Wenn man vor dem Grauen des Universums steht und nur das Tanzen bleibt – Die Space Opera „Guardians of the Galaxy“

Die Reise in ein anderes Universum beginnt circa eine Viertelstunde vor Filmstart an der Kasse. Upps – solche Halsabschneiderpreise bin ich im Kino nicht gewohnt. War ich wohl gar zu lange nur werktags im Arthauskino. Ja, man ahnt es schon, wenn ich so anfange, ist die Kollision mit der real existierenden Gesellschaft mit dem Kinopreis noch nicht abgegolten. Es kommt im Vorprogramm, wie es kommen muss: die Werbung (dumm), die Filmvorschau (dümmer), die Bildgestaltung (überbordend), der Sound (noch überbordender), da rutscht das dämliche Klischee vom Untergang des Abendlandes wie von selbst aus der Westentasche. Und während die dumpfe Masse der Zuschauer zu grauenhaft billigen Witzen hemmungslos kichert und gackert, sitzt da einer mit versteinerter Miene in seinem Sessel, ziemlich am Rande, versteht sich. Ein hoffnungsloser Fall. Oder doch nicht?

Bis zuletzt war ich skeptisch, als mir Freunde das SF-Abenteuer „Guardians of the Galaxy“  wärmstens empfohlen hatten. Und natürlich fängt die Verfilmung des Marvel-Comics zum Augenrollen an, Variante triefend herzschmerzmäßig: Bub, Abschiedsrede der krebskranken Mutter, Tod und Tränen, der aus amerikanischen Filmen wohlbekannte Neeeeeeeeein-Schrei und bestürzte Gesichter überall, das alles gleich mal in den ersten fünf Minuten vor den Latz geknallt. Prima, überzeugt fast immer.

Aber dann, aber dann … Geht ein Kinofestschmaus los, stimmungsvoll, bunt, anarchisch und fürchterlich komisch und alles mit so leichter Hand und verschmitzter Freude dargeboten, dass der George Lucas der späten 70er einfach nur neidisch geworden wäre. Über die Handlung muss man eigentlich gar kein Wort verlieren: Fünf intergalaktische Halunken und Glücksritter raufen sich mühsam zusammen, um – aha, Überraschung – das Universum vor einem Bösewicht zu retten. Das Besondere an James Gunns (Regie und Drehbuch) Umsetzung dieser nur zu vertrauten Rahmenhandlung ist ihr Witz, ihre Verspieltheit, aber auch eine gewisse Verletzlichkeit, die zumindest manchen der Charakteren mehr Tiefe gibt, als es zu erwarten gewesen wäre. (Meine größten Bedenken hatte ich gegenüber dem humanoiden Waschbären Rocket. Und dann? Hatte der meine inneren Abwehrstellungen binnen Kürzestem überrannt und mich völlig überzeugt.) Ein hübsches Stilmittel von „Guardians of the Galaxy“ ist auch der wirkungsvolle Einsatz gutgelaunter 70er-Jahre-Songs. Und dann gibt es irgendwo in der Mitte des Filmes ein oder zwei Szenen, die einfach nur wunderschön sind. Da ist Kino wahre Magie.

Am Ende – Stichwort „Endschlacht“ – verliert der Film leider seine leichte, anarchische Hand und setzt auf die altbewährte Überwältungsstrategie aus KRAWUM und EFFEKTEN!!!, garniert mit rührseligem Kitsch. Das ist natürlich irgendwann zum Gähnen, entwertet den Film aber als Ganzes nicht. „Guardians of the Galaxy“ dürfte der bunteste, witzigste und lebensbejahendste Science Fiction-Film seit Luc Bessons „Das fünfte Element“ von 1997 sein. (Gegenbeweise? Dann bitte schnellstens her damit: Ich freue mich schon auf schöne Filmstunden!)

Und ansonsten bleibt nur noch eines zu sagen: Tanzt, Leute, solange euch eure Beine noch tragen! Tanzt!

„Guardians of the Galaxy“. Regie: James Gunn. Mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista. 121 min. 2014. Deutscher Kinostart: 28. August 2014.

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Plissken meets Marlowe meets Monk – Nathan Larsons Future Noir-Roman „2/14“

Über Brians Gesicht huschte ein Lächeln. „Sie sind der geborene Killer. Also, das wird mir jetzt klar. Das ist sehr traurig. Geisteskrankheiten sind immer traurig.“

cover_978-3-03734-654-9In der dystopischen Zukunft überlebt auch der hardboiled detective nur mithilfe eines Sets an systemerhaltenden Neurosen, ganz davon abgesehen, dass er inzwischen ein Killer ist. New York ist nach den (nicht näher erläuterten) Ereignissen von 2/14 am Arsch, und zwar gründlich. Die Metropole ist zu weiten Teilen entvölkert, die Wirtschaft zusammengebrochen oder von mafiösen Strukturen durchsetzt, die öffentliche Hand praktisch auf Armeeeinsätze geschrumpft, der moderne Gesellschaftsvertrag aufgehoben. Zwischen Hunger, Krankheit und dem allgegenwärtigen Geruch von brennendem Müll und Plastik ist sich der Mensch wieder des Menschen Wolf.

