Abwege?

اين ببر است؟

Und schon kann ich auf Farsi fragen: „Ist das ein Tiger?“ So viel zum Thema nützliche Fragen. Obwohl, für mich eigentlich schon.

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Der Plan war beim Kaffee beschlossen: Eine Stunde lang gehe ich in einem strikten Rechts-links-Rhythmus durch die Straßen. Bei einem zugrundegelegten Quadratmuster hätte ich mein Ziel in Stuttgart-Nord, vielleicht am Killesberg, erwartet. Es dauerte recht genau eine halbe Stunde, bis ich zum ersten Mal eine Straße betrat, in der ich noch nie gewesen war. Meine Route aber führte mich da schon längst ganz woanders hin als vermutet, denn die Auswirkung diagonaler Straßenverläufe hatte ich gründlich unterschätzt. Und so lande ich am Ende im Heslacher Wald, kurz vor der Heidenklinge – tief im Stuttgarter Süden statt im Norden.

Merke: Nicht auf die klaren Entscheidungen kommt es letztlich an, sondern auf die schiefen, schrägen, gewundenen Wege, die wir gehen.

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Wege, die sich öffnen. (Handyfoto – nicht zum Vergrößern geeignet.)

Filderstraße 75 – Architekturfotografie und die Häutungen des Lebens

Am Ende eines langgestreckten, hellen Raumes sitzt er an einem Schreibtisch, ein hochgewachsener Mann mit leichter Goldrandbrille und grauem Millimeterhaarschnitt. Ein Blick in das schmale Gesicht zeigt, der da muss ein kluger und gebildeter Mensch sein, doch zugleich ein Mann der Tat. Kein Professor der Philosophie, sagen wir einmal, eher noch Oberarzt in Freizeitklamotten. Ich grüße durch den lichten Raum, er kommt mir entgegen, die Finger an den Gläsern. „Ich habe die Lesebrille auf, da muss ich erst mal näher treten, um zu sehen, wer das ist“, erklärt er. Ich stelle mich vor, mein Name sagt ihm erst einmal nichts, obwohl er mir erst vor ein paar Tagen aus eigener Initiative geschrieben hat, bei meinem Blognamen weiß er mich dann einzuordnen. „Freut mich, dass du kommst. Und ein schönes Hemd, Mensch!“, sagt er und fasst den Saum meines roten Karohemdes.

Ich stehe in der Fotogalerie f75, nur ein paar Schritte weg vom zentralen Marienplatz – man sieht ihn sogar von der Tür der Galerie aus – und doch fast versteckt in einem Hinterhof. Nach links und rechts ziehen sich die Rückseiten der Gründerzeithäuser fünf Stockwerke oder so in den Himmel, die Galerie liegt hinter einer einladenden Glasfront gegenüber der Hofeinfahrt. Vor einigen Jahren war sie noch eine heruntergekommene Töpferei. Dann erwarb Wilfried Dechau den Raum. Zuerst hatte er nur an das Hinterzimmer (ein enger Doppelgang um deckenhohe Archivschränke, vorne eine winzige Küche, Dutzende Gläser für Vernissagen, hinten in Pappe die großformatigen Bildabzüge, Bücher, Zeitschriften, Lichtbilder) als trockenen Stauraum gedacht, am Ende hatte er eine Galerie. „Ein teures Hobby“, erläutert er.

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Revier im Untergrund – Johannes Marburg: BodenHaltung (zum Vergrößern bitte klicken)

Seit dem 13. März sind in der Galerie f75 Werke des Architekturfotografen Johannes Marburg zu sehen: Marburg hatte den Auftrag, die Mensa der Uni Würzburg – 1978 von Alexander von Branca errichtet und nun sanierungsbedürftig – vor dem Umbau fotografisch zu dokumentieren. Unter Fluchten von Rohrsystemen, zwischen labyrinthischen Abluftkanälen stieß Marburg auf kleine Rückzugsorte von Mitarbeitern der Mensa. Sie inspirierten den Fotografen am Rande seiner Auftragsarbeit zu seiner Serie „Das Würzburger Zimmer“: Inseln in einem lebensfeindlich wirkenden Areal, Unterweltaufnahmen, die an die Morlocks aus H.G. Wells „Zeitmaschine“ erinnern und auf den zweiten Blick neben Stereotypen mit unerwarteten Details aufwarten.

