Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

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Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

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„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

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Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

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Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

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„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

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Sauber aufgereihte „Hoinzen“

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Strömungen

Grenzstein 147

Der Sommer treibt mich hinaus aus dem Kesselleben. Ich steige in die erste Bahn des Tages und erreiche nach vier Stunden mit dem Bummelzug Oberstdorf. Nach einem zweiten Kaffee steige ich aufs Rad um und fahre weiter nach Süden, immer tiefer in das Tal hinein. An der Schwarzen Hütte binde ich meinen Drahtesel an und gehe zu Fuß weiter, nach Süden immer noch. Am frühen Mittag stehe ich dann oben, dort wo Bayern, Vorarlberg und Tirol einander treffen. Am Grenzstein 147, dem südlichsten Flecken Deutschlands. Alle Last habe ich hinter mir gelassen, in der Kesselstadt, den Wegen, dem Tal.

Das war ein Tag zum Zugrundegehen oder auch ein Tag zum Zugrunderichten (Thomas Bernhard hätte diesen Satz über eine ganze Seite zu bringen gewusst). Nichts wäre willkommener gewesen, als auszuschreiten und Trümmer hinter mir zu lassen.

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Der Himmel über dem Biberkopf

Eine Bemessung der Zeit

In islamischen Ländern wandert der Ruf des Muezzins, er springt mit dem Lauf der Gestirne von Dorf zu Dorf. „Auf, ihr Leute, auf zum Gebet!“ Hier auf dem Land sind es die Feuerwehrsirenen, die Samstagmittag aufheulen, wie um zu sagen, Achtung, es könnte Schreckliches passieren, Fürchterliches, seid euch dessen immer bewusst, aber wir sind da, wir sind auf der Hut. Dreimal jagt die Sirene ihren schrillen Warnruf in die Höhe, und wenn ihr letzter Ton abklingt, hört man einen Hügel weiter schon die nächste sich erheben.

50 Shades of Grey, das ist auch der Blick aus dem abendlich auslaufenden ICE in Stuttgart: Schotter, Beton, Wolken, stumpflackiertes Metall, Bankengebäude, Bahnen und Bauschutt. Viel gewollt und in Wahrheit eine traurige Angelegenheit.

Gipfeltreffen

Im Gunzesrieder Tal liegt die Rote Wand, unter ihr steht Totholz – Ulmen wohl – zwischen Fichten und Laubbäumen. Über Viehwege geht es gegenüber den Wald, den Berg hinauf, über Almwiesen – der Grottenstengel (Sauerampfer) hüfthoch – und durch Blumenmeere hindurch: Weißer Germer und Gelber Enzian, Eisenhut und Türkenbund, Alpenrose und Habichtskraut, Arnika und Teufelskralle … Mir schwirrt der Kopf. Bekomme ich einen Namen vorgesagt, vergesse ich einen anderen. Senkrecht ragen die Schichten des Nagelfluhs empor, „Herrgottsbeton“ heißt ihn der Volksmund, denn so sieht der Fels aus, wie ein grober Beton, satt an Kieselsteinen. Still ist es unter der Sonne, der Klang der Kuhglocken zwar überall, Vogelrufe aber nur gelegentlich, selten der Wind am Ohr, als würde er zu einem Flüstern ansetzen und wieder zurückfallen, vorantanzen. „Lauter Württemberger unterwegs“, seufzt meine Mutter dann auf dem Gipfel, wie es meine Familie immer tut, wenn sie in den heimatlichen Bergen ist, dabei stimmt es gar nicht, eine Familie spricht Französisch und ein Mann mit oberbayerischem Zungenschlag weist nach Westen, deutet für uns auf einen weißbemantelten Berg – den Tödi in der Schweiz, der einzige 4000er, der von unserem Standort aus zu sehen ist. (Stimmt nicht, es sind 3614m.) Und als uns dann eine ältere Württembergerin etwas vorjammert, ist meine Mutter sehr nett und geduldig, geduldiger, als ich es (eigentlich ja inzwischen selbst ein Württemberger) gewesen wäre. Beim Abstieg tönt der vertraute Ruf über das Tal. „Hoooo-hou-hou-hou-hou-hou“, treibt ein Bauer sein Vieh.

