Flat White am Marienplatz

Wenn man in den Armen der nächsten Sommergrippe aufwacht, bekommt der Tag etwas Zweifelhaftes. Ist man dabei noch munter genug, zu einem sonnigen Café zu stolpern, um dort einen erstklassigen Kaffee zu genießen, vielleicht einen hausgemachten Brownie dazu, sieht das schon wieder etwas anders aus.

Der August, dieser kühle, nasse, wolkige Irrtum, der nachts Zehen Trost an Wärmflaschen suchen ließ, dieser Herbst von einem August hatte der Wohlfühlzone am Marienplatz neue Räume eröffnet. Zwei Türen neben dem wohlvertrauten Café Kaiserbau hatte das Condesa, Café & Bar, eröffnet. Als Zwischennutzung vorerst, wo im letzten Jahr noch eine Bierkaschemme ihre Heimat hatte. Auch das ist wohl Gentrifizierung.

Es ist alles sehr schlicht, sehr einfach im Selbstbedienungscafé Condesa. Natürlich, schon die ungewisse Zukunft legt den zweideutigen Charme des Verzichts nahe. Drinnen kahle Holzplatten und Lampenschirme aus angeschlagenem Metall, rissige Brettertische und wippende Holzbänke draußen. Und eine Karte, die so überschaubar wie exklusiv ist. Modegetränke wie ein Flat White (ein Cappuccino mit weniger stark aufgeschäumter Milch) allein definieren nicht Güte, aber die Bohne tut‘s: Die sizilianische Röstung Ionia aus der kleinen La Marzocco-Maschine ergibt einen hervorragenden Espresso.

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Zwischennutzung mit Vogeldreck, Koffeinspiegelerhöhung und Retrolektüre.

Das ist dann doch ein Argument, sich mitten in diese Hipsterzone zu setzen. An manchen Tagen kann man es spüren wie eine unsichtbare Wand und diese Nichtblicke: Du bist uncool, du gehörst nicht dazu. Das kann man getrost ignorieren, denn Hipster beißen nicht und das Team ist meistens frisch und motiviert genug, eine Antwort mit einem Lächeln zu verzieren  − und verzichtet auf die Ich-habe-keinen-Schimmer-und-es-interessiert-mich-auch-nicht-Haltung, die zumindest manche im Café Kaiserbau gegenüber den Gästen zur Schau stellen.

Und nur kurz nach dem Condesa hatte − endlich − auch die Pizzeria L.A. Signorina eröffnet. Damit hat das expandierende Café Kaiserbau Flankenunterstützung gleich von beiden Seiten: auf der einen mit der Gelateria, die (bis zur Erbringung des Gegenbeweises) eine der beiden besten und zugleich teuersten Eisdielen Stuttgarts ist, auf der anderen die neue Pizzeria. Bierbänke und -tische in Gelb, Orange und Hellgrün sprenkeln den Vorplatz bunt, ein Maler streicht noch den Türrahmen, während der Steinofen längst in Betrieb ist, das Interieur ist einfach gehalten.

Die Pizza hat einen unfassbar luftigen, leichten und zugleich knusprigen Teig, ganz phänomenal − und schmeckt ansonsten sehr langweilig. Die Verwendung von Salz scheint strengstens verboten zu sein, die Mozzarellascheiben bilden verwaschene Ovale auf der Pizza, der Belag der Margherita (die doch eigentlich allen Pizzagenuss im Kern bereits beinhalten sollte) ist ein geschmackliches Nichts. Vorschnell geurteilt? Andere loben die Pizza in den Himmel? (Ja, tun sie wirklich.) Von wegen, ein zweiter Versuch bestätigt das erste Urteil. Dieses Mal eine Pizza aus der Familie bianca, die Zutaten der „Rodeo“ klingen nach Geschmack, nach frischer Würze, nach Genuss. Und ist dann ungefähr so aufregend wie ein Ritt auf einem toten Esel.

Noch ein Cortado am Condesa. Der Morgen sinkt dahin, der Marienplatz füllt sich. Ein Schlacks in hautenger schwarzer Lederhose und Blümchenweste über dem nackten tätowierten Oberkörper eilt vorüber. Mit einer effiminierten Handbewegung wischt er sich über den kahlgeschorenen Kopf. Mich wundert, dass er nicht barfuß läuft. Hinter ihm passieren zwei muskelbepackte Radfahrer mit schweren amerikanischen Zungen die Glascontainer und bremsen vor dem Bike Sport, einem soliden Fahrradladen, der die Genusszeile am Marienplatz zur stetig rauschenden Hauptstätter Straße (einst der Weg zum Richtplatz) abschließt, so wie es die Filiale der BW Bank auf der anderen Seite zur Tübinger Straße hin tut, dort wo ich den ersten Notruf meines Lebens abgegeben hatte, merkwürdigerweise nur wenige Tage nach meinem ersten Anruf bei der Polizei wegen dieser Koffersache da.

Gegenüber, an der niedrigen Steinmauer zum eigentlichen Marienplatz, sitzen wie immer die Verlorenen, nein, es sind keine Penner, es hat keine zerschlissenen Klamotten, aber die Bierflasche schon morgens am gezeichneten Gesicht und immer den obligatorischen schwarzen Hund zu Füßen. Hinter ihnen ruckelt der gelbe Wagen der Zacke an, die Zahnradbahn arbeitet sich den Berg nach Degerloch empor, die Wolken fressen die Sonne und spucken sie wieder aus.

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Die hausgemachte Limonade ist ausgetrunken.

