Der Kadaver – Eine Albüberquerung kurz vor Sonnwend (Teil 2)

Auf dem Land kannst du morgens nicht mal deinen Kaffee in Ruhe trinken, ohne über den Grexit diskutieren zu müssen. Manchmal ist die Anonymität der großen Stadt eben doch praktisch. Für den ersten Kaffee in Ruhe zumindest.

Am Stadtrand werden die Trampeltiere des Cirkus Kaiser gefüttert. Ein Mann kippt eine Schubkarre voll Heu auf die Wiese. Eine Frau öffnet die Heckklappe eines Autos. Sonst ist es still. Die Wohnwagen der Zirkustruppe liegen noch schläfrig in der Morgensonne. Ein paar Hundert Meter weiter führt an der Laichinger Tiefenhöhle und dem Kletterwald vorbei ein Trampelpfad durch Brennnesseln und Unterholz. Der Tau auf den Zweigen netzt Schienbeine und T-Shirt. Wälder wechseln hier oben auf der Alb mit Ackerland und hohen Wiesen, der Horizont ist abgesteckt von Strommasten der Überlandleitungen oder fernen Baukränen. Kirchtürme hingegen haben als Landmarken ausgesorgt. In der Horizontalen zerschneiden Bundesstraßen das Land.

Laichingen_Schwäbische Alb_Wandern_HW 7

Auf der Hochebene

Hinter dem Albhof, einem Reiterstall und Flachdachrestaurant, versteckt sich in der Eichhalde eine Kolonie von Hütten und Häuschen, als wüssten sie, wie wenig sie hierher passen. Es geht tiefer in den Wald. Die Straßengeräusche werden, endlich, zur bloßen Ahnung, verlieren sich schließlich ganz. Nur eine Schafsherde blökt unsichtbar vom Waldsaum her oder ein Flugzeug brummt im Blau, sonst nichts als Vogelsang. Als der Weg wieder auf die Felder führt, übernehmen die Insekten das Konzert: Grillen, Schwebfliegen, Hummeln. Die Schwäbische Alb verändert hier ihr Gesicht, wird zumindest ein kurzes Stück des Weges zu der Parklandschaft, als die sie bekannt ist und durch die Schafzucht einst geworden war. Vereinzelte krüppelige Kiefern, hohes bräunliches Gras, vielleicht ein paar Steine oder Felsen, die aus den zergliederten Hängen schauen. War der Morgen noch ganz sonnig, bringt der Westwind Wattebäusche.

Gleich hinter der Sontheimer Höhle, der dritten begehbaren Höhle, die ich seit dem Albaufstieg passiere (und alle ein paar Wochen später besichtigen werde), geht es in ein tief eingeschnittenes Tal hinab. Sehr einsam wirkt es, ein Eichelhäher fliegt über Felsen auf, doch der gut ausgebaute Untergrund und die Pferdeäpfel strafen der Entrücktheit Lüge. Schon nach ein paar Hundert Metern verlässt der HW 7 wieder das Tal, in einem spitzen Winkel führt ein Waldweg wieder auf die Höhe (geradeaus ginge es nach Blaubeuren mit seiner einstigen Klosterschule, durch die so viele Dichter und Denker Altwürttembergs gegangen waren). Der Aufstieg ist in erster Linie eine Vermeidung, auf die zahllosen orangebraunen Nacktschnecken zu treten. Der Himmel über den Feldern ist bereits grau.

Schwäbische Alb_Schnecke_Tod

Kreisläufe

Als ich die offene Hochfläche fast durchquert habe, schlägt irgendwo ein Hund an. Ich blicke zurück über die einsamen Äcker hinüber zum Wald, aus dem ich gekommen war. Eine infantile Fantasie bemächtigt sich meiner. Einmal angenommen, der Hund wäre auf meine Fährte angesetzt, würde ich es rennend, stolpernd, taumelnd bis zum nächsten Waldrand schaffen, bevor mich die Bestie erreichte? Es ist ein bisschen ein Bild aus „Der Hund von Baskerville“, auch wenn das nächtliche Dartmoor zugegebenermaßen eine überzeugendere Kulisse abgibt für eine solche Geschichte als diese Landschaft der Schwäbischen Alb an einem Sommervormittag. Ins Dartmoor habe ich es ja bisher nie geschafft, einmal vor vielen Jahren – ich erschrecke, wie lange das her ist – standen wir in Ivybridge, dem Tor zum Dartmoor in strömendem Regen. An dem winzigen Bahnhof, nicht größer als das dreiwändige Häuschen einer Bushaltestelle, rollten wir unsere Schlafsäcke aus. Als es am nächsten Morgen immer noch goss, machten wir mit dem nächsten Zug kehrt: eine Kapitulation vor der Witterung. (So ganz anders mein Besuch des Exmoors viele Jahre später, der zu meinen schönsten Wanderungen überhaupt wurde.)

