Buchmessesorgen III

Meinen Zug habe ich verpasst, aber K. war so nett, die Stunde mit mir zu warten und mir nochmals ein Getränk auszugeben. Dabei hatte er, den die Buchmesse am Arsch vorbeigeht, mich vollgequatscht über Verlage und Verleger, Autoren und Illustratoren und Gestalter und ihre Leistungen und Mauscheleien, ihre Schätze und Gaunereien. Und ich verstand, in der Bar bei den Gleisen, nur Bahnhof, kannte und begriff von dieser deutschen Verlagsgeschichte nur einen Bruchteil und war sowieso müde und nun auch hungrig von dem langen Tag, und im Blickfeld links blinkte der übergroße Bildschirm und im Blickfeld rechts blinkte die scharfe Braut, die sich andauernd, immer und immer wieder, mit den Fingern durch die Haare fuhr, und ich fragte mich, ob sie von nebenan aus dem Rotlichtviertel kam und hier einen irgendwie verlorenen Messebesucher abgreifen wollte, und ich begann zu schielen und konzentrierte mich auf K.s lange Nase und er redet und redet einfach immer weiter und ich bin gar nicht mehr hier. Den nächsten Zug verpasse ich nicht und meine Sorge, ob ich mit meinem zuggebundenen Ticket durchkomme (ich habe mit K. eine Wette darüber abgeschlossen oder eher er mit mir) löst sich gerade eben einfach auf, als die Stempelzange des Zugbegleiters ihr KLICK

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Euklids Degen

Diese merkwürdige Furcht, beim Öffnen einer Toilette im öffentlichen Raum eine Leiche vorzufinden …

Er liest vom Blatt über die phänomenologische Begründung der Geometrie, dieser überschlanke Mann mit den tiefen Geheimratsecken, das schüttere schwarze Haar schräg nach hinten gekämmt und zu einem Scheitel aufgeworfen. Im hageren Künstlergesicht suchen große dunkle Augen (umrandet), ein kurzer, angegrauter Vollbart bietet den asketischen Wangenknochen nur schwachen Schutz, die scharfe Nase springt weit nach vorn, der Mund eher Strich als Schwung.

Weit offen steht der weiße Hemdkragen über dem dunklen Sweatshirt − ein Halstuch würde dem Manne stehen −, die dunkle, offene Jacke schmücken große Knöpfe, die schwarze Hose ist von einem lässig hängenden Gürtel mit übergroßer Schnalle gehalten und über den schwarzen Schuhen abgebunden, seine Rosinante ein Rad.

Er könnte ein verarmter spanischer hidalgo sein aus dem siglo del oro, den steifen Barockkragen abgeworfen, den Degen verkauft für die Feder, einen Hauch feminin und womöglich bereits auf die schiefe Bahn geraten. Auch ein dunkler van Gogh vor dem Schnitt des halben Ohres ginge an, vielleicht auch ein Hungerrabe zwischen Gedankenschwere und Lebenstanz.

Die Füße schlägt er im Stehen übereinander, dann zieht er die Hose hoch über die schmalen Hüften, er stützt den Ellbogen auf das Pult, reibt sich mit der beringten Hand über Kinn oder Brust und scheint, während er die Sätze abliest, sein Publikum vergessen zu haben. Draußen wird es hell, der Dämmerregen hat aufgehört, über dem Gehölz links und rechts des schmalen Tales hängen die Wolken tief bis fast auf die Wipfel herab. It never rains in Southern California, das tut es dafür hier am äußersten Rand einer weiteren deutschen Regenstadt umso mehr. Vor dem Fenster, hinter dem Parkplatz liegt nur noch Wald, hier nicht allzu fern von der Mitte Deutschlands und doch am Ende der Welt.

„Die Systembiologen sammeln riesige Datenmengen und wenden sich dann an die Philosophen und fragen, könnt ihr uns sagen, was wir da eigentlich tun? Das ist, finde ich, dann ein bisschen spät.“

„Wenn Siegen zu ist, ist Siegen zu“, ruft der Busfahrer vier Reihen nach hinten und niemand wagt den sophistischen Gegenbeweis. „Ich bin gelernter Speditionskaufmann und war 20 Jahr lange in der Disposition, ich bin Vollprofi. Aber so was wie hier habe ich nicht erlebt. Das ist die Hölle, sage ich Ihnen. Hätte ich Ihnen jetzt auch durchs Mikrofon sagen können, aber das ist kaputt. Aber ich nehme mal an, meine Stimme ist laut genug, ne?“ Ich hebe den Daumen und renne dann los. Ich habe ihn gerade noch erwischt, den Zug, der Hölle zum Trotz.