Der Motor wird gezündet, er röhrt auf, der Wagen erzittert unter den sich regenden Kräften wie ein sich schüttelnder Bulle, dann verfällt er, ganz wachgeworden, in ein gleichmäßiges Brummen. Das Handygespräch, das Knistern einer Süßigkeitentüte, eben noch alles beherrschend, verblassen. Die Bahn ist bereit für die Fahrt nach Süden, den Fluss entlang, Bergwassern entgegen. Draußen ist es schwarz.

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Bergvieh

Das Käserennen

An der Alpe machen wir Brotzeit, es ist eine halbe Enttäuschung, den Käse – dicke Scheiben, garniert mit Zwiebelringen, Pfeffer, Kräutersalz, ragen weit über den Rand der Brotscheibe – machen sie seit drei Jahren nicht mehr selbst, und der Kirschmost, den ich aus Neugier und wider Vernunft gewählt habe, ist mir zu sauer und steigt zu Kopfe. Am Ende des Tales, da gebe es den besten Bergkäse überhaupt, sagt meine Mutter, und so machen wir uns im Anschluss an unsere Wanderung noch auf den Weg, eine Stunde Marsch hin, eine zurück, immer mit flottem Schritt, denn das schnelle Gehen habe ich von meiner Mutter gelernt, erbarmungslos war sie dem kleinen Bub gegenüber damals als sehr, sehr junge Frau – immer flott also außer an den Steigungen, da muss sie inzwischen doch langsamer machen. Auf einer Wiese steht das Vieh unruhig um ein Wasserfass. Hier gehen wir behutsamer, um die nervösen Schumpen (Jungkühe) und das kräftige Moggele (Kalb), bald schon ein Mollen (Stier), nicht zu reizen. Etwas stimmt nicht, und meine Mutter, im Umgang mit Tieren vertrauter als ich, erkennt es sofort. Der Wasserschlauch hat sich von der Tränke gelöst, ein schlammiger Rinnsal entflieht ins Tal hinab. Meine Mutter drängt sich zwischen die Leiber und befestigt den Schlauch wieder am Fasswagen. Am nächsten Hof wendet sie sich dann an den Bauern. „Doba bei da Schumpa isch der Schlauch aagfalla. I hau en meh naa dua. Und jetzat hoff i halt, dass se meh a Wasser hend.“ „Joa, dankschee“, antwortet der Bauer sparsam.

Mit dem alten Kerle ist es nicht mehr weitergegangen. Eine Stunde standen sie um ihn herum und redeten. Die Ärztin fragte und die anderen erzählten und alle redeten mit ihm da unten in der Mitte ihres Kreises, bis schließlich die drei tödlichen Spritzen gesetzt wurden. Bei Sonnenuntergang wurde er hinter dem Garten vergraben. Einen Leichenschmaus gab es dann auch noch – einen Kräutertee bei der Großmutter drüben.

Bergbäche

Die Bäuerin der Alpe führt uns in den Keller, während der wortkarge Bauer sich verzieht. Das Reden überlassen die Männer den Frauen. Draußen, auch im knarrenden Vorraum noch riecht es kernig nach Stall. Alle Räume sind tadellos aufgeräumt, der Flur, die Stube, der Keller voller Vorräte, der kupferne Käsekessel glänzt, als würde er nie benutzt. Dabei haben sie vierzig Laibe schon gemacht in dieser noch jungen Saison, erzählt die Bäuerin. Ihr Zungenschlag ist eindeutig alemannisch. „Vieradrießg“ sagt sie, wo ich „Vieradreißg“ sagen würde, vermutlich ist sie aus dem Vorarlberg, das ein paar Schritte hinter der Alpe beginnt. Der Käse ist fantastisch. Ob mir zweieinhalb Kilo Käse zu schwer zum Tragen seien, fragt mich meine Mutter besorgt. Ich lache sie aus, die Bäuerin lacht mit mir. Den besten Bergkäse des Allgäus im Rucksack machen wir uns auf den Rückweg. Ganz unten dann, am Parkplatz, schleiche ich mich nochmals zurück an den unendlich klaren Bach – wo außer in den Bergen sieht man auf der Welt sonst schon so etwas! -, werfe die Kleider von mir und tauche ein in diese Klarheit. Es ist entsetzlich kalt.

