Potpourri der Wahrscheinlichkeiten

„Erinnern Sie sich an Ihre erste TV-Liebe?“, steht auf der Titelseite der Tageszeitung ganz rechts oben. Illustriert wird die Frage von der ‚roten‘ Joan Randall aus der Serie „Captain Future“. Es ist ganz klar, das muss jemand aus meiner Jahrgangsgruppe gewesen sein.

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Erschreckend, wie stark rechtspopulistische Parteien in Europa sind. Interessant (oder eigentlich gerade nicht) die Namen. „Morgenröte/Morgendämmerung“ taucht mehrmals auf, ganz reduziert ist der „Angriff“ (Bulgarien) und besonders traurig ein Etikett wie „Wahre Finnen“.

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„Letzte Woche waren wir bei einer ganz schrecklichen Veranstaltung. Es war aber gleichzeitig lustig, denn es gab Bier[e] und hat schon Spaß gemacht, der Peinlichkeit beizuwohnen. Danach sind wir ins Ministerium zurückgegangen mit einer Pulle Wein und haben bis tief in die Nacht geraucht, getrunken und Musik gehört. Zufällig gab es im 9ten Stock noch eine Veranstaltung, da haben wir uns mit Sekt versorgt, als unser Wein alle war.“

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Wie man 20 Jahre lang Punkrocker sein kann, verstehe ich nicht. Aber ich muss nicht alles verstehen. Der Kaffee schmeckt in dem kleinen Plattenladen noch besser als in den beiden Cafés gleich ums Eck. „Den Tod der Platte erlebe ich nemme“, erklärt der Besitzer einem Kunden zuversichtlich. Mein Terminkalender reicht selten mehr als ein paar Monate in die Zukunft. Einen Termin einzutragen, der ein Jahr im Voraus liegt, erscheint mir auch heute noch bizarr. Mein Gott, weiß ich denn, ob ich da noch lebe? Wie die Welt aussehen wird? Im September 2016 werden King Crimson in Stuttgart spielen. Ich habe sie nie live gesehen (dass sie ihre Glanzzeit hatten zu einer Zeit, in der ich noch nicht lebte, sei außen vor gelassen). Voller Begeisterung schlage ich meinen Kalender auf – und traue meinen Augen nicht, an just diesem Tag einen einsamen Termin stehen zu sehen. Gebucht für eine Buchpräsentation auf einer Tagung in einer anderen Landeshauptstadt. Für einen Augenblick erscheint mir die Welt unwahrscheinlich.

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Die wenigen Gäste, die – weil von außerhalb – mit dem Auto gekommen sind, suchen 20 oder 30 Minuten lang nach einem Parkplatz. Kraftfahrzeuge geben in der Automobilstadt Stuttgart immer ein Thema her. Als die Runde zusammengeschmolzen ist, werden die jüngsten politischen Ankündigungen zur Reduzierung der rekordverdächtigen Feinstaubwerte aufgetischt. Sogar ein Fahrverbot wird ins Spiel gebracht, sollten andere Maßnahmen nicht greifen. Was in den 70er-Jahren aus anderen Gründen noch funktioniert hat, kann sich in Stuttgart keiner am Tisch vorstellen. Dafür hat das Auto hier einen viel zu hohen Stellenwert. Nur das Wetter bietet eine noch allgemeinere Arena. Es werde ja immer trockener, meint jemand. „Kürzlich an einem Freitag hat es sich doch ausnahmsweise mal eingeregnet. Als ich dann mit dem Rad von der Arbeit nach Hause bin, dachte ich mir: Mensch, so ein Wetter war in meiner Kindheit doch ganz normal.“

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Mein smartes Phone ist einmal zu oft auf den Kopf gefallen und nun liegt es im Wachkoma. Meine Reaktion zeigt mir, wie sehr ich Sklave des Geräts war: halb Erleichterung, halb kalter Entzug. Das Merkwürdigste sind die Ängste, die wir verinnerlicht haben. Wenn ich allein auf eine Tageswanderung gehe, wie mache ich denn das ohne Handy – falls was passiert? Diesen Gedanken hätte ich vor 20 Jahren nicht begriffen.

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Die Grundlage für ein äthiopisches Gericht. Da ist dann gar nicht mehr so wichtig, was sonst noch hineinkommt.

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Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 4)

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Ein Verkehrsschild an der Wellington Road verkündet eine einfache Botschaft: THE NORTH (M1). Solche Angaben gefallen mir. Der Norden. Der Süden. Ein ganzes, weites Land steht offen.

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Die Post wird ausgefahren.