Letzter Aufruf für die Buchmesse

Kesselleben liest Zeilentiger zur Zeit nicht viel. Rastlos und reiselastig waren die letzten Wochen. Aber manchmal eröffnet das auch ganz neue Möglichkeiten. Zum Beispiel ein Treffen auf der Frankfurter Buchmesse.

Ich freue mich sehr auf den angekündigten Besuch von einigen geschätzten Bloggerinnen und Bloggern am Freitag um 10.30 Uhr in Halle 4.2, Stand C6/C8 (mit Büchern allerbester handwerklicher Machart übrigens, allein dafür lohnt ein kurzer Blick auch dann, wenn die Inhalte nur Spezialisten interessieren).

Vielleicht hat ja noch jemand Lust, sich dazuzugesellen? Herzlich willkommen!

In die Verlängerung

„Was macht das Wesen des Christentums denn aus? Als Jude beispielsweise sind Sie gerecht, wenn Sie sich an den moralischen Grundsätzen des Dekalogs orientieren. Obwohl, das gibt es natürlich auch im heutigen Protestantismus, wenn auf dem Weltkirchentag der Einbau eines Dreiwegekatalysators wichtiger ist als die Dreifaltigkeitslehre.“

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Jeden Abend steht sie vor dem Fenster im Treppenhaus. Ihr Tag war Pauken von Paragraphen, so wie es auch der nächste sein wird, Vergangenheit und Zukunft sind einander gleich. Ihre Gegenwart aber ist der Ausblick aufs Klofenster gegenüber, eine Zigarette und ein Glas roten Weins. So steht sie da, den Ellbogen in die Hand gestützt, und um ihre Augen liegt ein zarter Hauch von Traurigkeit. Ich weiß nicht, ob er immer dort ist.

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Vor den Ladengittern neben der Fressbude stehen die jungen Araber und Schwarzen. Nicht in Grüppchen, sondern eher in einer Reihe, ihre Haltung halb Langeweile, halb provizierende Erwartung. Fast ein Straßenstrich, vielleicht für Faustkämpfe statt sexueller Dienste.

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Fichte ist eine Stadt in Südspanien, bekannt für ihre Steinbrüche. − Träume auf dem Philosophenkongress.

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Regenschutz für Schlossbesucher.

Pausenfüller mit Gauck und Katze

Von wegen 6 km. Ich komme mit der letzten Bahn aus der Stadt von der Rede des Bundespräsidenten und guten Gesprächen auf dem Empfang und schlage die zweite Weghälfte zu Fuß ein, weil dorthin um diese Zeit kein Zug mehr fährt. Nach 2 km trunkenen Marsches rufe ich mit dem allerletzten Restchen Akkuladung ein Taxi − und dann sind es, wie sich herausstellt, immer noch 8 km. Kluge Entscheidung. Wann, grübele ich trotzdem, hatte mein Arbeitgeber eigentlich das letzte Mal von mir eine Taxirechnung erhalten? Ich erinnere mich nicht daran. Endlich bin ich im Dorf, jetzt heißt es nur noch im Finstern die Stufen zur Burg empor. Unter den Bäumen sehe ich nichts, ohne Handlauf wäre es eine furchtbar blutige Sache geworden, aber auch so dauert es eine halbe Ewigkeit. Als ich oben die romanische Kirche passiere, schlägt es unter weitem Sternenhimmel halb 1 Uhr und an den Stufen zur Hoteltür empfängt mich eine nachtwachende Katze. Sie reckt sich, sie streckt sich unter meiner Hand und schnurrt begierig. Es ist irgendwie wie nach Hause kommen. Das Leben ist wunderbar. Heute zumindest − über morgen Früh können wir dann noch reden.