Die Erkenntnis kommt plötzlich. Als ich in der Stille des Baumhauses liege, Frieden in mir und ein Gefühl für die Kraft meiner Herkunft, die mir (es war lange Jahre anders gewesen) von meinem Vater, meiner Mutter zufließt, weiß ich es. Es ist Mitternacht und alles ruhig und an mir wird es liegen, meine Erkenntnis zu leben.

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Oben

Überlegungen bei der Durchquerung des Vorlandes

Der Himmel ist blau, notiert er, auf den Wiesen geilt der Löwenzahn, die weißbemäntelten Berge rücken näher. Heute Nacht hatte er noch nach einem Theaterstück in einer Küche der Maxvorstadt Rotwein getrunken und gelacht, jetzt trägt ihn der Zug durch das geschwungene Land der Höhe entgegen. Was für eine Sehnsucht, welche Ergriffenheit der Anblick der Alpen auslöst, das ist eigentlich nicht recht vorstellbar, wenn er daran zurückdenkt, wie wenig – wie verächtlich wenig – ihm dieser in Kindheit und Jugend alltägliche Blick bedeutet hatte. Aber natürlich, damals war er in Abwehr gegenüber allem gewesen. Er kann sich das gar nicht mehr vorstellen, dieses Leben damals, diese Haltung, die natürlich auch viel verbaut hat. Jetzt hat er die Berge vor Augen und denkt sich, hier muss er wieder her, irgendwo in diesem Alpenvorland leben. Ist das schon Altern?, fragt er. Die Landschaft, sie leuchtet.

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Ich stehe vor einem Bücherregal Thomas Mann. Das nächste hat ausschließlich Goethe. So geht es über mehrere Räume, mehrere Fluchten, mehrere Stockwerke weiter. Man wird ganz still in dieser Wohnung. Bis einen das herzliche Lachen der Bewohner wieder aus seiner ehrfürchtigen Scheu reißt.

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„Wo sind sie denn, deine Berge“, spottet sie, als der Vorhang vor den Alpen schon wieder zugezogen ist. „Ich glaube, die gibt es gar nicht.“

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Goethe drängt

„Göthe sitzt neben mir“, schreibt am 7. November 1792 ein Herr auf einem Gut vor Düsseldorf, „darum kann ich Ihnen nur im Fluge schreiben. Ich habe ihm etwas zu lesen in die Hand gegeben; so lange das dauert werde ich fort schreiben.“

#eisfrei

Statt Pistazien- und Schokoladeneis gibt es ausgesuchte Bücher, Schmuck und Fotografie. Die Münchner Kulturkonsorten („Netzwerk für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im digitalen Raum“) haben in der Schwanthalerstraße für zwei Monate eine Eisdiele als Verkaufs- und Kommunikationsraum übernommen. In den Adventswochen wird dann noch eins draufgelegt: Jeden Abend bis zum 24. Dezember wird das #eisfrei mit einem Kulturprogramm bespielt: von der SPAM-Lesung über den Männerhäkelkurs bis zum Foodsharing. Die Idee für diese Kulturtheke im Münchner Westend entstand spontan, umgesetzt hat sie das Team in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. „Die Bücher“, erzählt Branchenkenner Felix Wegener bei einem Bier der lokalen Brauerei Giesinger, „habe ich zusammen mit meinem Vater, einem Buchhändler mit über 40 Jahren Berufserfahrung, ausgesucht. Das hat großen Spaß gemacht.“ Diese Begeisterung ist zu spüren im kleinen, feinen #eisfrei. Hier wird vorgelebt, wie Zwischennutzung auch aussehen kann − und sich Kreativität in unserem Land der Bedenkenträger Raum zu verschaffen weiß.

