Endlich Hitze

Ein Sommerspiel am Pfingstmontag

Vanitas

Ein Schwall Säure lässt mich jäh aus dem Schlaf hochfahren. Es ist wie ein Schock. Was zu viel Essen, zu viel Wein war, ist plötzlich ein Wissen um Verletzbarkeit, um Endlichkeit. Ich spüle den Mund aus und ziehe die dünne Decke zum ersten Mal in dieser Nacht über die Schultern.

Kalenderfragen

„Entschuldigung“, rufen die beiden pubertierenden Jungs am Pfingstmontagmorgen vor dem Supermarkt. „Ist heute Feiertag? Haben die Geschäfte denn alle zu? Gibt‘s hier einen offenen Kiosk? Oder einen Araberladen? Aber morgen ist kein Feiertag mehr?“ Nein, morgen ist kein Feiertag mehr, bestätige ich den verdrießlichen Gesichtern.

Aus dem Kessel steigen

Meine Beine wissen nichts von Kopfschmerz und Müdigkeit und tragen mich die Windungen hoch nach Vaihingen überm Kesselrand. Das Rad schnurrt über den Asphalt, Autos brausen vorbei, der Schatten eines Raubvogels kreuzt meine Bahn. Den Radweg habe ich für mich allein, kein Sonntagsfahrer, den ich überhole, kein Rennradler, der gewichtslos an mir vorüberzieht. Ich liebe diese Steigung bei 30° Celsius. Denn dann ist wirklich Sommer. Glücklich komme ich oben an und verzage. Monströs ist schon vormittags die Schlange vor dem Freibad. Wider Überzeugung schaue ich in die Ritzen meines Geldbeutels und tatsächlich, da ist noch eine letzte zerknitterte Marke vom Vorjahr. Ich gehe an der Schlange vorüber, kein Mensch ist zwischen mir und der Frau, die die Marken am Eingang entwertet. Fünf Minuten später tanzt das Licht auf dem nackten Körper. Die Saison ist eröffnet.

Backsteine

Gegenüber der Tankstelle düst ein Auto bei Rot zwischen dem Fußgänger und mir über die Ampel, ein weißer Wagen mit Spoilern biegt zur Buddha Lounge ein, irgendwo vom Gelände dringen elektronische Beats. Kesseleinwärts wirken die Straßen zwischen den Backsteinhäusern des alten Arbeiterviertels – Heimat der Fantastischen Vier – fast frei von Verkehr in der Mittagshitze. Das Hotel Hottmann, ein trauriger Ort für Monteure, leuchtet wie neugestrichen, ein paar Häuser weiter hat jemand seine Wäsche zum Trocknen auf den Gehweg gestellt. Im zweiten Stock sitzt eine hübsche junge Frau auf dem Fensterbrett und liest im Licht. An der Wohnung, in der ich am Vorabend zu einem Geburtstag war, sind die Jalousien gegen die Hitze herabgelassen, an der, in der ich selbst einmal gewohnt hatte, lassen die Rollläden einen schmalen Spalt frei. Hinter dem Schaufenster der „Kichererbse – vegane Alternativen“ sitzt eine Frau und tippt in ihr Smartphone, und dann liegt Heslach hinter mir.

Definitionen

Sommerglück: Shirt runter, Balkontür auf. Zu Chet Baker mit einem scharfen Chutney beginnen. Dann Kyuss, „Blues for the Red Sun“, gerösteter Kreuzkümmel im Mörser. „Bei dir kann man immer von allem nehmen, weil eh alles schmeckt.“

IMAG1144 „Gewitterwürmer? Das sind diese kleinen, schwarzen Würmer, die vom Himmel fallen, kurz bevor es zu gewittern beginnt.“ Wir schauen uns ratlos an. Wir kennen sie nicht, weder den Begriff noch das Phänomen.

Am Freitag, erfahre ich, war mein kleiner Text im Magazin +3 erschienen. Gesehen habe ich die Beilage der Süddeutschen Zeitung noch nicht. Als Reiseautor firmiere ich da. Das ist wohl eine Definitionssache.

Am Platz

Der Kessel liegt bereits im Abendschatten, nur auf der Höhe noch kratzt das Licht. Die Schlange vor der Gelateria reicht noch immer bis auf die Straße. Ein paar Buben haben einen Einkaufswagen mit bunter „Fahrerkabine“ für Kleinkinder erobert. Lärmend, schreiend, lachend, zankend rattern sie immer wieder den Weg herab, drehen Pirouetten wie auf Glatteis, bremsen kühn vor dem ersten Tisch des Cafés. Es ist 9 Uhr abends, die Schlange vor der Eisdiele ist nochmals länger geworden, am Kaiserbau sind alle Außentische besetzt und kein einziger Gast im Inneren, auf dem Platz – heute Mittag noch wie ausgestorben – sitzen wieder Menschen auf den Treppen, den Mauern, auf dem Plattenboden. Ich lehne mich zurück an die Steinwand, sie strahlt noch die Hitze des Tages ab, schließe die Augen und schwimme in einem Meer aus Stimmen und Sommerwärme. Alles ist gut.