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Suchbild mit Tiger – Johannes Marburg: Gewusst wie (zum Vergrößern bitte klicken)

Galerist Wilfried Dechau ist selbst Architekturfotograf. Er hatte einst Architektur studiert, wechselte nach ein paar Jahren an einem Lehrstuhl für Baukonstruktion und Industriebau dann ins Verlagswesen und war lange Chefredakteur einer bekannten Architekturzeitschrift, die damals noch bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart zuhause war. Dann hatte ihm das Leben in die Hacken getreten, wie er es nennt, und er hatte sich selbständig gemacht in einem Alter, in dem manche im Geiste bereits in der nahen Rente dahindämmern. Aus seinen Fotografieprojekten sind zahlreiche Buchpublikationen entstanden, so zuletzt 2013 „Baakenhafenbrücke Hamburg – Fotografisches Tagebuch“ oder 2009 – und mit einer größeren Relevanz als je zuvor – der anregende Band „Moscheen in Deutschland“. In der Stuttgarter Weißenhofgalerie wird Wilfried Dechau demnächst mit Aufnahmen zu „So-da-Brücken“ zu sehen sein, Brücken, die (wegen eines zeitweiligen oder dauerhaften Baustopps) im Nichts enden – funktionslos einfach so da sind.

Betreten habe ich die Galerie f75 aus einer verhaltenen Neugier heraus. Und schließlich wird der Besuch viel mehr als eine Bildbetrachtung oder eine Ortsbesichtigung. Wilfried Dechau scheut das Gespräch nicht, er gibt spannende Einblicke in die Verlagswelt und in Zeitschriftenredaktionen, in Kunstausstellungen und Fotoprojekte und nicht zuletzt in das Leben selbst. Und fragt zurück. Am Ende tauschen wir uns über die Häutungen des Lebens aus. „Gut, in meinem Alter fängt man nichts völlig Neues mehr an“, meint Wilfried Dechau. Er ist 70 Jahre alt und doch: „nichts völlig Neues“, das zeigt doch zugleich den Mut, wäre es angebracht, etwas zumindest irgendwie Neues zu beginnen. Als ich gehe, nehme ich etwas mit aus der Galerie, im Herzen und im Kopf.

Die Eröffnung zu „Johannes Marburg | Das Würzburger Zimmer“ am 13. März hatte ich verpasst. Am 2. April geht die Ausstellung bereits wieder zu Ende – Baumaßnahmen an der Rückwand des Gebäudes machen es notwendig. Donnerstag diese Woche ist also die letzte Gelegenheit, die Fotografien von Johannes Marburg in der Galerie f75 zu sehen. Auf die nächste Ausstellungseröffnung in der f75 freue ich mich.

Schau mir in die Augen

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Kann man diesen Augen widerstehen? Kaum. Wer den kleinen Elefanten erwerben möchte, kann das zum Beispiel im Geschäft „Wunderschöne Dinge“ an der Ecke Römerstraße/Liststraße im Lehenviertel (Stuttgart-Süd) tun. Und mich eine Ecke weiter auf einen Kaffee rausklingeln.

(Das war #swch 5/5. Keine Nominierung.)

„Ich trau mich nicht auf die Straße“

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Aber nicht doch, kleines Haus, du musst dich nicht hinter deinen Geschwistern verstecken.

Das – in Wahrheit sehr blaue – Haus in der Tübinger Straße ist das vierte von fünf Fotos der Schwarzweiß-Challenge (#swch). Richtig, ich habe mich nicht verzählt. Nr. 3 gibt es nur auf Twitter.

