„Erzählte Stadt“ – Irene Ferchl versammelt Stuttgarts literarische Orte

Erzählte Stadt_Irene Ferchl_Silberburg-VerlagHeute rauscht der Verkehr ununterbrochen auf der Kirchheimer Straße vom Kesselrand nach Ostfildern. Als die Publizistin, Politikerin und Frauenrechtlerin Clara Zetkin hier noch wohnte, waren sie und ihr damaliger Mann, der Maler Friedrich Zundel, die Ersten, die in dem Stuttgarter Vorort ein Auto besaßen. (Was nebenbei wohl auch belegt, dass sich sozialistische Gesinnung und materielle Privilegien nicht ausschließen.) Prominenter Besuch ging hier ein und aus. Rosa Luxemburg verbrachte hier gerne ihre Ferien, und von Lenin ist gar eine Wegskizze nach Sillenbuch erhalten.

Einen vielleicht nicht politischen, aber zumindest künstlerischen Bezug hat sich die Villa Zundel bewahrt. „Porzellanmalereien“ steht unter dem Klingelschild. Das Bauwerk hinter der hohen Hecke will nicht so recht in seine heutige Nachbarschaft passen. Mit der dunklen Holzfassade, den grünen Fensterläden und dem fast schon schwarz gestrichenen Holz des seitlich gelegenen Hausaufgangs zeigt das Gebäude den stillen Charme eines Forsthauses (ungeachtet seines Fundaments aus dem zeittypischen Stuttgarter Sandstein). Ich verlasse meinen Beobachterposten bald wieder, denn die wenigsten freuen sich über einen Menschen vor ihrem Haus, der sich zwischen prüfenden Blicken Notizen macht.

Zundel_Zetkin_Sillenbuch_Stuttgart

Die Kirchheimer Straße in Stuttgart-Sillenbuch. Die „Villa Zundel“ zur Rechten wollte ich, ungeachtet der Panoramafreiheit, dann doch nicht einstellen.

Clara Zetkin ist eines von 75 literarischen Porträts, die die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl in ihrem Band „Erzählte Stadt“ in kurzen Kapiteln zeichnet und in der städtischen Landschaft verortet (mehrere Karten sind beigegeben). Es sind Berühmtheiten darunter wie Schiller, der unter einer Eiche am Stadtrand Freunden aus seinen „Räubern“ vorlas, oder Casanova, wie er sich mit einem Sprung aus einem Gasthaus elegant seinen Schulden entzog, und weniger Bekannte. Es sind Frauen und Männer, die das literarische Leben Stuttgarts über viele Jahre maßgeblich geprägt haben (durch ihre Schriften, Redaktionen oder Salons: Mörike, Therese Huber, Familie Reinbeck …) ebenso wie Autorinnen und Autoren, die Stuttgart eher streiften, für eine kurze Zeit hier lebten, vielleicht nur durchreisten (Stendhal auf seiner Mission in Napoleons Auftrag etwa oder W. G. Sebald auf Lesereise kurz vor seinem tödlichen Unfall). Man kann Wolfgang Köppen bei seiner Arbeit im fensterlosen Bunkerhotel ebenso über die Schulter schauen, wie mit Samuel Beckett nach getaner Arbeit im Süddeutschen Rundfunk durch den Park spazieren oder amüsiert vergleichen, welche höchst unterschiedliche Reaktionen die Stadt Stuttgart durch die Jahrhunderte bei zugereisten Literaten hervorgerufen haben.

Enstanden waren diese Streifzüge in Vorbereitung und begleitend zum Projekt „Erzählte Stadt“, das während des 35. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2015 in Stuttgart stattfand. Bei dieser Gelegenheit hatten namhafte Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger auf literarischen Führungen von ‚ihren‘ Dichtern und deren Häusern erzählt. Was so die Literaturstadt Stuttgart sehr lebendig macht, funktioniert als Buch allerdings doch nur bedingt. Zu unterschiedlich sind die vielen knappen Porträts, um einen wirklich runden Wurf abzugeben. Was ins Positive gewendet vielseitig oder bunt zu nennen wäre, wirkt in dieser kleinen Literaturgeschichte (auf der Lesung lehnt Ferchl diese Charakterisierung allerdings ab) disparat. Dass sowohl vereinzelte Kapitel wie auch die Präsentation des Buches am 20. Mai 2015 in der Stadtbibliothek Stuttgart eine gewisse Betulichkeit nicht leugnen können, mag dann vielleicht doch an der Stadt selbst liegen.

Erzählte Stadt. Stuttgarts literarische Orte. Vorgestellt von Irene Ferchl. 128 Seiten mit 80 meist farbigen Abbildungen. Gebunden.  2015, Silberburg-Verlag, Tübingen.

(Hinweis in eigener Sache: Etwaige Kommentare werde ich erst ab dem 21.9. beantworten können.)

