Heldenstücke

Stammkunden

„Aber artig sein heute Abend, gell“, reicht der fesche junge Polizist – Öl im Haar, blütenweißes Funkkabel hinterm Ohr – dem Penner, den er eben aus dem Supermarkt eskortiert hat, eine Zigarette. Das Brummeln aus dem Bart ist nicht zu verstehen. Muss es auch nicht, die Sache ist geklärt. „Also dann einen schönen Abend. Ciao!“, verabschieden sich die Polizisten jovial von dem Tattergreis. Es klingt, als würde man sich kennen. „Der kommt wieder“, bestätigt die Bäckereiverkäuferin.

*

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Meine Chefin nimmt mich zur Seite: „Zwei Dinge sind mir aufgefallen.“
Ich stutze und gehe sofort im Kopf durch, ob ich in letzter Zeit irgendetwas bei der Arbeit sträflich vernachlässigt habe.
„Kein Trompetenspiel mehr in letzter Zeit“, fährt sie fort. (Ich übe oft im Verlagskeller.) „Und kein Zeilentiger mehr. Was ist los?“
Chapeau!
„Hört sich eher nach deiner Managerin an“, meint ein Freund später, als ich davon erzähle.

*

Erdbeerfalle

Sie geht clever vor. Ich gehe ihr meist aus dem Weg, weil ein Gespräch mit ihr immer – immer! – in hässlichen Lügengeschichten endet. Man könnte auch sagen: in gehässigen, in hassvollen Lügengeschichten. Ich will diese Geschichten nicht hören (und ich will auch nicht wissen, welche sie über mich erzählt). Manchmal aber, wenn meine Ausweichmanöver gar zu lange erfolgreich waren, klingelt es an der Tür und da steht sie mit einem Teller voll Kuchen. Den kann ich schlecht ablehnen. Die Kuchenstücke sind rasch verputzt, der Teller aber steht einige Tage bei mir, bevor ich den Mut fasse, ihn zurückzubringen. Da stehe ich bei ihr und halte ihr den sauberen Teller hin. Und die alte Frau sagt: „Ah, wollen Sie gleich einen neuen Kuchen?“ Und so schleiche ich nach einer Viertelstunde geschlagen und mit zwei neuen Kuchenstücken auf dem Teller zurück bis zur nächsten Übergabe.

*

Holothurienpogo

WIZO ist eine Punkband aus Sindelfingen bei Stuttgart. An mir war die Band während ihres rund 20-jährigen Bestehens vorübergegangen, wie Punk meist an mir vorbeigegangen ist. (Blink-182, die genau heute in Stuttgart spielten, waren etwa eine Ausnahme. Der Surfpunk, den die jungen Leute auf dem Weg zum Strand hörten, als sie mich auf einem gottverlassenen kanadischen Waldweg aufsammelten und ein paar Meilen später wieder absetzten, auch.) Seit ein paar Jahren ist WIZO wieder aktiv, diesen Juni hat die Band ein neues Studioalbum veröffentlicht: „Punk gibt′s nicht umsonst! (Teil III)“. Der große Protagonist des Albums: die Seegurke. Ja, wirklich. Die supertolle Seegurke, der cazzo di mare, Held des heutigen Abends. Seegurke!

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For Tigers Everywhere − International Tiger Day

Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

(William Blake, The Tyger)

Viele sind es nicht mehr, weltweit leben noch rund 3000 von ihnen in freier Wildbahn. Daran erinnert der heutige Welttigertag (International Tiger Day, Global Tiger Day). „Entering the Age of Extinction“ untertitelte Richard Ives seine faszinierende Spurensuche nach dem Tiger und daran hat sich in dem Vierteljahrhundert seit den Reisen, die schließlich zu seinem Buch „Of Tiger and Men“ führten, nichts geändert. Immerhin, die pessimistische Schlagzeile auf dem Buchumschlag scheint sich nicht bewahrheitet zu haben: „In twenty-five years, tiger will habe vanished from the earth.“ Grund zur Entspannung gibt es allerdings keinen. Die Zahl der Tiger sinkt weiter.

Soy el tigre.
Te acecho entre las hojas
anchas como lingotes
de mineral mojado.

