit knapp anderthalb Quadratkilometern nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Größe darstellt (und trotzdem noch der zweitgrößte See in Baden-Württemberg ist).

Am Ortseingang biege ich ab zum Federseemuseum, wo schon steinzeitliche Menschen gesiedelt hatten, später Kelten sesshaft wurden. Zwischen den Hütten aus Neolithikum und Bronzezeit suche ich sie: teure Freunde aus Studienzeiten, durch Beruf und Familienleben in München und Ravensburg meinem Alltag entrückt, die als Archäologinnen und Archäologen im Augenblick aber hier im Museum arbeiten. Herzliche Umarmungen sind die Belohnung für die Wanderung, ich erhalte eine Vesper aus Ziegenkäse, Brot und Heidelbeeren – fast schon ein authentisches Mahl, scherze ich –, ich wiege Bronzeäxte, vergleiche an aufgereihter Wolle die Färbungen von Lindenblättern und Birkenrinde, trage abends tönerne Webgewichte in die Hütten und höre das Schmatzen der Holzwürmer im Gebälk der bronzezeitlichen Häuser. Der Zahn der Zeit, er nagt. Er frisst und frisst ohne Unterlass – an diesen Bauten, an unseren sozialen Beziehungen, an uns selbst. Doch heute ist alles Gold, Bronze, Licht.

Gold das Getreide, das gereihte Stroh auf den Äckern.
Bronze die Äxte am Federsee, die nackten Arme.
Licht der Himmel, der Blick übers Land, zu den Freunden.

Federsee_Oberschwaben

Zum Federsee

 

Buchmessesorgen III

Meinen Zug habe ich verpasst, aber K. war so nett, die Stunde mit mir zu warten und mir nochmals ein Getränk auszugeben. Dabei hatte er, den die Buchmesse am Arsch vorbeigeht, mich vollgequatscht über Verlage und Verleger, Autoren und Illustratoren und Gestalter und ihre Leistungen und Mauscheleien, ihre Schätze und Gaunereien. Und ich verstand, in der Bar bei den Gleisen, nur Bahnhof, kannte und begriff von dieser deutschen Verlagsgeschichte nur einen Bruchteil und war sowieso müde und nun auch hungrig von dem langen Tag, und im Blickfeld links blinkte der übergroße Bildschirm und im Blickfeld rechts blinkte die scharfe Braut, die sich andauernd, immer und immer wieder, mit den Fingern durch die Haare fuhr, und ich fragte mich, ob sie von nebenan aus dem Rotlichtviertel kam und hier einen irgendwie verlorenen Messebesucher abgreifen wollte, und ich begann zu schielen und konzentrierte mich auf K.s lange Nase und er redet und redet einfach immer weiter und ich bin gar nicht mehr hier. Den nächsten Zug verpasse ich nicht und meine Sorge, ob ich mit meinem zuggebundenen Ticket durchkomme (ich habe mit K. eine Wette darüber abgeschlossen oder eher er mit mir) löst sich gerade eben einfach auf, als die Stempelzange des Zugbegleiters ihr KLICK

„Jetzt lernst du Gott kennen“ – Das lange Schweigen nach dem Drogenthriller „Sicario“

Die Entführten sind längst tot und verwesen unter Plastikfolien, als das FBI das Haus in einer Vorstadt Arizonas stürmt. Warum diese Menschen aus Mexiko, aus Lateinamerika, sterben mussten, wird nicht restlos klar, und das ist symptomatisch für ein ungeheuer komplexes Geflecht aus Verbrechen und Not entlang des Grenzwalls zwischen den USA und Mexiko: Schleuserbanden, Massenimmigration, Erpressung und Entführung, Waffenschmuggel, offene und verheimlichte staatliche Gewalt und nicht zuletzt der Drogenkrieg, der Mexiko seit Jahren in einem kriegsähnlichen Zustand hält. Und es liegt in der Logik des Drogenthrillers „Sicario“ (spanisch für Auftragskiller), denn die Einsatzleiterin Kate Macer (Emily Blunt) wird abgezogen zu einem Team unter der Leitung zweier Regierungsbeauftragter, die die Hintermänner des Verbrechens ins Visier nehmen wollen.