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Kleinkönigreiche

„Er stand auf seines Daches Zinnen / Er schaute mit vergnügten Sinnen / Auf das beherrschte Samos hin“, zitiert der Fastachtzigjährige von meinem schmalen Balkon herab. Dann lacht er auf. „Das da ist Samos“, sagt er und deutet auf den abgewrackten Reisebus meiner Nachbarin unter dem Balkon. Der grüne Lack weist handtellergroße Lücken auf, die Kuppel vor dem Oberlicht ist von einer Unterführung halb herabgerissen, die dunklen Flecken wirken beinahe moosig.

Was sie dazu sagen würde, die scheidende Intendantin in der Ruhestandskrise? „Der Bus ist meine Freiheit, meine Heimat, mein alles“, würde sie sagen zu ihrem Königreich. Der innere Friede Samos’ aber ist in steter Gefahr, die gute Policey von Mäusen bedroht. Sie nisten sich ein in dem Bus und treiben die Herrscherin zur Verzweiflung. „Wie wäre es mit einer Katze?“, schlug ich einmal vor. Die Nachbarin war begeistert, doch eine Gestreifte ernannte sie trotzdem nicht zur Statthalterin ihres Reiches. Schade eigentlich. Gerne hätte ich diese von meinem Balkon herab gelockt − „whwhwhwh, tststststs“ − und wenn sie sich gezeigt hätte, wäre ich von meinem eigenen Kleinkönigreich hinabgestiegen zu einem Staatsbesuch. Und Friede würde blühen, bis der Scharfmacher des westlichen Reiches (ein paar Olivenhaine kleiner als meines), Nachbars Pudel also, zum Angriff bliese oder ein Keifen von ganz oben die Eintracht störte und all die Taifas wieder in Aufruhr brächte.

„Gestehe, dass ich glücklich bin“, hebt der Fastachtzigjährige noch einmal an. Er kippt den letzten Schluck aus dem Whiskeyglas hinab − die Flasche auf dem Regal ist inzwischen seine −, verstaut zwei weitere Romane von Graham Greene, die er in ein paar Wochen (inschallah) zurückbringen wird, und macht sich auf zu seinem Fahrrad, Samos im Rücken.

Ludwigsburg Museum − Von der barocken Idealstadt zum freien Raum schlechthin

ludwigsburg museum_9783899862003Über dem kleinen Städtchen Murrhardt − etwa 40 Kilometer von Stuttgart entfernt zwischen den Hügeln des Schwäbisch-Fränkischen Waldes − thront eine der schönsten und besterhaltensten Jugendstilvillen Deutschlands. Die Villa Franck, benannt nach dem einstigen Ludwigsburger Kaffeefabrikanten Robert Franck, wird dem unbedarften Wanderer zur Epiphanie: der in der ländlichen Idylle unerwarteten Erscheinung eines hochherrschaftlichen Ausdrucks wilhelminischen Großbürgertums.

Die Industriellenfamilie Franck hat nicht nur im beschaulichen Murrhardt bis heute wahrnehmbare Spuren hinterlassen, sondern war an ihrem wirtschaftlichen Wirkungsort Ludwigsburg geradezu sprichwörtlich geworden mit dem „Ludwigsburger Gschmäckle“ − dem Röstaroma der Zichorienfabrik, das bis heute (der Caro-Kaffee ist längst Teil des Nestlé-Konzerns) bei Westwind in Ludwigsburg zu erschnuppern ist. Der Ersatzkaffee steht für eine württembergische Erfolgsgeschichte der Industrialisierung. 1868 in Ludwigsburg angesiedelt, machte Franck den Ersatzkaffee zu einem Massenprodukt mit internationalem Vertrieb und schuf mit seiner Handmühle für den ‚kleinen Mann‘ die erste Schutzmarke der Welt. Als einer der wichtigsten Arbeitgeber vor Ort formte die paternalistische Kaffeemittelfabrik aber auch das neue Gesicht der ehemaligen württembergischen Residenzstadt: Das Stadtbild sollte ‚arbeiterfrei‘ sein, Arbeiterfamilien daher im ländlichen Umland siedeln und als mit „Fersengeld“ ausgestattete Fußpendler täglich in die Fabriken ein- und ausziehen.

Die Bedeutung der Familie Franck für Ludwigsburg ist nur eine von vielen Facetten der noch jungen Stadtgeschichte, die seit 2013 im völlig neu konzipierten Stadtmuseum bzw. seit diesem März in der begleitenden Buchpublikation „Ludwigsburg Museum“ des Verlags avedition nachvollziehbar wird.

Während Stuttgart noch auf sein Stadtmuseum wartet (der Umbau ist in Gange), hatte das benachbarte Ludwigsburg mit dem MIK (Museum Information Kunst) bereits sein modernes Museum innerhalb barocker Mauern erhalten. Ein Grundanliegen ist, dass das MIK mehr als nur ein Museum darstellt. Das städtische Kultur- und Informationszentrum beherbergt neben dem Ludwigsburg Museum den Kunstverein, die Touristinformation der Stadt und ein Café „Zichorie“. Damit holt das Museum die Stadt der Gegenwart in die eigenen Mauern und wird wie diese zum Raum, „in dem Ereignisse und Haltungen aufeinander treffen dürfen“. Es erhebt damit den Anspruch, Stadt und Museum wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verschränken, also die Trennung von Innen und Außen, letztlich von Subjekt und Objekt (dafür sprechen auch die ausgestellten Porträtfotografien von Bewohnern Ludwigsburgs) aufzuheben.