(Pablo Neruda, El tigre)

Irgendwann um die Jahrtausendwende, als es zwar schon üblich war, sich E-Mails zu schicken, internationale Geldtransaktionen übers Internet aber noch alles andere als gängig waren, schrieb ich kurz vor Weihnachten dem Tiger Trust India eine Nachricht. Ich wollte Tigern aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, meine Dankbarkeit erweisen und der Stiftung eine kleine Spende zukommen lassen, ein Weihnachtsgeschenk, und bat um Informationen zur Bankabwicklung. Ein britischer Mitarbeiter der Stiftung meldete sich zurück, sehr freundlich und ein wenig verzweifelt. Seine wenigen Zeilen waren überraschend persönlich: Er war über die Weihnachtsfeiertage ganz allein auf der Station in Indien, alle Kollegen waren bei ihren Familien und er war einsam − überarbeitet und einsam. Aber er half mir weiter. Und so machte ich die erste Auslandsüberweisung meines Lebens über einen lächerlichen Betrag, denn ich war noch Student und Geld immer knapp.

And then I heard it. Although far away, the sound carried clearly in the cool night air: ‚Ba-oooh-ah! Ba-oooh-ah!‘
Involuntarily, instinctively, my hand closed on the stock of my rifle, as the old, frightening thoughts, born of the age-old jungle rumour, once more impinged themselves on my mind. The ghastly partners were on the prowl again. Would that uncanny jackal guide the tiger to us, just as he had done two nights previously?
The answer came, almost like a spoken reply to my unvoiced thoughts: ‚A-oongh! O-o-n-ooh! Aungh-ha! Aungh-ha!‘

(Kenneth Anderson, The Call of the Man-Eater)

Lange Zeit war die Rolle des Tigers in der Literatur festgelegt, wie in dieser (zugegeben, spannenden und gekonnt geschriebenen) Kurzgeschichte des 1910 in Indien geborenen Kenneth Anderson: als König des Dschungels, als Menschenfresser gar, der die Jagdlust des Menschen herausfordert und ihm, der zweibeinigen Krönung der Schöpfung, weichen muss, ein ums andere Mal. Nicht zuletzt diese Haltung führte dazu, dass der Tiger innerhalb eines Jahrhunderts (um 1900 soll es rund 100 000 freilebende Tiere gegeben haben) beinahe ausgerottet wurde. Von allen Texten über den Tiger − zoologische Werke, Romane, Abenteuergeschichten, Reiseberichte, Gedichte, Kinderbücher − hat mir Richard Ives‘ „Of Tiger and Men“ am besten gefallen: eine Reise durch Indien, Nepal und Südostasien auf der Spur des Tigers − und nicht zuletzt auch jener merkwürdigen Spezies geheimnisvoller Wanderer und „Tigerleute“, die sich dem Schutz der aussterbenden Großkatze verschrieben hatten.

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Brüderliches Geschenk (Holzschnitt)

Two minutes later, the howdah steeply tilted, the elephant steps down into a dry streambed dappled with irregular pools of filtering light, the sandy bottom everywhere impressed with tiger tracks. As though we were a group of medieval pilgrims stunned by some holy visitation, no one has uttered a word. At last, it is Amar who breaks the silence. Turning to Bob, a broad grin on his face, he asks, „Well, Bob, was this close enough for you?“
I wince. Though Amar has not noticed it, Bob is still trembling, and I have no idea how he will take this kind of teasing.
„Yes, Amar“, he says at last, his voice just slightly shaky, „that was definitely close enough.“
„Close enough to pluck one of the tiger‘s whiskers?“
„I‘d say so.“
„And did you pluck one?“
„No, I didn‘t, Amar.“ Bob smiles. „Frankly, I was too worried that I was going to pee my pants.“

(Richard Ives, Of Tiger and Men. Entering the Age of Extinction)

Ich hatte das Buch in einem Sonderangebot in Kanada erworben, zufällig, und ich erinnere mich daran, wie ich auf einem Felsrund, der den Nadelwald von Vancouver Island durchbrach und einen weiten Blick über den See und die Bäume zuließ, darin las. Tiger gab es in dieser Wildnis selbstredend nicht − zum Glück −, nur Pumas. Auf dem Rückweg zur Hütte fand ich ein kläglich schreiendes Kätzchen im Gebüsch. Als ich mich dem armen Ding näherte, überfiel mich plötzlich Angst: Was, wenn es ein Pumababy ist und gleich die Mutter zurückkommt? Das war natürlich Unsinn und das Tier einfach nur ein von einem mitleidlosen Besitzer ausgesetztes Hauskatzenjunges, beruhigte ich mich. Ich nahm das Tier, das blind auf mich (auf meine Geräusche) zustolperte, in die Hand, sofort wurde es still und sog an meinen Fingern. Milch kam keine. Und da fing es wieder zu klagen an. Ich versuchte alles, was ich konnte, um dem Tierchen zu helfen, es bei den wenigen Häusern, die es am See gab, unterzubringen. Zwecklos. Am Ende legte ich es ins Gebüsch zurück, es schrie und schrie, und ich wusste, dass ich es damit dem Tod aussetzte. Es war viel schlimmer, als wenn ich mich erst gar nicht um das Tier bemüht hätte. Es war eine Lektion des Todes für mich.

