Der Abgrund in der See

Vielleicht ist es vier Uhr morgens, als er mich in das Haus am Meer führt. Die Tür des Wohnblocks steht offen, im Treppenhaus brennt Licht. Der Fahrstuhlschacht ist ein leerer Schlund, die Zugänge notdürftig mit Brettern gesichert. Die kleine Wohnung stellt der Vater seinen Söhnen zur Verfügung, wenn sie vor Ort sind. Hier beziehe ich für die nächsten Tage Quartier. Wo die Söhne, alle auf Heimaturlaub vor Ort, nun unterkommen, weiß ich nicht. Es ist eine ziemliche Bude: ein liebloses Versteck, kein vernünftiges Licht im Wohnzimmer, das Bad eine niedrige Nasszelle, eine Flasche Wasser auf dem ausgesteckten Kühlschrank, Alkoholika unterm Flachbildschirm. Der kühle Wind rüttelt an den Balkontüren, an der Wohnungstür. Ich werfe meine Reisetasche auf einen Sessel, krieche unter zwei Wolldecken und suche zum Geräusch der Wellen den ersten Schlaf der Nacht.

Seit 24 Stunden rollt das Meer immer stärker gegen die Levanteküste an. Der Sturm bringt Regen und er bringt den bislang vermissten Schnee in den Bergen. Das Meer färbt sich in Küstennähe immer grüner, es bildet Gischt aus, wo es nach dem Festland krallt, bricht sich an der natürlichen Felswand, auf der einst phönizische Gemäuer standen. Längst toben Poseidons Pferde in der Bucht, rennen schäumend an gegen die Küste. Vormittags standen noch Fischer am Strand. Sie sind nun weg, zwischen den feuchten Steinen hinter dem Schutzwall liegt nur ein toter schwarzer Kater. Niemand wird ihn vermissen. Auf den Lippen habe ich Salz.

Das Grün des Meeres wandert. Warum, verstehe ich nicht. Sicher spielt der Sonneneinfall eine Rolle, aber das allein kann es doch wohl nicht sein. Ich werde jemanden fragen müssen, der mehr weiß vom Meer als ich. Was sich zu Beginn des Sturmes in der Bucht grün hervorhob, ist nun jedenfalls weiter hinausgewandert. Die Wellen heben sich stetig höher, die Gischt peitscht immer noch weiter in den Himmel. „Wasit“ – mittel, meint der Onkel, der im ersten Stock seine Wohnung hat, beim Mittagessen nur. „It‘s nothing“, bestärkt sein Neffe. Wie muss es erst sein, wenn die Brecher „hoch“ sind? Die Schneegrenze ist in der Nacht auf 800 m gesunken, auch an der Küste geht ein kalter Wind. Immer wenn ich in meinem Quartier bin, schaue ich lange hinaus aufs Meer, auf die Brandung, als könnte ich mich nicht sattsehen an einem fremden Wunder. Nur am Morgen, da war mir das stete Rauschen, Wogen, Donnern plötzlich zu viel und ich sehnte mich nach ruhigem Land, Feldern auf festem Grund, stille Hügel.

Eine merkwürdige, eigentlich recht erschreckende Sensationslust. – Auf der natürlichen Mauer steht ein aus Beton gegossenes Häuschen, nicht mehr als ein ummauerter Unterstand. Ein weiteres im steinigen Becken hinter der Mauer war zu tief gebaut und im letzten Wintersturm zerlegt worden. Die Trümmer der Betonwände liegen noch zwischen den Steinen verstreut. Als gestern Fischer und Neugierige auf der Felswand standen und in die Brandung schauten (und das Salzwasser einer besonders hohen Welle aus den Haaren strichen), gierte etwas in mir vom Balkon herab nach einem Katastrophenbild: dass eine unerwartet hohe Woge einen mit sich reißen würde. Woher kommt eine solche schauderhafte Imagination, eine solche hässliche Gier? Als ich später selber am Ufer bin und abschätze, wie weit ich mich wohl nach vorne wagen dürfe, drängt sich mir die Frage auf, wie es wäre, selbst mitgerissen zu werden. Zum Spielball der Wogen zu werden. An die Felsen geschlagen zu werden. Wie wäre das? Hätte ich eine, wenn auch noch so geringe Chance, da herauszukommen? Würde ich ertrinken? Oder würden mich die Felsen zerbrechen? Es ist weder Angst noch ist es Empathie mit dem Opfer meiner vorherigen Fantasie, sondern nur eine andere Ausformung der selben Sensationsgier. Ist es das, was manche törichterweise den nahenden Tsunami filmen lässt statt davonzurennen?

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Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

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Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

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Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

Krokodile auf der Sandbank, Sonnenschein, kurz vor Weihnachten

Der Wolf Andreas ist schuld. Aber dazu später.

