Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 4)

65.

Ein Verkehrsschild an der Wellington Road verkündet eine einfache Botschaft: THE NORTH (M1). Solche Angaben gefallen mir. Der Norden. Der Süden. Ein ganzes, weites Land steht offen.

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Die Post wird ausgefahren.

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An der langen Mauer des Lord’s Cricket Ground, der Adresse schlechthin für Cricket auf diesem Planeten, vorbei. Nur am Bicentenary Gate erlaubt die hohe Wand einen winzigen Blick hinein − und damit hinaus aufs Spielfeld der vielleicht merkwürdigsten aller britischen Sportarten.

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Aus Lord’s Tavern − The Home of Cricket − dringt der bestechende Geruch von Knoblauch. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen wie beim pawlowschen Hund nach Ertönen des Glockentons. Auch die englische Küche hat die Knolle längst erobert.

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Blick in eine Seitenstraße.

68.

In der St. John’s Wood Road steht ein Umzugslaster. Der Stoffbezug des Sofas auf dem Bürgersteig ist ungeheuer britisch. Ich will es fotografieren und traue mich vor den Augen der Möbelpacker nicht. Also lungere ich ein bisschen herum und warte eine Zigarettenpause der Möbelpacker ab. Wie ein Dieb nutze ich den Augenblick und knipse das Sofa.

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Die Wächter sind kurz ausgetreten.

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Und dann am Clifton Court keine Ziegelsteine mehr, sondern ohne Vorwarnung Fachwerkfassade, einen Block lang. Ein ganz neuer Blick auf die Stadt.

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Dort, wo die Maida Vale in die Edgware Road mündet, beginnt wieder ein neues London. Die Straße zeigt sich breit und amerikanisch, wie die Achse einer Pionierstadt. Die eigentlichen Häuser sind zurückversetzt hinter einstöckigen Ladenräumen mit Flachdach. Überall werben Aushänge, ein Wald an Reklametafeln säumt die Straße. Ein großer Teil der Aufschriften sind in arabischen Lettern. Nicht umsonst gilt die Edgware Road als das arabische Viertel Londons. In den Seitenstraßen sind Marktstände aufgebaut: Kleidung, Elektrowaren, Fisch, Grillhähnchen. Ein libanesisches Restaurant neben dem Malergeschäft, eine Buchhandlung mit goldgeprägten Koranexemplaren zwischen dem Frisör und der „Herbal Acupuncture“. Arabisches Viertel ist allerdings zu knapp gefasst. Auch türkische, kurdische, iranische und andere, weiter östlich gelegene Regionen sind an der Edgware Road vertreten: Eine Chinesin verkauft Falafel, ein Inder Fernseher.

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Ein später Lunch, das Gespräch mit dem Kellner ein englisch-arabischer Mischmasch. Ich bestelle Mezze: hummus beiruti, muhammara, batata harra und dazu dschulab, ein süßes Getränk aus (in diesem Fall) Tamarinde und Rosenwasser und reichlich Pinienkerne, die − welch Verschwendung der teuren Kerne − teils im Glas zurückbleiben. Ich greife mit der Gabel aus drei Fingern und Fladenbrot in die Tellerchen und genieße den Klang der arabischen Sätze, die sich die Kellner zuwerfen. Zum Abschluss ein italienischer Espresso. Man muss sich das Beste aus allen Kulturen heraussuchen.

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Glaspaläste hinter der Baustelle Merchant Square Paddington. Als Kontrast dazu die linke Fahrspur: Sie ist randvoll mit Black Cabs − den Londoner Taxis, die einen Zeitsprung hinter sich haben zu scheinen.

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Aufzugtürme in Paddington.

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Jesus rettet auch hier. Das kleine Eckcafé Sao Vicente finde ich attraktiver als die Assembly of God Church im Stockwerk drüber.

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Jesus saves. Alternativ ein Galao.

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Im Kanal vor der Bahnstation Paddington sprudelt das Wasser in einer Sinuskurve. Warum? Vage ist unter der Oberfläche der Verlauf eines Schlauchs zu erkennen. Das Viertel um den Bahnhof bewahrt den rauen Charme eines alten Industrieviertels. Allerlei Health Care-Einrichtungen haben sich in den dunklen Ziegelbauten im Hinterhof des Bahnhofs niedergelassen. Darf daraus eine Aussage über das Gesundheitswesen in Großbritannien abgeleitet werden?

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Industriekanal hinterm Bahnhof.

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Die Gleise von Paddington sind vor dem Blick verborgen, abgeschirmt wie alle Bahnhöfe in diesem Land. Wunden von Nine-Eleven und den Anschlägen vom 7. Juli 2005. Die Erinnerungen in Schwarzweiß aus einer Agatha-Christie-Verfilmung zerschellen an den gesichtslosen Mauern postmoderner Sicherheitspolitik.

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Tore in der London Street.

