Nach Anpfiff

5 Minuten nach Anpfiff – Unfassbar. Es stehen tatsächlich Menschen in aller Seelenruhe auf der Straße und interessieren sich einen Dreck für das Spiel.

8 Minuten nach Anpfiff – Die Verzweiflung wächst. „Ist der Stuhl hier noch frei?“, frage ich. „Eh, we are eight“, hält der Mann die Finger hoch.

10 Minuten nach Anpfiff – Endlich ein Platz. In einem schummerigen Hinterzimmer einer Kneipe. Draußen ist es hell.

11 Minuten nach Anpfiff – Zu wenig Geld in der Tasche für ein Weizenbier. Oh mein Gott.

14 Minuten nach Anpfiff – „Es ist riskant“, dann bricht der Kommentator ab. Ja was denn jetzt?

16 Minuten nach Anpfiff – „Höwedes und Mertesacker stehen sich da gegenseitig auf den Füßen rum.“ Moment: Mertesacker? Ach ja, richtig, das war ja alles beim letzten Mal.

Dieses Mal ist mir der Trubel völlig gleichgültig. Als lebten wir inzwischen in einem anderen Zeitalter, in einem neuen Yuga. Kali tanzt lauter.

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Elegie

Am Montag könne ich sein Vorwort erwarten, bekräftigt der Professor am Telefon. Er macht seinen üblichen, tagespolitisch begründeten Witz über Stuttgart (manchmal muss auch sein Stadtstaat herhalten) und fällt dann in ein Klagelied der Verunsicherung. Er habe ja doch schon einiges gesehen, er habe den Kalten Krieg erlebt, aber eine solche bedrückende, verwirrende, zersetzende Zeit wie heute, das kenne er nicht.

„Es ist diffus. Alles ist diffus“, endet er und für einen Moment ist nur noch schweigende Schwermut in der Leitung zwischen uns. Aber nun, rafft sich der Professor auf, nun werde er sich auf eine Reise machen zu dem Schloss, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ geschrieben habe. „Das ist doch ein kleiner Trost“, sagt er. „Und Sie, Sie bekommen mein Vorwort auf den Tisch, während Sie die Wahlergebnisse studieren.“

Draußen hängt Nebel.

*

Liebe Leserin, lieber Leser! Sie sind, du bist wahlberechtigt in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt? Gehen Sie, gehe am Wochenende wählen! Mit aller Vernunft und Achtsamkeit, zu der wir fähig sind.

Der Schweigsame

Seine beiden Brüder arbeiten im Ausland. Er pendelt sechs Tage die Woche über die vom steten Infarkt bedrohten Straßen in die Hauptstadt oder vielleicht hat er dort auch ein Zimmer, das weiß ich nicht mehr. Er ist Elektroingenieur, arbeitet mit Systemen aus Deutschland, aus Frankreich. Im Ausland war er noch nie, außer in der Türkei auf einer Geschäftsreise. Sein Jahresurlaub beträgt 15 Tage, in diesem noch jungen Jahr hofft er, seinen Bruder in Deutschland besuchen zu können. Im Sommer ist er an den freien Tagen im elterlichen Haus in den Bergen. Alle gehen im Sommer, wann immer es möglich ist, in die Berge, zurück zu ihren Wurzeln, dorthin, wo sie einst herkamen und noch immer Grund und Boden besitzen und Olivenhaine verpachten und ihr eigenes Öl produzieren.

Dort geht er auch auf die Jagd. Die Jagd auf Vögel hat Tradition im Libanon; stapft man über Felsen zu den Katakomben aus antiker Zeit, stoßen die Stiefel gegen leere Patronenhülsen. Die Zahl der Zugvögel nimmt stark ab. Er zeigt mir Fotos von Kühlerhauben voller erlegter Vogeltiere. Manche kennen keine Grenze, sagt er. Manche jagen unfair, erklärt er. Die Jagd ist seine Leidenschaft, vielleicht seine einzige. (Wochenends dann Parties: harmlose Geselligkeit, ein Tisch voller Vorspeisen, Musik, Wodka. Er ist maronitischer Christ.) Hobbies kennen viele nicht in den arabischen Ländern, unseren Zwang zur unentwegten individuellen Perfektionierung noch weniger. Es ist eine Wir-Gesellschaft, keine Ich-Gesellschaft wie die unsrige. Wer jung ist, lernt oder eher noch: lernt und arbeitet. Später schuftet er, wenn er das Glück hat, eine feste Arbeit zu haben, und in der restlichen Zeit sitzt man mit der Familie zusammen (Zigarette, Essen, Kaffee, und immer noch mehr Essen und dazwischen Blicke auf den Fernseher, der immer läuft), und wenn man das nicht tut, dann hängt man mit Freunden ab.