Eigentlich hatte ich eine Winterreise geplant, aber wenn ein Satz schon mit eigentlich beginnt. Eine winterliche Heimreise – entschleunigter als Heines Kutschfahrt (weniger politisch vermutlich, gewiss nicht in Reimform) und hoffentlich nicht so düster wie Schuberts Liederzyklus –, eine Wanderung nämlich, um im Morgengrauen aus der eigenen Haustür zu treten und ein paar Tage später in der Dämmerung des Heiligen Abends anzuklopfen bei meinen Vorfahren auf dem Hügel. Die Idee gefällt mir seit Jahren, heuer habe ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, aber dann in der Detailplanung – auf den letzten Drücker natürlich – gemerkt, dass mir die fünf Tage nicht reichen für den Weg von Stuttgart ins Allgäu.

Stattdessen bleibt mir nun Zeit für ein paar andere Dinge, Grübeln über gesundheitliche Unpässlichkeiten etwa, die sich in letzter Zeit bemerkbar gemacht haben. (Sind sie ein Symptom des Älterwerdens? Ein Aufruf zur Umkehr, wohin auch immer?) Weihnachtspost ist eingetrudelt, die zwei schönsten – und überraschendsten – lustigerweise aus derselben Stadt von zwei Bloggerinnen, die einander, wenn ich mich nicht irre, nicht persönlich kennen. Herzlichen Dank, Lakritze und das A&O, für diese Freude! Gleichzeitig habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen; das Gefühl für ein Gebot der Reziprozität ist ja auch in unserer postmodernen Gesellschaft nicht gänzlich ausgestorben. (Am wenigsten übrigens in älteren schwäbischen Haushalten, wo für ein geborgtes Pfund Mehl aber auch wirklich die korrekte Menge zurückgebracht wird, als könne man nicht leben in dem Wissen, jemandem ein Gramm schuldig zu bleiben.) Ich nämlich habe dieses Jahr niemandem Weihnachtspost geschickt, wirklich niemandem außer ein paar Professoren beruflicherweise, was etwas ganz anderes ist. Tatsächlich ist es das erste Jahr, dass ich selbst den Vorsatz, Weihnachtsmails zu schreiben an Menschen, bei denen ich mich lange nicht gemeldet habe, erst gar nicht aufgegriffen habe. Eine Kapitulation?

Vielleicht keine Kapitulation, aber jedenfalls eine Unterlassung ist die zweite Neuerung, eine Übereinkunft mit den Brüdern: Wir Erwachsene werden uns dieses Jahr nichts schenken. Aber den Nichten und Neffen natürlich, das lässt sich ein Onkel nicht gern nehmen. Am liebsten kaufe ich Weihnachtsgeschenke in einer Buchhandlung, immer schon. Und da die Aststifte in dem Kinderladen nicht mehr zu bekommen sind, rutscht ein Posten mehr auf die Buch- und Hörspielliste. Hängengeblieben bin ich dann bei Ausgaben von Latte Igel. Kein Vergleich zu dem Taschenbüchlein von Ravensburger oder so, das ich aus meiner Kindheit kenne, sondern großzügig bebilderte, hübsche Halbleinenbände. Da müssen Latte Igel und seine Freunde zum Beispiel den Wasserstein suchen gegen die anhaltende Trockenheit in ihrem Wald – doch der Stein wird vom grimmen Bärenkönig und seinen Kriegern, kühn gezeichneten Luchsen, besser lässt sich eine wilde Waldkriegerschar gar nicht darstellen, bewacht. Nach allerhand Abenteuern finden sie den Wasserstein schließlich im Hort des Diebes Fjodor. Fast hätte ich mir das Buch selbst gekauft.

Dann wurde es doch ein anderes (für mich) und jetzt kommt der Wolf Andreas ins Spiel. Denn er hatte im Frühjahr auf seinem Blog von seinen Leseeindrücken von Karl Bruckmaiers „The Story of Pop“ berichtet (1, 2 und 3). Ich hatte mir das Buch notiert und natürlich wieder vergessen und dann gehe ich in der Buchhandlung aus einem Impuls zurück in die Musikabteilung, weil ich mir gerade vorstellen könnte, über Musik zu lesen, ich da, wenn man so will, plötzlich einen gewissen musikalischen Bildungshunger verspüre, und da sehe ich den Bruckmaier liegen und erinnere mich. Und weiß wieder, das will ich, schon alleine deswegen, weil Bruckmaier seine Geschichte des Pops mit dem frühmittelalterlichen al-Andalus beginnt. Es gibt in der Auslage eine Broschurausgabe (Heyne) und eine schwarze Leinenausgabe (Murmann) und ich greife zu Letzterer, da kann ich gar nicht anders, auch wenn ein empfindungsloser Finanzberater mir vielleicht auf die Finger klopfen würde: „Brauchen Sie‘s?“ Also, ich finde, schon.