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Umbau im #eisfrei für das Abendprogramm

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Meine ersten Schneeflocken fallen an einer Autobahntankstelle. Es ist Nikolaustag, die Raststätte ist wegen Umbau gesperrt. So romantisch.

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Wenn der Krampus müde wird

Die nächste Tankstelle steuern wir im Pinzgau jenseits der Grenze an. Die Berge liegen schwer in Wolken, nur die Flanken zeigen sich dem Auge, weglose Mischwaldhänge.

Der Verkaufsraum der Tankstelle ist uniform wie jeder andere, das angeschlossene kleine Café hingegen hat Charakter. Sehr einfach ist es, doch mit einer richtigen Siebträgermaschine bestückt. Einheimische Männer sitzen auf den Bänken, ihr Lachen mischt sich rau mit Zigarettenrauch. Acht oder zehn Schritte hindurch zur Toilettentür reichen, um den schmierigen Film auf der Haut zu spüren. Es ist ein unwirklicher Besuch. Wir alle sind irritiert, weil wir so etwas aus Deutschland (und ganz besonders Bayern) nicht mehr kennen.

„Zwei von den Würstchen da bitte“, bestellt jemand von uns. „Wollen Sie auch Gebäck dazu?“ Schon wieder sind wir verwirrt. Denn auf der Theke stehen nur süße Croissants und der Tankstellenwirt wird doch nicht solche anbieten zu … „Äh, ja, einen Semmel bitte“, kommt mit Verspätung die Antwort. „Eine Semmel, sehr wohl“, bestätigt der Wirt.

Das Tal öffnet sich, klare Gewässer mäandern zwischen den Feldern (einige der Zuflüsse nichts als Kiesbänke, trocken wie ein Wadi), die Siedlungen werden größer. An einem Kreisverkehr wandert ein Krampus vorüber. Die Hörnermaske hängt ihm schief über den befellten Rücken, er setzt einen kleinen Schritt vor den anderen, die Augen blinzeln in den trüben Tag. Ein armer, müder Teufel nach durchzechter Nacht auf dem Weg nach Hause.

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Die allseitigen Komplimente über seine rosafarbenen Halbschuhe nimmt der Hochzeitsgast mit einem uneitlen Lächeln entgegen. „Und er scheint ja auch ein netter Hund zu sein“, äußert sich eine Freundin. Das ist natürlich ganz und gar anerkennend.

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Grenzverschiebungen

Die Stimmung innerhalb der 400 Jahre alten Scheunenmauern ist hervorragend. Burgenländer Wein fließt und der Münchner Journalist an unserem Tisch gefällt sich (durchaus zur Unterhaltung aller) darin, die österreichischen Tischgenossinnen und -genossen zu provozieren, sie kontern munter. Und dann ziehen die Rheinhessen vor dem Brautpaar auf und alles wird anders. Sie schwenken Fahnen (das Mainzer Rad). Sie singen (fremdartig). Sie rufen „Helau!“ (sehr fröhlich). Der Oberbayer blickt den Allgäuer an und scheint das zu sehen, was in seinem eigenen Gesichte steht. „Jetzt haben wir den Kulturschock“, wendet er sich an seinen österreichischen Sitznachbarn. „Da sind wir euch dann eben doch näher.“

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Ein kurzer Schwenk ab vom Mittleren Ring, bevor es wieder auf die Autobahn geht und plötzlich ist der Bildschirm des Navis schwarz. Als er wieder aufleuchtet, steht da der „Weg nach Timbuktu“.

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Die ebsch Seit

Eine Woche zuvor war ich zu einem Audio-Podcast eingeladen worden von einer in Mainz ansässigen Bloggerin. Es war meine erste Erfahrung mit Podcasts und es war gut. Es ist bemerkenswert, wie viele Bloggerinnen und Blogger ich in anderthalb Jahren kennengelernt habe, die einen Bezug zu Rheinhessen oder Südhessen haben; vielleicht mehr als aus allen anderen Regionen. Freundschaften sind daraus entstanden und Besuche. Was mir in dem Stadel im Salzburger Land so fremd erschienen war, ist in einem anderen Kontext also nahe. Die ebsch Seit ist eben eine Sache der jeweiligen Perspektive und erst die Vielzahl unserer Identitäten macht uns wirklich aus.

