Avtar Singh, „Nekropolis“

Avtar Singh_Nekropolis_3293004954„Um auf Ihre Frage zu antworten, Kommissar: Ich weiß es nicht. Offensichtlich hat der junge Mann einen ungesunden Hang zu den Wesen der Nacht. Und zweifellos hält er mich auch für ein solches.“

Angulimala, der Fingerdieb, raubt seinen Opfern einen ihrer zehn Finger „in jenem endlosen Sommer“, und die nächtlichen Straßen Delhis werden zum Schauplatz von selbst ernannten Vampiren und Werwölfen, die sich über Chatrooms und Messengers zu ihren Bandenkämpfen verabreden – und die Polizei, ausgestattet mit alten Urdu-Versen und modernen Profilingprogrammen, hat in der indischen Hauptstadt alle Hände voll zu tun. Geschichte und Moderne, Mythologie und Cyberpunk treffen zusammen in Avtar Singhs „Nekropolis“, jener geschichtsgesättigten, brodelnden Megastadt voller Gerüche und Gerüchte, in der alle nach dem Außergewöhnlichen gieren und niemand sich um die Schreie der Hilfebedürftigen schert.

„Diese Stadt ist eine riesige Nekropole“, fasst Kommissar Dayal sein Revier zusammen. Der Polizist ist „ein Mann der alten Stadt“, ein philosophischer Hüter Delhis, elegant, schwermütig, kultiviert, der sich dem Wohl der Stadt verschrieben hat gemeinsam mit seinem Assistenten Kapoor (ein Gegenstück zu seinem Vorgesetzten: schwerleibig, bodenständig, vernetzt bis in die tiefsten Niederungen der Stadt) und der jungen, aufstrebenden Polizistin Smita, Repräsentantin einer neuen Generation in einer frauenfeindlichen Gesellschaft (ein Urteil, an dem auch nichts daran ändert, dass die beiden großen Strippenzieherinnen von Avtar Singhs Delhi weiblich sind: die Ministerin und die rätselhafte Razia).

Quer durch alle Schichten führen die Ermittlungen das Team – gegen Gewaltverbrechen und Vergewaltigung, Menschenschmuggel und Drogenhandel, finstere Geheimnisse und eine alles verschlingende Korruption. Die episodenartigen Kriminalfälle als solche sind nicht sehr raffiniert; darum geht es Avtar Singh in seinem zweiten Roman nicht. Seine Fälle sind Sittengemälde einer Gesellschaft, sie sind ein gleichermaßen liebevolles wie schonungsloses Porträt einer Stadt. Bedächtig ist Singhs Erzählstimme, fast einfach, und gleichzeitig stimmungsvoll. Wie er moralische Dilemmas mit poetisch-schlichter Eindringlichkeit und einer alles durchziehenden noblen Schwermut verbindet, erinnert – der Brückenschlag in ein anderes Genre sei erlaubt – vage an die „Hexer“-Erzählungen von Andrzej Sapkowski („Der letzte Wunsch“).

Ein literarischer Kriminalroman vom Feinsten. Und am Ende möchte man mit den Polizisten zusammen schweigen, wenn sie, eine Zigarette oder eine Tasse Tee in der Hand, vom Balkon herab auf ihre gierige, undankbare, so kostbare Stadt hinabschauen.

Avtar Singh, Nekropolis. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Lutz Kliche. Zürich: Unionsverlag 2015.

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For Tigers Everywhere − International Tiger Day

Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

(William Blake, The Tyger)

Viele sind es nicht mehr, weltweit leben noch rund 3000 von ihnen in freier Wildbahn. Daran erinnert der heutige Welttigertag (International Tiger Day, Global Tiger Day). „Entering the Age of Extinction“ untertitelte Richard Ives seine faszinierende Spurensuche nach dem Tiger und daran hat sich in dem Vierteljahrhundert seit den Reisen, die schließlich zu seinem Buch „Of Tiger and Men“ führten, nichts geändert. Immerhin, die pessimistische Schlagzeile auf dem Buchumschlag scheint sich nicht bewahrheitet zu haben: „In twenty-five years, tiger will habe vanished from the earth.“ Grund zur Entspannung gibt es allerdings keinen. Die Zahl der Tiger sinkt weiter.

