Dunkle Schokolade, kräftiges Karamell

Katja kauft also Bonbons. Nichts leichter als das, ab in den Supermarkt und … Aber halt, so einfach ist es nicht. Sie kauft sie schließlich nicht für sich, ja, sie kauft sie sogar für jemanden, der ihr praktisch fremd ist. Den sie nur aus ein paar Texten und Kommentaren kennt. Und da wird es kompliziert. Und spannend.

Wie ist wohl dieser Mensch hinter jenen Zeilen? Welche Assoziationen wecken die verschiedenen Bonbons über diesen Menschen – aber auch über das eigene Leben, die eigene Vergangenheit? Und schon sind wir in einer bunten Geschichte aus Erinnerungen und Möglichkeiten. In der sogar, wie magisch gerufen, zum genau rechten Zeitpunkt „ein Mädchen von vielleicht 8 Jahren daherkommt, mit geflochtenen Zöpfen, einer links, einer rechts“ und eine Entscheidung herbeiführt.

Liebe Katja, ganz, ganz herzlichen Dank für das liebenswerte Geschenk und die wunderbare Geschichte. Mit deinem Gespür für Ingwer lagst du übrigens goldrichtig. Und jetzt genieße ich die „Riesen“ – dunkle Schokolade, kräftiges Karamell.

„Über die Schwierigkeiten, für einen fast wildfremden Menschen Bonbons zu kaufen“ – ein wunderschöner Blogartikel von einer, die auszog, um das Fürchten zu verlernen.

Bonbons_GeschenkP.S. Danke auch für die Karte! Sie weckt Erinnerungen an deine schönen Bilder vom Fluss – deinem kleinen Meer -, die ich immer gerne anschaue auf deinem Blog

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Zeilentiger liest Kesselleben – Am 6.3. in Ratzers Plattencafé

6. März 2015 im Ratzer Records Plattencafé:

Stadtstromer Trinkl trifft Zeilentiger / LESUNG

In drei, vier, fünf Zeilen einen Ausschnitt der Welt einfangen, um zu sehen, ob in diesem Ausschnitt nicht vielleicht doch die ganze Welt enthalten ist. Das versucht Stephan Trinkl mit seinen Kürzestgeschichten, seit kurzem unter dem Titel „Superbest“ auch in Buchform erhältlich.

„Zeilentiger liest Kesselleben“, das ist der Blog von Holger Epp: eine Stadterschließung, ein nie abgeschlossener Aneignungsprozess eines Ortes, der sich manchmal sträubt, kontrastiert mit Fluchten in die Welt − Skizzen aus dem Alltag, festgehalten in kurzen und kürzesten Geschichten (www.zeilentiger.wordpress.com).

Zwei Kessel-Chronisten live – am 6.März 2015, ab 20.00 Uhr im Ratzer Records Plattencafé.

Nur zum musikalischen Support ist (Stand heute) noch nicht das letzte Wort gesprochen. Auch dafür wird sich noch eine Lösung finden. Wir freuen uns jedenfalls sehr auf Euch!

Stephans Kürzestgeschichten sind übrigens auch käuflich zu erwerben. Das hübsche orangefarbene Büchlein „Superbest“ aus der Edition Carrera hat die ISBN 978-3-00-047667-9.

Und wer hier aus der Region Ratzers Schallplattencafé noch nicht kennt: Ein Besuch lohnt sich auch außerhalb der Lesung. Unbedingt. Mir war es einer der ersten Orte, die mich in der Kesselstadt haben heimisch fühlen lassen. Das rote Sofa, gute Musik, mit der beste Kaffee überhaupt in ganz Stuttgart, besondere Menschen. Schön, dass es Ratzer Records gibt!

Kehrseite

Das Krachen ist trocken, spröde. Die plattgedrückte Colaflasche wird von dem Auto über die Kreuzung mitgerissen, sie rutscht auf die Gegenfahrbahn, kommt gegen die Steigung der Straße zur Ruhe. Die Motorengeräusche entfernen sich, die Plastikflasche liegt still in der Morgenkühle, waidwund, die Halsränder ausgerissen. Dann kommt ein Fahrzeug den Hang herab, erneut das Krachen, die Flasche schlittert einige Meter über den Asphalt, sofort wird sie vom nächsten Wagen erwischt. Es ist, als würde ein unbarmherziger Schläger nachtreten.

Der Höhenzug auf der anderen Seite des Tales schüttelt die Schatten ab. Glasfronten flammen auf in der Morgensonne. Das Licht wandert tiefer. Alles wartet auf seine Berührung. Ein glänzend weißer LKW bremst an der Ampel ab, seine Aufschrift Lindner & Portugall trägt eine Ahnung von Frühlingshauch und Orangenduft. Es ist Freitagmorgen und die Welt ein Versprechen, eine in Licht gezeichnete Verheißung.