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An der langen Mauer des Lord’s Cricket Ground, der Adresse schlechthin für Cricket auf diesem Planeten, vorbei. Nur am Bicentenary Gate erlaubt die hohe Wand einen winzigen Blick hinein − und damit hinaus aufs Spielfeld der vielleicht merkwürdigsten aller britischen Sportarten.

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Aus Lord’s Tavern − The Home of Cricket − dringt der bestechende Geruch von Knoblauch. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen wie beim pawlowschen Hund nach Ertönen des Glockentons. Auch die englische Küche hat die Knolle längst erobert.

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Blick in eine Seitenstraße.

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In der St. John’s Wood Road steht ein Umzugslaster. Der Stoffbezug des Sofas auf dem Bürgersteig ist ungeheuer britisch. Ich will es fotografieren und traue mich vor den Augen der Möbelpacker nicht. Also lungere ich ein bisschen herum und warte eine Zigarettenpause der Möbelpacker ab. Wie ein Dieb nutze ich den Augenblick und knipse das Sofa.

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Die Wächter sind kurz ausgetreten.

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Und dann am Clifton Court keine Ziegelsteine mehr, sondern ohne Vorwarnung Fachwerkfassade, einen Block lang. Ein ganz neuer Blick auf die Stadt.

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Dort, wo die Maida Vale in die Edgware Road mündet, beginnt wieder ein neues London. Die Straße zeigt sich breit und amerikanisch, wie die Achse einer Pionierstadt. Die eigentlichen Häuser sind zurückversetzt hinter einstöckigen Ladenräumen mit Flachdach. Überall werben Aushänge, ein Wald an Reklametafeln säumt die Straße. Ein großer Teil der Aufschriften sind in arabischen Lettern. Nicht umsonst gilt die Edgware Road als das arabische Viertel Londons. In den Seitenstraßen sind Marktstände aufgebaut: Kleidung, Elektrowaren, Fisch, Grillhähnchen. Ein libanesisches Restaurant neben dem Malergeschäft, eine Buchhandlung mit goldgeprägten Koranexemplaren zwischen dem Frisör und der „Herbal Acupuncture“. Arabisches Viertel ist allerdings zu knapp gefasst. Auch türkische, kurdische, iranische und andere, weiter östlich gelegene Regionen sind an der Edgware Road vertreten: Eine Chinesin verkauft Falafel, ein Inder Fernseher.

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Ein später Lunch, das Gespräch mit dem Kellner ein englisch-arabischer Mischmasch. Ich bestelle Mezze: hummus beiruti, muhammara, batata harra und dazu dschulab, ein süßes Getränk aus (in diesem Fall) Tamarinde und Rosenwasser und reichlich Pinienkerne, die − welch Verschwendung der teuren Kerne − teils im Glas zurückbleiben. Ich greife mit der Gabel aus drei Fingern und Fladenbrot in die Tellerchen und genieße den Klang der arabischen Sätze, die sich die Kellner zuwerfen. Zum Abschluss ein italienischer Espresso. Man muss sich das Beste aus allen Kulturen heraussuchen.

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Glaspaläste hinter der Baustelle Merchant Square Paddington. Als Kontrast dazu die linke Fahrspur: Sie ist randvoll mit Black Cabs − den Londoner Taxis, die einen Zeitsprung hinter sich haben zu scheinen.

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Aufzugtürme in Paddington.

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Jesus rettet auch hier. Das kleine Eckcafé Sao Vicente finde ich attraktiver als die Assembly of God Church im Stockwerk drüber.

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Jesus saves. Alternativ ein Galao.

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Im Kanal vor der Bahnstation Paddington sprudelt das Wasser in einer Sinuskurve. Warum? Vage ist unter der Oberfläche der Verlauf eines Schlauchs zu erkennen. Das Viertel um den Bahnhof bewahrt den rauen Charme eines alten Industrieviertels. Allerlei Health Care-Einrichtungen haben sich in den dunklen Ziegelbauten im Hinterhof des Bahnhofs niedergelassen. Darf daraus eine Aussage über das Gesundheitswesen in Großbritannien abgeleitet werden?

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Industriekanal hinterm Bahnhof.

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Die Gleise von Paddington sind vor dem Blick verborgen, abgeschirmt wie alle Bahnhöfe in diesem Land. Wunden von Nine-Eleven und den Anschlägen vom 7. Juli 2005. Die Erinnerungen in Schwarzweiß aus einer Agatha-Christie-Verfilmung zerschellen an den gesichtslosen Mauern postmoderner Sicherheitspolitik.

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Tore in der London Street.

