Moshés Schüler

Nachts reißt die Sirene das winzige Örtchen aus dem Schlaf. Ein Blick auf das Smartphone zeigt: Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Ich höre die Schritte der Großmutter auf den knarzenden Dielen. Nirgendwo Feuer zu sehen, sagt sie nach einem Rundgang an alle Fenster, besser: nuschelt sie, denn ihr Gebiss liegt ein Stockwerk tiefer in einem Glas. Nebenan ertönt ein langer Pfiff der Mutter. Sie ruft den Hund, der verängstigt von dem Sirenengeheul in einer Ecke der Terrasse kauern wird. Die Großmutter steigt die Stiege hinab, einmal geweckt, beginnt sie ihr Tagwerk. Ich drehe mich nochmals um. Draußen hängt Nebel. Später besprechen wir, ob es auf der nahen Autobahn einen Unfall gegeben haben mag, von Urlaubern auf dem Weg in die Alpen.

„Die Ersten an Land, die Letzten zurück“, hatte Alexander Kent, Autor zahlreicher Seekriegsgeschichten, seinen Roman über die Royal Marines betitelt. Die Eschen machen es umgekehrt. Sie sind die letzten Bäume, die sich im Jahreslauf in Grün kleiden, und die ersten, die ihr Gewand wieder abwerfen. Die anderen Bäume zeigen sich umso bunter in Rot- und vor allem Gelbtönen, von selbst im Morgennebel leuchtenden Farben von melancholischem, ja krankhaftem Charakter, wie sie einem französischen Film um eine depressive Schönheit ziemen mögen aus jenen Jahren, in denen Frankreich noch für seine anspruchsvollen Problemfilme berühmt war – entschleunigt, schonungslos, mit messerscharfen Dialogen – anstatt für hektisch-seichte Komödien. Ich friere bei dem Frühstück auf dem städtischen Wochenmarkt, unserer ersten Etappe an diesem Tag im Indian Summer. Danach geht es hinaus in die Vorberge, schon am Rand der Stadt lassen wir den Nebel hinter uns, ein selbst in der Oktoberpracht auffallender, feuriger Herbst ziert das Plakat der Waldorfschule, die in ihrem Gartenareal ein Bauwagencafé betreibt. Im Sonnenschein wird das Fieber der Bäume zu reiner Schönheit. Wir unterhalten uns auf der Fahrt, ob Spiritualität auch ohne Transzendenz möglich sei.

Auf dem Parkplatz des Tales locken zwei schartige Container die Bauern der umliegenden Siedlungen. Sie laden ihren Eisenschrott hier ab, wuchten ihn mit dem Vorderlader der Traktoren in die Behältnisse, reichen sich meterdicke Rollen aus Drahtgitter und gebogene Dachrinnen mit den behandschuhten Händen hoch, werfen kleinere Teile von unten über die Containerwand. Der Hänger mit Platten wird nach seiner Entladung gleich abgekoppelt und stehengelassen, es war seine letzte Fahrt. Unsere Blicke meiden die Arbeitenden, untereinander aber scherzen sie. Wie gerne würde ich meinen gekünstelt gewordenen Dialekt unter ihnen schulen. Ein Bartträger zündet sich genussvoll eine Zigarette an, der Mann mit den grauen Koteletten pinkelt für alle sichtbar neben einen roten Opel ohne Nummernschild. Der Motor des Wagens läuft, ein paar Minuten später falten sich drei junge Burschen, groß und kräftig, Schirmmützen über den runden Gesichtern, in das Auto und lassen es unter dem Röhren des kaputten Auspuffs vom Parkplatz rollen. Auch dieses Auto hat einen Platten. Es hindert die Burschen nicht daran, es die für Kraftfahrzeuge verbotene Straße hochzujagen, über die wir gleich unseren Spaziergang beginnen werden.

