Tage vor Weihnachten

Die Tage vor Weihnachten, Tage des Wiedersehens, Szene in einem Café: Zwei alte Freunde, erfolgreiche, schlanke Vierzigjährige, München, New York, Brasilien, treffen sich auf ein Weißwurstfrühstück, sie sind die besten Kumpels und prahlen mit Anekdoten aus der großen Welt der Wirtschaft und der Parties – zwei Arschlöcher, die auf cool machen und noch immer nicht erwachsen wirken. Was werden sie in ihrer Midlifecrises machen? Kommt ein Dritter hinzu, ein alter Bekannter (genau so schlank und erfolgreich, genau so angegraut jugendlich, aber weit sympathischer), „auf dem Weg von Brüssel zum Bodensee“, von der Metropole zu den Eltern, und mit einem Stopp in Stuttgart, um mit einer Ex-Freundin einen Kaffee zu trinken – Schulterklopfen, Namen von Städten aus aller Welt und von Schulkameraden fallen. Eine Zufallsbegegnung, wie sie so bezeichnend ist für die Tage vor Weihnachten. Irgendwie magische Tage, manchmal verlogen, manchmal ganz kostbar.

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„Killing Them Softly“

Sie reden viel in diesem Film, die schäbigen Ganoven und kleinen Gangster, und handeln wenig, es ist fast schon ein Kammerstück, das sich in alten Straßenkreuzern und auf tristen Städtebrachen, an Hoteltischen und Theken abspielt, während aus den Radios und Fernsehgeräten die hehren Versprechungen des amerikanischen Wahlkampfs von 2008 tönen.

Langweilig wird es keinen Augenblick, dafür sorgen die geschliffenen Dialoge und die ungeheure Aufmerksamkeit, die die Charaktere erhalten mit all ihrer Schäbigkeit, ihren Hoffnungen und ihrem Elend, ihrem Eheproblem oder der Angst des Killers vor Emotionen (daher tötet er lieber „weich“ aus der Entfernung), dafür sorgen auch die wunderbar unbedarft ausgelebte Ästhetik der Kamera, die immer wieder die Szenerien in Spiegelungen einfängt, Personen im gleißenden Gegenlicht verliert oder Farben und Konturen im tristen Regen aufgehen lässt, und die Musik, Songs, die ins Schwarze treffen, die so gute Laune machen könnten, ginge es nicht um Verbrechen und Wirtschaftskrise, um gesellschaftliche Lügen und ums Sterben.

Denn ja, zwischendurch müssen sie auch sterben, diese erbarmungswürdigen Kleinkriminellen. Und während Obama am Ende im Bildschirm über dem Tresen seinen Sieg feiert, leistet der Killer Cogan eine ganz andere Bestandsaufnahme: „America Isn’t a Country; It’s a Business. So Pay Me, Motherfucker.“ Schnitt und Ende.

Eine schmutzige kostbare Perle und einer der interessantesten Kinofilme des Jahres 2012.

Regie: Andrew Dominik. Mit Brad Pitt, Scoot McNairy, Richard Jenkins, Ray Liotta. USA 2012.

http://www.killing-them-softly.de/

Herbert’z Espressobar – Berliner Charme im Lehenviertel

Ein erster Cafébesuch in meinem künftigen neuen Stadtteil: Herbert’z Espressobar. Belebt und offenbar beliebt vor allem bei jungen Leuten und jungen Familien. Und sehr, wie soll man sagen, alternativ: der nonchalante Charme des absichtlich Heruntergekommenen. (Man lasse sich von der glitzernden Kaffeemaschine auf der Website nicht täuschen.) Warum nur musste ich gleich an Berlin denken? Dafür gab es aber auch mit freundlichen Worten das Kuchenstück extra groß – „weil der sich so schlecht schneiden lässt.“

Herbert’z Espressobar: Immenhofer Straße 13 – 70180 Stuttgart-Süd

http://www.stuttgart-sued.info/258_Herbert.html/

„Fighting Ships“ – Perle im Niemandsland

Im kleinen Nirgendwo zwischen Bad Cannstatt und Fellbach, eine Haltestelle immerhin und gegenüber ein Wiener Wald, da steht eine Hütte, das Danziger Stüble. Die Dielen sind abgewetzt, ein Holzofen wärmt das Innere, hier darf noch geraucht werden (und ich bin trotzdem hier), ein paar trunkene Stammgäste teilen sich das bisschen Platz mit jungen Männern mit Bärten, die wegen der Band hier sind, die auf einem Drittel des Raumes kostenlos ein Konzert gibt. Wohnzimmergefühl und Hobbykellererinnerungen – man rückt gerne näher.

Und dann legt „Fighting Ships“ auf den knarrenden Holzdielen dieser Bier- und Kippenhütte eine wahre Perle bloß, ein energisches, krachendes musikalisches Kleinod (wenn sich diese Wörter denn paaren lassen), irgendwo zwischen dem exakt-hypnotischen Mathrock von „My Disco“ und den Instrumental-Postrockern von „Long Distance Calling“. Für umme vor nicht einmal einem Dutzend interessierten Zuhörern und zu den penetranten Rufen eines betrunkenen Stammgastes „aufhören!“. Nein, hört nicht auf, Jungs. Ihr habt mehr verdient!

https://www.facebook.com/fightingships

„Small Town Murder Songs“

In einer Mennonitenkleinstadt in der kanadischen Provinz wird eine Tote aufgefunden. Walter, der örtliche Polizeichef, ist überfordert und wird zunehmend mit seiner eigenen dunklen Vergangenheit konfrontiert. Ein Film wie der herbstliche Nebel über den kanadischen Äckern – archaisch, langsam, schön.