Kein Hund war hinter mir her, ich erreichte den nächsten Waldrand sicher. Die Spuren der Menschen sind in dieser Landschaft allgegenwärtig. Bienenkästen am Wegesrand; detaillierte Ausschilderungen an den Wegkreuzungen; dann ein Schuppen mit Bauholz und einem Lieferwagen ohne Kennzeichen. Eine kleine Lichtung mit Forsthaus öffnet sich, auf der Wiese zwei Holzgestelle, die ich im ersten Moment für Schaukelgerüste halte. Aber sie sind zu niedrig und Ringe und Haken für Schaukeln gibt es nicht, dafür große, rostige Nägel im Querholz. Ich vermute, es dient zum Aufhängen des erlegten Wildes. Durch die Scheiben des Forsthauses erspähe ich die Einrichtung, sein Inneres ist möbliert. Fenster zu unbewohnten, besser unbelebten Gebäuden haben oft etwas Trostloses, um nicht zu sagen Unheimliches. Eben will ich von einem Geisterwald – so viele menschliche Spuren, aber nirgendwo ein Mensch – denken, da sehe ich am Wegesrand zwei PKWs, die offene Heckklappe lässt den Blick frei auf Forstarbeiterhelme, in einem Holzwagen sitzen zwei Männer, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, sie besprechen den Tag. Ich rufe ein „Servus“ hinüber, wie zu erwarten kommt nichts zurück.

An einer Fünferkreuzung – welch verwirrende Vielfalt, aber auch welche Möglichkeiten – mache ich auf einem Holzstapel Rast für meine Notizen. Ein Hochsitz hat die lange, gemähte Lichtung im Blick, die Vögel schmettern von den Bäumen, Schwebfliegen observieren meine Knie, bevor sie mit ihren unmöglich eckigen Bewegungen abdrehen.

Schwäbische Alb_Wandern_Wald_Kreuzung

Welchen Weg wählen?

Und dann – ein Mensch. Ein Mensch mit Rucksack wie ich (wenn auch etwas größerem) vor mir auf dem Feldweg. Ein Mensch, den ich nie gesehen hätte, wäre ich nicht nach meiner Pause an jener Fünferkreuzung just den falschen Weg gegangen und nach zwei Kilometern wieder umgedreht, denn sonst wäre dieser Mensch immer hinter mir geblieben.
Ich hole auf. Der Mann, um einen wird es sich handeln, erkenne ich nun, hat breite Schultern, ein kräftiges Kreuz, aber keinen leichten Gang. Sein Schritt ist sperrig, vielleicht plagt ihn eine Blase an den Füßen, auch das Gepäck scheint zu zwicken. Immer wieder fummelt er an seinem Rucksack. Als ich noch 20 oder 30 Schritt entfernt bin und mir bereits Strategien überlege, wie ich am besten bemerkbar mache – durch ein lautes Auftreten, ein Räuspern, irgendein Geräusch – nimmt er mich wahr. Der Mann bleibt stehen, greift nach der Wasserflasche, trinkt halb abgewandt, als wolle er sich unsichtbar machen. Auf seiner Höhe angekommen, bleibe ich trotzdem stehen und grüße. Der Wanderer hat lichtes, kurz geschorenes Haar, seine Brille ist schwarz umrandet, der rostrote Kinnbart gezwirbelt, am Handgelenk prangt ein keltisches Tattoo, zwischen dem Gepäck erkenne ich den Horngriff eines Messers. Der Mann ist jung, wir sind beide auf der Piste, also duze ich ihn. Er siezt mich zurück. Offenbar habe ich ein Problem mit der Selbstwahrnehmung meines Alters. Der junge Mann hat denselben Weg wie ich, stellt sich heraus, er aber wird bis zum Bodensee wandern, was ich – bestenfalls – im Juli nachholen werde. Wie ist das, wenn zwei auf einem so einsamen Weg die gleiche Strecke gehen? Nein, dieser da würde nicht wollen, dass wir bis zum nächsten Dorf unser Tempo einander anpassen. Er hatte nur angehalten, um mich passieren zu lassen. Ich wünsche ihm viel Erfolg und schreite weiter aus.

