Überlegungen bei der Durchquerung des Vorlandes

Der Himmel ist blau, notiert er, auf den Wiesen geilt der Löwenzahn, die weißbemäntelten Berge rücken näher. Heute Nacht hatte er noch nach einem Theaterstück in einer Küche der Maxvorstadt Rotwein getrunken und gelacht, jetzt trägt ihn der Zug durch das geschwungene Land der Höhe entgegen. Was für eine Sehnsucht, welche Ergriffenheit der Anblick der Alpen auslöst, das ist eigentlich nicht recht vorstellbar, wenn er daran zurückdenkt, wie wenig – wie verächtlich wenig – ihm dieser in Kindheit und Jugend alltägliche Blick bedeutet hatte. Aber natürlich, damals war er in Abwehr gegenüber allem gewesen. Er kann sich das gar nicht mehr vorstellen, dieses Leben damals, diese Haltung, die natürlich auch viel verbaut hat. Jetzt hat er die Berge vor Augen und denkt sich, hier muss er wieder her, irgendwo in diesem Alpenvorland leben. Ist das schon Altern?, fragt er. Die Landschaft, sie leuchtet.

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Ich stehe vor einem Bücherregal Thomas Mann. Das nächste hat ausschließlich Goethe. So geht es über mehrere Räume, mehrere Fluchten, mehrere Stockwerke weiter. Man wird ganz still in dieser Wohnung. Bis einen das herzliche Lachen der Bewohner wieder aus seiner ehrfürchtigen Scheu reißt.

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„Wo sind sie denn, deine Berge“, spottet sie, als der Vorhang vor den Alpen schon wieder zugezogen ist. „Ich glaube, die gibt es gar nicht.“

Alpen_Alpenblick

„Jazz Baby“

Und Mani Neumeier, Schlagzeuger von Guru Guru, wird auch schon 75. Dass vor dem Pavillon der IG Kultur ein Konzertplakat dieser Kultband des Krautrocks hängt, sagt nicht alles, aber viel über den Veranstaltungsort aus. Für den Bahnreisenden am gefühlten zivilisatorischen Ende Sindelfingens, dort, wo die noch junge S-Bahn-Linie verschämt ein Gleis erhält vor den Schienensträngen des Güterverkehrs, vorbei am Westtor des Mercedes Benz-Werks, da tut sich rechts vom Kreisverkehr freundlich, linkisch, baumgesäumt der Pavillon der IG Kultur auf.

Ein paar Wochen vor dem Guru Guru-Doppelpack (freitags ein Dokumentarfilm zur Band, am Samstag dann das Altherrenkonzert), als noch nicht ein April Ahnungen eines Sommers verschenkte, spielte hier das Alexandra Lehmler Quintett. „Aber wieso liegen denn da Ohrstöpsel an der Kasse?“, fragen die Damen. „Ja, es ist halt Blasmusik, da kann es schon mal lauter werden“, entgegnet der Kassierer. Blasmusik, das ist ein gemütliches Understatement. Alexandra Lehmler war 2014 Jazz-Preisträgerin des Landes Baden-Württemberg, ihr jüngstes Album „Jazz Baby“ ist zwar „teilweise unterhaltsam“, so die Jury (offenbar darf das respektabler Jazz nicht), aber für ihren Ausdruck und die „interessanten“ Kompositionen doch eine Auszeichnung wert.

Eine altlinke Nonchalance regiert im Kulturpavillon. Das schwäbische Kulturbürgertum duzt sich, Cola ist vom Klassenfeind und der Mann hinter der Bar – das graue Haar schulterlang, er wird sie wohl bis zum Tod noch so tragen – sucht etwas hilflos nach den Bierpreisen und weiß nicht, wie viel „Erdnüssle“ kosten. An den Wänden des Foyers hängen farbintensive Fotos von Jazz- und Rockmusikern in Bühnenaction. Ein Althippie kommt aus der Hintertür, irgendwo klirrt ein Glas auf dem Boden, ein Vater ist mit seinen beiden noch vorpubertären Söhnen da. In diesem Alter war ich höchstens auf einem Barockkonzert, aber nicht bei Jazz. Die Jungs sind mindestens so heiter entspannt wie der ganze Rest.