Er ist schweigsam. Er raucht, wie viele, vielleicht raucht er sogar noch mehr, vielleicht fällt es auch nur auf, weil er sich wenig an den Gesprächen, am Schwatzen beteiligt. Manchmal steht er auf und geht unruhig ein paar Schritte hin und her, bleibt – die Jacke übergezogen – im Raum stehen, zündet sich dann eine neue Zigarette an. Er ist schweigsam und manchmal wenig greifbar, aber unfreundlich ist er nicht. Voller Loyalität holt er, als sein Bruder keine Zeit hat, den Gast ab, führt ihn aus in ein Café, bezahlt (selbstverständlich) die Getränke. Raucht, schweigt bis zu meiner nächsten Frage. Und dann, unerwartet, ein Ausbruch trockenen Humors.

Das Sitzen ist nicht sein Ding, das stundenlange Sitzen bei seiner Arbeit ist ihm zuwider. Trotzdem hat er sich mit mir an dem Tisch eines Cafés niedergelassen. Wir können auch ein bisschen herumlaufen, schlage ich ihm vor. Wohin denn?, gibt er bitter zurück. Es gibt hier nichts. Er hat recht. Es gibt hier nichts. Das ist das, was mich vielleicht am unmittelbarsten abstößt im Nahen Osten: die Reizlosigkeit des äußeren Raums – die Kargheit der Landschaft, die nichts von der Würde einer fernen Sandwüste – diesem törichten Klischee der arabischen Welt – hat; die Rohheit vieler Bauten, die keineswegs nur durch Armut oder gar Schlendrian bedingt ist, sondern einer inneren Logik gehorcht, Ausdruck einer immanenten dauerhaften Unfertigkeit ist, wenn etwa Generationen ein Haus aufstocken – auf das Betonflachdach mit seinem rostigen Gestänge eine weitere Mauer hochziehen; der Müll und der Staub und die Abgase und ein Verkehr, der so anders funktioniert und mir bei meiner ersten Begegnung erschien, als wäre ich in einen mörderischen Dschungel ausgesetzt …

Noch schlimmer ist in Ländern wie Syrien oder dem Libanon das Fehlen von Ruhepunkten im öffentlichen Raum, vielleicht überhaupt von öffentlichem Raum an sich. Die wenigen Parks – vertrocknet und oft vermüllt; die Cafés – im Winter zu kalt und oft genug sowieso ganz und gar nicht zu vergleichen mit einem Café aus der romanischen Welt (diesen wunderbaren Häfen) oder aber wie hier im Libanon Filialen einer westlichen Kette. Wie oft habe ich mir einen einladenden Platz gewünscht, eine Bank neben der Kirche oder der Moschee, unter einem Baum, vor dem Dorfbrunnen. Überhaupt eine Bank. Alles scheint hier nach innen gerichtet, ins Häusliche, in den Schutz der eigenen vier Wände. (Und dann diese Momente, wenn man durch all das hindurch eine ganz neue Gelassenheit findet und so viel abfällt von unserem westlichen Ballast und man einfach nur ist, dann verfällt man der Liebe zum ‚Orient‘.)

Wohin also gehen? Nirgendwohin. Später reden wir über die Angriffe des IS aus dem Nachbarland Syrien, über die Bedrohung durch den militanten sunnitischen Fundamentalismus, über die ungewisse Zukunft des Landes, die so vielen, mit denen ich gesprochen habe, Sorgen macht. Die libanesischen Christen (sie machen etwa 40 % der Bevölkerung aus) werden früher oder später das Land aufgeben und verlassen, sagt mir ein junger Arzt, sagt mir ein ehemaliger Botschafter. Der Libanon hat eine dreitausendjährige Geschichte als Fernhändler, immer schon sind seine Bewohner in andere Länder und Kontinente aufgebrochen, als Kaufleute, als Auswanderer.

Er aber, widerspricht der Elektroingenieur, er werde nicht gehen. Er werde seinen Boden mit der Waffe verteidigen. Und er fällt in sein Schweigen zurück, in diese angespannte Stille einer eingekerkerten Kreatur.