Ich freue mich darauf, es gleich aufzuschlagen und hineinzulesen, suche mir am Marienplatz ein sonniges Plätzchen. Die Weihnachtsgrüße im Ratzer ums Eck lasse ich lieber, sonst höre ich dort doch noch in die neue Platte von Hellmut Hattler hinein und finde am Ende noch Gefallen daran und dann klopft mir der Bankberater nochmals auf die Finger. Ich schlage also den Bruckmaier auf, schon das Leinen zu berühren ist schön, und habe, als ich auf der ersten Seite des Vorworts bin, bereits eine fünffache Gänsehaut von dem Buch bekommen.

„Gibt es einen Schöpfer, der an uns Interesse hat?“, bauen zwei vertrocknete Frauen einen Stand mit Broschüren auf. Nein und nein, meine Damen. Den Geist des Weihnachten schätze ich trotzdem. Nicht den des Kommerzes, der Blinklichter, der Schmalzbeschallungen, dieser gefräßigen Maschinerie, die mir in diesem Jahr mächtiger denn je erscheint. Sondern den eines Charles Dickens, den, der uns innehalten, uns für Feineres aufmerken, uns zusammenfinden lässt, durchaus auch den von Kerzen hinter Fenstern und gemeinsamem Geschichtenlesen und Lebkuchengewürzen. Aber ich verstehe, dass Weihnachten für manche eine Qual, für andere die Hölle ist: Einsamkeit, Armut, Verlogenheit und Missbrauch.

Die Göttin hat mir Tee gekocht
Und Rum hineingegossen;
Sie selber aber hat den Rum
Ganz ohne Tee genossen.

(Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen)

Jetzt muss ich nur noch überlegen, was ich mit dem Vorschlag von Danares und dem Kaffeehaussitzer mache. Ich glaube, denen war es ernst.

Ich wünsche allen das Beste, das Bestmögliche! Vielleicht ja sogar selige, liebevolle Feiertage.

Umanand*

* Umanand, in verschiedenen Dialekten des südlichen deutschsprachigen Raums „umher“, „herum“, auch im Sinne einer unspezifischen Ortsangabe, je nach Kontext von „in der Nähe“ bis „unterwegs“.

„Moggele ist tot! Wir waren krank, beide krank und so schwach, dass wir einfach nicht in der Lage waren, ihn zu beerdigen. Ich war so krank wie wahrscheinlich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr. Ich kam mir vor wie ein alter Mann, wenn ich mich kraftlos aufs Klo geschleppt habe. Da hat sich das Meerschweinchen den denkbar ungünstigsten Zeitpunk zum Sterben ausgesucht. Es lag dann erst einen Tag auf dem Balkon, in einer Mülltüte, weil wir dachten, vielleicht hätten wir abends genügend Kraft, ihn zu beerdigen. Aber es ging einfach nicht, zudem war der Boden gefroren, und so landete er schließlich in der Restmülltonne. Wir haben eine Müllverbrennungsanlage, immerhin also hatte er eine Feuerbestattung, zwar in Gesellschaft alter Schuhe und Essensreste, aber immerhin. Leid tut es uns aber trotzdem.“

(Wiedergabe mit dem Einverständnis des Urhebers)

*

Zufallsbegegnungen mit Uraltbekanntschaften auf dem Wochenmarkt, ein absolut perfekter Cappuccino zum läppischen Preis von 1,90 € (oder überhaupt ein Cappuccino auf dem Markt!), die besten Brezeln (Brezen oder Brezga bitteschön), Weißwurstfrühstück … Das bekomme ich nicht in Stuttgart auf dem Markt, dafür fahre ich nach Kempten ins Allgäu. Es ist eine Art Mischung aus Katholizismus und Toskanafraktion hier mit einem Dialekt schleppend wie das Wiederkäuen der hiesigen Rinder, zugleich eine Region, von Esoterik nur so gesättigt, von Gesundbetern und Masseurinnen mit Reinkarnationstherapie und Atlaskorrektur, von Propheten und Schamanen, einer ganzen Reihe buddhistischer Klöster und und und. Aber ich schweife ab, ich stehe ja nur in der Markthalle und überlege, das Frühstück nochmals von vorn zu beginnen. Vielleicht kommt ja auch gleich jemand ums Eck und ruft: „Ja grias di, Holle!“ Was machst du denn hier? Schauen und horchen. Luaga und losa. Und genießen.

*

Da sitzt die Oma und strickt an einem Strampelanzug für den jüngsten Zuwachs in der Verwandtschaft, meinen Neffen zweiten Grades. Für einen Augenblick stoppt sie den Lauf der Nadeln und sie sagt zu mir: „Nach diesem Muster habe ich dir deine ersten Hosen gestrickt.“ Und weiter eilen die Nadeln. Gepriesen seien die Großmütter (und Urgroßmütter).