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Blick in den kostenlosen Bücherfundus – geöffnet nur sonntags nach dem Gottesdienst

 

Von Fernmagistralen, Weißwein und dem realen Prinzip – eine Reise an die Mosel

Quint, Bullay, Cochem – ginge ich nur nach den Namen der Haltestellen, wüsste ich nicht, noch in Deutschland zu sein. Als ich vom Zug in den Bus wechsle, verstärkt sich der Eindruck: Auf einer abgesteckten Grünfläche erspähe ich ein Schild „te koop“ (zu verkaufen) – und erst darunter die Botschaft auf Deutsch und Englisch.

Die Mosel scheint hier quasi in holländischer Hand. Auf den grünen Uferwiesen reihen sich die Campingplätze und darauf eine Legion an Fahrzeugen mit gelbschwarzen Kennzeichen. Tagsüber sitzen die Urlauber gerne in Liegestühlen vor ihren Wagen und trinken Bier („selbstmitgebrachtes“, beteuert ein Gewährsmann), abends dringt der flackernde blaue Schein der Fernsehapparate aus den Campingbussen und Wohnwagen. So kann man die Abende im idyllischen Moseltal auch verbringen.

Eine Geschäftsreise führt mich hierher an den Geburtsort eines berühmten spätmittelalterlichen Theologen, Philosophen und Gelehrten. Das Städtchen ist bis heute geprägt von dem berühmten Kirchenmann. Noch immer besteht die Stiftung, die aus seinen Weingärten hervorging, man kann ihre Trauben bis heute genießen – eine über 500 Jahre alte Institution.

Noch andere Schätze beherbergt das Doppelstädtchen. Der mittelalterliche Gelehrte verstarb auf einer Reise in päpstlicher Mission in Mittelitalien. Sein Leichnam wurde in Rom bestattet, aber seine Wagenladung voll Bücher (und sein Herz) haben seine treuen Diener bis an die Moselstadt zurückgebracht, wo die Handschriften bis heute ruhen und eine der kostbarsten noch erhaltenen mittelalterlichen Privatbibliotheken der Welt bilden.

Ein paar Stunden vor Beginn der Veranstaltung begegne ich auf der Burg über dem Fluss einigen unserer Herausgebern. Nicht gerade ein Wunder, solch eine Begegnung, erst recht nicht angesichts der Größe der Stadt. Aber es reicht für Witze wie „Herr E., Sie tauchen immer so überraschend auf!“ oder „der omnipräsente Verlag“. Ich denke, das kann dem Ruf nicht schaden.

Nach getaner Arbeit steigt die Gesellschaft abends hinab in die historischen Gemäuer der Mosel Vinothek. Sie gehört dem Deutschen Roten Kreuz, hier gibt es auch den Rebensaft vom weltweit einzigen DRK-Weingut. Das Angebot unterschiedlicher Themenweinproben ist faszinierend. Bei der klassischen Variante erhält man für 15 Euro in den Kellergewölben ausführliche Erläuterungen – und freien Genuss von 10 bis 17 Uhr. Einzige Auflage: Man muss in der Lage sein, auf eigenen Beinen die Treppe wieder emporzusteigen.

Heute bleibt, wir sind sowieso zu spät dran, nur eine Stunde Zeit, die Erläuterungen zu den einzelnen Weinen müssen wir selbst den Tafeln entnehmen. Nummern verweisen auf die Flaschen in den Kühlboxen. Selbst wenn man sich auf, sagen wir, den lieblichen Riesling beschränkt (dank der warmen Schieferhänge auch bei Zungen, die sonst gerne beim trockenen Wein bleiben, beliebt), kann man nur einen winzigen Ausschnitt kosten, bevor es weitergeht über die Moselbrücke in ein, versteht sich, Weinlokal.

Es ist fünf nach zehn Uhr abends in der Saison und die Küche weigert sich, für die Gruppe aus 30 Leuten noch etwas, und sei es noch so Kleines und Einfaches, aufzutischen. Dem maghrebinischen Kellner tut es sichtlich leid, hilflos lächelnd zieht er bei den Forderungen, dann doch wenigstens eine Pizza liefern zu lassen, die Schultern nach oben. Beim Abrechnen kann er wieder scherzen: Er hakt die Getränke von der Rechnung ab – und ergänzt: „und die Pizza natürlich“.