Und es ist noch nicht zu Ende

Ein Stückchen meine Straße hoch blickt man ganz genau in die Schneise einer Verkehrsader drüben im Stuttgarter Westen. Mir war das nie vorher aufgefallen. Die Scheinwerfer der Autos flimmern dort geheimnisvoll in der Dämmerung, gleich Versprechungen einer Fata Morgana. Vögel singen wie irre geworden in den Abendhimmel, der Wind streicht über nackte Haut, wirbelt eine Strähne umher, die Schultern glühen sanft. Verheißung, Verheißung überall.

Advertisements

Der Läufer

Ich war nie, nie, nie ein guter Langstreckenläufer. Den konsequentesten Versuch, regelmäßig zu laufen, hatte ich mit 16 unternommen. Es war zugleich die Zeit meines Lebens, in der ich am schlankesten war, in der ich am meisten Klimmzüge schaffte, in der ich mit Liegestützen so loslegte, dass ich bis heute ein merkwürdiges Knacken im Schlüsselbein habe. Es war eine Zeit, in der ich todunglücklich war. Das Laufen verlief sich irgendwann wieder und ich nahm wieder zu, allerspätestens während der Zivildienstzeit, als ich heimlich die von den Senioren nicht angerührten Kuchen und Kirschschälchen mit Vanillecreme verputzte. Ich vermute mal, dass ich auch da nicht unbedingt glücklich war.

Damals, als ich das Dauerlaufen (solch ein schönes Wort, kaum einer verwendet es mehr) versuchte, war meine Zimmertür bereits gepflastert mit den Helden jener Zeit: Läufern. (Ich interessierte mich sonst nicht für Sportler.) Ich war dabei nicht wählerisch, meine Auswahl aus dem Sportteil der Süddeutschen Zeitung war recht eklektisch: Fotos von Kurzstreckenläufern, deren Körper ich bewunderte; Artikel über Wettkämpfe, 800m, 3000m Hindernis, 5000m, 10 000m, Marathon … Die ganze Bandbreite, bunt gemischt. Nur eines war mir wichtig: Die Dauerläufer sollten vom afrikanischen Kontinent stammen. Das war nicht weiter schwer. Die meisten Mittel- und Langstreckenläufer in der SZ erfüllten diese Bedingung praktisch automatisch; die Zeiten, in denen die Finnen mit einem Lasse Virén noch das Laufen prägten, kannte ich nur aus den Trainingsbüchern meines Vaters (die ich im Übrigen nie ernsthaft gelesen hatte).

Standen die Leichtathletikweltmeisterschaften oder die Olympischen Spiele an, versuchte ich, die wichtigsten Läufe im Fernseher zu verfolgen, was nicht ganz einfach war, weil wir zu jener Zeit keinen Fernseher hatten und unter den wenigen Nachbarn, die wir auf dem Weiler hatten, niemand war, bei dem ich mich einfach so zum Fernsehen hätte anmelden wollen. (Wir waren gerade erst vom einen Siebenhäuserkaff in ein anderes Siebenhäuserkaff gezogen.) Der sportliche Höhepunkt jener Zeit war für mich eindeutig der Lauf über 5000m bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Damals, als Dieter Baumann, der dann einige Jahre später mit einer verfänglichen Zahnpastatube erwischt wurde, Gold holte.

Nicht sein Sieg aber war für mich die eigentliche Sternstunde dieses Laufes. Sondern ein Foto, das ich irgendwann danach sah, ein Foto aus der letzten Kurve, ein Foto jener Fünfergruppe, die sich bis dahin an die Spitze gesetzt hatte, fünf Läufer fast wie Kletten aneinandergeklebt bis zu jenem Moment in der Zielgerade, als sich Baumann erfolgreich löste, den Fünferknoten also platzen ließ und im Schlussspurt das Rennen für sich entschied. Jene letzte Kurve also zeigte das Foto, die fünf Männer dicht an dicht, ein gebräunter Marokkaner, ein noch bräunerer Äthiopier, zwei nahezu schwarze Kenianer und der blonde Baumann, ihre Gesichter vom Objektiv ganz nah herangeholt, voller Konzentration, die Münder offen, die Schweißperlen von der grobkörnigen Auflösung ins Riesenhafte gesteigert. Es war damals für mich ein unermesslich schönes Foto. Ich hätte es liebend gerne als Plakat an meine Wand gehängt.