Soy el tigre.
Te acecho entre las hojas
anchas como lingotes
de mineral mojado.

(Pablo Neruda, El tigre)

Irgendwann um die Jahrtausendwende, als es zwar schon üblich war, sich E-Mails zu schicken, internationale Geldtransaktionen übers Internet aber noch alles andere als gängig waren, schrieb ich kurz vor Weihnachten dem Tiger Trust India eine Nachricht. Ich wollte Tigern aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, meine Dankbarkeit erweisen und der Stiftung eine kleine Spende zukommen lassen, ein Weihnachtsgeschenk, und bat um Informationen zur Bankabwicklung. Ein britischer Mitarbeiter der Stiftung meldete sich zurück, sehr freundlich und ein wenig verzweifelt. Seine wenigen Zeilen waren überraschend persönlich: Er war über die Weihnachtsfeiertage ganz allein auf der Station in Indien, alle Kollegen waren bei ihren Familien und er war einsam − überarbeitet und einsam. Aber er half mir weiter. Und so machte ich die erste Auslandsüberweisung meines Lebens über einen lächerlichen Betrag, denn ich war noch Student und Geld immer knapp.

And then I heard it. Although far away, the sound carried clearly in the cool night air: ‚Ba-oooh-ah! Ba-oooh-ah!‘
Involuntarily, instinctively, my hand closed on the stock of my rifle, as the old, frightening thoughts, born of the age-old jungle rumour, once more impinged themselves on my mind. The ghastly partners were on the prowl again. Would that uncanny jackal guide the tiger to us, just as he had done two nights previously?
The answer came, almost like a spoken reply to my unvoiced thoughts: ‚A-oongh! O-o-n-ooh! Aungh-ha! Aungh-ha!‘

(Kenneth Anderson, The Call of the Man-Eater)

Lange Zeit war die Rolle des Tigers in der Literatur festgelegt, wie in dieser (zugegeben, spannenden und gekonnt geschriebenen) Kurzgeschichte des 1910 in Indien geborenen Kenneth Anderson: als König des Dschungels, als Menschenfresser gar, der die Jagdlust des Menschen herausfordert und ihm, der zweibeinigen Krönung der Schöpfung, weichen muss, ein ums andere Mal. Nicht zuletzt diese Haltung führte dazu, dass der Tiger innerhalb eines Jahrhunderts (um 1900 soll es rund 100 000 freilebende Tiere gegeben haben) beinahe ausgerottet wurde. Von allen Texten über den Tiger − zoologische Werke, Romane, Abenteuergeschichten, Reiseberichte, Gedichte, Kinderbücher − hat mir Richard Ives‘ „Of Tiger and Men“ am besten gefallen: eine Reise durch Indien, Nepal und Südostasien auf der Spur des Tigers − und nicht zuletzt auch jener merkwürdigen Spezies geheimnisvoller Wanderer und „Tigerleute“, die sich dem Schutz der aussterbenden Großkatze verschrieben hatten.

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Brüderliches Geschenk (Holzschnitt)

Two minutes later, the howdah steeply tilted, the elephant steps down into a dry streambed dappled with irregular pools of filtering light, the sandy bottom everywhere impressed with tiger tracks. As though we were a group of medieval pilgrims stunned by some holy visitation, no one has uttered a word. At last, it is Amar who breaks the silence. Turning to Bob, a broad grin on his face, he asks, „Well, Bob, was this close enough for you?“
I wince. Though Amar has not noticed it, Bob is still trembling, and I have no idea how he will take this kind of teasing.
„Yes, Amar“, he says at last, his voice just slightly shaky, „that was definitely close enough.“
„Close enough to pluck one of the tiger‘s whiskers?“
„I‘d say so.“
„And did you pluck one?“
„No, I didn‘t, Amar.“ Bob smiles. „Frankly, I was too worried that I was going to pee my pants.“