Ganz unerwartet taucht oben auf dem Hügel ein liebliches Örtchen auf, eine Kapelle, eine Handvoll schmucker Höfe. Viel Holz ziert ihre Fassaden, die seltene Stechpalme wächst hier in großer Zahl. Am schönsten und lebendigsten Hof machen wir Halt, jemand kennt hier jemanden. Schrott wird verladen für den Container unten im Tal, Ziegen werden auf die Wiese getrieben, ein Pfau stolziert durchs Gehege, Enten queren ihren Teich. Die Hunde fallen sich immer wieder an, denn unsere hündische Begleitung ist zu frech, immer wieder gerät sie mit dem Hofhund aneinander, aber da ist nichts zu machen, das müssen die Hunde selbst klären. Ihre Besitzer bleiben gelassen, als würden sie Spatzen bei der Futtersuche studieren – aufmerksam, aber gelassen. In dieser Geschäftigkeit findet sich die Zeit, dass wir auf den sonnigen Bänken einen Kaffee erhalten. Ein weißbärtiger Alter in Latzhose gesellt sich zu uns, er ist nicht wie erwartet ein Allgäuer Großvater, sondern ein ‚Jobhopper‘ aus Israel. Deutsch spricht er nicht und außer mir scheint niemand willens (oder in der Lage) zu sein, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen und so komme ich mit ihm ins Gespräch. Und unerwarteter noch, als schon dieser schmucke Weiler auf dem Hügel sich gezeigt hat, erblüht hier in seinem Herzen noch eine weitere Schönheit auf. David, in einem Kibbuz aufgewachsen, hatte noch bei Moshé Feldenkrais gelernt, und bald sind wir in einem Gespräch über Achtsamkeit, über Wandel, über den Mut zur steten Veränderung. Ein Lehrer zu sein, weist David von sich, und doch ermuntert er mich, sehr bescheiden und ganz humorvoll, zu Schritten in ein neues Leben. „Ich sage nicht, dass es leicht wird! Wenn du natürlich glaubst, wie ein Schmetterling herumflattern zu können … Auch ein Schmetterling muss erst einen langen Zyklus durchlaufen, das ist harte Arbeit und er kann unterwegs gefressen werden. But of course, trust yourself and just do it. I did not regret one single change in my life.

In der nächsten Kapelle verkündet eine schlichte Tafel „‚Vergelts Gott‘ für an guate Alpsommer.“ Dem Dank kann ich mich in gewisser Hinsicht anschließen. Ein gutes Wanderjahr war es, auf Berg und in Auen und auch in seinen menschlichen Begegnungen. Von dem Heuschnaps an der Alpe gegenüber nippe ich nur und statt des mit Zwiebeln und Essig angemachten herben Romadurs – kein Essen verbinde ich mehr mit meinem Großvater selig als diesen Sauren Käs – wähle ich lieber Weißwürste. Die Sonne wärmt, der Herbst verzaubert das Voralpenland zu einem Paradies, einem Sehnsuchtsort, den ich nie wieder verlassen will. Der Tag ist ganz Erfüllung und zugleich liegen Kopfschmerzen wie ein Folterreif um meinen Schädel.

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Herbstfrucht

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Am Katzenbach liegt der Hund begraben – Von Tierfriedhöfen und anderen Todesfällen

„Mein Wotan“

Spaziert man von Heumaden nach Hedelfingen hinunter (zwei Vororte im südöstlichen Stuttgart), stößt man in einem idyllischen, waldigen Tal recht unerwartet auf einen kleinen Friedhof. Hinter einer Hecke zeigen sich die üblichen Verdächtigen: eine Rasenfläche, Grabsteine, rote Sitzbänke, die spitze Thuja. Doch dann irritiert etwas: Die Grabstellen sind merkwürdig klein und auf den Steinen steht oft nicht mehr als ein einzelner Name: „Michel“, „Bissy“ oder gerade noch „Mein Wotan“. Hier am Katzenbach liegt tatsächlich der Hund begraben – es ist Stuttgarts ältester Tierfriedhof. Auf ihm können Mitglieder des bmt e.V. Tierschutzzentrums Pfullingen seit über 40 Jahren ihr verstorbenes Haustier (Hunde und Katzen) bestatten belassen. Die Grablaufzeit beträgt 5 bis 7 Jahre und kann verlängert werden. Manche der Gräber werden schon weit länger liebevoll gepflegt.

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Am Katzenbach

Die Kadaverkiste

„D‘Katz isch vermäht“, das ist so ein Satz, den ich mit meiner Kindheit und Jugend verbinde, wenn das im hohen Gras mausende Tier – ein Katzentier, das nur zur Mäusejagd ins Haus gelassen wurde – vom Mähwerk eines Bauern erwischt worden war. Das war traurig, aber nicht mehr. Tränen wurden da nicht vergossen und eine solch enge emotionale Beziehung zu einem Tier, wie sie sich im Heumadener Tierfriedhof ausdrückt, ist mir fremd.

