„Sound of Sinning“

Manchmal passieren so Dinge. Wenn man sich nach dem merkwürdig schlappen Arbeitstag zum Sport schleppt und nach fünf Minuten merkt: Ist nicht. Wenn man beschließt, den Sprachkurs danach ausfallen zu lassen, und erleichtert ist, dem Redaktionsstammtisch sowieso schon abgesagt zu haben. Wenn man dann, den Kopf schwer wie ein geschlagener Boxer, auf dem Heimweg wider Vernunft und Vorsatz spontan in ein Lokal einkehrt, um etwas Warmes auf den Teller zu bekommen, das zu Hause an diesem Tag eh niemand machen würde. Dann kann es schon mal passieren, dass man eine geschmackfreie Hipster-Pizza ohne Käse und Soße für 11 Euro isst. Und sich danach denkt: Bist du denn bescheuert?

Liest man die Instrumentenliste, kann es einem warm ums Herz werden: Hammond Organ, Farfisan Organ, Optigan Organ, Fender Rhodes Piano, RMI Electra Harpsichord, Mini Moog Synthesizer … Das ist Vintage pur, auf Achtspurband eingespielt mit einem warmen, organischen Sound und zugleich musikalisch so frisch, so echt, ganz zeitgemäß: der „Psychedelic Soul“ der Monophonics. Die fünf weißen Musiker aus der San Francisco Bay Area schöpfen tief aus schwarzer Musik – Soul, Funk, Black Rock – und wagen sich auf ihrem jüngsten Album „Sound of Sinning“ (erschienen im April 2015 bei Transistor Sound Records) in neue musikalische Regionen. Da tauchen dann eingebettet in den Soul auch Anklänge an den weiten Wilden Westen auf von den Klassikern des amerikanischen Traums bis zu seiner Antithese „Django Unchained“ (ein Kritiker nannte die Monophonics „The missing soundtrack to a Tarantino movie“), kurze Phrasen erinnern an Santana, Eric Clapton, die Beatles oder gar an Jethro Tull in ihrer frühen, bluesigen Phase.

Es geht um Tränen und Lügen und Sehnsucht in den Texten des Frontmanns Kelly Finnigan, um Schmerz und Liebesbedürftigkeit, immer intensiv (wortstark: „Promises“), manchmal zärtlich verspielt („La la la love me“). Einer der Höhepunkte des Albums ist der Song „Falling apart“ (auf Vinyl das Schlusslied der stärkeren ersten Seite). „The struggles gone on to long / And what’s the use of dreaming“ – ein Hilferuf, der alle menschliche Not umfasst, eine Soul-Nummer, die bereitwillig alles annimmt, was jemand an Last zu tragen hat, die Unbegreiflichkeit des Terrors in den Tagen von Beirut, Paris, Yola etwa oder die Dunkelheit der Seele in den sterbenden Novemberwochen. All das greift das Lied auf, es ist dieser Schmerz und zugleich reinste, lautere Schönheit. Das ist Alchimie der Musik.

Die Pizza war bald vergessen. Und die Müdigkeit? In die Arme genommen.

November_Herbst_Licht_Allgäu

Schwingen im Licht, die Berge in Wolken.

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Twin Eagle – Den Wüstenwind unter den Schwingen

Die Sommersonnwende steht kurz bevor, es ist kalt und Musik nie verkehrt, das soll genügen, um eine Kurzrezi zu einem Konzertbesuch im Frühjahr auszugraben. Und einzuheizen.

Twin Eagle, das Duo aus dem Mormonenstaat Utah, sieht aus, als wäre es eben aus der Meth-Hütte gekrochen: Graubart an der Gitarre und sein rothaariges Ogermonster am Schlagzeug. Mehr als zwei von der Sorte braucht es auch nicht, sie sind so schon wie ein alttestamentarisches Strafgericht auf Drogen. Mit Twin Eagle ist der Blues zum Metal geworden. Das ist sehr heiß und sehr kernig und authentisch. Und die Wälder brennen im Wüstenwind. Schon damit hat sich der Gang nach Karlsruhe gelohnt.

Beispiel gefällig? Einen heißen Sommerbeginn wünsche ich!

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart

a2256488481_2Das Cover kann man als Pose abtun, als billiges Spiel mit der Gewalt. Mir gefällt es, aber ich hatte auch auf einem Wanderurlaub in Norfolk eine ganze Fotoserie toter Tiere – Trail of Dead – gemacht.

„Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ – unter diesem Motto veröffentlichten 13, nein halt, 12 Bands aus dem Stuttgarter Raum einen Sampler. Exklusiv auf Vinyl (und als Download), in einer 500er-Auflage. Heute war die Release-Party mit Konzerten bei Ratzer Records und bei Second Hand Records. Wer nicht so lange warten wollte, konnte sich die Platte bereits vorab auf dem ESxSW-Festival in Esslingen (oder ganz einfach bei den genannten Plattenhandlungen) besorgen.