Für den Schwarzen mit der Bierdose sind die Versprechen gebrochen. Er schwankt in der Stadtbahn und lamentiert laut, sehr laut über Europa. Du elender Halbkontinent, deine faulen Verkündungen. Der Mann tritt auf als Prophet des Untergangs, der Hoffnungslosigkeit. Um ihn herum betretenes Schweigens. Die Augen meiden ihn, die maskenhaften Gesichter geben vor, den Betrunkenen nicht wahrzunehmen. Eine wortlose Konvention: Es gibt ihn nicht, da ist niemand. Ich bin keine Ausnahme.

Wieder an der Oberfläche ein Zauber, Zauber, Zauber über allem. Kräfte bündeln sich, Säfte steigen, alles will. Später im Mittagslicht Photonenrausch.

In Somalia, Libyen, Irak reißen am heutigen Tag Terror und Gewalt Aberdutzende Menschen in den Tod. Moskau und Washington ballen wieder einmal die stählerne Faust. Über Stunden bange Blicke nach Brüssel. 4 von 5 Europäern leiden unter Feinstaub. In der Wohnung über mir liegt eine Frau im Sterben.

Die Sonne strahlt den ganzen Tag. In Herrlichkeit.

Schöne Töne

Auf der Feier strich er, angeschlagen vom vorherigen Abend, nach einer halben Stunde wieder die Segel. Als wir uns das nächste Mal wiedersehen, überreicht er mir eine CD mit einem eigenen Album. Bevor ich ihm danken kann, setzt er seinen Satz fort. „Und dein eigentliches Geschenk ist das hier.“ Er hält eine Schallplatte in die Höhe. Damit – mit dieser Scheibe – habe ich ganz und gar nicht gerechnet. „Ich habe sie in den Niederlanden gefunden, es hat etwas gedauert, deswegen konnte ich dir die Platte nicht rechtzeitig geben. Jetzt kannst du die ‚Göttlichen‘ auch zuhause hören.“ Und er überreicht mir die Schallplatte mit den herzensbesten Wünschen.

„Ach, ich habe da noch etwas für dich.“ Wie bitte? Er verschwindet im Nebenraum und kommt mit einem Magazin zurück. „Die neueste Ausgabe des Cicero.“ TsiTSEro betont er es. „Eigentlich ist es das Exemplar für die Ministerin, aber wenn sie es nicht in die Finger kriegt, bekommst du es.“

Ich lasse mich im Musiksessel nieder und stelle das Gläschen Gin in den Lichtkreis auf dem Boden. Teppich, Wände, Decke sind übersät mit diesen Flecken aus Licht. Das Zentrum des Kreises bildet ein längliches Dunkel, gleich der Pupille einer Katze. Als ich die Hand von meinem Getränk zurückziehe, wird das Ginglas zur Pupille. Rund wie die eines Menschen. Sie leckt. Denn das Glas wirft einen Schatten, hinein in die Iris aus Licht. Dann finden wir einen neuen Musikbegriff: „Cold Math“. Das gab es noch nicht als Genrebezeichnung, eine wirkliche Neuerung. „Bravo!“, ruft er. Dabei war meine Leistung nicht mehr gewesen, als einen Resonanzboden zu geben.

Später verschwinden wir ganz in der Musik. Hören uns ein Album – „Coffins on Io“ von Kayo Dot – über Kopfhörer an, jeder für sich und doch gemeinsam, konzentriert, wir sind nur für die Musik, nur Ohr, nicht Mund noch Auge. Nur wenn eine Stelle ganz besonders eindrücklich oder überraschend ist, tauschen wir Gesten der Bewunderung, stumm und von Klang erfüllt.

2015-02-20 00.03.10

Perennial Divide meets Art Teachers

 

Protokoll einer fünften Jahreszeit

Donnerstag – Wir stecken auf Twitter den Rahmen ab

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Blick vom Rathaus auf den Stuttgarter Marktplatz

 

 

 

 

 

 

@zeilentiger: Wird das nicht ein herrlicher Tag? Blick auf den Marktplatz von #Stuttgart.
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@cafehaussitzer: @zeilentiger Kein Karneval, äh, keine Fasnet in Stuttgart?