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Nach traurigen Winterwegen zwischen Pferdeäpfeln und Nachmittagsdunst im Hyde Park  überrumpelt die Weltstadt mit dem Glanz von Kensington. Todschick die Adresse des Goethe-Instituts in der Exhibition Road gegenüber dem Imperial College. Fast benachbart ein mehr als repräsentativer Bau der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Eine Jesusstatue in klassizistischem Stil empfängt im Vorraum des Mormomengebäudes, die Botschaft des Herrn wird über einen Werbeflachbildschirm zur Straße hin ausgestrahlt. Es ist eine unverhohlene Prachtstraße und ich setze mich in der windigen Abenddämmerung auf eine Bank vor dem Science Museum, um die mondäne Atmosphäre aufzusaugen. Hierher würde ich gerne öfters kommen: um zu schlendern, zu sitzen, zu schauen. Auf der anderen Seite der Sitzbankreihe skypt ein Mädchen über das Smartphone mit einem Jungen. Andere sprechen mit Ohrstöpseln und Blick aufs iPad, während sie Einkaufstüten durch die Gegend tragen. Die Geisterkommunikation im Gehen ist allgegenwärtig.

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Mormonenglorie in London.

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„zeig den tommies wo der pimmel hängt!!!“, lese ich auf der Bank eine Nachricht aus Deutschland. Ich bin mir nicht ganz sicher, welche Handlung ich daraus ableiten soll.

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Royal Albert Hall

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High Street Kensington. Gen Westen ziehen sich teure Einkaufsstraßen. So chic. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben in diesem Viertel und wusste bis eben nicht einmal, dass hier überhaupt noch etwas ist, hatte naiv schon Vorstadt um Vorstadt erwartet. Der Weihnachtsrausch hat die Konsummeile im Griff. Zeitungsverteiler im Regen oder an den Eingängen der U-Bahn-Station bilden kleine Inseln in den Strömungen aus Kreditwürdigkeit und Stil. Der Blick in einen offenen Krankenwagen, der auf einen Patienten wartet, ist ein Bruch in dieser heilen Welt des Geldes. Die Menschen aber hasten so schnell vorüber, dass sie kaum die Gelegenheit haben, dieses Zeichen wahrzunehmen. Ich stelle mich in einer Passage unter, werde selbst zur Insel. Der „Evening Standard“ wechselt bergeweise die Hände am U-Bahn-Eingang. Gegenüber meiner Nische strahlt eine minimalistische Sushi-Bar mit verschwenderisch hohen Decken und Stühlen aus durchsichtigem Kunststoff. Ich stehe und schaue und die Augen der Überwachungskameras machen mich nervös. Also schiebe ich das Notizbuch wieder in die Seitentasche und übergebe mich wieder der Strömung, ein Fisch unter vielen.

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Kensington, auch für Reiter.

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In der Auslage eines Geschäftes hängt ein großformatiger „Family Organizer“ für die Küchenwand, ein Stundenplan für die gesamte Familie. Ja, in Zeiten des Fort- und Weiterbildungsterrors unserer Kinder ist so etwas dringend geboten …

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Kensington, Ecke Holland Street. Weiter westlich will ich nicht mehr. Eigentlich hatte ich vor, noch bis Notting Hill nördlich meines Standpunkts zu kommen, dann aber über Chelsea genau entgegengesetzt im Süden zurückzukehren. Es ist dunkel, nass, die Akkus von Fotoapparat und Smartphone sind leer und ein langer Rückweg liegt vor mir. Was tun? Links oder rechts? Augenblicke der Verlorenheit, während der Regen über die Umgebungskarte der Haltestelle strömt und die Straßennamen verwischt, als wären sie nie dagewesen.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

Some Like it Hot

„Warum teilst du deine Themen nicht auf mehrere Blogs auf?“, runzelt der Profiblogger die Stirn, als ich erzähle, wie Zeilentiger liest Kesselleben thematisch aufgestellt ist. Unter dem Stichwort Zielgruppenrelevanz mag der Ratschlag wohl klug sein. Aber bunter Hund gefällt mir besser und bisher hat sich von den Lesern niemand beschwert. (Merkt ihr‘s, liebe Leserin, lieber Leser, das ist jetzt die Gelegenheit, Kritik anzubringen!) Trotzdem gibt es natürlich eine fast unendliche Zahl an Themen, die ich selbst nicht auf meinem Blog erwarten würde. Kochrezepte zum Beispiel. Nun, manchmal kommt‘s anders.