(Richard Ives, Of Tiger and Men. Entering the Age of Extinction)

Ich hatte das Buch in einem Sonderangebot in Kanada erworben, zufällig, und ich erinnere mich daran, wie ich auf einem Felsrund, der den Nadelwald von Vancouver Island durchbrach und einen weiten Blick über den See und die Bäume zuließ, darin las. Tiger gab es in dieser Wildnis selbstredend nicht − zum Glück −, nur Pumas. Auf dem Rückweg zur Hütte fand ich ein kläglich schreiendes Kätzchen im Gebüsch. Als ich mich dem armen Ding näherte, überfiel mich plötzlich Angst: Was, wenn es ein Pumababy ist und gleich die Mutter zurückkommt? Das war natürlich Unsinn und das Tier einfach nur ein von einem mitleidlosen Besitzer ausgesetztes Hauskatzenjunges, beruhigte ich mich. Ich nahm das Tier, das blind auf mich (auf meine Geräusche) zustolperte, in die Hand, sofort wurde es still und sog an meinen Fingern. Milch kam keine. Und da fing es wieder zu klagen an. Ich versuchte alles, was ich konnte, um dem Tierchen zu helfen, es bei den wenigen Häusern, die es am See gab, unterzubringen. Zwecklos. Am Ende legte ich es ins Gebüsch zurück, es schrie und schrie, und ich wusste, dass ich es damit dem Tod aussetzte. Es war viel schlimmer, als wenn ich mich erst gar nicht um das Tier bemüht hätte. Es war eine Lektion des Todes für mich.

What does the tiger do? In Sundarbans the people say the tiger gives life to legends and prayers. The tiger works magic. The tiger materializes from nowhere, flies through the air, lands weightlessly on boats. The tiger disappears in water.

(Sy Montgomery, Spell of the Tiger. Man-Eaters of Sundarbans)

Wenn ich in Stuttgart die Wilhelma betrete, zieht es mich − an den putzigen Pinguinen, an den verspielten Robben vorbei − immer zu den Tigern. Und jedesmal wieder ist die Begegnung niederdrückend: Unruhig wie Rilkes Panther, aber ohne Anmut, dreht das Tier hinter den Gitterstäben seine Kreise, das Gesicht ist zerfurcht vor Qual, die Augen sind stumpf im psychotischen Wahn. Und ich wünsche mir, der Zoo wäre frei von Tigern, frei von Raubkatzen.

„Tigerin“, sagte er. „Das ist meine andere Mutter.“

(Chen Jianghong, Der Tigerprinz)

An dem Glas sind noch Reste schwarzer Streifen: Erinnerungen an eine Tigerparty vor rund zwölf Jahren. Die Gläser wurden mit Streifen bemalt, mit Fruchtsäften gefüllt sollten sie an den Tiger erinnern. Die Party war ein Erfolg. Noch heute sprechen mich manchmal Freunde darauf an, so kürzlich ein argentinischer Freund beim Wiedersehen. Dass er und seine Frau, wenn sie von mir reden, auch über diese Feier sprechen, auf der anderen Seite der Welt, macht mich (ich gebe es zu) ein wenig stolz.

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Letzte Streifen

Ich nehme einen Schluck aus dem Glas und werde nachlässig genug, diesen − kaum etwas anreißenden und doch schon viel zu langen − Beitrag zum International Tiger Day mit einer Geschichte abzuschließen, einer Episode um den Radscha und den Tiger. Einer alten Geschichte, einer naiven Geschichte vielleicht. Aber heute darf es sein.

Alles Gute, Tiger, sterbt nicht aus.