So hatte ich heute das Griasdi-pfiati-Land (seine Grenzen sind in keinem politischen Atlas zu finden) ein wenig schwermütig verlassen. Als ich die Stufen des Stuttgarter Bahnhofs − seit heute wissen wir, einer der zehn „Risikobahnhöfe“ Deutschlands, wie die Welt am Sonntag unter einer so reißerisch wie dümmlich-vereinfachenden Überschrift darlegt − hinabschreite, schiebt sich eine neue Schablone vor meine innere Wahrnehmung. Nichts hat sich verändert in der Außenwelt und doch ist alles anders. Was eben Exil war, ist wieder Zuhause. Mit einem Lächeln beschleunige ich meinen Schritt. Die Welt scheint zu pulsieren vor Möglichkeiten.

420 Wörter später muss der Briefeschreiber zum Ende kommen. „So viel für heut. Ich hatte gestern wüthende Kopfschmerzen, darum war es mir unmöglich zu schreiben. − Abends um 6 erschien Göthe. […] Er hat schon lange ausgelesen u spuckt um mich herum daß ich wohl aufhören muß.“

Links für Neugierige
Das #eisfrei
Die Kulturkonsorten in München
Wer den Krampus nicht kennt.
Der Briefeschreiber aus Pempelfort
Die Top-Ten deutscher „Risikobahnhöfe“

Freundschaft bei Leberpastete

Ich führte ihn zu einem meiner Lieblingsplätze in der Stadt, weil man dort sehr gut und angenehm sitzen kann, weniger des Essens wegen, am wenigsten des Services wegen. Der junge Kellner unterstrich diese Einschränkung ohne zu zögern: Er war bis zur blanken Unhöflichkeit desinteressiert. Ich schämte mich für ihn und ich schämte mich meinem Besucher gegenüber für meine Wahl des Lokals.

Er nahm es sehr gelassen: „Deutschland halt.“ Er arbeitet in einem Land auf der anderen Seite des Globus, in dem Service großgeschrieben wird, sehr, sehr groß. Er war müde von einem Dreifachjetlag, von den durch die Zeitverschiebung unbarmherzigen Kindern, von der unweigerlich folgenden Erkältung, von dem Arbeitstag in der heimatlichen Zentrale seines Konzerns. Er weiß, was er will und wie man es fordert, und er ist auf seine Weise ein Genießer. All das aber legte er mit einem Achselzucken ab, ging, wie von dem Kellner in seinen schlampigen Klamotten herausgenuschelt, unter dem Schild „Vinothek“ nach drinnen, um an der Theke jemanden zu fragen, welcher der Weine von der Karte womöglich trocken sein könnte.

Der Abend war milde und der Platz gut besucht. „Gibt es überall in Stuttgart so viele junge Leute wie hier?“, fragte er, nahm sich bedächtig einen Bissen von seinem Antipastiteller, spülte mit einem Schluck Grauburgunder nach. Es war sein Vorabend eines einwöchigen Urlaubs in Europa, Urlaubstage, wie sie die einheimischen Kollegen seines Gastlandes üblicherweise nicht in Anspruch nehmen. Er erzählte mir von einem altgedienten Mitarbeiter, 20 Jahre älter als er, anspruchslos und aufopfernd, der ihn eines Tages wegen heftiger Bauchschmerzen ansprach: „…san, mir geht es nicht gut, ich bin krank, erlauben Sie mir, heute Nachmittag einen halben Urlaubstag zu nehmen?“ Ich hörte die Geschichte zum dritten Mal, und ich hörte sie noch immer gerne.