Schwäbische Alb_Biosphärengebiet_Honig_Imker

Was Gutes

Das nächste Dörfchen Justingen zeigt exemplarisch die Schizophrenie der Albdörfer. Schmuck und zeitenthoben ländlich begrüßt es auf der einen Seite, wird dann zur toten Schlafsiedlung: alles sauber, alles ordentlich, sogar modern, aber kein Leben in den Neubauhäusern, keine Menschen, keine Tiere, selbst die Gartenpflanzen weichen immer mehr Säulen und Wänden aus in Metallgittern geschichteten Bruchsteinen.

Auf einem Feldweg hinter dem Sportplatz kommen mir zwei Füchse entgegen – Mutter und Kind, so nehme ich zumindest an. Denn ein Tier verschwindet sofort im Acker, das zweite erstarrt, schaut mir entgegen, gibt ein ängstliches Bellen von sich und taucht erst dann ebenfalls im Getreide unter. Als ich mich später umdrehe, kommt das Tier eben wieder auf den Weg zurück, sieht mich zurückblickend und ist schon wieder weg.

Der Waldweg führt nun recht bald hinab ins Tal der Schmiech. In einem feuchten Buchenwald biege ich ab auf einen schmalen Pfad und betrete, ohne es gleich zu bemerken, ein Zauberreich, die Anderswelt. Felsen und Bäume sind von Moos regelrecht überwuchert, die Hänge von grünem Kraut bewachsen. Der Weg, auf dem ich gehe, wird in der Regenzeit nichts als ein Bachbett sein. Es sieht aus, als wäre hier immer Regenzeit, als hätte ich ein winziges Zeitfenster erwischt, in dem ein Sterblicher es wagen darf, dieses Land zu passieren. Die Steine unter meinen Stiefeln schimmern nass. Dort, wo sie sich mir nicht scharfkantig entgegenstellen, sind sie glitschig. In dem grünen Dämmerlicht, begleitet von mir unbekannten Vogelrufen, steige ich immer tiefer hinab in die Felsenschlucht. Eine Kröte hüpft ins Gesträuch, vielleicht ist sie in Wahrheit die smaragdfarbene Königin dieses Reiches.

Der traumhafte Weg mündet – hinein in eine schlecht einsehbare Haarnadelkurve, über deren Asphalt sich der Fußgänger die letzten Meter ins Dorf hinab bewegen muss. Hütten gleicht einem verwunschenen Dorf von der lieblichen (nicht alptraumhaften) Sorte in einem geschwungenen Tal, in dem man unweigerlich einen Fluss erwartet und nur einen Bach findet. Über der Siedlung thront hell der Uhufelsen, darunter eine Barockkapelle und eine  Christusstatue. Der überlebensgroße Gute Hirte blickt auf seine Schützlinge im Tal hinab. Wahrscheinlich hat er sie alle im Blick. Nahe der Kreuzung liegen sich zwei Gaststätten fast gegenüber, beide haben – zur Mittagszeit – geschlossen. Ich muss mich mit einer schon verdächtig schmeckenden, gekochten Kartoffel und ein paar Nüssen aus meinem Rucksack begnügen, dazu ein paar Schluck Wasser aus der Flasche. Offizielles Etappenziel des HW 7, würde ich Hütten gleich wieder hinter mir lassen. 13 Kilometer sind es noch bis zu meinem Ziel, entnehme ich stirnrunzelnd einem Wegweiser.