Weil der Journalist und Blogger Wolfgang Weitzdörfer das Modewort „Challenge“ genauso entsetzlich findet wie ich und gegenüber Kettenbriefaktionen mindestens so skeptisch ist, aber seine Prinzipien offenbar entschiedener lebt als ich, hier ein Vorschlag zur Güte: Lieber Wolfgang, magst du die Herausforderung annehmen, ein, nur ein Schwarzweißfoto zu posten? Bua, komm, sei net so – Gott vergelt’s.

Hinterhoffluchten

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Blick aus der Falbenhennenstraße im Heusteigviertel (Klick macht groß)

Es geht ja wieder etwas um zur Zeit: #swch. Klassische Symptome: fünf Tage lang ein Schwarzweißfoto posten. Ich hatte mich als Wort- und nicht Bildbastler in Sicherheit gewiegt, doch diese Hoffnung war trügerisch. Angesteckt hat mich Katja vom Blog Gedankensprünge. Danke dafür. Ob der Virus als nächstes Mojo from the Blog erwischen wird? Der wohnt schließlich nur einen Block entfernt. Gefährlich nah.

Flat White am Marienplatz

Wenn man in den Armen der nächsten Sommergrippe aufwacht, bekommt der Tag etwas Zweifelhaftes. Ist man dabei noch munter genug, zu einem sonnigen Café zu stolpern, um dort einen erstklassigen Kaffee zu genießen, vielleicht einen hausgemachten Brownie dazu, sieht das schon wieder etwas anders aus.

Der August, dieser kühle, nasse, wolkige Irrtum, der nachts Zehen Trost an Wärmflaschen suchen ließ, dieser Herbst von einem August hatte der Wohlfühlzone am Marienplatz neue Räume eröffnet. Zwei Türen neben dem wohlvertrauten Café Kaiserbau hatte das Condesa, Café & Bar, eröffnet. Als Zwischennutzung vorerst, wo im letzten Jahr noch eine Bierkaschemme ihre Heimat hatte. Auch das ist wohl Gentrifizierung.

Es ist alles sehr schlicht, sehr einfach im Selbstbedienungscafé Condesa. Natürlich, schon die ungewisse Zukunft legt den zweideutigen Charme des Verzichts nahe. Drinnen kahle Holzplatten und Lampenschirme aus angeschlagenem Metall, rissige Brettertische und wippende Holzbänke draußen. Und eine Karte, die so überschaubar wie exklusiv ist. Modegetränke wie ein Flat White (ein Cappuccino mit weniger stark aufgeschäumter Milch) allein definieren nicht Güte, aber die Bohne tut‘s: Die sizilianische Röstung Ionia aus der kleinen La Marzocco-Maschine ergibt einen hervorragenden Espresso.

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Zwischennutzung mit Vogeldreck, Koffeinspiegelerhöhung und Retrolektüre.

Das ist dann doch ein Argument, sich mitten in diese Hipsterzone zu setzen. An manchen Tagen kann man es spüren wie eine unsichtbare Wand und diese Nichtblicke: Du bist uncool, du gehörst nicht dazu. Das kann man getrost ignorieren, denn Hipster beißen nicht und das Team ist meistens frisch und motiviert genug, eine Antwort mit einem Lächeln zu verzieren  − und verzichtet auf die Ich-habe-keinen-Schimmer-und-es-interessiert-mich-auch-nicht-Haltung, die zumindest manche im Café Kaiserbau gegenüber den Gästen zur Schau stellen.

Und nur kurz nach dem Condesa hatte − endlich − auch die Pizzeria L.A. Signorina eröffnet. Damit hat das expandierende Café Kaiserbau Flankenunterstützung gleich von beiden Seiten: auf der einen mit der Gelateria, die (bis zur Erbringung des Gegenbeweises) eine der beiden besten und zugleich teuersten Eisdielen Stuttgarts ist, auf der anderen die neue Pizzeria. Bierbänke und -tische in Gelb, Orange und Hellgrün sprenkeln den Vorplatz bunt, ein Maler streicht noch den Türrahmen, während der Steinofen längst in Betrieb ist, das Interieur ist einfach gehalten.

