Joburger Ufergänge – Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“

„Wir Joburger bevölkern eine Insel. Mir geht es ganz gut so am Rande der Stadt, wo ich die langen Strände meiner Insel abwandere, während das Wetter durch das Veld dünt. Der englische Anteil in meinem Blut treibt mich im Uhrzeigersinn um die Stadt, der Rest drängt mich in die entgegengesetzte Richtung.“ (S. 55)

Vadislavic_Johannesburg_A1 VerlagAls urbaner Jäger und Sammler zieht der südafrikanische Schriftsteller Ivan Vladislavić (Jahrgang 1957) durch sein geliebtes Johannesburg. Aus den Beobachtungen, Begegnungen und Funden zahlloser Spaziergänge und Fahrten formt er das Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft. Er sammelt Orte, Fassaden, Gartenmauern. Seine Wege kreuzen Nachbarn, Künstler, Straßenverkäufer, Diebe und das in Südafrika allgegenwärtige Wachpersonal. Er geht zu Fuß die Route eines Romanhelden nach oder perfektioniert die Methode des absichtsvollen Verirrens.

Die Meditation über die Hände eines Bettlers gehört ebenso zu dem Strandgut seiner Insel aus Zufall wie die an Absurdität kaum zu überbietende Szene, als er bei der Heimkehr einen Einbrecher überrascht, der sich mit einem Messer auf ihn stürzt, sich dann entwindet, auf halbem Wege nochmals innehält und Vladislavić zuruft „Wie spät ist es?“, um nach der Antwort (die ihm der perplexe Autor tatsächlich gibt) befriedigt zu grunzen und über die Gartenmauer zu verschwinden.

Sicherheit (bzw. Unsicherheit) ist ein immer wiederkehrendes Thema, ein roter Faden in dem Wandel aus der Apartheid in das neue Südafrika bis in die Nullerjahre des 21. Jahrhunderts. Vladislavić wandert durch eine Gesellschaft, in der die Wohlhabenderen (wozu angesichts der allgegenwärtigen Armut unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit bis auf die Stadtstreicher beinahe alle weißen Südafrikaner gehören) darauf aus ist, „einen beliebigen Ort erreichen zu können, ohne ihren Fuß auf die Straße setzen zu müssen“. Immer wieder verlassen (weiße) Freunde oder Nachbarn das Land; eine Party im heimischen Wohnzimmer ist mit so viel logistischem Aufwand für die Gäste verbunden, dass Vladislavić es irgendwann aufgibt, seinen Geburtstag zu feiern; und eine Schlüsselszene (im ganz wortwörtlichen Sinne) ist, als ihn in einem Interview eine schwedische Journalistin fragt, ob sie seinen dicken Schlüsselbund  fotografieren dürfe – so fremd und monströs erscheint ihr, der Fremden aus dem beschaulichen Nordeuropa, diese Ansammlung von Schlüsseln.

„1966 eröffnete Takis Xenopoulos im High Point Centre in Hillbrow Fontana Foods, die erste Bäckerei des Landes mit Schnellimbiss, die 24 Stunden geöffnet hatte. Während der feierlichen Eröffnung demonstrierte der Besitzer öffentlich sein Vertrauen in diese Idee: Er warf den Ladenschlüssel in die Menge. Das war eine der großartigsten Gesten, die ein Joburger je gemacht hat.“ (S. 199)

Es ist natürlich kein Zufall, dass das Buch, das mit einem Satz über Alarmanlagen beginnt, mit einer – eindrücklich ausgearbeiteten – Szenerie um Gewalt und Sicherheit endet und trotzdem eine vorurteilsfreie Liebeserklärung an eine Stadt ist. Auf dem Weg in die Stadtbibliothek, der Vladislavić sich wie „ein normaler Bürger, der Schritte von der Gesellschaft der Menschen in die Gesellschaft der Bücher macht“, nähern will (und nicht wie die schrumpfende Zahl weißer Bibliotheksbenutzer heimlich über eine Hintertreppe aus der Tiefgarage), gerät der Erzähler in einen Streik ausgerechnet des Johannesburger Sicherheitspersonals. Die Neugier des Stadtspaziergängers hält ihn am Ort und plötzlich fliegen Tränengasbehälter und Gummigeschosse und Vladislavić rennt und flüchtet zwischen seinen schwarzen Mitbürgern, er duckt sich hinter Mauern, stolpert über Orangenstände, springt hinter Autos in Deckung. Es gelingt ihm, sich in die Bibliothek zu retten. Die Kultur wird zum Ankerplatz in dieser stürmischen See: „Ich kann doch lesen, bis sich alles beruhigt hat.“ Es mag ein sehr trügerischer Trost sein, aber vielleicht ist es in einem solchen Alltag der Unsicherheit tatsächlich das Vernünftigste, was bleibt, will man weder die Bankrotterklärung der Emigration noch die des völligen Rückzugs in die gated communities unterzeichnen, diesen Festungen einer zumindest partiell gescheiterten Gesellschaft. Vladislavić weiß selbst um das Trügerische seines Trostes und doch ist das, was ihn im letzten Satz des Buches an die Gesellschaft bindet, so sinnlich wie heiter: „Als ich meinen Finger anfeuchte, um umzublättern, schmeckt er nach Apfelsinensaft.“

Wie konsequent Vladislavić den Inhalt in die Form überträgt, gehört mit zum Reizvollsten an seinem Buch. Denn sein Porträt setzt sich aus 138 nummerierten Textbausteinen zusammen, die immer wieder neu angeordnet werden können. Im Anhang bietet der Autor (neben Anmerkungen und Quellen) ein faszinierendes Itinerarium, Vorschläge nämlich, die Streifzüge über die Insel aus Zufall ganz anders zu gehen. Es sind Themenwege unterschiedlicher Länge (sie gehen teilweise zurück auf bereits früher veröffentlichte Zyklen), etwa die Route „Bemalte Wände“ mit den Etappen „10, 21, 22, 40, 43, 66, 106, 120, 128, 132, 136“. Zu den längsten Routen gehören „Sicherheit“, „Gegenstände“, „Geheimnisse des Handelns“ oder „Anschriften Johannesburg“, zu den skurrilsten „Geisterwesen“ oder die Episoden um den Gorilla Max.

Seine Form gefunden hat die „Insel aus Zufall“ übrigens in Stuttgart, als der Autor ein Stipendium der Akademie Schloss Solitüde wahrgenommen hatte, und angeregt auch von den Stuttgarter Stadtspaziergängen des österreichischen Architekten Klaus Metzler, wie das Nachwort informiert.

So mündet jeder Kreis in einen anderen und die Liebe und Offenheit zum Schauen und Horchen verbindet Wanderer auf aller Welt.

Ivan Vladislavić, Johannesburg. Insel aus Zufall. (Originalausgabe 2006 unter dem Titel: Portrait with Keys. Joburg & what-what). Aus dem Englischen von Thomas Brückner. 269 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.  2008 A1 Verlag, München.

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2 Gedanken zu „Joburger Ufergänge – Ivan Vladislavić, „Johannesburg. Insel aus Zufall“

  1. Eine hervorragende Präsentation des Buches.
    Vielen Dank dafür. Wären meine Interessen an Südafrika ausgeprägter,
    ich würde das Buch umgehend lesen wollen.
    Abendschöne Grüsse aus dem buchstabierenden Bembelland

    • Danke sehr! Sehr viel mehr kann ich kaum erhoffen. Außer dass Sie das Buch auch ohne ausgeprägteres Interesse für Südafrika lesen möchten, hehehe.
      Nachmittagsgrüße aus dem Kessel!

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