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Wintermorgen, Allgäu

In einem Niedrigenergiehaus kochen wir unter kundiger Anleitung gemeinsam ein marokkanisches Mahl mit selbstgemachten eingelegten Zitronen und großzügigen Mengen an Safran. Danach gleich im Nachbarhaus ein Privatkonzert. 50 Menschen oder mehr drängen sich in dem Raum, zwei junge Frauen − Magdalena Fingerlos und Doro Heckelsmüller sind beide Musiktherapeutinnen − spielen als die Chromantischen „Volxmusik traditionell bis experimentell“ vom Alpenjodler bis zum afrikanischen Friedenslied „Ya salam a dunja“. Der Hausherr, ein in der Region allbekannter Musiker, trägt zwischendurch komische Texte in seinem Oberstdorfer Heimatdialekt vor. Am Lachen merkt man sofort, wer den Witz, das Wort verstanden hat und wer nicht. Die „Bergler“ sind ja berüchtigt für ihren harten Dialekt, der schon sehr alemannisch klingt und die restlichen Allgäuer (von den Berglern „Unterländer“ genannt, wobei das Unterland eigentlich immer hügelabwärts vom eigenen Standpunkt anfängt, das ist so wie mit dem Orient, der mal gleich hinter Wien, mal hinter Budapest oder Belgrad, Istanbul oder Ankara oder sonstwo beginnt) bereits an Grenzen bringt. (Ich habe nur die Hälfte verstanden, ich gebe es zu.) Ein Oberstdorfer Urgestein, dieser Hausherr, aus einer Sippe, die in Jahrhunderten kaum einmal aus ihrem Bergtal herabgekommen ist, so könnte man meinen, aber natürlich ist die Welt viel bunter. Seine Familie, erzählt er, war erst vor drei, vier Generationen als Holzer aus dem Bayerischen (Baierischen müsste ich schreiben, geht es doch um Sprach- und Mentalitäts- und nicht um Landesgrenzen) gekommen, und seine Mutter ist − aus Braunschweig.

*

Eine Senke in der Wiese, von Eismatsch gefüllt, eine einsame Krähe hat sich auf einer Schneebank zwischen den Lachen − einer Miniaturseenplatte − niedergelassen. Dann puschelige Schafe auf einer verschneiten Koppel, selbstzufriedene Wollknäuel, den Kopf gesenkt auf der Suche nach Wintergras. Wenig später sind die Wiesen schon wieder grün und die Äcker satt vor erdiger Dunkelheit. Statuettengleich stehen Reiher zwischen den Krumen, im Hintergrund die schorfigen Bäume an der Iller, der die Bahn flussabwärts folgt. Kurz bricht Licht durch den tiefen Himmel. „Wallah, ich sage dir, es gibt noch andere geile Typen“, tröstet eine Schülerin ihre Freundin am Nebentisch.

*

„Etwas, doch nur wenig, bin ich auch in der mir in den Dithmarsischen Schmach- und Pein-Verhältnissen verlorengegangenen Fertigkeit, mich, wenn ich Menschen gegenüberstehe, selbst für einen Menschen zu halten, weitergekommen.“

(Friedrich Hebbel, Tagebücher, Jahresbeginn 1837)

*

Gleich geht es auf eine Lesung in der Stuttgarter Innenstadt. „Lass Dich von dem Namen und dem etwas schäbigen Hinterhofeingang nicht täuschen …, einfach die Treppe runter und schon bist Du da. Ist ein bisschen versteckt, falls Du es nicht findest, einfach mich anklingeln.“ Das klingt interessant.

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Wegesrand, Schwäbische Alb

P.S. WordPress informiert mich, dass dies der 200. Beitrag auf Zeilentiger liest Kesselleben war. Na dann.

Weihnachten reloaded – Ein paar Flocken im Schneetreiben

21.

Weihnachten liegt in der Luft. Ein Zauber, eine Besinnlichkeit verschönern den Tag, überall ist es plötzlich schön und ich weine vor Trauer über den menschlichen Hass. Mittags im Café lese ich die Kommentare, die Menschen im Internet über sich ergehen lassen müssen: eine Journalistin, die eine Morddrohung erhält; Hetze gegen Bloggerinnen wegen ihrer offenen Worte gegen PEGIDA; Musiker, die für ihre Musik widerwärtigste Häme ernten. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, sie erfolgt in den unterschiedlichsten Kontexten, aber sie eint eines: ein unaussprechlicher und ganz und gar unnachvollziehbarer Hass und eine abgrundtiefe Missachtung jeder menschlichen Würde. Ich sitze vor meinem Kaffee und Tränen treten mir in den Augen. Die Kellnerin tritt an den Tisch und fragt schwungvoll, ob ich noch etwas bestellen möchte. Ich drehe den Kopf und wimmel sie ab.

22.