Rund 25 000 Sammlungsstücke zur Kulturgeschichte Baden-Württembergs umfassen die Bestände, davon zeigt die Dauerausstellung 500 Stücke aus der 300-jährigen Geschichte der Planstadt Ludwigsburg. Kernstück der Ausstellung sind sechs thematisch konzipierte Räume: „Guter Fürst“ (über die Erbauung von Schloss Ludwigsburg als Keimzelle der Stadt), „Idealstadt“ (die Gründung einer ‚idealen‘ Stadt in der Nähe des Schlosses ab 1709 durch die württembergischen Landesherren), „Musensitz“ (der großen Geister der Stadt wie Friedrich Schiller, Eduard Mörike, Justinus Kerner oder David Friedrich Strauß), „Neuerfindung“ (im Zuge der Industrialisierung und dank vieler mit Ludwigsburg verbundener Erfindungen, die zu Klassikern der Moderne wurden, darunter Aspirin, Botox oder die Handbohrmaschine), „Soldatenstadt“ (von 1737 bis 1994 war der Ort Garnisonsstadt) und „Bürgerstadt“ (in dem das Selbstverständnis der Bewohner von der Zeit des Nationalsozialismus bis heute hinterfragt wird). Die Exponate stehen für sich, Erläuterungen sind von den Ausstellungsstücken räumlich getrennt: Anregung zur Eigeninterpretation − das fordert bereits das „Stadtbild“ im Eingangsbereich des MIK. Das Museum versteht sich damit nicht länger als ein Raum, der dem Bürger als Adressaten Modellentwürfe von Geschichte und Gesellschaft anbietet, sondern den Besucher einbindet und zu eigener Sinngebung anregt.

Die Wahl der avedition, des Verlags für Architektur, Design und Ausstellungsgestaltung, bis vor Kurzem in Ludwigsburg sesshaft, war für die begleitende Publikation naheliegend. Das Buch „Ludwigsburg Museum“ übernimmt im Wesentlichen die konzeptionelle Gliederung des Museums − inklusive des unterhaltsamen „Anekdoten-ABCs“, das über das Haus bzw. das Buch verteilt mit alphabetisch geordneten Schlagwörtern eine andere Möglichkeit des Erzählens von bzw. der Stadtgeschichte anbietet −, angereichert um Texte u.a. von Arno Lederer (stellvertretend für die sanierenden Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei), dem Museumsgestalter HG Merz und der Museumsleitung Alke Hollwedel. Wie im Museum sind alle Texte konsequent zweisprachig (deutsch und englisch) wiedergegeben. Naturgemäß fordert das Medium Buch dabei eine größere Nähe zwischen Text und Bild als Stellvertreter der Exponate bzw. des Raums selbst. (Das Werk zeigt über 150 hochwertige Aufnahmen von Roland Halbe − Architekturfotografien − bzw. kienzle|oberhammer, verantwortlich für die Objektfotografien).

Stilistisch besticht die zurückhaltende Umschlaggestaltung − die hochauflösende Abbildung einer Grundmauer in Grautönen mit minimalistischer weißer Beschriftung. Inhaltlich transportiert sie gleichermaßen Beginn und Historizität, Fundament wie Herausforderung und schafft in Entsprechung zur Fassade, zu den Grundmauern des Museums den Rahmen für seinen reichhaltigen Inhalt. Den spiegelt gestalterisch der Goldton im Innenteil des Buches wider. Während der dezent schmückende Charakter im Textteil (in Titeln, Initialen usw.) elegant unterstreicht, wirkt der goldene Vorsatz (genauer: gold bedrucktes Bilderdruckpapier des Werkes) allerdings doch zu flächig und opulent. Nebenbei ist das Gold anfällig auf Fingerdruck und schlägt sich schnell auf den gegenüberliegenden Seiten nieder − so gesehen kein Buch für die intensive Benutzung.

Nichtsdestotrotz legt avedition mit der Ausgabe eine ansprechende Handreichung zum Ludwigsburg Museum vor. Für den erst im Februar nach Stuttgart umgesiedelten Verlag eine sehenswerte Neuerscheinung und ein viel versprechender Start am neuen Standort. Lassen wir uns also vom Ludwigsburg Museum zu unserer eigenen Deutung von Raum und Zeit verführen.

Ludwigsburg Museum. Herausgegeben von der Stadt Ludwigsburg und Alke Hollwedel. 238 Seiten mit 152 farbigen Abbildungen. Gebunden.  2014, Ludwigsburg Museum, avedition GmbH, Stuttgart.

Darüber hinaus auf zeilentiger liest kesselleben …

Einen Beitrag zu avindependent, des früheren Schwesterunternehmens von avedition, bietet diese Filmpremiere.

Auch das im Werden begriffene Stadtmuseum Stuttgart fand bereits Nennung.