Und Dewey Decimal ist einer der gefährlichsten Wölfe in diesem postapokalyptischen Dschungel. Wenn er nicht schmutzige Jobs für den Bezirksstaatsanwalt ausführt, haust er in der verlassenen New York Public Library und strukturiert die Überreste eines Wissensschatzes einer vergangenen Epoche nach der Dewey-Dezimalklassifikation, daher sein Name. Seinen echten kennt er nämlich nicht mehr. Er weiß nur, dass er einmal Soldat war. „Übrigens war ich auch Ehemann und Vater. Glaub ich.“ Denn nichts ist mehr sicher und gewiss in dieser Welt, nicht einmal die eigenen Erinnerungen (implantiert?). Kein Wunder, dass so jemand einen zwanghaften Charakter entwickelt, zu Migräneattacken und Gedächtnisproblemen neigt, hochgradig neurotisch ist und an dissoziativen Störungen leidet.

Aber das hindert Dewey Decimal nicht daran, als Geheimwaffe des Bezirksstaatsanwaltes eingesetzt zu werden, und als dieser ihn auf einen ukrainischen Gangster ansetzt, macht sich der Killer in einem zerknitterten Anzug und mit einem üppigen Vorrat an Pillen, Einweghandschuhen und seinem Reinigungsspray Purell bewaffnet (Requisiten wichtiger noch als Trinkwasser oder Feuerwaffen) auf zu einer Großstadtodyssee, in der sich die Fronten beständig verändern und – natürlich – nichts ist, wie es scheint …

In seinem Romandebüt „2/14“ entwirft Nathan Larson eine stimmungsvolle dystopische Welt. Vieles an dieser Welt ist nur angerissen; wichtig ist die Kulisse, nicht die Stringenz eines Weltenentwurfs, doch diese Kulisse ist dermaßen dicht und bildstark beschrieben, dass einem als Vergleich zum Buch eher Filme einfallen anstelle anderer Bücher – Filme wie „Die Klapperschlange“ etwa oder „Bladerunner“ oder „Soylent Green“. Manche Szenen bestechen durch eine geradezu fiebrige Intensität – ein beeindruckender Beleg für das stilistische Vermögen des Debütanten. Etwas, das Larson nicht nur in seinen Beschreibungen, sondern auch in seinen knackigen, pointierten Dialogen unter Beweis stellt, wie man es bei einem Schüler der hardboiled novels erwarten darf.

Allerdings scheitert Larson daran, den Zug der Geschichte bis zum Ende durchzuhalten. Das Erstaunliche ist, dass der Autor den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte selbst ganz offen thematisiert: „Dieses dumme alte Pulp-Klischee, das müdeste aller müden Klischees, kommt mir in den Sinn. […] Wenn man nicht weiterweiß, dann sucht man die Frau. Cherchez la femme.“ Versucht Larson hier seinen Plot durch Ironisierung zu retten? Besagte Entwicklung (und die dazu gehörige viel zu holzschnittartige Frauenfigur) bleibt nicht die einzige Schwäche. Was als stimmungsvolle, knallharte Geschichte mit Suchtpotential („2/14“ ist der erste Teil einer Trilogie um Dewey Decimal) beginnt, erschöpft sich in der zweiten Hälfte zu oft in Klischees: der hartgesottene Kämpfer, der sich auch frisch von der Kniescheiben-OP weiter durch die Stadt kämpft; der getriebene Ermittler, der im Laufe der Geschichte ungefähr so oft bewusstlos zusammenbricht wie die Figuren in Raymond Chandlers frühen Schreibversuchen; eine Story, die mehrmals auf einen Deus ex Machina-Effekt zurückgreifen muss; Handlungen, für die der Autor keine überzeugende Motivation liefern kann; und ein müder, unglaubwürdiger Moralkodex des Killers (S. 181, wer‘s genau wissen will). Aus dem Rückblick bleibt der Roman (wie so viele Versuche im Kielwasser eines Dashiell Hammetts oder Raymond Chandlers) doch nur wieder einmal zu sehr Geste und Topos.

Ganz ungerecht wäre es aber, über diese einzelnen Kritikpunkte hin zu vergessen, dass „2/14“ über weite Strecken ein verflucht packender, dichter, stilistisch hochsouveräner Zukunftsthriller ist. Freunde des Genres dürfen sich auf die Fortsetzung freuen.

Nathan Larson, 2/14. Ein Dewey-Decimal-Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf. Mit einem Nachwort von Thomas Wörtche. (Originaltitel: The Dewey Decimal System, 2011.) 255 Seiten, Broschur oder als E-Book.  Diaphanes, Zürich-Berlin 2014.

Mit einem Dank an crimenoir, dessen Buchbesprechung von „2/14“ mich auf den Roman aufmerksam gemacht hat.

„Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt!“ – „Gravity“ versus Bradbury: zwei Entwürfe der ultimativen menschlichen Ausgeliefertheit

„Der erste Stoß schnitt die Seite des Raumschiffs wie mit einem riesigen Büchsenöffner auf.“ Das ist die Urkatastrophe in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Kaleidoskop“ (Teil seines „Illustrierten Mannes“) und sie wird nicht weiter erläutert, nicht erklärt, sie ist einfach geschehen. Und nun treiben die Astronauten in ihren Raumanzügen hilflos durchs All, jeder von der Schubkraft der Explosion in eine andere Richtung hinein in das dunkle Meer geschleudert. Der Funk ist das einzige, was diese Schiffbrüchigen in ihrem endlosen Fall noch miteinander verbindet – der letzte Beweis ihrer Existenz, ihres Menschseins. Und aus diesem Funkverkehr spinnt sich ein Faden aus Angst, Wut, Gemeinheit und Vergebung, bis auch er schließlich zusammenbricht und jeder allein ist mit der Unendlichkeit des Weltalls.

Recht ähnlich ist die Ausgangssituation im neuesten Kinofilm von Alfonso Cuarón, Schöpfer der Gänsehaut erregenden Dystopie „Children of Men“. Ein Space Shuttle wird in der Erdumlaufbahn vom Weltraumschrott zerfetzt. Zwei Besatzungsmitglieder – gespielt von Sandra Bullock und George Clooney – überleben und trudeln in ihren Anzügen durch den kalten Weltraum. Ihre einzige Hoffnung ist, eine nahe Raumstation im Orbit zu erreichen und mit einer Raumkapsel zur Mutter Erde zurückzukehren – bevor der Sauerstoff des Anzugs ausgeht, die Energie der Schubdüsen erlischt, ihnen die Satellitentrümmer auf ihrer Umlaufbahn erneut begegnen, sie schlicht Todesangst überwältigt oder ganz banal ein falscher Schubvektor sie rettungslos tiefer ins All stürzt. Ein Wettlauf voller Katastrophen beginnt, ein Überlebenskampf gegen den einsamsten aller Tode, während unter ihnen die heimatliche Erde in all ihrer Pracht prangt – so schön, so unerreichbar.

Die Kritiker der großen Medien überschlagen sich vor Begeisterung, von neuen Maßstäben für das Kino des 21. Jahrhunderts ist die Rede, von einem möglichen Oscar für Sandra Bullock wird geschwärmt und der Film spielt – erstaunlich bei einem Kammerstück, das 90 Minuten im freien Weltraum spielt – Rekordsummen ein. Nachvollziehbar? Nein. Denn Cuarón, der „pures Kino“ schaffen wollte, wie er auf einem Interview von Spiegel Online gesteht, ist auf dem mühsamen, mehrjährigen Weg des Filmdrehs der Verlockung der Technik und damit einem Primat der Äußerlichkeit erlegen. Atemberaubende 3D-Aufnahmen in der beeindruckend simulierten Schwerelosigkeit machen das Herz des Filmes aus, nicht die Geschichte, und der Zuschauer wird von den Sinneseindrücken und ganz besonders einer überbordenden Tonkulisse aus Musik und Sound erschlagen. Die hohe Kunst des Erzählens, sie kommt dabei zu kurz. Und obwohl manche Momente wirklich tief berühren („Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt“ ist, weiß man um den Kontext der Handlung, einer davon) und obwohl lange Sequenzen schlicht fingernägelkauend aufreibend sind, bleibt der Film letztlich als Ganzes – hohl. Und damit lästig. Nach „Children of Men“ und den verheißungsvollen Kritiken eine Enttäuschung.

Ganz anders zeigt sich der Altmeister der SF-Erzählungen Ray Bradbury in seinem „Kaleidoskop“. Die unerträgliche Macht des Weltraums wird in nur wenigen, doch wirkungsvollen Sätzen skizziert, nicht mehr als ein paar knappe, unbarmherzige Federstriche. Nicht eine „Überwältigungskulisse“ für die Sinne (ich fürchte, der Filmkritiker meinte seine Worte positiv) macht die Geschichte aus. Sondern was in diesen Menschen vorgeht, was in ihnen bloßgelegt wird, während sie durchs Weltall in den Tod treiben, mit jedem Augenblick weiter voneinander getrennt; in ihrer Lebensrekapitulation, in den Funkgesprächen der Verlorenen, in all der Erbärmlichkeit und der Würde des Lebens. Auf nur 13 Seiten entwirft Bradbury sein „Kaleidospok“, so atemberaubend, todtraurig und wunderschön, dass einem die Tränen kommen könnten. Ja, weint, weint, während die Astronauten tiefer fallen, fallen, fallen!

„Gravity“. Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney. 90 min. 2013.

Ray Bradbury, Kaleidoskop, in: ders., Der illustrierte Mann. Aus dem Amerikanischen von Peter Naujack. (Originaltitel: Kaleidoscope, in: The Illustrated Man 1951). Diogenes © 1962, 1973 Diogenes Verlag, Zürich.