Die Pizza hat einen unfassbar luftigen, leichten und zugleich knusprigen Teig, ganz phänomenal − und schmeckt ansonsten sehr langweilig. Die Verwendung von Salz scheint strengstens verboten zu sein, die Mozzarellascheiben bilden verwaschene Ovale auf der Pizza, der Belag der Margherita (die doch eigentlich allen Pizzagenuss im Kern bereits beinhalten sollte) ist ein geschmackliches Nichts. Vorschnell geurteilt? Andere loben die Pizza in den Himmel? (Ja, tun sie wirklich.) Von wegen, ein zweiter Versuch bestätigt das erste Urteil. Dieses Mal eine Pizza aus der Familie bianca, die Zutaten der „Rodeo“ klingen nach Geschmack, nach frischer Würze, nach Genuss. Und ist dann ungefähr so aufregend wie ein Ritt auf einem toten Esel.

Noch ein Cortado am Condesa. Der Morgen sinkt dahin, der Marienplatz füllt sich. Ein Schlacks in hautenger schwarzer Lederhose und Blümchenweste über dem nackten tätowierten Oberkörper eilt vorüber. Mit einer effiminierten Handbewegung wischt er sich über den kahlgeschorenen Kopf. Mich wundert, dass er nicht barfuß läuft. Hinter ihm passieren zwei muskelbepackte Radfahrer mit schweren amerikanischen Zungen die Glascontainer und bremsen vor dem Bike Sport, einem soliden Fahrradladen, der die Genusszeile am Marienplatz zur stetig rauschenden Hauptstätter Straße (einst der Weg zum Richtplatz) abschließt, so wie es die Filiale der BW Bank auf der anderen Seite zur Tübinger Straße hin tut, dort wo ich den ersten Notruf meines Lebens abgegeben hatte, merkwürdigerweise nur wenige Tage nach meinem ersten Anruf bei der Polizei wegen dieser Koffersache da.

Gegenüber, an der niedrigen Steinmauer zum eigentlichen Marienplatz, sitzen wie immer die Verlorenen, nein, es sind keine Penner, es hat keine zerschlissenen Klamotten, aber die Bierflasche schon morgens am gezeichneten Gesicht und immer den obligatorischen schwarzen Hund zu Füßen. Hinter ihnen ruckelt der gelbe Wagen der Zacke an, die Zahnradbahn arbeitet sich den Berg nach Degerloch empor, die Wolken fressen die Sonne und spucken sie wieder aus.

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Die hausgemachte Limonade ist ausgetrunken.

Die beiden Studentinnen neben mir unterhalten sich mit erstaunlichen Nichtigkeiten auf beste Weise. Auf den Hinweis ihres Begleiters, der Tee sei aus, antwortet eine Frau „Wie kann das bitte sein, der Tee ist aus. Kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn?“ und ich verkneife mir eine dumme Bemerkung. Ein Ball trifft ein Rad, das an das Eisenrund um eine sich schon bräunende Kastanie gebunden ist. Er bringt das Fahrrad in Bewegung, es weicht zurück, legt sich schief, soviel Spielraum lässt die Absperrkette zu. Ich fürchte einen Sturz, aber der Lenker auf dem Eisenrund fängt es ab. Und ein Junge kommt grinsend dem Ball hinterher, der es irgendwie über das viele Meter hohe Metallgitter des harten, kleinen Sportplatzes geschafft hatte.

Ich fühle mich besser und will verharren, um den Körper weiter träumen zu lassen, aber es zieht mich weiter. Und so gehe ich über den Platz, an den Seelenfängern und Unterschriftenschindern vorbei, dorthin wo die Treppen hinabführen zur Stadtbahn, das, was sich in der Kesselstadt großspurig U-Bahn nennt − zu stark für eine Straßenbahn, zu schwach für eine Metro, hier unter die Erde gelegt, dort auf offener Straße, ein Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, wie der Himmel, wie mein Kopf.

Nachtrag November: Manchmal sollte man eine dritte Chance einräumen. Und siehe da, die Pizza mit Süßkartoffeln, Chorizos und Orangenöl war schlicht fantastisch und nicht einmal das Salz hat gefehlt. Was soll ich sagen: Ich freue mich auf den nächsten Besuch.