Regie: Ed Gass-Donnelly. Mit Martha Plimpton, Peter Stormare, Jackie Burroughs. Kanada 2012.

http://www.smalltownmurdersongs.com/

„Here Comes the Sun“ – Ein Toskanaherbst

Toskana, Ende Oktober. Sonnenschein liegt über Raureif. Der Monte Amiata – gestern noch unter Schnee – ist heute kaum zu sehen, so sehr blendet der junge Tag. Dörfer thronen auf den Hügeln, unter ihrem Blick steigen wir hinab zwischen Olivenhainen, zum Landhaus Cerrete. Musik tönt. Unter dem steinernen Türsturz, geziert von einem rostigen Sichelblatt, senkt sich der Kopf. Im ersten Raum – ich glaube, er sollte einmal ein Wohnzimmer werden oder wird es einmal sein – stapeln sich Werkzeug und Kisten um Waschmaschine und Kühlschrank und ein krankes Kätzchen tollt umher. Steil geht es über abgewetzte Steinstufen empor in die Küche im ersten Stock. Die Jugend frühstückt. Der Ofen ist warm, frisch gebackene Semmeln locken auf dem Blech. Die Musik ist aus. Ein paar Schritte geht einer hinüber ins gegenüberliegende Zimmer, die Nadel senkt sich auf den Plattenspieler, es rauscht und knackt wie aus einer anderen Zeit und dann singen die Beatles durch das große Haus, über den buschigen Rosmarin, an der Zypresse vorbei und über die Olivenbäume hinweg: „Here Comes the Sun“. Und für einen Augenblick ist die Welt es wieder einmal – perfekt.

Helon Habila, „Öl auf Wasser“

„In der Flussmitte war das Wasser klar, näher an den Ufern stand es brackig, eingeschlossen von den Mangroven, in deren Zweigen der Dunst in Klumpen hing wie Baumwollbällchen.“ Seit Stunden und Tagen kämpft sich das Boot durch das unüberschaubare Delta flussaufwärts, hindurch durch eine endzeitliche Landschaft. Ölschlieren treiben auf den Wellen, ein abgetrennter Arm kündet stumm von erbarmungsloser Gewalt, verlassene, aufgegebene Dörfer säumen die Ufer, Rauch und Dunst und Fieberschwaden hängen in der Luft und immer wieder die apokalyptisch aufschießenden Flammensäulen der Ölförderanlagen.

Es ist eine Reise ins moderne Herz der Finsternis, die die beiden nigerianischen Reporter Rufus und Zaq auf der Suche nach den Entführern einer Europäerin auf sich nehmen. Das Land verendet an der Ausbeutung durch die internationalen Ölkonzerne, eine enthemmte Armee und Rebellen liefern sich in den Dschungeln Gefechte und die einfachen Fischer und Bauern fliehen in die Großstadtslums, wenn sie nicht den Rebellen und Banden zulaufen oder in den Konflikten zerrieben werden.

In einem ganz moralinfreien, aber nicht emotionslosen Ton und in zahlreichen Rückblenden, unüberschaubar wie die Arme des Nigerdeltas und zeitlos wie Fieberattacken, lässt der Autor den Nachwuchsjournalisten Rufus von der Irrfahrt ins dunkle Herz des globalisierten Afrikas berichten – mehr als nur ein Polit- und Umweltkrimi.

Von britischen und deutschen Medien hochgelobt, mehrfach preisgezeichnet und mit Joseph Conrad und Graham Greene verglichen (Habila dürfte weniger lakonisch, aber auch weniger routiniert sein), ist „Öl auf Wasser“ nicht der ganz große, runde literarische Wurf, aber ein durchaus packender, lesenswerter Roman des 21. Jahrhunderts.

Der schmale Pappband mit dem ansprechenden Cover (ohne Schutzumschlag) kostet 24,80 Euro – schlichter Realismus eines Kleinverlags mit Nichtmainstreamprogramm. Als Fußnote sei trotzdem angemerkt, dass bei einem solchen Preis gewisse Schwächen der Ausgabe wie eine nicht vorbildgebende Typographie, Mängel im Lektorat (Kommasetzung) oder ein augenscheinlich willkürlich unvollständiges Glossar afrikanischer Begriffe doch einen kleinen Wermutstropfen bilden.

Nichtsdestotrotz – „Öl auf Wasser“ ist eine schöne verlegerische Leistung (die erste deutsche Übersetzung eines Habilatitels) und ein Gewinn für den deutschsprachigen Buchmarkt. Denis Scheck („Druckfrisch“) darf in seinem Urteil über die im Frühjahr 2010 gestartete Reihe zeitgenössischer afrikanischer Literatur freimütig zugestimmt werden: „eine wunderbare neue Buchreihe, die heißt AfrikaWunderhorn“.

Helon Habila, Öl auf Wasser.
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner.
© 2012 Verlag Das Wunderhorn

http://www.wunderhorn.de/wunderhorn/content/buecher/pool/978_3_88423_391_7/index_ger.html