Er ließ den Weißwein über die Zunge fließen. „So viele Bärte … Ist das eigentlich überall in Deutschland inzwischen so?“ Er strich die Leberpastete, die ich übrig gelassen hatte, auf sein Brot. „Indien ist wirklich hardcore. Eine erschreckende Zeitreise, kaum auszuhalten, du musst dir vorstellen, dass …“, erzählte er nachdenklich. „Letztes Weihnachten waren wir in Australien, Freunde besuchen, und ich war sehr erstaunt …“ Es dunkelte. „Auf einigen Pazifikinseln boomt die Wirtschaft, sie suchen händeringend nach Fachkräften aus dem Westen. Das hätte ich nicht gedacht …“ Der Teller war leer. „Was macht eigentlich dein Arabisch? Der Nahe Osten würde mich auch interessieren, aber das macht meine Frau nicht mit …“ Er rief den Kellner. „Ich hätte gerne das Gleiche nochmals.“ Und zu mir: „Das ist genau das, was ich brauche.“ Und er, schlank wie immer, freute sich auf seinen zweiten Teller Antipasti und sein zweites Glas Grauburgunder.

Zuhause tranken wir Tee. Er hatte immer schon Tee getrunken, zum Genuss und manchmal zur Heilung mit einem dicken Schal um den Hals, denn Erkältungen waren sein Markenzeichen. Er mit Tee und Schal, das war schon sprichwörtlich geworden damals. Wir saßen nun, Jahre später, auf den Sofas und an einem Tisch, die ich einst von ihm übernommen hatte, damals zusammen mit seinem WG-Zimmer. Aber was heißt übernommen. Es war ein fließender Übergang gewesen. Für etwa zwei Monate teilten wir uns das Zimmer, was machbar war, da er (allenfalls) am Wochenende zuhause war – ein wahrhaft großzügiges Entgegenkommen, denn ich hatte damals ein paar schwierige Monate, wohnte zwei Wochen bei einem befreundeten Paar (zwei so wohltuende Wochen in einer wurzellosen Zeit), kam dann drei Monate illegal in einem vergessenen Zimmerchen eines Schwesternwohnheims unter, dann schließlich in dem WG-Zimmer. Ein Glück, Freunde zu haben. Was hätte ich ohne gemacht?

Ich war jedenfalls froh damals über das Dach über dem Kopf und den sommerlichen Geräuschen von der Straße, und die paar Tage, die wir beide in dem Zimmer waren, kamen wir zurecht – manchmal bereitete ich etwas zu essen vor, wenn ich wusste, dass er kam – oder, wenn man sich doch einmal in die Quere kam oder wir uns zofften, wich ich für eine Nacht irgendwohin aus. Und als er bald darauf endgültig die Stadt verließ, blieb ich in dem Zimmer mit einem Teil seiner Möbel, von denen ich manche bis heute habe, ein Jahrzehnt später.

Wir tranken also Tee wie früher und wir hörten Jan Garbarek, „All Those Born With Wings“, und sprachen über die Vergangenheit (ihren Schönheiten), die Gegenwart (ihren Aufgaben), die Zukunft (ihren Herausforderungen). Früher einmal, erinnerten wir uns, hatten wir ein paar Mal ein internationales Abendessen ausgerichtet. Ich war fürs Kochen zuständig, er fürs Reden. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Aufgabenteilung und es waren schöne Abende mit Menschen aus verschiedensten Ländern. So etwas würde mir auch heute noch gefallen.

Die Schallplatte war längst aus. Müde und triefnasig und ein klein wenig ironisch blickte er mich an, wenn ich schwieg. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, später, da hatte ich seine Arroganz gefürchtet. Er hat sie nicht mehr. Seine Verantwortung, beruflich wie privat, hatte ihr nicht etwa Brennstoff gegeben, sondern sie aufgelöst. Ich brachte ihm eine Decke für die Nacht und lachte: Auch sie hatte einmal ihm gehört.

Es ist ein Tag später, der Gast ist längst in der nächsten Stadt beim nächsten Besuch, und ich räume auf, stelle die Teetassen weg, falte die Decke, sortiere ein paar Bücher aus. Lou Pride singt „Ain‘t no More Love in This House“. Und ich frage mich: Wo in dieser weiten Welt stehe ich?