Schwäbische Alb_Hütten_Schelklingen

Hütten unter Wolken

Also mache ich mich auf, über die Schmiech – sie fließt rasch und klar -, an einer frisch geschnittenen Hecke vorbei, vor der eine Katze geduldig auf der Straße sitzt und den beiden älteren Männern zu lauschen scheint. Ein Bummelzug pfeift beim Übergang über die Brücke. Hühner, Schafe, Katzen, Ziegen, Pferde, Gänse – allen begegne ich auf dem kurzen Stück an der Schmiech entlang, bevor es rechts hinein in ein langes, langes Tal (nicht umsonst heißt es Tiefental, allerdings ein häufiger Name in dieser Gegend) geht, auf einem Weg, der stetig und leicht ansteigt. Meine Mahlzeit war nicht üppig, merke ich, nach 20 Kilometern hinter mir und weiteren zehn vor mir. Im Trott beginnt sich meine Wahrnehmung zu verengen und der Körper sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: gehen.

Den Kadaver bemerke ich daher erst, als ich neben ihm stehe. Ich sehe ihn nicht, ich rieche ihn nicht einmal als Erstes, sondern ich höre ihn: höre das Summen unzähliger aufgestörter Fliegen. Da liegt ein totes Reh am Wegrand. Seine Augen sind längst leere, dunkle Höhlen, der Mundbereich schwarz und eingefallen und gewiss schon angefressen. Nun erst rieche ich die Fäulnis, ich ziehe die Luft flach durch den Mund ein, um nicht würgen zu müssen. Es sieht aus, als wäre dem Tier die Decke abgezogen worden: an den Füßen hängt noch Fell, der Rest des Körpers aber ist eine haarlose, gedunsene Fläche in dieser Palette von Verwesungsfarben, für die ich keine Worte finde. Am hinteren Rücken hat das Tier eine Verletzung. Ich gehe nicht näher, um diese Wunde zu inspizieren, ich mache nur einen einzigen Schritt für ein besseres Foto. Dann spucke ich aus, um den Leichengeruch an meinem Gaumen loszuwerden und setze meinen Weg fort.

Zwischen Grötzingen und Ennahofen, mitten in den Lutherischen Bergen (die Region ist – wie so oft auf Geheiß eines einstigen Landesherrn – protestantisch zwischen katholischen Nachbarn), sehe ich das erste Mal Oberschwaben unter mir ausgebreitet. Die Ferne verschwimmt in Dunst. Bei klarem Wetter wird man von hier die Alpen sehen können. Auf einer Bank strecke ich die müde werdenden Beine für ein paar Minuten aus, bevor ich mich weiter auf den Weg mache, nach Süden ins Tal hinein, nach Weilersteußlingen hinauf, wieder hinab.

Schwäbische Alb_Wandern_HW 7_Getreide

Korn in den Lutherischen Bergen

Hier, auf dieser Bank in den Lutherischen Bergen, brechen meine Reisenotizen ab.

Die Geschichte aber geht weiter. Sie wird zu einem Traum, einem unangenehmen Traum, dem ich erst knapp 24 Stunden später entkommen sein werde.

(Fortsetzung folgt.)

Im sinkenden Licht

„Was hast du heute vor?“, fragte ich morgens den Achtzigjährigen. „Durch die Sonne radeln – dazu brauche ich kein Ziel und keinen Plan.“

Über die Wiesen sind ein paar Menschen verteilt, über den Himmel ein paar Wolken. Sein Hellblau erinnert mich an den Norden. Ist das logisch? Die niedrig stehende Sonne, ja, das käme wohl hin. Es bräuchte aber sicher mehr, um diesem Himmel gerecht zu werden. Der Hochsommer jedenfalls ist vorbei, das ist offensichtlich. Das Licht altert, reift, die Bäume wollen nichts mehr – nicht strotzen, nicht mit Macht sich in den Himmel strecken und recken , ihnen genügt es, zu sein im sinkenden Licht. Er ist ruhig geworden, der Sommer.

Ich nehme mir ein Beispiel und ziehe auf dem Rad durch den Spätsommertag, ein Lied von Buena Vista Social Club auf den Lippen – süßes Leben um den Stachel der Vergänglichkeit.