Die beiden Studentinnen neben mir unterhalten sich mit erstaunlichen Nichtigkeiten auf beste Weise. Auf den Hinweis ihres Begleiters, der Tee sei aus, antwortet eine Frau „Wie kann das bitte sein, der Tee ist aus. Kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn?“ und ich verkneife mir eine dumme Bemerkung. Ein Ball trifft ein Rad, das an das Eisenrund um eine sich schon bräunende Kastanie gebunden ist. Er bringt das Fahrrad in Bewegung, es weicht zurück, legt sich schief, soviel Spielraum lässt die Absperrkette zu. Ich fürchte einen Sturz, aber der Lenker auf dem Eisenrund fängt es ab. Und ein Junge kommt grinsend dem Ball hinterher, der es irgendwie über das viele Meter hohe Metallgitter des harten, kleinen Sportplatzes geschafft hatte.

Ich fühle mich besser und will verharren, um den Körper weiter träumen zu lassen, aber es zieht mich weiter. Und so gehe ich über den Platz, an den Seelenfängern und Unterschriftenschindern vorbei, dorthin wo die Treppen hinabführen zur Stadtbahn, das, was sich in der Kesselstadt großspurig U-Bahn nennt − zu stark für eine Straßenbahn, zu schwach für eine Metro, hier unter die Erde gelegt, dort auf offener Straße, ein Wechselspiel zwischen Licht und Dunkel, wie der Himmel, wie mein Kopf.

Nachtrag November: Manchmal sollte man eine dritte Chance einräumen. Und siehe da, die Pizza mit Süßkartoffeln, Chorizos und Orangenöl war schlicht fantastisch und nicht einmal das Salz hat gefehlt. Was soll ich sagen: Ich freue mich auf den nächsten Besuch.

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il pomodoro im Lehen – der sympathische Italiener für den kleinen Geldbeutel

Sein größtes Kapital ist seine Einrichtung. Das Restaurant il pomodoro an der Filderstraße schräg gegenüber der markanten Markuskirche besticht durch ein sehr ansprechendes, bodenständiges Interieur. Ohne die Geschichte des Gebäudes näher zu kennen, lässt sich vermuten, dass die Räumlichkeiten einst eine bessere schwäbisch-gutbürgerliche Gaststätte beherbergten: viel Holz, halbhohe Wandtäfelungen, echtes Parkett, dazu hübsche Kronleuchter im 50er-Jahre-Stil und Bleiglasfenster. Die Bar im Eingangsbereich gewinnt sofort und den Pizzabäckern kann man bei der Arbeit am Holzofen über die Schulter schauen.

In den beiden Gasträumen geht es lebendig her, in dem stets gut gefüllten Ristorante herrscht eine gut gelaunte Atmosphäre. Die Bedienung bleibt auch in der – sich schnell mal einstellenden – Hektik immer herzlich, nicht die geringste Spur also von der Arroganz, die von den Kellnern gewisser italienischer Restaurants so perfektioniert wird. Man fühlt sich gleich wohl hier – ein Eindruck, der auch bei wiederholten Besuchen nicht verloren geht.

Neben der Karte (praktisch übersichtlich: vegetarische Pizzen bilden eine eigene Rubrik) bietet das il pomodoro eine Wochenkarte und wechselnde Tagesangebote mit Fisch und Meeresfrüchten. Das Essen wird trotz der vielen Besucher recht flott serviert, was angenehm, aber nicht zwingend nur ein gutes Zeichen ist. So zeigen sich die Grenzen des il pomodoro recht bald, nachdem man zu Messer und Gabel gegriffen hat: Das Antipastigemüse ist keiner besonderen Rede wert, der Weißebohnensalat am besten als schlicht zu bezeichnen, die Pizza immerhin kross und groß.

Als klassischer Prüfstein der italienischen Küche zeigen sich die Penne all’arrabbiata. Sofort erschnuppert die Nase köstlichen Knoblauchgeruch, die Schärfe treibt angenehm den Schweiß auf die Stirn, die Tomatensoße ist etwas dünn – und alles in allem zwar solide, aber letztlich doch etwas nichtssagend wie die halbgetrocknete Petersilie aus Streudosen (offensichtlich die Lieblingsgarnitur im il pomodoro).

Wahrscheinlich am deutlichsten sind die kulinarischen Defizite an den Desserts zu spüren – denn mit dem Wiedererkennungswert der süßen Gerichte hapert es. Sei es beim Tiramisu, das nach allem schmeckt, nur nicht satt nach Mascarpone, und mit zuckerhaltigem Kakaogetränkepulver bestreut ist (eine Sünde), oder sei es bei der geschmacksbefreiten und körnigen Panna cotta, die erstickt unter einer penetranten Schicht klebrigsüßer Johannisbeermarmelade mit einer Krone billiger Schlagsahne aus der Sprühdose.

(Um die letzten beiden Absätze ins Positive zu wenden: Die Gerichte sind entsprechend günstig. Ein vegetarisches Drei-Gänge-Menü mit einem Viertel Wein kostet unter 20 Euro.)

Prinz vergibt ganze fünf Punkte auf der Bewertungsskala. Das ist gut gemeint, viel zu gut. Seien wir ehrlich: Wenn das Essen im Mittelpunkt stehen soll (und darf!), sind in Stuttgart definitiv andere italienische Restaurants vorzuziehen. Für den ganz spontanen Besuch in herzlich-familiärer Atmosphäre oder auch für den schmalen Geldbeutel ist das il pomodoro aber immer wieder eine sympathische Wahl.

il pomodoro: Filderstraße 25 – 70180 Stuttgart-Süd