In einen Buchenstab geritzt, irgendetwas über Heimat

Nein, es ist keine Natter

Da stutzte ich, als ich das Stück Holz vor meiner Tür fand, ein kurzer Buchenstab, von jemandem mit Bedacht dort abgelegt. Was war das, wie ging man damit um? Merkwürdige Bilder stolperten durch den Kopf: der Drang, das Stöckchen auf allen Vieren zu apportieren; ein Misstrauen, es könnte sich irgendwie als hinterlistige Giftnatter entpuppen; Erinnerungen an vor Zeiten aufgeschnappte altertümliche Erbsitten („Der Speer entgleitet meiner schwachen Hand. Sohn, nimm du ihn auf und führe ihn weiter“). Alles Unsinn natürlich, es ist nichts weiter als mein erstes Bloggerstöckchen, zugeworfen von der lieben Xeniana („Familienbande“). Die eingeritzten Fragen hatte sie dem hochverehrten Max Frisch abgerungen. Also her damit, Herr Frisch! Und herzlichen Dank für die Ehre, Xeniana!

1.Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?

Es gab da einen Familienurlaub – in dem Sommer, in dem ich schwimmen lernte –, da begegneten wir auf einem Abendspaziergang ein paar Menschen, die etwas taten, was nicht gefiel. Voller Abscheu sagte meine Mutter „und wahrscheinlich sind es auch noch Deutsche“. Sie waren es. Was man von der Situation (und nicht zuletzt der Reaktion meiner Mutter) auch immer halten mag, es war für mich sicherlich die Wurzel für ein gewisses Fremdschämen für die eigenen Landsleute. Manchmal waren mir Begegnungen in der Fremde auch dann lästig, wenn es ganz und gar keinen Grund gab, sich für das Verhalten der Landsleute zu schämen. Vermutlich, weil das Vertraute den Zauber der Fremde – und den selbstgestrickten Mythos der eigenen Rolle in dieser Fremde – zu zerstören drohte. Aber eigentlich ist die Sache mit dem Heimweh viel einfacher: Je weniger ich die Sprache des Gastlandes beherrsche, desto mehr weckt eine Stimme in der vertrauten Muttersprache Heimweh.

2.Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders:

a die Landschaft?

c.das Brauchtum?

Was (und wo) ist denn b?

Nun muss ich erst einmal darüber nachdenken, was Heimat für mich ist. Ein Versuch: Eine Landschaft (geographisch wie kulturell), in der ich seit rund 20 Jahren nicht mehr lebe, die ich aus familiären Gründen gelegentlich und gerne bereise und mindestens so gerne wieder verlasse. Alles, was später kam, ist Heimstatt geworden, aber nicht Heimat.

Heimat, zweiter Versuch: Ein Gruß, der auch dort, wo er herkommt, längst nicht von allen verwendet wird, und der dort, wo ich wohne, unbekannt ist. Wenn ich ihn doch einmal hier oder an anderen Orten, wo er nicht zu erwarten ist, höre, zaubert sich – schneller als ein Gedanke – ein Lächeln in mein Gesicht. Diese Heimat vermisse ich (auch wenn ich mich einst, damals noch „zuhause“, lange dagegen gesträubt hatte) sehr.

Heimat, dritter Versuch, augenzwinkernd: Nach einem fürchterlich langen Tag auf der Straße komme ich spätabends in einer Gaststätte irgendwo im Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederösterreich an, ein paar Hundert Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Der Wirt grüßt und fragt: „Magst’ ein Bier?“ „Gern“, antworte ich nur. Und der Wirt stellt ein Weißbier vor mich hin. Ich grinse und denke mir: „Dahoim, das ist dort, wo man auf die Frage nach einem Bier ein Weizen hingestellt bekommt.“

3. Welche Speisen essen Sie aus Heimweh und fühlen sich dadurch in der Welt geborgener?

Beim Essen hatte ich immer schon Fernweh, nicht Heimweh. Küchen, die weit entfernt liegen von der heimischen, haben mich nicht nur gelockt, sondern sie lassen mich auch längst geborgen fühlen. In der Küche ist mir Kreuzkümmel etwa Heimat, ganz gewiss nicht der Schnittlauch, den es früher bei uns zuhause in jedem Garten gab.