Make Fufu not War

Die Fußball-WM ist vorbei und der Sommer legt (hoffentlich) erst richtig los. Zeit also für eine Sommerparty! In Stuttgart steht die Parkplatzsituation permanent kurz vor dem Infarkt. Der Hinterhof fällt daher schon mal aus fürs Feiern, denn quadratmetergenau ist der Raum für Parkplätze vergeben, nicht mal mein Rad kann ich da einen Tag lang stehen lassen. (Oh, Stuttgart.) Immerhin, die Glasfront der Küche lässt sich auf ganzer Breite aufschieben: Dreiwandraum. So kann man auch den Sommer feiern. Die 30° kommen wie bestellt und gekocht wird nach der Some like it hot-Regel: nur Gerichte aus Ländern, durch die der Äquator verläuft.

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Süßkartoffeln statt Hähnchen, dazu Kochbananen und Kokosnuss

„Dongo-Dongo is to be served with Fufu.“ Ist das nicht ein schöner Satz? Zentralafrikanisches Dongo-Dongo wird (meist) mit getrocknetem oder geräuchertem Fisch gemacht. Versuchen wir es mit einer Abstraktion in der zweiten Potenz: Ersetze Fisch durch Yams durch Kartoffeln. Das wird dann natürlich ganz was anderes, aber die Freiheit zur Kreativität ist ja gerade das Schöne am Kochen.

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Party! Der Kampfkunstlehrer gibt sich eine Ladung veganer Sprühsahne der Firma SCHLAGFIX. Wenn das nicht passt …

Fufu gibt es übrigens dann doch nicht. Schade eigentlich, nachdem ich heute auf der Startseite des Foodblogs African Bites ein ganz wunderbares Foto gesehen habe: „Make Fufu not War“. Oder wie ein Freund kommentierte: „Das ist wie mit dem Mops: Ein Leben ohne Fufu ist möglich, aber sinnlos.“

Hoho, ist das scharf …

„Mir ist es ja auch lieber, wenn du es kochst, statt es zu bloggen, aber …“, meinte ein Gast. Andere bestätigen: Ja, her mit dem Soßenrezept! Bühne frei also für Piri-Piri, einer scharfen Chilisoße, in Afrika auch Peri-Peri oder Pili-Pili genannt. (Fun fact: „Pilipili hoho“ bedeutet roter Pfeffer auf Swahili.) Bekannt ist die Soße auch in der portugiesischen Küche. Die Zutaten des folgenden Rezepts zeigt bereits den mediterranen Einfluss. Das Piri-Piri auf dem Stuttgarter Afrika-Festival am letzten Wochenende war direkter: einfach nur pürierte Chilis. So scharf, dass es mir erst schwindlig wurde und ich später das Gefühl hatte, ein bisschen high zu sein. Wohlan, hier eine Variante der Piri-Piri-Soße.

3 Chilis (Schärfe ganz nach eigenem Geschmack wählen)
3 Knoblauchzehen (oder mehr)
Etwas frische Petersilie
1 ausgepresste Zitrone oder Limone
4 Esslöffel Olivenöl
1 Teelöffel Paprikapulver
1 Teelöffel Oregano
Salz

Die Zutaten mit dem Pürierstab zerkleinern und alles verrühren. Wenn das Piri-Piri nicht scharf genug ist, mit Cayenne-Pfeffer nachwürzen.

Aber jetzt erst einmal: Restefrühstück. Draußen steigen die Temperaturen weiter. Ich wünsche ein erfülltes Wochenende!

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Frühstück!

P.S. Danke den Freunden und Gästen, dem Tiger und B. für die wunderbar gestaltete Einladung.

Endlich Hitze

Ein Sommerspiel am Pfingstmontag

Vanitas

Ein Schwall Säure lässt mich jäh aus dem Schlaf hochfahren. Es ist wie ein Schock. Was zu viel Essen, zu viel Wein war, ist plötzlich ein Wissen um Verletzbarkeit, um Endlichkeit. Ich spüle den Mund aus und ziehe die dünne Decke zum ersten Mal in dieser Nacht über die Schultern.

Kalenderfragen

„Entschuldigung“, rufen die beiden pubertierenden Jungs am Pfingstmontagmorgen vor dem Supermarkt. „Ist heute Feiertag? Haben die Geschäfte denn alle zu? Gibt‘s hier einen offenen Kiosk? Oder einen Araberladen? Aber morgen ist kein Feiertag mehr?“ Nein, morgen ist kein Feiertag mehr, bestätige ich den verdrießlichen Gesichtern.