***

Ein kühner Jäger

Sie waren in einem Wald unterwegs und wanderten Stunde um Stunde. Als sie schließlich auf eine kleine Lichtung inmitten des Grüns kamen, meinte der Radscha: „Ich bin hungrig. Lass uns hier rasten und etwas zu uns nehmen!“

Tiger willigte gerne ein und so luden sie ihr Bündel ab und machten sich daran, einen Lagerplatz vorzubereiten. Der Radscha öffnete den Proviantsack, entnahm ihm zuerst eine dünne Decke und faltete sie gerade als Tischtuch aus, als wie ein Pfeil ein Tier aus dem Gebüsch hervorschoss und schon wieder darin verschwunden war, bevor der Radscha und selbst Tiger sich zu rühren wussten.

„Das Essen!“, rief der Radscha aus. „Der Sack ist weg! Er ist gestohlen worden!“

Noch immer verblüfft blickten sie um sich, als von einem Baume herab ein Lachen kam, ein heiseres, selbstgefälliges Lachen, langsam, frei von jeder Hast und Furcht. Tiger knurrte leise.

„He, du da!“, rief der Radscha empor. „Zeig dich, du Räuber!“

Da schob sich ein geschecktes Katzengesicht durch das Blätterdach und schaute auf die Wanderer herab.

„Vermisst ihr etwas?“, fragte der Leopard und strich sich geziert über die Schnurrbarthaare.

„Du also bist der freche Dieb!“, schmetterte der Radscha. „Gib sofort zurück, was du uns geraubt hast!“

„Holt es euch doch, wenn ihr es wollt“, entgegnete der Leopard lächelnd und verschwand wieder im Blätterwerk.
Tiger grollte lauter. Seine Schnurrbarthaare zitterten vor Wut.

„Warum gehst du nicht hinterher und verpasst dem dreisten Kerl eine Tracht Prügel, wie er sie verdient hat?“, wandte sich der Radscha an ihn.

„Ich bin zu schwer zum Klettern, o Prinz, und zu langsam für ihn, denn er ist es gewohnt, in den Bäumen zu leben. Und zudem könnte der Gefleckte so frech sein und gerade dann flink über dich herfallen, wenn ich eben im Unterholz verschwunden bin.“

„Tiger!“, empörte sich der Radscha. „Ich weiß mich zu wehren!“

Da schob sich über ihnen im Geäst erneut der helle Kopf aus dem Blätterdach hervor und der Panther lächelte trügerisch auf die Lichtung herab.

„Weißt du denn, wen du vor dir hast?“, rief der Radscha empor. „Ich bin der König dieses Reiches und Herr über all seine Länder! Und das ist Tiger, mein höchster Berater und mein General, Leibwächter und Freund dazu.“

„Mein Reich ist nur klein und Minister habe ich keine“, antwortete der Leopard seidenglatt, „aber ich habe wenigstens die Kontrolle über mein Reich.“

Vor Wut ballte der Radscha die Hände zu Fäusten. „So, Herrscher dieses Wäldchens nennst du dich? Dann bist du also, nehme ich an, so etwas wie einer meiner Statthalter?“

Der Leopard riss sein Maul zu einem gewaltigen Gähnen auf, dass die Fangzähne blitzten. „Ich erkenne niemanden über mir an. Wie könnte ich da dein Statthalter sein?“, sagte er gelangweilt.

„Du hältst dich wohl für unangreifbar, du Waldfürstchen“, grollte der Radscha. „Und was, wenn ich meine ganze Macht aufbringe und dein Reich abholzen und niederbrennen lasse?“

Hart blickten die dunklen Leopardenaugen zurück. „Was, glaubst du, soll das bringen? Wenn mich jemand übertrifft, dann weiche ich, aber ich unterwerfe mich nicht. Höre: Kein Gesetz, keine Regel bindet mich. Ich tue und unterlasse, was ich will. Wenn ich töten will, dann töte ich und wenn ich mich großzügig zeigen will, so tue ich es, wie es mir beliebt. Und glaube nicht, Menschlein, dass du mich mit all deiner Macht zu binden wüsstest. Niemand vermag das, denn ich bin mir mein eigener Fürst.“

Da begriff der Radscha, dass jeder Versuch, den Leoparden mit seinen Maßstäben messen zu wollen, scheitern würde.