Punk, Postpunk, Noiserock, Psychedelic – zwischen diesen Genren wandern die musikalischen Grüße aus Stuttgart: Human Abfall, Levin Goes Lightly, Die Nerven, Karies, Blunt Knives, Melvin Raclette, All diese Gewalt, Wolf Mountains, JFR Moon, Mosquito Ego, Jamhed, Peter Muffin haben ein schwungvolles Repertoire musikalischen Schaffens abseits des wohlbekannten Stuttgarter Sprechgesangs zusammengetragen.

Leider ist ein Wort im vorigen Satz gelogen. Welches? Beginnen wir damit: Der Aufnahmesound ist sehr flach, die Spitzen nach oben und unten sind gekappt. Manchmal kann auch das Ausdrucksmittel sein. Hier korrespondiert die eindimensionale Aufnahme mit den Inhalten. Vieles dürfte ein jungwilder Sampler aus dem Stuttgarter Kessel: mitreißen, verzücken, rocken oder meinetwegen auch einfach schockieren, wie ein in ein Handtuch eingewickeltes Stück Seife dem Zuhörer links und rechts um den Kopf fliegen. Stattdessen legt sich das Handtuch einfach auf den Kopf, da liegt die Seife und tut recht wenig. Am ehesten noch einen Ausdruck zu transportieren scheint mir JFR Moon mit dem Song „Modern Ships“. Insgesamt gebricht es an der mangelnden Authentizität, der Scheibe fehlt es (ich gestehe, jetzt zitiere ich einen Mithörer) an Gesinnung.

Und was haben die Songs mit Stuttgart zu tun? Musikalisch nichts. Nicht mehr, als dass die Bands aus dieser Stadt stammen. Aber selbst das lässt sich nur mittelbar erschließen, denn auf der Plattenhülle fehlen über Band- und Songnamen hinaus Informationen – wer spielt was, wo wurde aufgenommen. Eine Platte wie hingeworfen, bezugslos oder um es anders zu sagen: heimatlos. „Von Heimat kann man nicht sprechen“ – sehr wahr, aber das ist kein konzeptionelles überzeugendes Gemeinsame. Das ist das Versagen des Samplers.

Von Heimat kann man nicht sprechen. 13 musikalische Grüße aus der Wohnstadt Stuttgart. Offizieller Vinyl-Release 20.12.2013

„Fighting Ships“ – Perle im Niemandsland

Im kleinen Nirgendwo zwischen Bad Cannstatt und Fellbach, eine Haltestelle immerhin und gegenüber ein Wiener Wald, da steht eine Hütte, das Danziger Stüble. Die Dielen sind abgewetzt, ein Holzofen wärmt das Innere, hier darf noch geraucht werden (und ich bin trotzdem hier), ein paar trunkene Stammgäste teilen sich das bisschen Platz mit jungen Männern mit Bärten, die wegen der Band hier sind, die auf einem Drittel des Raumes kostenlos ein Konzert gibt. Wohnzimmergefühl und Hobbykellererinnerungen – man rückt gerne näher.

Und dann legt „Fighting Ships“ auf den knarrenden Holzdielen dieser Bier- und Kippenhütte eine wahre Perle bloß, ein energisches, krachendes musikalisches Kleinod (wenn sich diese Wörter denn paaren lassen), irgendwo zwischen dem exakt-hypnotischen Mathrock von „My Disco“ und den Instrumental-Postrockern von „Long Distance Calling“. Für umme vor nicht einmal einem Dutzend interessierten Zuhörern und zu den penetranten Rufen eines betrunkenen Stammgastes „aufhören!“. Nein, hört nicht auf, Jungs. Ihr habt mehr verdient!

https://www.facebook.com/fightingships

Interpol, „Interpol“

Merkwürdig, wenn eine Band ihr viertes (und nicht erstes) Album nach sich selbst benennt. Ein Zeichen des Endes, nachdem bereits der Bassist im Frühjahr vor der Veröffentlichung die Gruppe verlassen hat? Das Album ist ganz erwartungsgemäß schwermütig und klar – der Sound fantastisch klar –, das Gefühl ein auf Faustgröße komprimierter Weltschmerz in einer nanogenauen Designerwelt aus Kobaltblau und Schwarz: beherrschbare Melancholie, heißes Eis, ein schwarzes Loch im Versuchslabor der Physiker. Manches ist da schon zu stromlinienförmig (durchaus radiohittauglich: „Summer Well“, „Barricade“), das stärkste Stück „Lights“: Augen zu, Regler hoch und den Finger auf die Wiederholtaste.

Interpol, „Interpol“.
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