Aus dem Kessel steigen

Meine Beine wissen nichts von Kopfschmerz und Müdigkeit und tragen mich die Windungen hoch nach Vaihingen überm Kesselrand. Das Rad schnurrt über den Asphalt, Autos brausen vorbei, der Schatten eines Raubvogels kreuzt meine Bahn. Den Radweg habe ich für mich allein, kein Sonntagsfahrer, den ich überhole, kein Rennradler, der gewichtslos an mir vorüberzieht. Ich liebe diese Steigung bei 30° Celsius. Denn dann ist wirklich Sommer. Glücklich komme ich oben an und verzage. Monströs ist schon vormittags die Schlange vor dem Freibad. Wider Überzeugung schaue ich in die Ritzen meines Geldbeutels und tatsächlich, da ist noch eine letzte zerknitterte Marke vom Vorjahr. Ich gehe an der Schlange vorüber, kein Mensch ist zwischen mir und der Frau, die die Marken am Eingang entwertet. Fünf Minuten später tanzt das Licht auf dem nackten Körper. Die Saison ist eröffnet.

Backsteine

Gegenüber der Tankstelle düst ein Auto bei Rot zwischen dem Fußgänger und mir über die Ampel, ein weißer Wagen mit Spoilern biegt zur Buddha Lounge ein, irgendwo vom Gelände dringen elektronische Beats. Kesseleinwärts wirken die Straßen zwischen den Backsteinhäusern des alten Arbeiterviertels – Heimat der Fantastischen Vier – fast frei von Verkehr in der Mittagshitze. Das Hotel Hottmann, ein trauriger Ort für Monteure, leuchtet wie neugestrichen, ein paar Häuser weiter hat jemand seine Wäsche zum Trocknen auf den Gehweg gestellt. Im zweiten Stock sitzt eine hübsche junge Frau auf dem Fensterbrett und liest im Licht. An der Wohnung, in der ich am Vorabend zu einem Geburtstag war, sind die Jalousien gegen die Hitze herabgelassen, an der, in der ich selbst einmal gewohnt hatte, lassen die Rollläden einen schmalen Spalt frei. Hinter dem Schaufenster der „Kichererbse – vegane Alternativen“ sitzt eine Frau und tippt in ihr Smartphone, und dann liegt Heslach hinter mir.

Definitionen

Sommerglück: Shirt runter, Balkontür auf. Zu Chet Baker mit einem scharfen Chutney beginnen. Dann Kyuss, „Blues for the Red Sun“, gerösteter Kreuzkümmel im Mörser. „Bei dir kann man immer von allem nehmen, weil eh alles schmeckt.“

IMAG1144 „Gewitterwürmer? Das sind diese kleinen, schwarzen Würmer, die vom Himmel fallen, kurz bevor es zu gewittern beginnt.“ Wir schauen uns ratlos an. Wir kennen sie nicht, weder den Begriff noch das Phänomen.

Am Freitag, erfahre ich, war mein kleiner Text im Magazin +3 erschienen. Gesehen habe ich die Beilage der Süddeutschen Zeitung noch nicht. Als Reiseautor firmiere ich da. Das ist wohl eine Definitionssache.

Am Platz

Der Kessel liegt bereits im Abendschatten, nur auf der Höhe noch kratzt das Licht. Die Schlange vor der Gelateria reicht noch immer bis auf die Straße. Ein paar Buben haben einen Einkaufswagen mit bunter „Fahrerkabine“ für Kleinkinder erobert. Lärmend, schreiend, lachend, zankend rattern sie immer wieder den Weg herab, drehen Pirouetten wie auf Glatteis, bremsen kühn vor dem ersten Tisch des Cafés. Es ist 9 Uhr abends, die Schlange vor der Eisdiele ist nochmals länger geworden, am Kaiserbau sind alle Außentische besetzt und kein einziger Gast im Inneren, auf dem Platz – heute Mittag noch wie ausgestorben – sitzen wieder Menschen auf den Treppen, den Mauern, auf dem Plattenboden. Ich lehne mich zurück an die Steinwand, sie strahlt noch die Hitze des Tages ab, schließe die Augen und schwimme in einem Meer aus Stimmen und Sommerwärme. Alles ist gut.

Und es ist noch nicht zu Ende

Ein Stückchen meine Straße hoch blickt man ganz genau in die Schneise einer Verkehrsader drüben im Stuttgarter Westen. Mir war das nie vorher aufgefallen. Die Scheinwerfer der Autos flimmern dort geheimnisvoll in der Dämmerung, gleich Versprechungen einer Fata Morgana. Vögel singen wie irre geworden in den Abendhimmel, der Wind streicht über nackte Haut, wirbelt eine Strähne umher, die Schultern glühen sanft. Verheißung, Verheißung überall.