Was geschah damals mit unseren toten Tieren? Todkranke oder schwerverletzte Katzen verkrochen sich oft zum Sterben irgendwohin, ins Gebüsch, unter eine Scheune, und waren fortan nicht mehr gesehen. Einmal hatte sich ein Huhn am Gartenzaun erhängt (ein unglücklicher Unfall), es wurde dem Fuchs an den Waldrand gelegt – solche Gaben waren sofort weg. (Man darf vermuten, dass Fleischkonsum in unserer Familie keine große Tradition hatte.) Was sonst an Kleintieren anfiel – eine getötete Katze, Kanarienvögel oder die Hasen –, wurde irgendwo in der Wiese verbuddelt, unter einer Schicht von Kalk, damit die Hunde sie nicht wieder ausgruben.

Starb ein größeres Tier – ein Kalb oder eine Kuh beim Nachbarn, ein Pferd, ein Hund oder eine Ziege bei uns – war alles anders. Man klemmte sich ans Telefon, drehte (damals noch) die Wählscheibe und rief bei der Tierkörperbeseitungsanlage an. Die schickten dann einen Lastwagen vorbei mit einem Kran. Dieses hässliche Drachenmaul mit seinen drei oder vier Zähnen (ich erinnere mich nicht genau) hub den Kadaver über die hohe Außenwand des Aufbaus und überließ es der Fantasie des Zuschauers, wie es dort auf der Ladefläche aussehen mochte.

War es kein zu großes Tier, konnte man es alternativ auch erst einmal in einer großen, metallenen Kiste am Straßenrand zwischenlagern. Diese Kisten gibt es wohl schon lange nicht mehr. Als Jugendlicher aber, wenn ich wochenends mit dem letzten Zug (oder noch später in der Nacht per Anhalter) aus der Stadt kam und dann die letzten vier Kilometer nach Hause durch die Pampa wandern musste, kam ich – ausgerechnet am dunkelsten und steilsten Teil des Weges – an solch einer Kadaverkiste vorbei. Es war mir nie geheuer. Obwohl es bergauf ging, beschleunigte ich jedesmal meinen Schritt und bemühte mich gleichzeitig, meinen Atem flach und meine Schritte leise zu halten. Und jedes Mal, wenn ich das mattmetallene Rechteck passierte, stellte ich mir die Frage: Verwest da drinnen gerade etwas, das tote Auge glotzend aufgerissen und womöglich auf mich, den nächtlichen Wanderer gerichtet?

Das TierKBG und ein neuer Trend

Das Tierkörperbeseitigungsgesetz regelt, dass Haustiere auf dem eigenen Grund begraben werden dürfen, wenn die Stelle weder an einem Weg noch in einem Wasserschutzgebiet liegt und der Leichnam von einer mindestens 50 Zentimeter tiefen Erdschicht bedeckt wird. In städtischen Ballungsräumen für viele Menschen allerdings keine Möglichkeit. Hier landen die meisten Haustierkadaver (zusammen mit Schlachtabfällen) in Tierkörperbeseitigungsanlagen, wo sie geschreddert und zu Dünger, Seife oder Schmiermittel verarbeitet werden.

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Anubis-Tierbestattungen in Fellbach

Wer das nicht will, hat die Möglichkeit, sein Haustier auf einem Tierfriedhof zu bestatten. Neben dem exklusiven Friedhof in Heumaden gibt es seit einigen Jahren einen größeren Tierfriedhof im Ortsteil Fasanenhof. Auch Nachbargemeinden (Kornwestheim, Fellbach) bieten Tierbestattungen an. Dabei treten allerlei Fragen auf. Darf ein Tier nach – beispielsweise – christlichem Ritus bestattet werden? Die Stadt Stuttgart jedenfalls verbietet sakrale Zeichen und Zeremonien auf Tierfriedhöfen.