Bodensee_Sommer_Sturm

Als der Sommer noch Glut hatte (am Bodensee)

Strömungen

Grenzstein 147

Der Sommer treibt mich hinaus aus dem Kesselleben. Ich steige in die erste Bahn des Tages und erreiche nach vier Stunden mit dem Bummelzug Oberstdorf. Nach einem zweiten Kaffee steige ich aufs Rad um und fahre weiter nach Süden, immer tiefer in das Tal hinein. An der Schwarzen Hütte binde ich meinen Drahtesel an und gehe zu Fuß weiter, nach Süden immer noch. Am frühen Mittag stehe ich dann oben, dort wo Bayern, Vorarlberg und Tirol einander treffen. Am Grenzstein 147, dem südlichsten Flecken Deutschlands. Alle Last habe ich hinter mir gelassen, in der Kesselstadt, den Wegen, dem Tal.

Das war ein Tag zum Zugrundegehen oder auch ein Tag zum Zugrunderichten (Thomas Bernhard hätte diesen Satz über eine ganze Seite zu bringen gewusst). Nichts wäre willkommener gewesen, als auszuschreiten und Trümmer hinter mir zu lassen.

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Der Himmel über dem Biberkopf

Eine Bemessung der Zeit

In islamischen Ländern wandert der Ruf des Muezzins, er springt mit dem Lauf der Gestirne von Dorf zu Dorf. „Auf, ihr Leute, auf zum Gebet!“ Hier auf dem Land sind es die Feuerwehrsirenen, die Samstagmittag aufheulen, wie um zu sagen, Achtung, es könnte Schreckliches passieren, Fürchterliches, seid euch dessen immer bewusst, aber wir sind da, wir sind auf der Hut. Dreimal jagt die Sirene ihren schrillen Warnruf in die Höhe, und wenn ihr letzter Ton abklingt, hört man einen Hügel weiter schon die nächste sich erheben.

50 Shades of Grey, das ist auch der Blick aus dem abendlich auslaufenden ICE in Stuttgart: Schotter, Beton, Wolken, stumpflackiertes Metall, Bankengebäude, Bahnen und Bauschutt. Viel gewollt und in Wahrheit eine traurige Angelegenheit.

Gipfeltreffen

Im Gunzesrieder Tal liegt die Rote Wand, unter ihr steht Totholz – Ulmen wohl – zwischen Fichten und Laubbäumen. Über Viehwege geht es gegenüber den Wald, den Berg hinauf, über Almwiesen – der Grottenstengel (Sauerampfer) hüfthoch – und durch Blumenmeere hindurch: Weißer Germer und Gelber Enzian, Eisenhut und Türkenbund, Alpenrose und Habichtskraut, Arnika und Teufelskralle … Mir schwirrt der Kopf. Bekomme ich einen Namen vorgesagt, vergesse ich einen anderen. Senkrecht ragen die Schichten des Nagelfluhs empor, „Herrgottsbeton“ heißt ihn der Volksmund, denn so sieht der Fels aus, wie ein grober Beton, satt an Kieselsteinen. Still ist es unter der Sonne, der Klang der Kuhglocken zwar überall, Vogelrufe aber nur gelegentlich, selten der Wind am Ohr, als würde er zu einem Flüstern ansetzen und wieder zurückfallen, vorantanzen. „Lauter Württemberger unterwegs“, seufzt meine Mutter dann auf dem Gipfel, wie es meine Familie immer tut, wenn sie in den heimatlichen Bergen ist, dabei stimmt es gar nicht, eine Familie spricht Französisch und ein Mann mit oberbayerischem Zungenschlag weist nach Westen, deutet für uns auf einen weißbemantelten Berg – den Tödi in der Schweiz, der einzige 4000er, der von unserem Standort aus zu sehen ist. (Stimmt nicht, es sind 3614m.) Und als uns dann eine ältere Württembergerin etwas vorjammert, ist meine Mutter sehr nett und geduldig, geduldiger, als ich es (eigentlich ja inzwischen selbst ein Württemberger) gewesen wäre. Beim Abstieg tönt der vertraute Ruf über das Tal. „Hoooo-hou-hou-hou-hou-hou“, treibt ein Bauer sein Vieh.

Der Motor wird gezündet, er röhrt auf, der Wagen erzittert unter den sich regenden Kräften wie ein sich schüttelnder Bulle, dann verfällt er, ganz wachgeworden, in ein gleichmäßiges Brummen. Das Handygespräch, das Knistern einer Süßigkeitentüte, eben noch alles beherrschend, verblassen. Die Bahn ist bereit für die Fahrt nach Süden, den Fluss entlang, Bergwassern entgegen. Draußen ist es schwarz.

