Der Tag danach

„Ins Allgäu? Dass einer von Stuttgart nicht nach Berlin zieht, das hört man selten.“

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Wer will schon eine Maß trinken, denke ich mir, als ich von den steigenden Bierpreisen rund um eine Festwoche lese. Und erfahre nachmittags im Park vom Zen des Whiskeytrinkens. Man decke mit der Handfläche ein Glas mit Whiskey ab, drehe das Gefäß einmal auf den Kopf und wieder zurück, verreibe dann die Flüssigkeit zwischen den Handflächen und warte, bis sie getrocknet ist. Und rieche dann. Die Aromen werden dir Duftgeschichten erzählen, die du sonst niemals kennengelernt hättest. Diese Offenbarung könne, so höre ich weiter, der Beginn eines lebenslangen Lernens und Erfahrens sein. Und das ist ja das Entscheidende und nicht der Whiskey, sondern die Hingabe, die Würdigung, die Versenkung.

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Zwei alternde Vinylnerds an Ratzers Kaffeetheke prüfen ein Buch über die 1001 wichtigsten Alben. Der eine blättert, der andere tippt unentwegt mit dem Finger auf die Seiten und sagt laut: „Die habe ich, die habe ich, die habe ich …“ Ein prahlender Bub mit ergrauten Haaren, seiner selbst so ungewiss wie vor 50 Jahren.

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Die Schönheit der Straßenarbeiter in der Sonnenglut des Nachmittags. Jede Bewegung in der Hitze zeigt Beherrschung ihres Tuns, jedes Unterlassen ist Sein. Das Winken der Linken zur Einweisung des Kipplasters mit heißem Asphalt. Die Hand an der Schaltung der Planierwalze. Die Beugung des gebräunten Rückens über der Zigarette, die gefalteten Arme über dem Schaufelgriff, der Wind wühlt das Haar auf über einem erhitzten Gesicht. Ein Wechsel aus Tun und Nichttun, frei von Fragen.

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„Dieses Tinder-Match da war eigentlich ganz nett. Wir haben uns ausgiebig über Woody Allen unterhalten.“ Das ist Fortführung von Woody Allen mit anderen Mitteln.

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Ländliche Reize

Ein Traktor mit Anhänger brettert mit voller Kraft auf das Gelände der BayWa, am Steuer hoch oben eine hübsche Pferdeschwanzträgerin mit Tätowierung auf dem trotz Oktoberluft nackten Schulterblatt. Die Feel* bringt das Fahrzeug vor dem Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft mühelos zum Stehen und steigt mit der leichtfüßigen Eleganz eines jungen Revolverhelden ab. Welch Schwung, welche Entschlossenheit!

Augenblicklich überfällt mich das Bedürfnis, bei meinem nächsten Heimataufenthalt wieder bei der BayWa nach irgendeinem Werkzeug zu fragen. Nach Äxten und karierten Hemden vielleicht. Davon kann ein Mann ja im Grunde nie zu viele haben.

* Feel, Föhl: Allgäurisch für „Mädchen“, vermutlich ein lateinisches Überbleibsel (filia = „Tochter“). Fast 500 Jahre römischer Herrschaft in Rätien haben eben doch ihre Spuren hinterlassen …