Fasanenhof – Eine Ortsbesichtigung

Fasanenhof, das klingt nach Idylle. An Lustschloss und Fasanerie erinnert an dem Stuttgarter Außenbezirk allerdings nichts mehr. Am Europaplatz nahe der Stadtbahnhaltestelle (erst seit 2011 besteht Anschluss an die Straßenbahn) verkündet ein gewaltiges Schild ein Bund-Länder-Programm „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“. Das hat der Stadtteil im Süden der Schwabenmetropole dringend nötig.

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Stadtentwicklung im Fasanenhof

In den 1960er-Jahren war auf den Feldern eine Wohnsiedlung für 10 000 Menschen hochgezogen worden. Wohnraum war die Maxime, und diese Seelenlosigkeit atmet die Siedlung: die militärisch angelegten Reihensiedlungen, die wuchtigen Wohnblöcke, die Hochhäuser, die Betonkirche am Europaplatz. Da versöhnt auch das viele Grün nicht. Und das Relief mit antiken Motiven aus den Trümmern der (1943 im Bombenhagel zerstörten) Landesbibliothek, das der Verschönerungsverein Stuttgart am Europaplatz aufgestellt hat, wirkt so verzweifelt wie die Schülerkunst („Amok“) entlang des Boulevards bezeichnend. Immerhin, die Verkehrsanbindung ist gut: an die Autobahn (ein Dauerrauschen), an den Flughafen Echterdingen (immer wieder das Dröhnen tieffliegender Maschinen), mit der Stadtbahn ist man in 20 Minuten im Zentrum Stuttgarts. Und die Autos vor den Wohnanlagen zeugen von Geld.

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Im Fasanenhof

Ich lasse die Gärtnerei hinter mir, passiere den Sportplatz und schlage den Feldweg ein, der schnurstracks an die Autobahn führt. Hier liegt der Tierfriedhof Fasanenhof. Sein Charakter ist ein ganz anderer als der in Heumaden: eine großzügige und frei begehbare Rasenfläche, geschichtes Holz, einladende Sitzbänke, Werkzeug am Gebäude. Und zwischen dem Grün Reihen niedriger Grabstätten, die oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind, verziert mit Natursteinen, Keramikfiguren, Glasschmetterlingen, Fotos und allerlei mehr – eine bunte, frei und ungezwungen gestaltete Welt der Erinnerung.

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Der weite Rasen des Tierfriedhofs

Kaum zu glauben, dass hier vor einigen Jahren nichts als ein wildes Gelände voller Steine war. „Aber es ist noch viel zu tun“, erklärt mir Betreiber und Totengräber Ralf Bohler, der vor drei Jahren den Tierfriedhof von seinem Vorgänger übernommen hat. Bohler ist stolz – und spürbar glücklich. „Man spürt die Dankbarkeit“, lächelt er. Die Menschen haben freie Hand bei der Gestaltung der Gräber. Manchmal kommen sie im Sommer, um ein Picknick auf dem Gelände zu machen, und Bohler setzt sich nach der Arbeit oft selbst auf eine Holzbank und genießt die Idylle.

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Fröhlich-buntes Gedenken

Idylle? Zuerst klingt es merkwürdig: Die Autobahn ist kaum mehr als einen Steinwurf entfernt und da ist immer noch etwas von meinem eigenen Befremden angesichts von Tierfriedhöfen. Als ich dann nochmals eine Runde über das Gelände mache, mir die geschmückten Grabstätten ansehe und mich auf einer Bank niederlasse, verstehe ich Ralf Bohler und seine Besucher. Es ist ein einladender Ort.

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Auf dem Friedhof

Das Kaninchen aus dem Zauberhut

„Weißt du das schon? Kürzlich hat der Hund ein totes Kaninchen im Maul nach Hause gebracht. Wir haben es sofort erkannt, es war von den Nachbarn. Ich sage dir, sind wir erschrocken: Jetzt hat unser Hund das Tier totgebissen! So ein Mist. Und dann? Haben wir dem Hund das Karnickel weggenommen, das Fell gesäubert und das tote Tier heimlich dem Nachbarn wieder in den Kaninchenstall gelegt. Damit es wenigstens nicht unser Hund war. Und jetzt pass auf: Am nächsten Tag kommt der Nachbar und erzählt uns: ‚Schon komisch, gestern ist unser Kaninchen gestorben, wir haben es im Garten beerdigt und jetzt liegt es wieder im Stall …’“