Ratlos blickte er hoch zu dieser schönen Katze auf dem Baume, wie sie sich auf dem mächtigen Ast ausgestreckt die Tatzen zu lecken begann.

Da mischte sich Tiger ein: „Und was machst du gegen deine Einsamkeit?“

Der Leopard hob den Kopf und blickte forschend zu Tiger hinab. „Gegen meine Einsamkeit setze ich meinen Stolz. Gegen Schwäche meine Kraft, gegen Stärke meine Behendigkeit, gegen das Leben den Tod und gegen den Tod das Leben.“

„Schmerzt es nicht trotzdem manchmal, als würde dein Herz bluten?“, fragte Tiger ruhig weiter.

Würdevoll erhob sich der Panther und stand da in seiner ganzen strahlenden Schönheit über ihnen. „Einsamkeit ist Angst vor Leere. Und Angst vor der Leere ist Angst vor dem Tod. Aber ein kühner Jäger darf keine Angst vor dem Tode haben, denn er ist sein ständiger Begleiter.“

Mit einer raschen Bewegung wandte sich der Leopard auf dem Ast herum und so schnell und leise, wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Nur noch das grüne Blätterdickicht des Waldes umgab die beiden unten auf der Lichtung.

Nach einer Weile rührte sich der Radscha mit einem Seufzer und wandte sich Tiger zu. Die goldenen Augen blickten den Radscha an: „Er ist eine Katze“, sagte Tiger mit einem Achselzucken. Mit knurrendem Magen setzten sie ihren Weg fort, hinein in den Wald, wo die aufgeschreckten Vögel wieder zu singen begonnen hatten.

***

Und darüber hinaus:

Die Überschrift „For Tigers Everywhere“ ist die Widmung aus dem wunderbaren Kinderbuch „Mr Tiger Goes Wild“ von Peter Brown.

Mehr Informationen zum International Tiger Day gibt es hier.

Der indische Nationalpark Ranthambore ist eines der wichtigsten und bekanntesten Refugien für freilebende Tiger.

Will man sich auf einer deutschsprachigen Website über Tigerschutzprojekte informieren, empfiehlt sich sicherlich der WWF.

Ach ja, und bitte keine Selfies mit Tiger!

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Lieber so als Tiger-Selfies

Crime Time in Bollywood – Ein Besuch auf dem 10. indischen Filmfestival Stuttgart

Ein roter Teppich vor dem Kino Metropol, eine zwei Meter hohe Elefantenfigur („bitte nicht berühren“) und in der Gelateria nebenan als Special ein Mango-Joghurt-Eis – das war der Rahmen zur Eröffnung des 10. indischen Filmfestivals Stuttgart am gestrigen Abend. Ein paar Reden, ein paar schöne Menschen, ein paar Stilnoten (interessanterweise schien den Indern die Kleidung einfach besser zu passen als den Deutschen, unabhängig davon, ob indische Gewänder, westliche Anzüge oder Marken-T-Shirts), dazu wahlweise Sekt oder Mangolassi als Getränke – und eigentlich wie immer auf Filmfestivals keine Karten ohne Reservierung für den Eröffnungsfilm.

Gehört man nicht zu den VIPs, bleibt da also nur die Möglichkeit, sich am zweiten Tag einen spannenden Film zu sichern – und danach noch so viele, wie Programm, Entdeckerfreude und Alltagsverpflichtungen eben hergeben. Die Wahl fällt auf „Talaash“ (Suche), englisch „The Answer Lies within“, ein Thriller der Regisseurin Reema Kagti mit namhaften Staraufgebot: Aamir Khan, Kareena Kapoor, Rani Mukerji.

Ausverkauft ist der Saal heute nicht mehr. Frauen sind ganz erheblich in der Überzahl unter den Zuschauern, und das, obwohl es sich um einen Thriller handelt. Ein paar deutsche Ethnokultisten in wallenden Gewändern stechen schon nicht mehr so ins Auge wie am Vorabend.