@zeilentiger: @cafehaussitzer Karneval, Fasnet, Fasching – was war das nochmals? #Stuttgart

Freitag – Ein Exempel auf die Theorie

Auf einer ganz gewöhnlichen Straße an einem ganz gewöhnlichen Werktag laufe ich Darth Vader über den Weg. Ich glaube, er hat eben eine Schlacht gegen die Rebellen verloren, von imperialen Sturmtruppen nämlich keine Spur, seine eigene Rüstung besteht nur noch aus lebenserhaltender Helmmaske und rotem Laserschwert, und er stolpert mit seinen 1,20 m etwas orientierungslos neben seinem Vater her.

Ich wünsche ihm Siege, dem Kleinen.

Samstag – Definitionsleistung

„Prinzessin, nicht Fee“, korrigiert das kleine Mädchen einen älteren Herrn an der Stadtbahnhaltestelle. Fast entschuldigend mischt sich die nicht mehr so junge Mutter der Kleinen ein: „Die können heute auch schon fliegen, die Prinzessinnen.“

Kinder in Faschingsverkleidung fallen auf in der Stuttgarter Bahn. Selbst auf dem Weg in den Stadtteil Bad Cannstatt, wo die kleine Fee, pardon Prinzessin auf dem Weg zum Kinderfasching ist und auch sonst die Fasnachtsuhren wenigstens ein bisschen anders zu ticken scheinen, wie Cannstatt ja in so manchem „nicht Stuttgart“ ist. (Viele Einwohner nehmen der Landeshauptstadt immer noch den ‚Anschluss‘ von 1905 übel. Als Bewohner einer römischen Neckarsiedlung kann man über die flusslose, mittelalterliche Kesselstadt Stuttgart ja wirklich nur lachen, das ähm versteht auch ein Neigschmeckter wie ich natürlich ganz intuitiv.)

Die Bahn fährt ein, ich steige hinter Klein-Marielena und ihrer Mutter ein und schaue nochmals genauer hin: Glitzerröckchen, Schmetterlingsflügel, Feenstab, goldene Krone. Prinzessin, eindeutig … Die beiden jungen Frauen in der Bahn sehen das glasklar. „Ach, die ist auch süß, diese Fee. Prinzessin.“ Stirnrunzeln. „Engel.“

Sonntag – Noch mehr Definitionsleistung

In der spätnächtlichen S-Bahn in den Kessel hinein sitzt ein Häuflein Faschingsfreunde: grüne Insektenfühler auf dem Kopf, weiß-schwarz umschinkte Augen, die ganze Palette der Karnevalsmöglichkeiten eben. Ein Gleichaltriger setzt sich zu ihnen, ein alkoholgeschwängertes Gespräch entspinnt sich.

„Ey, nach Köln oder Bonn müsst ihr, hier im Süden geht doch nichts mit Fasching.“

„Hast du eine Ahnung. Warst du zur Fasnacht schon mal in Oberschwaben?“

„Ja klar, ich komme da her.“

„Und da soll nichts los sein? Wo aus Oberschwaben kommst du denn her, Mann?“

„Aus Vaihingen, da ist gar nichts los.“

Stuttgart-Vaihingen – das klärt natürlich einiges. München-Perlach liegt ja schließlich auch in den Alpen.

Montag, Dienstag – Versuch eines Ausblicks

Wie, und das war es schon? Diese schwachen Geschichtchen zur Fasnet? Ja. Tut mir leid. Während Teile der Republik im Rausch der fünften Jahreszeit brennen, bietet die Kesselstadt zum Thema halt nicht sehr viel mehr. Da werden auch Rosenmontag und Fastnachtsdienstag aller Stuttgarter Umzüge zum Trotz nichts ändern. Das höchste der Gefühle wird vielleicht am Dienstag der Anruf eines vor Jahren emeritierten Professors aus der Karnevalshochburg Trier sein. „Ach, Sie arbeiten heute auch?“, wird der gebürtige Berliner Preuße süffisant und weltzufrieden durchs Telefon quetschen. Ja, ich arbeite auch. Die Zeiten, als ich mir an Fasching eine Kochmütze überzog und mit einem Rührlöffel in der Hand bei den Nachbarn klingelte, um für ein paar Bonbons das Gedicht vom Mops aufzusagen, sind wirklich vorbei.

Standardabweichung

Erkältungsbedingter Rückzug auf ein Sprichwort. In der Kürze liegt die Würze.

Zwei haben die Zeitung aufgeschlagen. Eine liest in einem Printbuch. Einer hat Ohrstöpsel im Ohr. Zwei schauen aufs Smartphone. Drei blicken ins Leere.

Dann steigt eine Zeitung aus und ein Smartphone kommt hinzu und die Welt ist wieder halbwegs im Lot.

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.