What does the tiger do? In Sundarbans the people say the tiger gives life to legends and prayers. The tiger works magic. The tiger materializes from nowhere, flies through the air, lands weightlessly on boats. The tiger disappears in water.

(Sy Montgomery, Spell of the Tiger. Man-Eaters of Sundarbans)

Wenn ich in Stuttgart die Wilhelma betrete, zieht es mich − an den putzigen Pinguinen, an den verspielten Robben vorbei − immer zu den Tigern. Und jedesmal wieder ist die Begegnung niederdrückend: Unruhig wie Rilkes Panther, aber ohne Anmut, dreht das Tier hinter den Gitterstäben seine Kreise, das Gesicht ist zerfurcht vor Qual, die Augen sind stumpf im psychotischen Wahn. Und ich wünsche mir, der Zoo wäre frei von Tigern, frei von Raubkatzen.

„Tigerin“, sagte er. „Das ist meine andere Mutter.“

(Chen Jianghong, Der Tigerprinz)

An dem Glas sind noch Reste schwarzer Streifen: Erinnerungen an eine Tigerparty vor rund zwölf Jahren. Die Gläser wurden mit Streifen bemalt, mit Fruchtsäften gefüllt sollten sie an den Tiger erinnern. Die Party war ein Erfolg. Noch heute sprechen mich manchmal Freunde darauf an, so kürzlich ein argentinischer Freund beim Wiedersehen. Dass er und seine Frau, wenn sie von mir reden, auch über diese Feier sprechen, auf der anderen Seite der Welt, macht mich (ich gebe es zu) ein wenig stolz.

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Letzte Streifen

Ich nehme einen Schluck aus dem Glas und werde nachlässig genug, diesen − kaum etwas anreißenden und doch schon viel zu langen − Beitrag zum International Tiger Day mit einer Geschichte abzuschließen, einer Episode um den Radscha und den Tiger. Einer alten Geschichte, einer naiven Geschichte vielleicht. Aber heute darf es sein.

Alles Gute, Tiger, sterbt nicht aus.

***

Ein kühner Jäger

Sie waren in einem Wald unterwegs und wanderten Stunde um Stunde. Als sie schließlich auf eine kleine Lichtung inmitten des Grüns kamen, meinte der Radscha: „Ich bin hungrig. Lass uns hier rasten und etwas zu uns nehmen!“

Tiger willigte gerne ein und so luden sie ihr Bündel ab und machten sich daran, einen Lagerplatz vorzubereiten. Der Radscha öffnete den Proviantsack, entnahm ihm zuerst eine dünne Decke und faltete sie gerade als Tischtuch aus, als wie ein Pfeil ein Tier aus dem Gebüsch hervorschoss und schon wieder darin verschwunden war, bevor der Radscha und selbst Tiger sich zu rühren wussten.

„Das Essen!“, rief der Radscha aus. „Der Sack ist weg! Er ist gestohlen worden!“

Noch immer verblüfft blickten sie um sich, als von einem Baume herab ein Lachen kam, ein heiseres, selbstgefälliges Lachen, langsam, frei von jeder Hast und Furcht. Tiger knurrte leise.

„He, du da!“, rief der Radscha empor. „Zeig dich, du Räuber!“

Da schob sich ein geschecktes Katzengesicht durch das Blätterdach und schaute auf die Wanderer herab.

„Vermisst ihr etwas?“, fragte der Leopard und strich sich geziert über die Schnurrbarthaare.

„Du also bist der freche Dieb!“, schmetterte der Radscha. „Gib sofort zurück, was du uns geraubt hast!“

„Holt es euch doch, wenn ihr es wollt“, entgegnete der Leopard lächelnd und verschwand wieder im Blätterwerk.
Tiger grollte lauter. Seine Schnurrbarthaare zitterten vor Wut.