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Joburger Ufergänge – Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“

„Wir Joburger bevölkern eine Insel. Mir geht es ganz gut so am Rande der Stadt, wo ich die langen Strände meiner Insel abwandere, während das Wetter durch das Veld dünt. Der englische Anteil in meinem Blut treibt mich im Uhrzeigersinn um die Stadt, der Rest drängt mich in die entgegengesetzte Richtung.“ (S. 55)

Vadislavic_Johannesburg_A1 VerlagAls urbaner Jäger und Sammler zieht der südafrikanische Schriftsteller Ivan Vladislavić (Jahrgang 1957) durch sein geliebtes Johannesburg. Aus den Beobachtungen, Begegnungen und Funden zahlloser Spaziergänge und Fahrten formt er das Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft. Er sammelt Orte, Fassaden, Gartenmauern. Seine Wege kreuzen Nachbarn, Künstler, Straßenverkäufer, Diebe und das in Südafrika allgegenwärtige Wachpersonal. Er geht zu Fuß die Route eines Romanhelden nach oder perfektioniert die Methode des absichtsvollen Verirrens.

Die Meditation über die Hände eines Bettlers gehört ebenso zu dem Strandgut seiner Insel aus Zufall wie die an Absurdität kaum zu überbietende Szene, als er bei der Heimkehr einen Einbrecher überrascht, der sich mit einem Messer auf ihn stürzt, sich dann entwindet, auf halbem Wege nochmals innehält und Vladislavić zuruft „Wie spät ist es?“, um nach der Antwort (die ihm der perplexe Autor tatsächlich gibt) befriedigt zu grunzen und über die Gartenmauer zu verschwinden.

Sicherheit (bzw. Unsicherheit) ist ein immer wiederkehrendes Thema, ein roter Faden in dem Wandel aus der Apartheid in das neue Südafrika bis in die Nullerjahre des 21. Jahrhunderts. Vladislavić wandert durch eine Gesellschaft, in der die Wohlhabenderen (wozu angesichts der allgegenwärtigen Armut unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit bis auf die Stadtstreicher beinahe alle weißen Südafrikaner gehören) darauf aus ist, „einen beliebigen Ort erreichen zu können, ohne ihren Fuß auf die Straße setzen zu müssen“. Immer wieder verlassen (weiße) Freunde oder Nachbarn das Land; eine Party im heimischen Wohnzimmer ist mit so viel logistischem Aufwand für die Gäste verbunden, dass Vladislavić es irgendwann aufgibt, seinen Geburtstag zu feiern; und eine Schlüsselszene (im ganz wortwörtlichen Sinne) ist, als ihn in einem Interview eine schwedische Journalistin fragt, ob sie seinen dicken Schlüsselbund  fotografieren dürfe – so fremd und monströs erscheint ihr, der Fremden aus dem beschaulichen Nordeuropa, diese Ansammlung von Schlüsseln.

„1966 eröffnete Takis Xenopoulos im High Point Centre in Hillbrow Fontana Foods, die erste Bäckerei des Landes mit Schnellimbiss, die 24 Stunden geöffnet hatte. Während der feierlichen Eröffnung demonstrierte der Besitzer öffentlich sein Vertrauen in diese Idee: Er warf den Ladenschlüssel in die Menge. Das war eine der großartigsten Gesten, die ein Joburger je gemacht hat.“ (S. 199)