Der Schrecken unterm Salbeibusch

Der Tod von Tieren war auf dem Land allgegenwärtig. Gleichzeitig aber war er mir in seiner Konkretheit auch entrückt: Wir schlachteten zuhause nicht. Ich kümmerte mich nicht darum, wenn eines unserer Tiere starb. Es war einfach nicht meine Angelegenheit. Meine Scheu vor dem Leichnam war immer schon präsent. (Unvergessen allerdings sommers die verendeten Rinder auf dem Feld des Nachbarn, auf dem Rücken liegend, die Beine obszön in die Luft gestreckt, der Leib vollkommen aufgedunsen und schließlich geplatzt, ein bestialischer Geruch entströmte dem in Verwesung begriffenen Pansen.)

Nur einmal war ich, so weit ich mich erinnere, ganz unmittelbar in eine Kadaverbeseitigung einbezogen. Mein Bruder und ich saßen vor unserem Elternhaus, wir waren längst keine Kinder mehr. Ein penetranter Geruch hing in der Luft – ein stechender Geruch nach Verwesung, der sich unmöglich ausblenden ließ. Rund um die Terrasse aus gehobelten Brettern erstreckte sich ein Kräutergarten. Irgendwo dorther musste der Geruch kommen, genauer (wir folgten der Spur) aus einem weiten Salbei, einem niedrigen Gestrüpp – eine unverwüstliche Pflanze. Eine Tat war gefragt. Mein Bruder und ich beschlossen, die Gabel aus dem Stall zu holen. Doch dann zögerte ich und ich drückte die Gabel feige meinem jüngeren Bruder in die Hand. Die Vorstellung, aufs Blinde dort nach der Quelle des Verwesungsgestanks zu stochern, war unerträglich für mich.

Also machte sich mein Bruder ans Werk, drehte mit den Zinken die Salbeizweige. Bis er fündig wurde: eine tote Katze, der Körper verzogen, wohl ein verletzter Kater, der sich zum Sterben hier unter die Kräuter geschleppt hatte. Der Kadaver war in die Pflanzen verstrickt, er ließ sich nicht einfach so herausheben, es war, als zerrten die Pflanzen an dem in Auflösung begriffenen Katzenleib. Da wich mein Bruder zurück und wandte sich vor Ekel um, er schob den Griff der Mistgabel von sich.

Ich übernahm. Es war wie ein Rollentausch. Jetzt, wo die grauenvolle Andeutung des Todes beseitigt war und die Ursache konkret vor meinen Augen lag, war es nicht mehr schlimm für mich. Ich zerrte mit der Gabel an dem Kadaver und befreite ihn aus der Umklammerung des Salbeis, trat auf die Straße – ein paar Maden fielen herunter, aber nicht gar zu viele, der Kadaver war bereits halbwegs ausgetrocknet –, schritt mit meiner leichten Last über die Wiese zum nächsten Waldrand. Ich warf das verwesende Tier hinter einen Baum und schulterte die Gabel. Der Geruch des Todes war bald von der Terrasse verflogen.

Wer mehr über die Stuttgarter Tierfriedhöfe erfahren möchte:

Tierfriedhof Stuttgart (Fasanenhof)

Tierfriedhof Heumaden

Ländliche Reize

Ein Traktor mit Anhänger brettert mit voller Kraft auf das Gelände der BayWa, am Steuer hoch oben eine hübsche Pferdeschwanzträgerin mit Tätowierung auf dem trotz Oktoberluft nackten Schulterblatt. Die Feel* bringt das Fahrzeug vor dem Laden der landwirtschaftlichen Genossenschaft mühelos zum Stehen und steigt mit der leichtfüßigen Eleganz eines jungen Revolverhelden ab. Welch Schwung, welche Entschlossenheit!

Augenblicklich überfällt mich das Bedürfnis, bei meinem nächsten Heimataufenthalt wieder bei der BayWa nach irgendeinem Werkzeug zu fragen. Nach Äxten und karierten Hemden vielleicht. Davon kann ein Mann ja im Grunde nie zu viele haben.

* Feel, Föhl: Allgäurisch für „Mädchen“, vermutlich ein lateinisches Überbleibsel (filia = „Tochter“). Fast 500 Jahre römischer Herrschaft in Rätien haben eben doch ihre Spuren hinterlassen …