„Sie wissen, wir haben ein geiles Jazzfestival zusammengestellt“, kündigt der Weißhaarige dann das Alexandra Lehmler Quintett an. Und das Konzert tut seinen Teil dazu, wie Alexandra Lehmler (in Schwangerschaftsklamotten) schnell zeigt. Ein Fehler, dass die meisten an Tischen sitzen. Was die Mannheimer Jazzerin (Klarinette, Saxophon) und ihre Band spielen, ist Musik, die bewegt, in Bewegung bringt. Die Songs von „Jazz Baby“ – spürbar gereifter gegenüber ihren früheren Alben (wenn auch mit irritierend im Ungefähren bleibenden Werbetext) – zeichnen sich als ganz warmer, sinnlicher Jazz aus (etwa „Snow in Summer“), ohne anbiedernd oder betulich zu werden. Andere sind rockig, wie das groovige „Unterirdisch“ mit seiner kaum in Zaum gehaltenen Kraft, einer der Höhepunkte des Albums. Bei einem Song reißt es den Tastenspieler bei seinem ekstatischen Synthiespiel vom Hocker, als würde an dem Abend doch eine psychedelische Krautrockband auf der Bühne stehen.

Dann rückt der Kontrabass mit seinem wunderbaren dunklen, gemaserten Braun in den Mittelpunkt. Matthias Debus‘ Solostück wird eine Egosache, fast eine öffentliche Masturbation, wie er seinen Bass klopft und streichelt und kost. Es ist aber auch ein bisschen gemein, dass der Pianospieler während des langen Solos seinen Kopf für ein Nickerchen auf die Arme legt. Dem Publikum gefällt es trotzdem und der anschließende Basslauf in „Superheld“ rechtfertigt jede Eitelkeit, zu der sich Matthias Debus hatte hinreißen lassen.

Später geht es zurück zwischen Asphalt und Gleisen, dann in einem Bus durch die Nacht. Er passiert ein weitläufiges chinesisches Restaurant, große Aquarien mit Goldfischen leuchten durch die Glasfront, keine Gäste vervollständigen die synthetische Szenerie, Geldwäschefantasien und ein Eindruck von Verlorenheit. Das Restaurant bleibt zurück, nur noch Finsternis hinter den Scheiben des Busses und tief drinnen der warme Ton des Saxophons.

Links? Bitte sehr:
Alexandra Lehmler Quintett, „Jazz Baby“
Pressemitteilung zur Preisverleihung 2014
Interessengemeinschaft Kultur Sindelfingen/Böblingen e.V.

Schweifen. Ein Osterspaziergang

Die Ausrede ist schnell gefunden. Am Vorabend war ich schwungvoll in die dunkle Küche und gegen die offene Backofenklappe gerauscht. Weil ich morgens noch ein sachtes Ziehen im Schienbein spüre, entscheide ich mich gegen den strammen Marsch am Limes entlang und für eine kürzere Wanderung. Der größte Vorteil daran ist, sich noch einmal im Bett umdrehen zu dürfen. Der Weg wird schon geduldig warten.

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Hinter Schorndorf dann endlich so etwas wie Landschaft. Bis dahin ist das Remstal – obgleich zwischen Weinhängen und bewaldeten Höhen – zersiedeltes Vorland. In Schorndorf bleibt die S-Bahn zurück, der Regionalexpress fährt tiefer in das Tal, der Ostalb entgegen. In Lorch (nicht zu verwechseln mit dem Ort im Rheingau) wird schließlich das Ränzlein umgehängt. Hier stand einst das südlichste Kastell des Obergermanischen Limes. Der Ort war damit die Spitze des „Limesknies“, denn ostwärts schloss sich der Raetische Limes an. Mein ursprünglicher Plan hätte mich nach Norden geführt, am Kloster Lorch mit der Grablege der Staufer vorbei, und längs des antiken Schutzwalls gegen das freie Germanien, heute ein 550 Kilometer langer Wanderweg durch vier Bundesländer hindurch. Das einmal an einem Stück zu gehen … Aber ich wende mich nach Süden. Hier beginnt der Schwäbische Alb-Oberschwaben-Weg, wer ihn zu Ende geht, steht am Ufer des Bodensees. Es ist ruhig zwischen den dörflichen Häusern, als ich zum Wald hochsteige. Ein Mensch tritt auf die Straße und grüßt.

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Eine gottverlassene Bushaltestelle irgendwo auf einem grünen Hügel, an der Holzwand der Haltestelle ein Konzertplakat von Def Leppard, als wäre seit den 80ern nichts pasiert. Willkommen auf dem Land. Fühlt sich nach Kindheit an.

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Über dem nackten Acker singen Lerchen, in der Siedlung hingegen übertrumpfen Spatzen alle Menschengeräusche. Kein einziges Kraftfahrzeug ist an diesem Feiertag zu hören. Zwischen schmucken alten Häusern stehen neue, sie stören nicht, denn der Ort ist zu klein für die Kolonien öder, gleichförmiger Einfamilienhäuser, die in ihrer Sauberkeit so bedrückend sein können. Der Geruch von Silo liegt in der Luft, Strohballen stapeln sich unter dem Vordach. Es ist noch ein echtes, richtiges Dorf. Auf der anderen Seite dann das Erwachen: ein weiter Golfplatz, der sich links und rechts bis zum Saum des Schurwalds erstreckt.