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Nach traurigen Winterwegen zwischen Pferdeäpfeln und Nachmittagsdunst im Hyde Park  überrumpelt die Weltstadt mit dem Glanz von Kensington. Todschick die Adresse des Goethe-Instituts in der Exhibition Road gegenüber dem Imperial College. Fast benachbart ein mehr als repräsentativer Bau der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Eine Jesusstatue in klassizistischem Stil empfängt im Vorraum des Mormomengebäudes, die Botschaft des Herrn wird über einen Werbeflachbildschirm zur Straße hin ausgestrahlt. Es ist eine unverhohlene Prachtstraße und ich setze mich in der windigen Abenddämmerung auf eine Bank vor dem Science Museum, um die mondäne Atmosphäre aufzusaugen. Hierher würde ich gerne öfters kommen: um zu schlendern, zu sitzen, zu schauen. Auf der anderen Seite der Sitzbankreihe skypt ein Mädchen über das Smartphone mit einem Jungen. Andere sprechen mit Ohrstöpseln und Blick aufs iPad, während sie Einkaufstüten durch die Gegend tragen. Die Geisterkommunikation im Gehen ist allgegenwärtig.

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Mormonenglorie in London.

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„zeig den tommies wo der pimmel hängt!!!“, lese ich auf der Bank eine Nachricht aus Deutschland. Ich bin mir nicht ganz sicher, welche Handlung ich daraus ableiten soll.

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Royal Albert Hall

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High Street Kensington. Gen Westen ziehen sich teure Einkaufsstraßen. So chic. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in diesem Viertel und wusste bis eben nicht einmal, dass hier überhaupt noch etwas ist, hatte naiv schon Vorstadt um Vorstadt erwartet. Der Weihnachtsrausch hat die Konsummeile im Griff. Zeitungsverteiler im Regen oder an den Eingängen der U-Bahn-Station bilden kleine Inseln in den Strömungen aus Kreditwürdigkeit und Stil. Der Blick in einen offenen Krankenwagen, der auf einen Patienten wartet, ist ein Bruch in dieser heilen Welt des Geldes. Die Menschen aber hasten so schnell vorüber, dass sie kaum die Gelegenheit haben, dieses Zeichen wahrzunehmen. Ich stelle mich in einer Passage unter, werde selbst zur Insel. Der „Evening Standard“ wechselt bergeweise die Hände am U-Bahn-Eingang. Gegenüber meiner Nische strahlt eine minimalistische Sushi-Bar mit verschwenderisch hohen Decken und Stühlen aus durchsichtigem Kunststoff. Ich stehe und schaue und die Augen der Überwachungskameras machen mich nervös. Also schiebe ich das Notizbuch wieder in die Seitentasche und übergebe mich wieder der Strömung, ein Fisch unter vielen.

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Kensington, auch für Reiter.

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In der Auslage eines Geschäftes hängt ein großformatiger „Family Organizer“ für die Küchenwand, ein Stundenplan für die gesamte Familie. Ja, in Zeiten des Fort- und Weiterbildungsterrors unserer Kinder ist so etwas dringend geboten …

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Kensington, Ecke Holland Street. Weiter westlich will ich nicht mehr. Eigentlich hatte ich vor, noch bis Notting Hill nördlich meines Standpunkts zu kommen, dann aber über Chelsea genau entgegengesetzt im Süden zurückzukehren. Es ist dunkel, nass, die Akkus von Fotoapparat und Smartphone sind leer und ein langer Rückweg liegt vor mir. Was tun? Links oder rechts? Augenblicke der Verlorenheit, während der Regen über die Umgebungskarte der Haltestelle strömt und die Straßennamen verwischt, als wären sie nie dagewesen.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

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18 Gedanken zu „Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 4)

  1. Geschätzter Herr Zeilentiger, ich danke Ihnen abermal für diesen Rundgang in einer grossen Stadt. Virtuell durfte ich Sie begleiten und Musik hatte ich im Ohr. Your Mother owns a Block in St. John´s Wood (Play with Fire – Stones), Clifton in the Rain (Al Stewart), Dudley Street von Amiel kenne ich nicht, um 16:50 geht der Zug ab Paddington, Sunny South Kensington (Donovan)…
    Ich danke Ihnen. Mit Ihnen könnte ich in einer Stadt flanieren, da bin ich mir sicher ~~~
    Sonntagfrühabendlichgrauhimmelträge Grüsse aus der Stadt/a.M.

  2. Lieber Zeilentiger. Wieder ein großes Vergnügen, Dir durch diese wundervolle Stadt zu folgen. Freue mich schon auf Notting Hill. 🙂 Darf ich fragen, in welchem Stadtteil Du gewohnt hast, als Du dort warst? Liebe Grüße

      • Da muss ich mal auf der Karte schauen, wo das liegt. 🙂 Weiß man denn schon, wann die nächste Ausgabe erfolgt? 🙂 Einen schönen, sonnigen Sonntag Dir. Herzliche Grüße zurück

      • Oder anders gesagt, nur ein paar Gehminuten südlich vom Bahnhof King’s Cross/St. Pancras. – Die nächste Ausgabe? Jedenfalls vor dem Dezember, denn dann muss das durch sein, damit es nicht Verwirrung mit den Jahren gibt. 😉 Ich sollte mal wieder was mit, über, in Stuttgart auf den Blog stellen, danach darf es wieder in die Ferne gehen. Auch dir einen schönen, sonnigen Sonntag! Ich werde die Sonne aus dem Zug heraus bewundern, aber trotzdem gut. Herzliche Grüße

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