Der Auftrag ist nicht das, was Macer erwartet hatte. Von Anfang an kämpft die FBI-Agentin gegen einen ungreifbaren Gegner aus Fehlinformationen und Schweigen an. Der CIA-Mann Matt Graver (burschikos und ein homo homini lupus Josh Brolin) und sein Mitarbeiter Alejandro Gillick, ein ehemaliger kolumbianischer Staatsanwalt (undurchsichtig und vielschichtig Benicio del Toro in hellem Sakko und mit tiefen Augenringen) halten Macer immer wieder im Unklaren über ihre Ziele und Motive. Bereits der erste Einsatz ist nicht, wie Macer gegenüber angedeutet, eine Besprechung in El Paso, sondern führt ein Einsatz-Team über die Grenze nach Ciudad Juárez (eindrücklich, wenn auch nicht frei von Klischees als Hölle inszeniert), um dort ein Kartellmitglied auszulösen und in die USA zu überführen. Auf dem Rückweg kommt es zu einem Feuergefecht. US-amerikanische Staatsbürger töten, vollkommen rechtswidrig, auf mexikanischem Territorium, und keine Zeitung wird darüber Anklage erheben, keine Behörde eine Akte über das anlegen, was wirklich passiert ist. (Der Einsatz ist übrigens eine absolute cineastische Glanzleistung, wunderbar choreographiert – allein dem Weg der Fahrzeugkolonne durch die Stadt zu folgen, lohnt den Kinobesuch – und atemraubend spannend.)

Immer tiefer verstrickt sich Kate Macer in dieses Geflecht aus Lügen und rechtswidrigen Einsätzen, in dem die CIA in einer unheiligen Allianz die Macht der mexikanischen Kartelle zu brechen versucht. Die Handlungsfreiheit der FBI-Agentin schränkt sich mit der zunehmenden Bloßlegung dieser schmutzigen Politik eines „Der Zweck heiligt die Mittel“ immer weiter ein und drängt sie in eine passive Rolle (was keine Schwäche des Drehbuchs ist, erst recht nicht eine der schauspielerischen Leistung von Emily Blunt, sondern ein Gradmesser, wie sehr sich die Figur immer weiter von einer Welt entfernt, die sich an gesellschaftlich ausverhandelten Regeln von Recht und Transparenz orientiert), bis hin zu dem Augenblick, als Alejandro in den Mittelpunkt des Filmes rückt und in einer erschütternden Szene („Jetzt lernst du Gott kennen“) seine Epiphanie als Auftragskiller erlebt.

Zu den dramaturgischen Stärken „Sicarios“ gehören die souveränen Tempowechsel. Der Film gestattet sich über weite Teile eine ganz überraschende Ruhe und Langsamkeit, die ihm sehr zugute kommt, und ist zugleich ungeheuer dicht und packend. Eine gewisse Schwäche mag das Drehbuch (Taylor Sheridan) dort haben, wo Fragen offen oder Figuren beziehungslos bleiben. Biographische Orientierung wird nur angedeutet, wo es absolut notwendig ist. Psychologisch kann damit nur aus dem Augenblick und nicht aus einem gewachsenen Leben heraus gearbeitet werden, aber das passt zu im Dämmerlicht von Geheimakten und Schmugglertunneln operierenden, entwurzelten Spezialisten und wird wettgemacht durch das Mienenspiel der Schauspieler: die Erschütterung und das Ringen von Emily Blunt, das Taktieren aus Lüge und roher Entschlossenheit von Josh Brolin, dem traumatisierten Strudel aus Verletzlichkeit, Sanftmut und Psychopathie von Benicio del Toro.

Wummernde Bässe (Musik: Jóhann Jóhannsson) – man weiß es nicht: ist es das adrenalingetriebene Pochen des Blutes in den Ohren, ist es ein zur Unkenntlichkeit gesteigerter Sound aus Ghetto-Blastern? – unterstreichen das eindrückliche Bildwerk des Kameramanns Roger Deakins. Zu den schönsten Bildern gehört, wo der Mensch in einen weiteren, unendlich weiten Kontext gestellt wird. Die Landschaft in „Sicario“ ist Schrecklichkeit und Majestät zugleich, unter ihrem zeitlosen Himmel führen die Menschen ihr Leben aus Leiden und Krieg; sie kennen nur noch den Schrecken, nicht mehr des Himmels Herrlichkeit: Wo Wetterleuchten den stahlblauen Horizont über der Wüste elektrisiert, beobachten die amerikanischen Grenzschützer nachts die Leuchtgeschossspuren der Bandenkämpfe in Juárez. Und in einem Abendrot, das die Kraft besitzt, einen längst ab- und aufgegebenen Glauben wiederzufinden, steigen Elitesoldaten in die Schwärze der Nacht hinab mit Infrarot- und Wärmesichtgeräten, die ihre Gegner zu Silhouetten herunterrechnen, die es zu töten gilt.