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An der Kurve steht eine Eiche im Würgegriff des Efeus, dahinter öffnet sich der Blick auf das Paradies. Eine langgestreckte Pferdekoppel mit krummen Apfelbäumen, Gutsgebäude mit Fachwerk, eine Kapelle an der einzigen Kreuzung, gegenüber der Dorfteich mit Bänkchen unterm Baum. Ein Hahn kräht, sonst nur das Tschilpen und Zwitschern der Singvögel. Nur ein Flugzeug, noch im Steigflug vom Stuttgarter Flughafen, stört den himmlischen Frieden.

Schurwald_Wanderung

Der kühle Grund ist gar nicht so kühl. Es rauscht in den Bächen, hier und dort. Das Wasser ist nicht klar, sondern hat einen milchigen Stich. Feucht ist es: Jeder, ausnahmslos jeder Stamm trägt hohe Stulpen aus Moos. Baumstümpfe sind völlig überwuchert, das Wurzelwerk zu haarigen Spinnenbeinen ausgespreizt. Auch manches laublose Gebüsch ist dem Moos erlegen, bis oben hin wie von einem Geschwür bedeckt, nur die höchsten Spitzen ringen noch um Licht und Luft.

Hohenstaufen_Schwäbische Alb

Es gibt ja so Dinge im Leben. Da hatte ich an einer ehrwürdigen schwäbischen Universität (gibt es da mehrere?) Mittelalterliche Geschichte studiert und war noch nie hier auf dem Hausberg des Staufergeschlechts. Der Rundumblick von Hohenstaufen ist phänomenal, die Luft nur zu diesig für ein gutes Foto. Um 1070 hatte der Großvater von Friedrich Barbarossa hier seine Burg errichtet. 1208 fand in ihren Mauern eine griechische Prinzessin einen traurigen Tod. Irene war nach der Ermordung ihres Mannes Philipp von Schwaben, römisch-deutscher König, schwanger nach Hohenstaufen geflohen und starb im Kindbett. „Wo ist denn die Ruine?“, fragt ein Junge mitten zwischen den Mauern.

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Am Eingang des nächsten Waldflurs ein Verbotsschild. „Landwirtschaftlicher Verkehr und Wochenendsgrundstückszufahrt frei“. Was für ein Wort.

Filstal_Bärlauch_Wanderung

Nicht „Ein Männlein stand im Walde“, sondern zwei, drei, vier Menschen stehen zwischen den Buchen in einem grünen Meer. Es ist Bärlauchzeit, der Geruch tränkt den ganzen Hang. Tiefer dann undurchdringliche, reglose Tümpel am Wegesrand. Es sind unheimliche Orte. Ganz anders dann das Haflingergespann, das klingend, klappernd, knarzend entgegenkommt, im Schlepptau der Kutsche ein goldfarbener Hund. Gibt es da nicht ein Buch „Die Deutschen und ihr Wald. Eine Liebesbeziehung“? Aber nein, ich glaube, den Untertitel dichte ich hinzu.

Wald_Wandern_Filstal

Anstrengend immer der abschließende Trott über Asphalt, um den nächsten Bahnhof oder das sonstige Ziel zu erreichen. Alles was ich von dem Städtchen im Filstal sehe, ist reizlos, vom Friedhof vielleicht abgesehen. Wie deprimierend eine Fußgängerzone, architektonisch sowieso bar aller Ästhetik, an einem fast menschenleeren Feiertag sein kann. Ein Schmunzeln, wenn schon keine heißere Regung, entlockt wenigstens das Schild „Erotiklädle“. Der Bahnhof schließlich eine Brache. Er ist das einzig Gute hier, sagte aber jemand, denn dort kommst du weg.

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Später lese ich, die Beine hochgelegt, von Matussek einen der schlechtesten Zeitungsartikel, der mir je untergekommen ist, eine heruntergerotzte, dumme Provokation, die die Zeit nicht wert ist, die es gebraucht hat, sie in die Tasten zu hauen. Lieber schließe ich die Augen und spüre der Sonne auf meinem Gesicht nach und träume von Wald und Wiese oder noch besser von Heideland und Savanne. Wie erfüllend ein Tag sein kann, an dem man kaum etwas anderes macht als durch eine Landschaft zu wandern. Als wäre das unsere ureigentliche Bestimmung.