„Warum gehst du nicht hinterher und verpasst dem dreisten Kerl eine Tracht Prügel, wie er sie verdient hat?“, wandte sich der Radscha an ihn.

„Ich bin zu schwer zum Klettern, o Prinz, und zu langsam für ihn, denn er ist es gewohnt, in den Bäumen zu leben. Und zudem könnte der Gefleckte so frech sein und gerade dann flink über dich herfallen, wenn ich eben im Unterholz verschwunden bin.“

„Tiger!“, empörte sich der Radscha. „Ich weiß mich zu wehren!“

Da schob sich über ihnen im Geäst erneut der helle Kopf aus dem Blätterdach hervor und der Panther lächelte trügerisch auf die Lichtung herab.

„Weißt du denn, wen du vor dir hast?“, rief der Radscha empor. „Ich bin der König dieses Reiches und Herr über all seine Länder! Und das ist Tiger, mein höchster Berater und mein General, Leibwächter und Freund dazu.“

„Mein Reich ist nur klein und Minister habe ich keine“, antwortete der Leopard seidenglatt, „aber ich habe wenigstens die Kontrolle über mein Reich.“

Vor Wut ballte der Radscha die Hände zu Fäusten. „So, Herrscher dieses Wäldchens nennst du dich? Dann bist du also, nehme ich an, so etwas wie einer meiner Statthalter?“

Der Leopard riss sein Maul zu einem gewaltigen Gähnen auf, dass die Fangzähne blitzten. „Ich erkenne niemanden über mir an. Wie könnte ich da dein Statthalter sein?“, sagte er gelangweilt.

„Du hältst dich wohl für unangreifbar, du Waldfürstchen“, grollte der Radscha. „Und was, wenn ich meine ganze Macht aufbringe und dein Reich abholzen und niederbrennen lasse?“

Hart blickten die dunklen Leopardenaugen zurück. „Was, glaubst du, soll das bringen? Wenn mich jemand übertrifft, dann weiche ich, aber ich unterwerfe mich nicht. Höre: Kein Gesetz, keine Regel bindet mich. Ich tue und unterlasse, was ich will. Wenn ich töten will, dann töte ich und wenn ich mich großzügig zeigen will, so tue ich es, wie es mir beliebt. Und glaube nicht, Menschlein, dass du mich mit all deiner Macht zu binden wüsstest. Niemand vermag das, denn ich bin mir mein eigener Fürst.“

Da begriff der Radscha, dass jeder Versuch, den Leoparden mit seinen Maßstäben messen zu wollen, scheitern würde.

Ratlos blickte er hoch zu dieser schönen Katze auf dem Baume, wie sie sich auf dem mächtigen Ast ausgestreckt die Tatzen zu lecken begann.

Da mischte sich Tiger ein: „Und was machst du gegen deine Einsamkeit?“

Der Leopard hob den Kopf und blickte forschend zu Tiger hinab. „Gegen meine Einsamkeit setze ich meinen Stolz. Gegen Schwäche meine Kraft, gegen Stärke meine Behendigkeit, gegen das Leben den Tod und gegen den Tod das Leben.“

„Schmerzt es nicht trotzdem manchmal, als würde dein Herz bluten?“, fragte Tiger ruhig weiter.

Würdevoll erhob sich der Panther und stand da in seiner ganzen strahlenden Schönheit über ihnen. „Einsamkeit ist Angst vor Leere. Und Angst vor der Leere ist Angst vor dem Tod. Aber ein kühner Jäger darf keine Angst vor dem Tode haben, denn er ist sein ständiger Begleiter.“

Mit einer raschen Bewegung wandte sich der Leopard auf dem Ast herum und so schnell und leise, wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Nur noch das grüne Blätterdickicht des Waldes umgab die beiden unten auf der Lichtung.

Nach einer Weile rührte sich der Radscha mit einem Seufzer und wandte sich Tiger zu. Die goldenen Augen blickten den Radscha an: „Er ist eine Katze“, sagte Tiger mit einem Achselzucken. Mit knurrendem Magen setzten sie ihren Weg fort, hinein in den Wald, wo die aufgeschreckten Vögel wieder zu singen begonnen hatten.

***

Und darüber hinaus:

Die Überschrift „For Tigers Everywhere“ ist die Widmung aus dem wunderbaren Kinderbuch „Mr Tiger Goes Wild“ von Peter Brown.

Mehr Informationen zum International Tiger Day gibt es hier.