Trotzdem gibt es zwei ‚klassische’ Gerichte, die mir ganz für Heimat stehen: Zum einen Krautkrapfen. Salzig-fetttriefender Himmel auf Erden. Ich esse sie grundsätzlich (und meist als einziger am Tisch) nur mit den Fingern, so sehr Heimat sind sie. Gabel und Messer würden alles zunichte machen. Und der Kartoffelsalat (ohne Mayonnaise, mit Paprika, Oliven, Knoblauch, Gürkchen) meines Vaters zu gebackenem Käse (panierten Hartkäsescheiben), eine gewisse Zeitlang das traditionelle Essen zu einem wichtigen Jahresfest. Und dann wäre da natürlich noch etwas zu deutschem Brot zu sagen, aber das wird eine andere Geschichte.

4. Wieviel Heimat brauchen Sie?

Eine Tür, die ich hinter mir schließen kann. Vertraute Menschen, wenn ich die Tür wieder öffne. Eine gemeinsame Sprache mit meiner Umwelt.

5. Was macht Sie heimatlos?

Keine gemeinsame Sprache zu finden.

6. Was fürchten Sie mehr: das Urteil von einem Freund oder das Urteil von Feinden?

Feinde? Ich fürchte das Urteil Fernstehender mehr als das Nahestehender. Ich suche das Urteil Letzterer und im schlimmsten Falle wird es wütende Abwehr hervorrufen – eine Energie, die Bewegung und damit Entwicklung erlaubt. Das Urteil Fernstehender kann mich leichter entmutigen und mir die Dynamik rauben. Das ist dann Stillstand. Ach, oder ist es doch ganz anders?

7. Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?

Ja. – Dieses kurze Wort hat mich einiges an Zeit gekostet.

Das Holz wandert weiter

Wem kann man ein Stöckchen weitergeben, ohne lästig zu werden? Ich versuche es einmal mit Danares.mag und Paintblotch. Eigentlich würde ich es gerne auch an Essays & Other Writings weitergeben, aber im Augenblick bin ich zu faul, es ins Englische zu übersetzen. Es sei aber jedem und jeder freigestellt, auch unaufgefordert das Stöckchen zu schnappen – vielleicht ist es ja irgendwo vom Wege abgekommen.

Und das ist ins Stöckchen eingeritzt:

1. Was war an deiner Kindheit einzigartig?

2. Was lässt dich jeden Morgen aufstehen?

3. Glücklich macht dich …

4. Du hasst …

5. Wenn du ein Naturphänomen wärst, wärst du …

6. Wen oder was zitierst du am häufigsten?

7. Die Welt geht unter und du hast in deiner Tasche noch Platz für ein Musikalbum, das du mit auf den Mond nehmen kannst. Was wählst du?

8. Und welche zehn Lebensmittel mit auf die Insel?

9. Ein großartiges Kunstwerk ist …

10. Ein Spiel: Stell dir vor, du lebst im alten Mesopotamien. Dir wird während einer mehrtätigen Abwesenheit die Holztür deines Hauses gestohlen – in den baumarmen Ebenen dummerweise der teuerste Einrichtungsgegenstand deines Hauses! Du hast deinen missgünstigen Nachbarn im Verdacht, aber es fehlen dir die handfesten Beweise. Was tust du?

a) Du gibst dir keine Blöße, tust alles mit einem Schulterzucken ab und kaufst dir eine neue Tür aus importiertem Zedernholz.

b) Du trittst vor den Nachbarn, forderst lautstark Wiedergutmachung und vertraust auf die Gewandheit deiner Zunge oder im schlimmsten Falle die deiner Fäuste.

c) Du gehst schnurstracks zum Richter und erstattest auch ohne ernsthaften Beweis Anzeige gegen den Nachbarn.

d) Du opferst im Tempel eine Taube für gutes Gelingen deiner perfiden Rache und lässt dann ein paar Kontakte im Handelsviertel spielen. Die nötigen Schmiergelder sind es dir vollkommen wert: Den Nachbarn wirst du ganz langsam finanziell ausbluten lassen …

11. Bruce Willis oder Michael Douglas?