Ein Politikum war am Tischrund schnell gefunden: Auch das Moseltal hat sein Skandalbauwerk, den geplanten Hochmoselübergang, der die Bundesautobahnen A 60 und A 1 verbinden soll und seine Wurzeln noch in einem Vertrag aus dem Kalten Krieg hat. Damals sollte sichergestellt werden, dass über eine direkte Achse Brüssel – Frankfurt am Main NATO-Panzer zügig nach Osten verschoben werden konnten. Inzwischen zielt der Hochmoselübergang natürlich in eine andere Richtung, etwa auf eine Rettung des fragwürdigen Flughafens Frankfurt-Hahn. Man spürt sofort, hier zeigt sich ein regionales Reizthema: Kostenexplosion und Verschleuderung von Steuergeldern (von 600 Millionen Euro Kosten ist die Rede), untragbare Verschandelung des Landschaftsbilds, nicht kalkulierbare tektonische Risiken (Hangrutsche, Wasserhaushalt), Größenwahn der Politik bei letztlich unnötiger verkehrstechnischer Funktion – manches davon klingt bekannt von anderen aktuellen Bauprojekten der Republik.

Ein auswärtiger Besucher scherzt vom Widerstand gegen das Bauvorhaben, von Sabotage der Einheimischen und aufrechten Moselsoldaten – „das reale Prinzip bricht aus dem Ungrund hervor“, um es mit einem Philosophen des Deutschen Idealismus zu sagen. Meine Fantasie spinnt die Fäden weiter und ich male mir in Gedanken ehrwürdige Professoren aus mit Dynamit in den Sakkotaschen und hehrer Stirn. Was wäre das für eine Schlagzeile in der FAZ: „Vizepräsident einer internationalen philosophisch-wissenschaftlichen Gesellschaft plant Sprengung der umstrittenen Moselhochbrücke“! Das Fach wäre sich einer ganz neuen Aufmerksamkeit sicher.

Übrigens kreuzt die Verkehrsachse des Hochmoselübergangs eine ganz andere Magistrale, die Schienen der einstigen „Kanonenbahn“. Nach dem militärischen Sieg über Frankreich und der anschließenden deutschen Reichsgründung 1871 war es Vorgabe der Politik, rasch eine Direktverbindung zwischen dem annektierten Metz in Lothringen und der Reichshauptstadt Berlin einzurichten. 1880 war es soweit: Wer um 5 Uhr morgens in Metz den Zug bestieg, konnte am späten Abend in Berlin dem Kaiser die Hand küssen. Große Bedeutung hatte die Gesamtstrecke allerdings nie, die einzelnen Etappen entwickelten sich daher recht unterschiedlich weiter; man mag in diesem Punkt gern Vergleiche ziehen zur geplanten Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnachse Paris – Bratislava …

Bis heute, so hat man den Eindruck, ist die Bahn im Moseltal jedenfalls nicht viel schneller geworden. Dafür ist sie brechend voll am Samstagvormittag: Drei Gruppen angetrunkener junger Männer mit Plastikbechern wetteifern um den Lärmpegel, ein untergeklemmtes Bierfass drückt mich an die Gangwand, vor den Toiletten reihen sich die Bierblasen. („Krempeln Sie besser Ihre Hose hoch“, rümpft eine Dame beim Geruch aus dem Klo die Nase.) Eine johlende Gruppe steigt aus und wird sofort von der nächsten ersetzt. „Hangover Frankfurt“ steht auf ihren T-Shirts – der Kompass ist eingestellt.

Geschäftsreise in die Twilight Zone

Es ist ein Ort hinter allem: hinter der Stadt, hinter den Sozialbauten, hinter den Häuschen mit dem Geruch von gescheiterten Träumen und Missbrauch, hinter der Bereitschaftspolizei, hinter dem Gewerbegebiet. Vor dem Hotel eine Tankstelle, dahinter der pyramidenartige Bau irgendeiner Sekte, rechts die Autobahn, links Werbung für den Puff am Ende der Straße. Und die Straßenbahn, meine einzige Verbindung in die historische Stadt, über einen Kilometer entfernt und immer unter Regenwolken. Völlige Tristesse. Das kommt davon, wenn man seiner Firma Kosten sparen will und zugleich zu spät bucht. Das nächste Mal heißt es eigennütziger sein.