In seiner Aussichtslosigkeit und Eindrücklichkeit erinnert „Sicario“ als Thriller um den Drogenkrieg an „Traffic“. Gleichzeitig schafft der kanadische Regisseur Denis Villeneuve mit eigener Handschrift einen der packendsten Thriller der jüngeren Zeit, der gerade dadurch seine Größe erhält, weil er der Ruhe ihren weiten Raum lässt statt sich in einem Feuerwerk aus Action und Grausamkeit zu verlieren.

Und dann verlässt du das Kino mit einer Gänsehaut und schweigend gehst du nebeneinander her. Menschen lachen in den Straßen. Sie leben in einer anderen Welt.

„Sicario“. Regie: Denis Villeneuve. Mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin. 122 min. Deutscher Kinostart: 1.10.2015 (FSK 16).

Eine Buchrezension zu Ciudad Juárez gibt es auf Zeilentiger liest Kesselleben hier, einen Tatsachenbericht zu Entführungen in Mexiko hier.

Hurra, die Mauer ist weg. Oder: Haben auch Hunde eine Morgenlatte?

„Morgen ist doch deutscher Nationalfeiertag? Was sagt man sich da?“, fragt der syrische Besucher. Die Frage lässt mich einen langen Augenblick schweigen, bis ich beinahe verschämt sage: „Nichts.“ Wir haben keinen Glückwunsch zu unserem Nationalfeiertag. (Etwa „Hurra, die Mauer ist weg“?) Für die meisten von uns ist es einfach nur ein freier Tag.

Es war eine dieser Fragen an diesem Abend, die uns Deutschen am Tisch nachdenklich stimmten, weil sie unserer Selbstverständlichkeit unerwartet alles Selbstverständliche nahmen. Sie beschäftigt mich jetzt noch und ich weiß, ich werde nicht schlafen können, ehe ich nicht die Gunst der Stunde ergriffen und diese Entselbstverständlichung punktgenau zum Tag der deutschen Einheit auf den Blog gestellt haben werde. Zugleich aber wird mir jeder Satz Schlaf kosten, denn um 4.30 Uhr wird der Wecker klingeln und ich werde mich aufmachen in die Berge, um mittags dort zu stehen, wo es nur noch Licht und Stein um mich gibt. Eine Analyse, das kann ich also vergessen, auch die Suche nach einer literarischen Form spare ich mir, denn gleich ist es Mitternacht.

Es war interessant zu sehen, wo sich an einer Tischrunde – nachdem die Teller mit den pandschabischen Gerichten geleert waren – Brücken bildeten, die niemand hatte vorhersehen können. Wie erst der Junge, der als einziges Kind unter den Erwachsenen trotzdem Freude hatte, das Eis brach, einfach nur, indem er da war und war, was er ist: ein Kind, und ein Lächeln auf die Gesichter der beiden aus Syrien geflüchteten Medizinstudenten zauberte. Wie sich dann etwa die Tierärztin und die beiden Syrer über allgemeine Fachfragen an skurrile Geschichten aus dem Medizineralltag herantasteten und dann vor Begeisterung gar nicht mehr zu bremsen in ihrem Wortwechsel über die Serie „Grey‘s Anatomy“. Der Soziologe und ich schauten uns hilflos an. Wir verstanden nichts. Aber das war es wert.

Die Geschichten wurden immer bizarrer und mir wurde wieder einmal bewusst, in welchem Elfenbeinturm mein Broterwerb sich abspielt. Der Anruf, ob auch Hunde eigentlich eine Morgenlatte haben, gehörte noch zu den harmloseren Anekdoten des Abends.

Die Reste sind im Kühlschrank verstaut, der Rucksack ist noch zu packen. Mitternacht. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Menschen, der an diesem Abend zu Gast war, und vor mir, durch ein paar Stunden Schwärze hindurch, höre ich den Berg rufen.