Calderón geht auf Reisen (4)

image

Eine Komödie von Aristophanes kann einen zum Lachen bringen. Es ist fantastisch zu erleben, wie der Humor einen Abgrund von 2400 Jahren überbrückt.

Calderóns Komödien, nicht mal 1/6 so alt, erscheinen mir im Vergleich, sagen wir einmal, harmlos. Zumindest auch der zweite Versuch, „Über allem Zauber Liebe“, schlug mich nicht in den Bann. Anders ergeht es darin den Gefährten des Odysseus, die an Circes Gestaden stranden und sich als tolle Tiere und alberne Affen benehmen, so geht es über die Zaubermacht der Liebe auch Circe und Odysseus.

Vor dem Regen auf Besuch in die Hauptstadt geflüchtet. Draußen rauschte es und wir tranken den grüngoldenen Tee aus Salbeiblättern unserer Heimatregion, dem südlichsten Landkreis Deutschlands. Als die Wolkenwut zu Nieseln verblasste, hinaus. Am monumentalen Ehrenmal der sowjetischen Gefallenen im Treptower Park war ich sprachlos: ein durch und durch ideologischer Ausdruck eines totalitären Systems – ohne einen einzigen kritischen Satz auf den erklärenden Tafeln. Da zahlt die Bundesrepublik also für die Pflege und die unreflektierte Konservierung der verlogensten in Stein gemeißelten Statements Stalins.

Dann riss der Himmel doch noch auf und am anderen Ende der Stadt, irgendwo in Charlottenburg, übergab ich die Komödie einem grünen Männchen zu treuen Händen. Bitte, mein Guter, gib das Heftchen weiter.

Advertisements

12 Gedanken zu „Calderón geht auf Reisen (4)

    • Willst du einen Tipp? Nicht weit vom Schloss einem Spielplatz gegenüber. Da steht das Männlein sicher noch. Den Calderón hätte ich dir gern in den Briefkasten gelegt, wenn ich das gewusst hätte. Auch wenn er dich vielleicht gar nicht interessiert – die Überraschung wäre es wert gewesen.

  1. Wer könnte einem so freundlich dargebotenen Geschenk eines grünen Männchen widerstehen? Ich bin sicher, diese Komödie fand in kürzester Zeit einen Abnehmer – schon der Titel verlockt.
    LG von Rosie

    • Das hoffe ich auch! Dem ersten auf die Reise geschickten Büchlein hat, fürchte ich, ein Regenguss sehr schnell den Garaus gemacht. Der „Dame Kobold“ gegenüber habe ich daher ein etwas schlechtes Gewissen und hoffe, den anderen erging es besser.
      Herzliche Grüße, Holger

    • Da bin ich doch beruhigt, den Calderón dem Richtigen in Obhut gegeben zu haben. Trotzdem hoffe ich, jemand hat das Büchlein an sich genommen, bevor der nächste Regen kam.

  2. (jetzt nicht wieder was über Barockliteratur sagen)
    Ähmm, Ich finde das Foto toll, wirklich sehr originell. Haben Sie selbst den kleinen grünen Mann vorher angekettet, dass er vor der Last des Barockliteratenbüchleins nicht die Flucht ergreifen kann?
    Wen ich allerdings noch mehr bewundere als diese geduldig ausharrende Männlein, das sind Sie selbst. Ich vermute mittlerweile,
    dass Sie wirklich Calderon lesen oder zumindest gelesen haben. Was hat man Ihnen angedroht um Sie dazu zu bewegen?
    Sind Ihre Regale leergelesen? Kann ich Ihnen mit unterhaltsamer Literatur zur Hand gehen?
    Klasse! Es gibt da diese berühmt berüchtigten Barockromane, verfasst von irgendwelchen Edelleuten, pro Werk so ab fünf- bis achttausend Seiten unerträgliche Zähigkeit… Sie werden doch nicht etwa ….

    Heiterstejetztzeitgrüsse vom Schwarzen Berg

    • Auf fünf- bis achttausend Seiten unerträgliche Zähigkeit verzichte ich entschieden! Trotzdem herzlichen Dank für Ihr Angebot. Der Leseknecht hat einen Teil der Antwort im Kasten. Habe ich Calderón gelesen oder nicht? Tja, teilweise. Die Komödien nur ein paar Seiten weit, dann ödeten sie mich an. Den „Wundertätigen Magier“ so eher quer. Und das „Leben ist ein Traum“ fast vollständig, nur der eine oder andere Vers ist mir sicher durchgerutscht (ohne viel Schaden anzurichten). Denn das hat mir doch so sehr gut gefallen (aus verschiedenen Gründen), dass ich es unbedingt behalten wollte. Die anderen drei durften gehen – weil ich Bücher, die mich nicht überzeugen, gerne in die Freiheit entlasse und sowieso wieder einmal ansteht, das Gepäck ein bisschen leichter zu machen. Und das grüne Männlein habe nicht ich angekettet. Fast hätte ich es befreit. Aber dann wäre es vielleicht mit der Circe auf den Armen davongerannt und jemand wäre am nächsten Tag traurig vor dem Blindfleck gestanden.

      Blogzufriedene Abendgrüße aus dem Kessel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s