Nach einer knappen Einführung in den Film gibt es Rätselraten. Zwei hübsche junge Frauen mit Krönchen auf dem Kopf dürfen auf der Bühne ein paar Preise halten, die Reden schwingen die Männer. Ein Vertreter des (deutschsprachigen) Bollywoodmagazins „Ishq“ stellt ein paar Fragen – wer sie beantworten will, muss dazu aufstehen, und kann dann eine DVD, eine CD mit Filmmusik und natürlich ein Exemplar von Ishq gewinnen. Zum Aufwärmen eine leichte Aufgabe: „Was ist der Lieblingssport von Aamir Khan?“ Von wegen leicht, erst die dritte Person antwortet korrekt: „Tennis!“ Bei der Frage, mit welchem Schauspieler Bollywood-Schönheit Kareena Kapoor verheiratet ist, springen die Männer am schnellsten auf. „Was heißt ‚Talaash’ auf Hindi?“ Lauter Protest aus der hintersten Reihe: „Falsch gestellte Frage!“

Der Ishq-Moderator verliert darüber nicht seine flotte Zunge, macht ein Witzchen über die Schwaben und dann: „Wir im Rheinland sind pleite, stehen aber dazu und haben Spaß.“ Und als auf die Bonusfrage zur Hochzeit Kareena Kapoors wieder derselbe junge Bollywood-Spezialist der Schnellste ist, gibt der seinen zweiten Preis bereitwillig ab an die Nächste – eine Mitarbeiterin des Festivals. „Ist das überhaupt erlaubt?“, fragt der rheinländische Lockenkopf. „Aber mich geht es ja nichts an, das ist Stuttgarter Klüngel.“

Und dann geht es los mit dem Film.

Oder sollte es.

Da ist er, der Festivalstrailer. Anschließend eine deutliche Antiraucherwerbung auf Hindi. Ein Logo. Und dann – die Projektion der Programmoberfläche mit dem Mauszeiger, der verzweifelt nach der richtigen Schaltfläche sucht.

Es dauert ein paar Augenblicke, dann fängt es von vorne an: Antiraucherkampagne, Logo, noch ein Logo. Aber wo bleibt der Spielfilm? Nach gefühlten zwei Runden im Kreis endlich eine neue Einstellung: der englische Copyright-Hinweis, dass die Nutzung dieses Datenträgers ausschließlich für private Vorführungen erlaubt sei. Gelächter im Publikum und spontaner Szenenapplaus.

Und dann endlich „Talaash“, nächtliche Impressionen, ein dramatischer Unfall, die ersten Dialoge auf Hindi – und keine Untertitel. Rufe, ein lauter Pfiff, kurz taucht wieder der Mauszeiger im Menü auf, dann endlich die englischen Untertitel. Erneuter Applaus.

Ein Bollywood-Star stirbt unter merkwürdigen Umständen bei einem Autounfall. Die Polizei tappt völlig im Dunkeln, was die Unfallursache anbelangt. Alles sieht nach einem dieser ungeklärten Fälle aus, mit denen sich die Polizei herumzuschlagen hat, bis sie gnädigerweise im Aktenschrank abgelegt werden. Dann stößt Inspektor Surjan Shekhawat auf eine Spur ins Rotlichtmilieu Mumbais. Als sich schließlich die Prostituierte Rosie als eine wichtige Informantin in dem Fall entpuppt, beginnen für den Polizisten erst die wirklichen Schwierigkeiten. Festgefahren in seiner Trauer um seinen verstorbenen jungen Sohn und unnahbar gegenüber seiner depressiven Ehefrau, fühlt sich Shekhawat zunehmend zu seiner Informantin hingezogen. Seine Welt gerät ins Wanken …

2013-07-18 FilmfestivalSchauspieler Nawazuddin Siddiqui –
erst ein halbes Dutzend Fans vor der Zigarette