Streit im Treppenhaus. Die balkandeutsche Nachbarin (70 Jahre Schwaben) wirft der ostdeutschen Nachbarin (20 Jahre Schwaben) vor, dass ihr Rezept mal echt nicht schwäbisch sei. Geht ja gar nicht! Seit zehn Minuten erbitterte Diskussion über Zwiebeln und Essigspritzer. Absurd. Vielleicht sollten wir mit „Stuttgart bleibt bunt“ hier im Haus beginnen.

23.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist der Vorabend des Heiligen Abends und auf dem Trottoir sitzt ein großer Plüschhase auf einem Stuhl. Der winzige Laden mit den Kleinantiquitäten und Weltkriegsdevotionalien, der immer verschlossen ist, hat geöffnet, heute, um diese Stunde. Ein Schwarzer, offenbar der Betreiber, tritt durch die Tür, mit ihm kommen die einleitenden Takte von Trios „Da da da“ aus den 80ern. Es ist ein Gefühl, als hätte dir das Universum mal geschwind das Gehirn herumgedreht, um einen Moment später wieder so zu tun, als wäre nichts geschehen.

24.

Und nun einmal „Stille Nacht“ trompeten auf der Karlshöhe. Die Dunkelheit schützt mich vor den schiefen Tönen.

25.

Eine Stunde lang höre ich nur Vögel zwitschern. Laute, die ich so nicht erwartet habe am Morgen des 25. Dezembers. Dann ruft ein Säugling, das erste menschliche Geräusch, und das scheint dem Anlass des Tages ja durchaus gerecht zu werden.

*

Dorfbahnhof an Weihnachten: Enkel, die dem Großvater in die Arme springen, junge Paare wie frisch verliebt. Schönes Menschsein. Dann Stille.

*

Schneefall! Und plötzlich ist man beinahe wieder Kind. Wenigstens ein paar Augenblicke lang.

26.

Die Fußsohlen brennen bereits vor Kälte, als der Fuß die Dicke des Eises testet und sie mühelos durchbricht. Drei Holzstiegen hinab, die Hand bricht die Ränder der Schollen weiter ab, dann taucht der erhitzte Körper ins schwarze Wasser ein. Weiße Flocken wirbeln über dem Teich. Ein paar Augenblicke später ist der Schmerz bereits Lebenslust und die nächsten steigen ins Loch.

27.

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In den Raunächten

 

Goethe drängt

„Göthe sitzt neben mir“, schreibt am 7. November 1792 ein Herr auf einem Gut vor Düsseldorf, „darum kann ich Ihnen nur im Fluge schreiben. Ich habe ihm etwas zu lesen in die Hand gegeben; so lange das dauert werde ich fort schreiben.“

#eisfrei

Statt Pistazien- und Schokoladeneis gibt es ausgesuchte Bücher, Schmuck und Fotografie. Die Münchner Kulturkonsorten („Netzwerk für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im digitalen Raum“) haben in der Schwanthalerstraße für zwei Monate eine Eisdiele als Verkaufs- und Kommunikationsraum übernommen. In den Adventswochen wird dann noch eins draufgelegt: Jeden Abend bis zum 24. Dezember wird das #eisfrei mit einem Kulturprogramm bespielt: von der SPAM-Lesung über den Männerhäkelkurs bis zum Foodsharing. Die Idee für diese Kulturtheke im Münchner Westend entstand spontan, umgesetzt hat sie das Team in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. „Die Bücher“, erzählt Branchenkenner Felix Wegener bei einem Bier der lokalen Brauerei Giesinger, „habe ich zusammen mit meinem Vater, einem Buchhändler mit über 40 Jahren Berufserfahrung, ausgesucht. Das hat großen Spaß gemacht.“ Diese Begeisterung ist zu spüren im kleinen, feinen #eisfrei. Hier wird vorgelebt, wie Zwischennutzung auch aussehen kann − und sich Kreativität in unserem Land der Bedenkenträger Raum zu verschaffen weiß.

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Umbau im #eisfrei für das Abendprogramm

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Meine ersten Schneeflocken fallen an einer Autobahntankstelle. Es ist Nikolaustag, die Raststätte ist wegen Umbau gesperrt. So romantisch.

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Wenn der Krampus müde wird

Die nächste Tankstelle steuern wir im Pinzgau jenseits der Grenze an. Die Berge liegen schwer in Wolken, nur die Flanken zeigen sich dem Auge, weglose Mischwaldhänge.

Der Verkaufsraum der Tankstelle ist uniform wie jeder andere, das angeschlossene kleine Café hingegen hat Charakter. Sehr einfach ist es, doch mit einer richtigen Siebträgermaschine bestückt. Einheimische Männer sitzen auf den Bänken, ihr Lachen mischt sich rau mit Zigarettenrauch. Acht oder zehn Schritte hindurch zur Toilettentür reichen, um den schmierigen Film auf der Haut zu spüren. Es ist ein unwirklicher Besuch. Wir alle sind irritiert, weil wir so etwas aus Deutschland (und ganz besonders Bayern) nicht mehr kennen.