Geblieben ist von jener Heldenzeit nicht viel, fast nichts: die Erinnerung, dass über Jahre hinweg alle Beiträge der Süddeutschen Zeitung über den Laufsport mit ein und demselben Namen unterzeichnet waren − Robert Hartmann. (Warum weiß ich das noch?) Das Wissen, dass Dieter Baumann am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Und der unvergessliche Ausdruck von Haile Gebrselassie beim Endspurt zu einem seiner zahlreichen Siege. Wo aus den Augen der anderen Läufer Anstrengung sprach, sprang sein Blick voraus, der Mann stierte mit einer an Besessenheit grenzenden Entschlossenheit voran, zur Ziellinie. Wer so schaut, kann alles erreichen, dachte ich mir.

Und dann gibt es noch zwei literarische Erinnerungen: Beschreibungen von Läufen, die mir damals den Puls hochtrieben, die meine Hände zum Zittern brachten, zwei jener raren, köstlichen Lesemomente, in denen aus der sachlichen Abstraktion bloßer Lettern etwas Gewalt ergreift über den ganzen eigenen Körper. Der eine Wettlauf war der aus Noah Gordons „Medicus“. Der andere die wunderbare Kurzgeschichte „Der Läufer“ von Siegfried Lenz, die (wie ich eben gelernt habe) heute noch unter Läufern kursiert.

Und warum erzähle ich das? Weil ich dem Herroverstreet, einem passionierten Läufer, noch die Antworten auf ein Blogstöckchen schuldig bin und solche nur ungern auf den Blog stelle, wenn sich damit nicht zugleich irgendeine Geschichte erzählen lässt. Jetzt weißt du‘s, Herroverstreet: Ich laufe nicht, ich beschäftige mich nicht mit dem Laufen, wenn ich deine Laufberichte verfolge und hie und da einen winzigen Kommentar abgebe, so ist das nur ein Nachhall jener Jahre.

Und nun Rede und Antwort.

Gefällt Euch irgendeiner meiner Beiträge wirklich? Ja. Am meisten „Lusdisch“, weil auf spitzzüngige Weise … ähm lusdisch.

Oktoberfest: Ja oder Nein? Nie. Und das, obwohl ich aus einer bayerischen Randprovinz stamme. Ich täte es wohl, wenn ich nach München zöge. Nur über die Lederhose müssten wir dann nochmals getrennt verhandeln.

Schaut Ihr noch fern und wenn ja, wie und was? Nein, ich habe keinen Fernseher und bin sehr glücklich damit. Weniger glücklich bin ich damit, dass ich derzeit aus bestimmten technischen Gründen nicht in der Lage bin, auf andere Weise Filme anzuschauen.

Helene Fischer oder Andrea Berg? 😉 Okay, die eine ist blond, die andere dunkel, richtig? Mehr weiß ich über die Damen nicht.

Welchen Sport macht ihr (also richtigen Sport, so wie früher?) Funktionelles Training, immer wieder mal um anderes ergänzt.

Kennt Ihr einige Eurer Blog-Leser persönlich? Ja. Von denen, die ich erst über meinen Blog kennengelernt habe, allerdings eindeutig noch zu wenige.

Twittert Ihr und wenn ja, warum? Ja. Weil mich Danares davon überzeugt hat, mein Blog würde davon profitieren. Ich twittere unregelmäßig und habe dabei das Stirnrunzeln noch nicht ganz verloren.

Geht Ihr zu Wahlen? Ja. Auch wenn meine Stimme recht wenig ins Gewicht fällt und ich Politikverdrossenheit nachempfinden kann: Das Wahlrecht ist etwas, wofür manche Gesellschaften über Generationen hin bluten mussten. Das leichtfertig wegzuwerfen, ist … dumm. Undankbar. Dekadent.

Was haltet Ihr von Menschen, die trotz aller Skandale immer noch ehrenamtlich in der Kirche arbeiten? Es ist ja nun wirklich nicht alles schlecht in den Kirchen, daher sollen sie es ruhig tun. Im Gegenteil: Vermutlich brauchen die Kirchen diese Menschen gerade ganz besonders. Ich selbst habe mit Kirchen hingegen nichts am Hut und betrachte mich nicht als Christ. Auch nicht als kirchenlosen.

Glaubt Ihr, dass die Generation Ü40 hier im Netz eigentlich gar nichts verloren hat? Ich verweise auf die wunderbare Antwort von iPhelGold: „Glaubst du, dass ich mich am […] aus dem Netz jagen lasse?“

Über was soll ich mal schreiben? Keine Vorgaben: das, was dich bewegt.

Ich verzichte darauf, das Stöckchen weiterzugeben. Bei mir liegen noch ein paar als Altlasten, da will ich erst einmal aufräumen.