Der indische Nationalpark Ranthambore ist eines der wichtigsten und bekanntesten Refugien für freilebende Tiger.

Will man sich auf einer deutschsprachigen Website über Tigerschutzprojekte informieren, empfiehlt sich sicherlich der WWF.

Ach ja, und bitte keine Selfies mit Tiger!

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Lieber so als Tiger-Selfies

Du Koffer, du

Der Koffer stand auf halber Höhe des Stadtbahnausgangs. Ein großer, schwarzer Reisekoffer mit einem Flugreiseband am Griff, unmittelbar neben einen Mülleimer gestellt und definitiv herrenlos. Mein Blick wanderte über das Gepäckstück, dann war ich vorbei und stieg die zweite Treppenhälfte empor. Oben drehte ich mich nochmals um. Andere Menschen kamen aus der Haltestelle, manche würdigten den Koffer keines Blickes, andere schauten ihn an wie ich: irritiert, aber ohne innezuhalten. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort. Ich war müde und hungrig und hatte Gepäck bei mir und wollte nach Hause.

In meinen Kopf aber war noch immer der Koffer. Wie unfassbar gering muss die Wahrscheinlichkeit sein, dachte ich mir, dass es sich ausgerechnet bei diesem Koffer um eine Bombe handelt. Wie dämlich müsste ein Attentäter (mit Blick auf maximale Schadenswirkung) sein, überlegte ich weiter, seine Bombe ausgerechnet an dieser Stelle zu positionieren, wo sie – je nach Taktung der Straßenbahn und Fahrgastaufkommen – möglicherweise keinen einzigen Menschen verletzen würde. Und wäre für eine solche Tat nicht manches naheliegender als solch ein gewaltiger Koffer mit dem Band einer Fluggesellschaft? Und schließlich: Angenommen, ich würde tatsächlich die Polizei informieren, würde dann die Haltestelle wegen eines Koffers voller Schmutzwäsche womöglich für längere Zeit gesperrt und viele Menschen ziemlich angepisst sein? Und dann ein anderer Gedanke: Nur einmal angenommen, der außerordentlich unwahrscheinliche Fall trifft tatsächlich ein und ich erfahre eine Stunde später, dass dort unten am Treppenaufgang der Stadtbahn eine Kofferbombe explodierte, drei Todesopfer, fünf Verstümmelte. Könnte ich es mir jeweils verzeihen, den Koffer ignoriert zu haben?

Eine der herrlichsten Szenen in Michael Moores Film „Bowling for Columbine“ ist, als der US-amerikanische Dokumentarfilmer ein Gerücht auf die Probe stellt, Kanadier würden ihre Haustür nicht abschließen. In einer Großstadt jenseits der Grenze also drückt Moore an irgendwelchen Einfamilienhäusern die Klinke herunter – siehe da, unverschlossen –, stapft in das fremde Haus hinein und verwickelt die recht unaufgeregten Bewohner in ein harmloses Gespräch. In den USA wäre er, so Moore, niemals in das Haus hineingekommen. Oder aber bereits vom Besitzer erschossen. Michael Moores These von der „Kultur der Angst“, die ganz besonders in den USA, in schwächerem Maße aber auch in der übrigen westlichen Welt gepflegt und gehegt wird, hatte mich damals unmittelbar überzeugt. Von dieser, seit 9/11 grassierend wachsenden Angst wollte ich mich nicht beherrschen lassen, das war mir klar. Ich wollte kein Angst essen Seele auf.

Ich blieb stehen, unschlüssig. Schließlich holte ich das Smartphone heraus (wie einfach es uns dieses Gerät heute macht), tippte nach der Nummer der Polizei, löschte das Suchergebnis wieder, suchte nach einer Sicherheitshotline des SSB, fand keine auf der Website der Verkehrsgesellschaft und wich einer Entscheidung aus, indem ich den Weg wieder zurückging und die Treppe hinabschaute. Dort stand der Koffer immer noch. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Dort, wo ich aufgewachsen war, hatten wir nachts nie die Haustür abgesperrt, auch dann nicht, als wir keinen Hund mehr hatten. Manche Menschen in meiner Verwandtschaft lassen das Auto nachts unverschlossen, andere lassen außen den Haustürschlüssel stecken. Auf dem Land geht das. In der Stadt veränderte ich mein Verhalten. Als Student spielte ich noch damit: In manchen Nächten (nicht in allen) wäre es für einen Fremden ohne jede Gewaltausübung möglich gewesen, von der Straße bis in mein Zimmer zu kommen. Ich vertraute darauf, dass es nicht geschehen würde. Später dann in Mehrfamilienhäusern dicht besiedelter Stadtteile war es eine von zwei Türen, die ge- und verschlossen zu sein hatte: die Haustür oder die Wohnungstür, möglichst aber nicht beide. (Kompromisse, die sich aus technischen Gründen oder durch kollidierende Bedürfnisse von Partner oder Nachbarn ergeben, lassen wir einmal außen vor.)