„Zwei von den Würstchen da bitte“, bestellt jemand von uns. „Wollen Sie auch Gebäck dazu?“ Schon wieder sind wir verwirrt. Denn auf der Theke stehen nur süße Croissants und der Tankstellenwirt wird doch nicht solche anbieten zu … „Äh, ja, einen Semmel bitte“, kommt mit Verspätung die Antwort. „Eine Semmel, sehr wohl“, bestätigt der Wirt.

Das Tal öffnet sich, klare Gewässer mäandern zwischen den Feldern (einige der Zuflüsse nichts als Kiesbänke, trocken wie ein Wadi), die Siedlungen werden größer. An einem Kreisverkehr wandert ein Krampus vorüber. Die Hörnermaske hängt ihm schief über den befellten Rücken, er setzt einen kleinen Schritt vor den anderen, die Augen blinzeln in den trüben Tag. Ein armer, müder Teufel nach durchzechter Nacht auf dem Weg nach Hause.

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Die allseitigen Komplimente über seine rosafarbenen Halbschuhe nimmt der Hochzeitsgast mit einem uneitlen Lächeln entgegen. „Und er scheint ja auch ein netter Hund zu sein“, äußert sich eine Freundin. Das ist natürlich ganz und gar anerkennend.

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Grenzverschiebungen

Die Stimmung innerhalb der 400 Jahre alten Scheunenmauern ist hervorragend. Burgenländer Wein fließt und der Münchner Journalist an unserem Tisch gefällt sich (durchaus zur Unterhaltung aller) darin, die österreichischen Tischgenossinnen und -genossen zu provozieren, sie kontern munter. Und dann ziehen die Rheinhessen vor dem Brautpaar auf und alles wird anders. Sie schwenken Fahnen (das Mainzer Rad). Sie singen (fremdartig). Sie rufen „Helau!“ (sehr fröhlich). Der Oberbayer blickt den Allgäuer an und scheint das zu sehen, was in seinem eigenen Gesichte steht. „Jetzt haben wir den Kulturschock“, wendet er sich an seinen österreichischen Sitznachbarn. „Da sind wir euch dann eben doch näher.“

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Ein kurzer Schwenk ab vom Mittleren Ring, bevor es wieder auf die Autobahn geht und plötzlich ist der Bildschirm des Navis schwarz. Als er wieder aufleuchtet, steht da der „Weg nach Timbuktu“.

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Die ebsch Seit

Eine Woche zuvor war ich zu einem Audio-Podcast eingeladen worden von einer in Mainz ansässigen Bloggerin. Es war meine erste Erfahrung mit Podcasts und es war gut. Es ist bemerkenswert, wie viele Bloggerinnen und Blogger ich in anderthalb Jahren kennengelernt habe, die einen Bezug zu Rheinhessen oder Südhessen haben; vielleicht mehr als aus allen anderen Regionen. Freundschaften sind daraus entstanden und Besuche. Was mir in dem Stadel im Salzburger Land so fremd erschienen war, ist in einem anderen Kontext also nahe. Die ebsch Seit ist eben eine Sache der jeweiligen Perspektive und erst die Vielzahl unserer Identitäten macht uns wirklich aus.

So hatte ich heute das Griasdi-pfiati-Land (seine Grenzen sind in keinem politischen Atlas zu finden) ein wenig schwermütig verlassen. Als ich die Stufen des Stuttgarter Bahnhofs − seit heute wissen wir, einer der zehn „Risikobahnhöfe“ Deutschlands, wie die Welt am Sonntag unter einer so reißerisch wie dümmlich-vereinfachenden Überschrift darlegt − hinabschreite, schiebt sich eine neue Schablone vor meine innere Wahrnehmung. Nichts hat sich verändert in der Außenwelt und doch ist alles anders. Was eben Exil war, ist wieder Zuhause. Mit einem Lächeln beschleunige ich meinen Schritt. Die Welt scheint zu pulsieren vor Möglichkeiten.

420 Wörter später muss der Briefeschreiber zum Ende kommen. „So viel für heut. Ich hatte gestern wüthende Kopfschmerzen, darum war es mir unmöglich zu schreiben. − Abends um 6 erschien Göthe. […] Er hat schon lange ausgelesen u spuckt um mich herum daß ich wohl aufhören muß.“

Links für Neugierige
Das #eisfrei
Die Kulturkonsorten in München
Wer den Krampus nicht kennt.
Der Briefeschreiber aus Pempelfort
Die Top-Ten deutscher „Risikobahnhöfe“

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 3)

47.