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Bergvieh

Das Käserennen

An der Alpe machen wir Brotzeit, es ist eine halbe Enttäuschung, den Käse – dicke Scheiben, garniert mit Zwiebelringen, Pfeffer, Kräutersalz, ragen weit über den Rand der Brotscheibe – machen sie seit drei Jahren nicht mehr selbst, und der Kirschmost, den ich aus Neugier und wider Vernunft gewählt habe, ist mir zu sauer und steigt zu Kopfe. Am Ende des Tales, da gebe es den besten Bergkäse überhaupt, sagt meine Mutter, und so machen wir uns im Anschluss an unsere Wanderung noch auf den Weg, eine Stunde Marsch hin, eine zurück, immer mit flottem Schritt, denn das schnelle Gehen habe ich von meiner Mutter gelernt, erbarmungslos war sie dem kleinen Bub gegenüber damals als sehr, sehr junge Frau – immer flott also außer an den Steigungen, da muss sie inzwischen doch langsamer machen. Auf einer Wiese steht das Vieh unruhig um ein Wasserfass. Hier gehen wir behutsamer, um die nervösen Schumpen (Jungkühe) und das kräftige Moggele (Kalb), bald schon ein Mollen (Stier), nicht zu reizen. Etwas stimmt nicht, und meine Mutter, im Umgang mit Tieren vertrauter als ich, erkennt es sofort. Der Wasserschlauch hat sich von der Tränke gelöst, ein schlammiger Rinnsal entflieht ins Tal hinab. Meine Mutter drängt sich zwischen die Leiber und befestigt den Schlauch wieder am Fasswagen. Am nächsten Hof wendet sie sich dann an den Bauern. „Doba bei da Schumpa isch der Schlauch aagfalla. I hau en meh naa dua. Und jetzat hoff i halt, dass se meh a Wasser hend.“ „Joa, dankschee“, antwortet der Bauer sparsam.

Mit dem alten Kerle ist es nicht mehr weitergegangen. Eine Stunde standen sie um ihn herum und redeten. Die Ärztin fragte und die anderen erzählten und alle redeten mit ihm da unten in der Mitte ihres Kreises, bis schließlich die drei tödlichen Spritzen gesetzt wurden. Bei Sonnenuntergang wurde er hinter dem Garten vergraben. Einen Leichenschmaus gab es dann auch noch – einen Kräutertee bei der Großmutter drüben.

Bergbäche

Die Bäuerin der Alpe führt uns in den Keller, während der wortkarge Bauer sich verzieht. Das Reden überlassen die Männer den Frauen. Draußen, auch im knarrenden Vorraum noch riecht es kernig nach Stall. Alle Räume sind tadellos aufgeräumt, der Flur, die Stube, der Keller voller Vorräte, der kupferne Käsekessel glänzt, als würde er nie benutzt. Dabei haben sie vierzig Laibe schon gemacht in dieser noch jungen Saison, erzählt die Bäuerin. Ihr Zungenschlag ist eindeutig alemannisch. „Vieradrießg“ sagt sie, wo ich „Vieradreißg“ sagen würde, vermutlich ist sie aus dem Vorarlberg, das ein paar Schritte hinter der Alpe beginnt. Der Käse ist fantastisch. Ob mir zweieinhalb Kilo Käse zu schwer zum Tragen seien, fragt mich meine Mutter besorgt. Ich lache sie aus, die Bäuerin lacht mit mir. Den besten Bergkäse des Allgäus im Rucksack machen wir uns auf den Rückweg. Ganz unten dann, am Parkplatz, schleiche ich mich nochmals zurück an den unendlich klaren Bach – wo außer in den Bergen sieht man auf der Welt sonst schon so etwas! -, werfe die Kleider von mir und tauche ein in diese Klarheit. Es ist entsetzlich kalt.

Die Erkenntnis kommt plötzlich. Als ich in der Stille des Baumhauses liege, Frieden in mir und ein Gefühl für die Kraft meiner Herkunft, die mir (es war lange Jahre anders gewesen) von meinem Vater, meiner Mutter zufließt, weiß ich es. Es ist Mitternacht und alles ruhig und an mir wird es liegen, meine Erkenntnis zu leben.

Allgäu_Alpen_Haldenwander Eck

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