Das entspricht, so stelle ich mir das vor, einem schönen Satz, auf den man bisweilen in einem Büchlein mit Sinnsprüchen oder dergleichen aus dem Koran zitiert findet: „Gott behütet dein Kamel, doch zuerst binde es an einen Baum.“ In Wahrheit stammt das Zitat nicht aus dem Koran, sondern aus dem Hadith (also den dem Propheten Mohammed zugeschriebenen – und normstiftenden – Aussprüchen und Handlungen und darin der, nach dem Koran, zweitwichtigsten Quelle des Islam), außerdem lautet es im Original, zwar inhaltlich gleich, formal doch deutlich anders und weniger prägnant. Von Muslimen wird es nach wie vor gerne zur Erläuterung des tawakkul, des rechten Maßes an Gottvertrauen, herangezogen. Trotz des Fragezeichenwortes „Gott“ darin hat mir der Satz immer gut gefallen.

Ich rief die Polizei an. „Ich komme mir ja ein bisschen dämlich vor, wegen eines Koffers anzurufen“, erklärte ich mich. „Gar nicht, im Gegenteil“, meinte die freundliche Polizistin. Die Antwort fühlte sich gut an. Sie fühlte sich nach getaner Bürgerpflicht an. Ich wurde durchgestellt. Es war der erste Anruf meines Lebens bei der Polizei.

Im letzten Jahr hatte ich die Dissertation eines Freundes Korrektur gelesen, in der unter anderem die Ausübung von Kontrolle (und damit Macht) über die Gesellschaft durch Anerziehung von Selbstkontrolle kritisch thematisiert wurde. So betrachtet, hat dieses Konzept bei mir inzwischen Früchte getragen. Ich hatte den herrenlosen Koffer als Problem wahrgenommen, ich hatte mich zur Tat durchgerungen, ich hatte die Polizei informiert – die Selbstkontrolle war also verinnerlicht. Unter dem Gesichtspunkt „Und was wenn doch, du würdest es dir nie verzeihen“ war es das Richtige, was ich getan hatte.

Fragen bleiben. Wie viele Koffer und andere Gepäckstücke werden täglich in Deutschland vergessen oder zumindest lange genug aus den Augen gelassen, um aufzufallen? Wie viele davon werden von Passanten Tag für Tag gemeldet? Wie gering ist die Wahrscheinlichkeit hierzulande, dass es sich dabei tatsächlich um eine Kofferbombe – oder sagen wir großmütiger: um irgendetwas, von dem die Polizei wissen sollte – handelt? (1:50 000? Ich habe absolut keine Ahnung.) Wer eigentlich aus meinem persönlichen Umfeld hat selbst schon mal solch einen herrenlosen Koffer gemeldet? Und wie geht die Polizei dann konkret vor Ort vor? Das sind nur die Fragen auf der Ebene des Faktischen. Es gibt weitere: die nach dem politischen Herrschaftsdiskurs etwa. Sie sind es, die mich, wenn auch für mich nur schwer greifbar, noch immer beschäftigen. Obwohl es doch nur ein Koffer war.

„Jaja, wir sind informiert“, antwortete der Polizist, zu dem ich durchgestellt wurde, recht gelassen. Und dann, nach einer kurzen Pause des Schweigens, in der ich nicht wusste, was ich sagen sollte: „Es kümmert sich bereits jemand darum.“

„Small Town Murder Songs“

In einer Mennonitenkleinstadt in der kanadischen Provinz wird eine Tote aufgefunden. Walter, der örtliche Polizeichef, ist überfordert und wird zunehmend mit seiner eigenen dunklen Vergangenheit konfrontiert. Ein Film wie der herbstliche Nebel über den kanadischen Äckern – archaisch, langsam, schön.

Regie: Ed Gass-Donnelly. Mit Martha Plimpton, Peter Stormare, Jackie Burroughs. Kanada 2012.

http://www.smalltownmurdersongs.com/