Wie schamlos junge Männer sein können. Laut sind die deutschen Jungs, als sie spät nachts in den Schlafsaal kommen, laut sind sie morgens, laut und ungehemmt. Und dann erzählen sie noch, dass sie nachts ins Waschbecken des Zimmers gepinkelt haben, um nicht die zehn Schritt über den Flur aufs Klo zu müssen. Mir tun die zwei englischsprachigen, flüsternden Mädchen leid, die noch mit im Zimmer sind und all das ertragen müssen. Ich frage die beiden schließlich, ob sie es aushalten unter all den lauten Deutschen. Es beeindruckt mich, als das kleingewachsene Mädchen zu einer Beschwerde anhebt. Die anderen werden sich später über es lustig machen. Ich schäme mich.

48.

Der Himmel hängt tief. Nur ein paar Schritte von meiner Unterkunft entfernt betrete ich fürs Frühstück das „Moreish Café Deli“ an der Ecke Marchmont Street. Spanisch-englische Speisen und Feinkostwaren, andalusische Kachelwände, ansprechende Holztische, ein wunderbar robuster, thekenartiger Tisch entlang der Fensterwand. Das rissige, verfärbte Holz erinnert mich an den großen Küchentisch meiner Kindheit, der Ausblick durch die Glasfront aufs Straßenleben gefällt. Eine hübsche Spanierin erklärt mir die ganze Auswahl an Frühstücksmöglichkeiten. Was da nicht alles lockt: verschiedene Tortillas, Membrillo aus Quittenmus, Serranoschinken … Ich entscheide mich dann doch für einen englischen Pudding mit Creme anglaise zum Café con leche. Es scheint mir, es ist mein erster süßer englischer Pudding: ein köstlicher, saftiger Auflauf mit Trockenfrüchten. Während ich Gabel für Gabel dieser kulinarischen Sünde absteche und den Kaffee genieße, bedaure ich, dass sich das Frühstück nicht beliebig in die Länge ziehen lässt. Und dann bin ich auf einmal genervt und froh, das Café zu verlassen, als ich zum dritten Mal den Satz der Spanierin gegenüber Kunden höre: „Then you pay first, please.“

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Und weiter geht es

49.

Ein Schwarzer, das Smartphone am Ohr, eine Mütze kühn auf dem Kopf, schwarze Jogginghose und einen Bundeswehrparka mit der deutschen Nationalflagge. Ich hatte genau einen solchen Parka einmal in einem Kanadaurlaub getragen, ausgeliehen von einem Kroaten. Die Flagge am Ärmel war mir, typisch deutsch, peinlich gewesen.

50.

Ein gestählter Grauhaariger in schlichten Alltagsklamotten − dunkle Hose, blaues T-Shirt, Beutel am Gürtel − quert die Straße. Die muskulösen, tätowierten Unterarme sind nackt. Man ahnt das Spiel der Muskelstränge im Rhythmus, in dem sein Daumen über das Display tanzt.

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BT Tower

51.

Neonweste, Neonjacke, Neonrucksack, Neonhelm − allgegenwärtige Utensilien der Radfahrer in einem Land des Dämmerlichts.

52.

Eine ruhige Straße mit identisch aussehenden Häusern auf beiden Seiten: die kurzen Treppenaufgänge alle mit schwarzem Geländer, oben Holztüren, alles weiß und schwarz, keine Farbe, die das Muster durchbricht. Auf den ersten Blick wirkt das Sträßchen schmuck, auf den zweiten schäbig. Manchen Häusern mangelt es an Pflege und Instandhaltung, einige stehen leer und zum Verkauf, an allen anderen stehen und hängen Plastiktüten voller Müll. Ein paar der Tüten sind aufgeplatzt oder womöglich auch mutwillig ausgeschüttet. Abfall fließt dann über die Treppenaufgänge hinab. Nur ein einziges Haus hat kleine Mülltonnen am Gitter der Treppe hängen − eine beinahe spießig wirkende, jedenfalls hoffnungslose Insel in dem Straßenzug. Der Weg entpuppt sich als Sackgasse. Ich mache kehrt. Trostlosigkeit schleicht sich hinter mir auf die Straße, um das winzige Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen habe.

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Marylebone, die Kirche im Rücken

53.

Ein kalter, feuchter Vormittag eine Woche vor Weihnachten. Ich zittere unter meiner Regenjacke. In einem Park machen zwei junge Frauen in billigen Kunstfaserklamotten Gymnastik. Sie versuchen sich an Gleichgewichtsübungen, sie hüpfen auf einem Bein herum. Eine Weile schaue ich zu, dann drehe ich plötzlich den Kopf, als wäre mir bewusst geworden, dass ich sie bei etwas Unanständigem beobachten würde.

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London ist fabelhaft mit Orientierungshilfen gepflastert. An jeder Bushaltestelle hängen Karten von ganz vorbildlicher Natur: der eigene Standort ist zentriert, zwei Kreise zeigen einen Umkreis von fünf bzw. 15 Gehminuten an. Nur eines ist verwirrend: Die Karten sind nicht genordet, ihre Ausrichtung wechselt von Haltestelle zu Haltestelle, von einer Karte zur nächsten. Manchmal möchte man sich auf den Kopf stellen, um seine Richtung wiederzufinden.

