Hotline

„Hier ist der Anschluss von … Falls Sie eine Voltaikfirma sprechen wollen: Diese Firma existiert nicht mehr, die Telefonnummer wurde bereits vor Jahren für einen Privatanschluss neu vergeben. Nochmals: Wenn Sie eine Voltaikfirma erreichen wollten, sprechen Sie bitte nicht auf den Anrufbeantworter.“

Zwei Uhr nachts klingelt das Telefon. Es klingelt lange und ausdauernd, aber es klingelt nicht bei mir. Es klingelt so lange, dass ich trotzdem aufstehe und mich zu orientieren versuche. Welche Tragödie ereignet sich da vielleicht gerade? Dann verstehe ich: Es ist bei den Nachbarn nebenan. Und der Anrufer ist die alte Frau ein Stockwerk höher. Das Telefon läutet weiter. Irgendwann hält es der Nachbar nicht mehr aus und nimmt den Anruf an und spricht mit der müden Stimme eines Menschen, der diese Situation schon viele Male erlebt hat, ins Telefon. Ich höre seine Stimme durch die Wand und ich höre die Stimme der alten Frau durch die Decke. Die Diskussion ist rasch beendet und schon klingelt das Telefon wieder, ausdauernd, endlos schier. Alle im Haus sind wach und lauschen und warten. Ganz still ist es dann, als die alte Frau aufgibt, sich über etwas beschweren zu wollen, das nie existiert hat.

„Holger, du musst ein sehr glücklicher Mensch sein.“ Nachricht auf meinem Anrufbeantworter.

Advertisements

12 Gedanken zu „Hotline

  1. Man könnte sein Telefon ja auch einfach aus der Wand ziehen, dann klingelt es nicht mehr nachts. Und am nächsten Tag könnte man mal das Sozialamt informieren, dass die Dame über Euch an Demenz leidet (typisches Anzeichen dafür: Verlust des Tag-Nacht-Rhythmusses) – das ist nämlich nicht ungefährlich, wenn sie das allein bewältigen muss. Ich sag nur, vergessene Herdplatte, Adventskranzkerze (das Wort mit vier tz).

    • Danke sehr für Deinen Kommentar! Ja, ich hatte mir (nicht den Nachbarn) auch die Frage nach dem Steckerziehen gestellt. Und ja, Hilfe wurde angefragt, schon lange hat sie Unterstützung.

      • Gut dass sie Hilfe hat, denn keiner braucht in der Wohnung über sich einen Wohnungsbrand. Ich bin ja auch immer dafür, dass man ältere Leute nicht unnötig aus ihrer Heimat entfernt, doch Demenz ist ab einem gewissen Stadium nicht nur ‚lästig‘ – sondern sehr gefährlich. Für den Betroffenen (bei kalten Temperaturen aus dem Haus gehen ohne entsprechend gekleidet zu sein, nicht mehr nach Hause finden, wenn man unterwegs ist etc.) – aber auch für die Nachbarn, wenn die betroffene Person solche Kleinigkeiten vergisst wie eine Herdplatte/Atzventzkrantzkertze oder auch, dass sie die Badewanne befüllt … Wenn jemand nach ihr sieht, wird zumindest irgendwann auffallen, wenn sie in das gefährliche Stadium gerät.

  2. Ich dachte, dass es so etwas garnicht mehr gäbe. Ein früherer Kollege zog, und bekam dabei die frühere Telefonnummer der dörflichen Polizeistation. Wer ändert schon seine Einträge im Telefonbuch am Fernsprechbänkchen.
    Bei ihm klingelte oft das Telefon. Zu allen Zeiten rund um die Uhr. Die Post half trotz aller Anfragen und Bitten nicht.
    Da rief die Hilfeabteilung eines deutschen Zeitungsschundblattes an. Die nahm sich des Falles in bekannt publizistischer Weise an.
    Innerhalb zweier Tage bekam der Kollege eine andere Telefonnummer und einen Gebührenerlass für drei Monate.
    Geschichten, wie sie nur das Menschenleben schreibt.

    Frühmorgendlichdämmrigvernieselregnete Grüsse vom nördlichen Ufer des Flusses

  3. In was für einem hellhörigen Haus wohnen Sie denn da?! Da können Sie ja nie mal ordentlich Krachmusikke aufdrehen, wenn Ihnen danach ist. Weia, an andere Geräusche mag ich gar nicht denken. Echt? Stimmen durch Wand und Decke? Ich würde verrückt werden. Kopfschüttelnde Grüße, Ihre Frau Knobloch.
    P.S.: Meine Nachricht auf dem Anrufshinweisknecht lautete: Herr Zeilentiger, Sie müssen ein sehr müder Mensch seyn.

    • Ja und nein, dachte ich mir, als ich Ihren feinfühlenden Satz auf meinen Nachrichtensammler gefunden habe. Ja, manchmal bin ich das, manchmal ist das zum Verrücktwerden hier. Aber ich kann Ihnen versichern, das Haus, in dem ich vorher wohnte, war schlimmer.

  4. Oje… Ich stimme franhunne4u zu, das klingt sehr nach Demenz, und bei aller Liebe zu vertrauten Wohnungen, es gibt leider einen Punkt, ab dem man daran Erkrankte nicht mehr allein wohnen lassen kann. Nächtliche Anrufe sind ja noch harmlos, aber was, wenn sie nachts einkaufen will und sich dann verläuft?

    Meine Handynummer hat übrigens auch offenbar mal jemand anderem gehört, jedenfalls habe ich noch jahrelang Anrufe für eine gewisse Olga erhalten – auf (glaube ich) Russisch. Das hat es etwas schwieriger gemacht zu erklären, dass Olga hier nicht mehr erreichbar ist… Inzwischen scheint es sich aber rumgesprochen zu haben. Und immerhin haben die Damen und Herren Russen ausschließlich zu anständigen Tageszeiten angerufen 😉

    • Ja, im Augenblick wirkt es tatsächlich mehr lästig (Gehässigkeit, ungerechtfertigte Vorwürfe, eingebildete Dinge) als gefährlich. Aber um es rechtzeitig mitzubekommen, wenn es das wird, finde ich auch gut, dass die Person (auch) Hilfe von außerhalb hat.

      Und hast du je herausbekommen, wer Olga war? 😉 Das ist ja eine Geschichte. Irgendwie hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass so etwas auch mit Handynummern passieren könne. Ein Glück, dass deine russischen Damen und Herren ihre Anrufzeiten sehr brav gewählt hatten.

      In Damaskus erhielt ich einmal einen Anruf von ganz und gar unverständlichen, aber wütenden Kurden aus dem Osten des Landes. Ich versuchte in gestelzt-gebrochenem Hocharabisch klarzumachen, wer ich sei – nämlich ganz gewiss nicht derjenige, den sie sprechen wollten. Leider schienen sie mich genauso wenig zu verstehen wie ich ihren Dialekt. Ich war froh, dass da geschätzte neun Busstunden zwischen den Anrufern und mir lagen. Die klangen wirklich sauer.

    • Ohropax kann Nerven schonen und Schlaf retten. Aber ich sage nur: Dass ich trotz der genannten (und vielleicht ja ein klein wenig zugespitzten) Umstände normalerweise kein Ohropax brauchte, in der vorherigen Wohnung aber sehr wohl, empfinde ich als enorme Steigerung des Lebensglücks. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s