Es ist natürlich kein Zufall, dass das Buch, das mit einem Satz über Alarmanlagen beginnt, mit einer – eindrücklich ausgearbeiteten – Szenerie um Gewalt und Sicherheit endet und trotzdem eine vorurteilsfreie Liebeserklärung an eine Stadt ist. Auf dem Weg in die Stadtbibliothek, der Vladislavić sich wie „ein normaler Bürger, der Schritte von der Gesellschaft der Menschen in die Gesellschaft der Bücher macht“, nähern will (und nicht wie die schrumpfende Zahl weißer Bibliotheksbenutzer heimlich über eine Hintertreppe aus der Tiefgarage), gerät der Erzähler in einen Streik ausgerechnet des Johannesburger Sicherheitspersonals. Die Neugier des Stadtspaziergängers hält ihn am Ort und plötzlich fliegen Tränengasbehälter und Gummigeschosse und Vladislavić rennt und flüchtet zwischen seinen schwarzen Mitbürgern, er duckt sich hinter Mauern, stolpert über Orangenstände, springt hinter Autos in Deckung. Es gelingt ihm, sich in die Bibliothek zu retten. Die Kultur wird zum Ankerplatz in dieser stürmischen See: „Ich kann doch lesen, bis sich alles beruhigt hat.“ Es mag ein sehr trügerischer Trost sein, aber vielleicht ist es in einem solchen Alltag der Unsicherheit tatsächlich das Vernünftigste, was bleibt, will man weder die Bankrotterklärung der Emigration noch die des völligen Rückzugs in die gated communities unterzeichnen, diesen Festungen einer zumindest partiell gescheiterten Gesellschaft. Vladislavić weiß selbst um das Trügerische seines Trostes und doch ist das, was ihn im letzten Satz des Buches an die Gesellschaft bindet, so sinnlich wie heiter: „Als ich meinen Finger anfeuchte, um umzublättern, schmeckt er nach Apfelsinensaft.“

Wie konsequent Vladislavić den Inhalt in die Form überträgt, gehört mit zum Reizvollsten an seinem Buch. Denn sein Porträt setzt sich aus 138 nummerierten Textbausteinen zusammen, die immer wieder neu angeordnet werden können. Im Anhang bietet der Autor (neben Anmerkungen und Quellen) ein faszinierendes Itinerarium, Vorschläge nämlich, die Streifzüge über die Insel aus Zufall ganz anders zu gehen. Es sind Themenwege unterschiedlicher Länge (sie gehen teilweise zurück auf bereits früher veröffentlichte Zyklen), etwa die Route „Bemalte Wände“ mit den Etappen „10, 21, 22, 40, 43, 66, 106, 120, 128, 132, 136“. Zu den längsten Routen gehören „Sicherheit“, „Gegenstände“, „Geheimnisse des Handelns“ oder „Anschriften Johannesburg“, zu den skurrilsten „Geisterwesen“ oder die Episoden um den Gorilla Max.

Seine Form gefunden hat die „Insel aus Zufall“ übrigens in Stuttgart, als der Autor ein Stipendium der Akademie Schloss Solitüde wahrgenommen hatte, und angeregt auch von den Stuttgarter Stadtspaziergängen des österreichischen Architekten Klaus Metzler, wie das Nachwort informiert.

So mündet jeder Kreis in einen anderen und die Liebe und Offenheit zum Schauen und Horchen verbindet Wanderer auf aller Welt.

Ivan Vladislavić, Johannesburg. Insel aus Zufall. (Originalausgabe 2006 unter dem Titel: Portrait with Keys. Joburg & what-what). Aus dem Englischen von Thomas Brückner. 269 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.  2008 A1 Verlag, München.

„Ich habe doch Demenz“

In der Samstagvormittagshektik hastet ein Paar an mir vorbei. Ich verstehe nur das letzte Wort seines Satzes, im vorwurfsvollen Ton: „… vergessen.“ Sie antwortet abwehrend. „Ich habe doch Demenz.“

Es klingt nicht nach einem Witz, nicht nach Ironie, nicht nach hämischer Revanche auf eine frühere Bemerkung des Mannes. Die Frau ist jung, 30 vielleicht, kaum älter. Sie wirkt nicht wie eine Alkoholikerin, sie mag ein schlichter Mensch sein, aber sie macht nicht den Eindruck, geistig minderbemittelt zu sein.

War der Satz wirklich ihr Ernst?

Und wenn ja, was bedeutet das?

Gehört sie zu einer bedauernswerten, verschwindend kleinen Minderheit, deren Hirn in jungen Jahren bereits so zerfällt, um „Demenz“ zu diagnostizieren? Oder erhält hier etwas anderes – eine harmlose Gedächtnisschwäche, Unkonzentriertheit, Schusseligkeit, eine gewisse Ferne von der eigenen Lebensmitte – einen klinischen Namen, sauber etikettiert, zweifelsfrei klassifiziert und ist damit – was? Vorwand, eine Entbindung von Selbstverantwortung? Ist es dermaßen verlockend in unserer verwirrenden Gesellschaft, Verantwortung abzulegen, um sich bereits mit 30, 35 Jahren hinter „Demenz“ verschanzen zu müssen?

Als ich weitergehe, habe ich keine Ohren mehr für die Worte um mich herum.