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Die Kuppeln der London Business School

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Hinter den Bäumen des Regent‘s Park schimmern fast rosa verzierte Kuppeln. Ein indischer Moghulnpalast? Es fehlen nur noch die Tiger im Unterholz des Parkes. Aber die gibt es am anderen Ende des Parks im Zoo of London. Hier, an den Wasserläufen der Südseite, kreischen, krächzen, jaulen, schnalzen, grunzen, gurren nur die Vögel. Unterbrochen von dem harten, konzentrierten Schlagen Aberdutzender Flügel, wenn eine ruckartige Bewegung am Ufer das Federvieh aufschreckt.

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Nur einer aus der Vögel Schar

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An einem kleinen, blattlosen Baum, er besteht fast nur aus einem Gewirr allerkleinster Ästchen, knarzig, hart, verdreht und abweisend, einem einsamen Guerillakämpfer in rauen Landen, leuchten rote Beeren. Die einzige satte, kräftige Farbe hier im Park. Die frohe Botschaft des krummbeinigen Rebellen.

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Und hinter der nächsten Wende Palmen in London. Eine Amsel pickt an den mickrigen Fruchtständen. Subtropisches Weihnachtsmahl.

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Queen Mary’s Garden im Rgent’s Park

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„Hello Sir, what do you have spotted?“ Der Mann mit der Kappe, der mit einem Begleiter mit Rasenstecher die Pflanzungen inspiziert, wechselt die Straße, um den still dastehenden Herrn mit Brille, Schnurrbart und Fernglas auf der Brust anzusprechen. „Oh, well …“, braucht der Angesprochene erst einige Momente, sich in der Menschenwelt zu orientieren. Dann entspinnt sich ein kleiner Schwatz über den Wiesenzaun hinweg, wie zwischen zwei Nachbarn.

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Immer wieder Frauen mit drei oder vier Hunden an der Leine. Der Radrennfahrer zieht derweil mit verzerrtem Gesicht seine Bahnen auf dem asphaltierten Inner Circle rund um Queen Mary‘s Garden − seine beinahe private Rennbahn, immerzu im Kreis herum. 85 Sekunden benötigt er für eine Umdrehung. Wie viele Runden er wohl macht?

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Jenseits der weiten Grünfläche, die sich endlich auftut, ragen, irgendwo beim Zoo, große, massive, verwinkelte Bauten in verwaschenen Sandfarben empor. Die Monströsität der Bauten erinnern an eine Festung, ein bisschen an die Flaktürme in Wien. Ihr Zweck, so rätselhaft er auf die Ferne ist, dürfte allerdings viel friedlicher sein diese Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg, Kletterareale etwa für Bergziegen im Zoo. Beim Näherkommen geht es mir dann wie Jim Knopf mit dem Riesen: immer kleiner wirken die Berge, immer weniger monströs, je näher ich komme.

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Mit wiegenden Schritten stolziert die Giraffe vorüber, graziles Gleichgewicht von vier Schritt Höhe.

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21 britische Pfund Sterling trennen mich vom „Tiger Territory“. Ich entscheide mich gegen einen spontanen Besuch im Zoo. Ein solcher Eintrittspreis löst selbst den Bann der Giraffenschritte.

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Alles Tiger Territory?

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Das helle Blau fesselt meinen Blick zuerst: ein dreistöckiges Gebäude, Ziergiebel über den geviertelten Fenstern, leichte Formen, passend dazu die Farbe. Und es ist nicht allein. Ein Haus an das andere reiht sich in schmucken, sauberen Pastellfarben. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Farbton. Nirgendwo habe ich bisher London so leicht und heiter erlebt, ohne dabei in Übermut zu verfallen, wie hier, wo die Albert Terrace in die Regent‘s Park Road einmündet.

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66,7 m über dem Meeresspiegel genügen. Auf dem Aussichtspunkt von Primrose Hill habe ich zum ersten Mal einen Blick über die Stadt, über die Bezirke, die ich bereits abgelaufen bin. In die steinerne Ummauerung des Aussichtspunktes ist ein Vers von William Blake eingemeißelt.

I have conversed with the spiritual sun.
I saw him in Primrose Hill.

Der Dichter also hatte etwas ganz anderes vor Augen als wir heute hier oben. Der Mann, der breitbeinig, die Arme konzentriert in zwei verschiedenen Winkeln vom Körper ausgestreckt, am Hang steht, ist vielleicht eher ein Erbe Blakes. Vielleicht sind es Chi-Übungen für den richtigen Fluss unsichtbarer Energien, bevor er seinen Fußmarsch fortsetzt, wieder hinein in die Stadt.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.