„Talaash“ nimmt wenig Rücksicht auf Genregrenzen, nimmt sich viel Zeit (beides kann man gut- oder schlechtheißen) und bedient allerlei Klischees – angefangen beim unbestechlichen, in der Isolation seines Schmerzes nie lächelnden Gesetzeshüter auf der Suche nach der Wahrheit oder der Edelprostituierten, die dem „Milieu“ Glamour schenkt und sich als überlegener gefallener Engel gefällt. Und natürlich gibt es auch ein bisschen Kitsch – es ist ja schließlich Bollywood –, Songs mit sinnreichen Texten (nein, keine tanzenden Schauspieler), die üblichen rot- und safrangelben Tücher, durch welche die Protagonisten in Zeitlupe hindurchspringen, um ihren sinnlichen Gefühlen füreinander Ausdruck zu verleihen und nicht zuletzt ein atmosphärisches Mumbai Noir-Feeling, das sich mehr malerisch als trist gibt.

Die Kritiker in den amerikanischen Medien attestierten dem Film eher wenig ehrenvolle Attribute, sie sprachen unter anderem von „red herrings“, die man auf Meilen bereits als solche enttarne. Ich gebe zu, für mich – ich wusste nur, dass ein Krimi mich erwarten würde – war das Ende wunderbar überraschend. Mehr noch: Wo manch kritischer Geist müde von Naivität sprechen würde, bescherte mir der Film bei der Auflösung des Falls wie beim kathartischen Höhepunkt eine wohlige, lange nicht mehr erlebte Gänsehaut. Dass im Finale durch Schäden an der CD einige Sekunden lang das Bild ausfiel, störte da schon nicht mehr wesentlich.

Zum Ausklang stellten sich zwei Schauspieler des Filmes den Fragen des Publikums. Sympathisch lässig setzten sie sich auf die Kante der Bühne und ließen die Beine baumeln, während sich die Zuschauer verzweifelt ein paar Fragen ausdachten, bevor alle in die Freiheit entlassen wurden.

Und nun beginnt sie: die Suche nach dem nächsten Festivalbeitrag.

Talaash (2012), 139 Minuten. Regie: Reema Kagti. Drehbuch: Farhan Akhtar, Zoya Akhtar. Mit: Aamir Khan, Kareena Kapoor, Rani Mukerji.

Website des Filmfestivals
Official Trailer (ohne englische Untertitel)

Kalkutta – Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, „Stadt der Bücher“

Aus europäischen und insbesondere verwöhnten deutschen Augen betrachtet, sind Bücher aus dem (und für den) indischen Markt von bescheidener materieller Qualität. Und mit Kalkutta verbinden unsere Vorurteile oft schlimmste Armut, einen Sumpf, der alles verschlingt und verdirbt. Und doch blüht in dieser indischen Metropole eine außergewöhnliche Buchkultur: „Rings um die College Street gibt es mehr als fünftausend Buchläden, ein Labyrinth aus Millionen von Büchern; die kleinen, bunten Kioske der Straßenhändler neben riesigen Gewölben mit Druckereien und Verlagshäusern“ (Klappentext).

Ilija Trojanow folgt in kurzen Texten Bücherboten und Papierschneidern, besucht Traditionsverlage der aufklärerischen „Bengal Renaissance“ und hochmoderne Druckereien mit Heidelberger Maschinen, berichtet von literarischen Cafés, in denen die Korrekturleser ihrer Arbeit nachgehen, und dem – nach den USA – zweitgrößten Markt englischsprachiger Literatur und staunt, als auf Anfrage ein Straßenbuchhändler binnen Minuten aus unüberschaubaren Stapeln von bedrucktem Papier eines seiner eigenen Bücher hervorzieht. Begleitet werden diese Streifzüge von den kräftigen, farbenfrohen Fotografien der kleinen Buchläden (leider nicht auch der anderen genannten Orte) der Fotografin Anja Bohnhof.

Ein sehr hübsches Büchlein über eine ganz andere, pulsierende Welt der Bücher.

Ilija Trojanow und Anja Bohnhof, Stadt der Bücher.
© 2012 LangenMüller

http://www.herbig.net/gesamtverzeichnis/bildbaende/einzelansicht/product//stadt-der-buecher.html