Buchmessesorgen III

Meinen Zug habe ich verpasst, aber K. war so nett, die Stunde mit mir zu warten und mir nochmals ein Getränk auszugeben. Dabei hatte er, den die Buchmesse am Arsch vorbeigeht, mich vollgequatscht über Verlage und Verleger, Autoren und Illustratoren und Gestalter und ihre Leistungen und Mauscheleien, ihre Schätze und Gaunereien. Und ich verstand, in der Bar bei den Gleisen, nur Bahnhof, kannte und begriff von dieser deutschen Verlagsgeschichte nur einen Bruchteil und war sowieso müde und nun auch hungrig von dem langen Tag, und im Blickfeld links blinkte der übergroße Bildschirm und im Blickfeld rechts blinkte die scharfe Braut, die sich andauernd, immer und immer wieder, mit den Fingern durch die Haare fuhr, und ich fragte mich, ob sie von nebenan aus dem Rotlichtviertel kam und hier einen irgendwie verlorenen Messebesucher abgreifen wollte, und ich begann zu schielen und konzentrierte mich auf K.s lange Nase und er redet und redet einfach immer weiter und ich bin gar nicht mehr hier. Den nächsten Zug verpasse ich nicht und meine Sorge, ob ich mit meinem zuggebundenen Ticket durchkomme (ich habe mit K. eine Wette darüber abgeschlossen oder eher er mit mir) löst sich gerade eben einfach auf, als die Stempelzange des Zugbegleiters ihr KLICK

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Von Burfi und Urdu kutub – Traditionen am Rande der Buchmesse

Bald steht wieder der Besuch auf der Frankfurter Buchmesse an. Anlass für einen kleinen Rückblick auf ein Ritual im Schatten der Messe.

Die Frankfurter Innenstadt rund um die Kaiserstraße ist kein Klein-Istanbul, eher ein Konglomerat verschiedenster nah- und fernöstlicher Länder, angereichert um Amerikanismen wie billige Burger-Läden, um Erotikshops und ein paar kleine altbürgerliche Inseln wie ein Pfeifengeschäft. Alle Küchen Asiens scheinen hier zusammenzutreffen, vor einem Geschäft feilschen zwei Araber mit dem langen Kinnbart der strenggläubigen Muslime, dort betreten ein paar Männer den pakistanischen Imbiss, eine Straße weiter reihen sich gleich drei oder vier indische Lebensmittelgeschäfte aneinander.

Ich freue mich jedes Jahr, wenn ich auf der Frankfurter Buchmese bin, auf einen kleinen Abstecher ab vom Bahnhof in eines ebendieser indischen Geschäfte. Dort thront – zwischen den Regalen mit Chutneygläsern, Gewürzen und Bollywoodkassetten – eine Theke voller indischer Süßigkeiten: Burfi und Laddu und wie sie sonst heißen mögen, reichhaltige, zuckersüße Leckereien aus angeröstetem Kichererbsenmehl und den verschiedensten Nüssen, aus Butter oder eingekochter Milch, gewürzt mit Kardamom, Nelken und Rosenwasser, mit Kokosraspeln bestreut oder mit Lebensmittelfarbe aufgepeppt, zu Kugeln gerollt oder in Würfel und Quadern geschnitten.

Die Männer im Laden schauen mich alle an, als ich im Trenchcoat und das Handy in der Hand eintrete. Während ich glücklich meine Bestellung aufgebe – ein Pfund handgemachter indischer Süßigkeiten, die ich in den meisten Städten Deutschlands gar nicht oder wenn doch, dann vermutlich zu horrenden Preisen bekommen würde –, werde ich weiterhin gemustert. Der Blick der Männer bleibt wachsam, dabei mache ich doch nicht mehr, als mir ein paar Süßigkeiten zu kaufen. Was sie wohl gerade denken? Ist es so ungewöhnlich, in diesem Geschäft einen firangi zu sehen? Sie halten mich doch nicht etwa gar für einen Polizisten? (Und selbst wenn, sollte ihnen das Sorge bereiten?) Ich nehme den Plastikbecher mit den Süßigkeiten entgegen und dann lächelt der Verkäufer plötzlich und drückt mir eine Karte in die Hand: „Wir liefern auch.“

Punjabi ShopAuch dieses Jahr wieder: Süßigkeiten aus dem „Punjabi Shop“

An der nächsten Ecke, gegenüber einem großen Dolly Buster-Namenszug, stoße ich auf eine internationale Buchhandlung. Urdu kutub – Bücher auf Urdu – zeigt mir ein Blick auf den Aushang im Schaufenster. Ich betrete das Geschäft, ein langer, schmaler Raum, in dem Sortiment und Antiquariat bunt gemischt sind. Viele der Bücher sind in abgegriffene Folie oder in durchscheinendes Pergamentpapier gehüllt: Spanisch, Englisch, Türkisch, Französisch, Russisch, Italienisch, Urdu und Arabisch, internationale Bestseller und rätselhafte Broschuren, ein kleines, angestaubtes Paradies für polyglotte Bücherfreunde.

Eine graue, ältere Frau steht hinter der Kasse. Ihr Blick ist misstrauisch und angriffslustig. Mir widerfährt einer jener lächerlichen Reflexe: Weniger aus Höflichkeit, sondern mehr um ihr zu signalisieren, dass ich ‚Inländer’ bin und nicht ein Geschäftsmann aus, sagen wir, London, Helsinki, Bratislava, auf jeden Fall um zu zeigen, dass sie mich auf Deutsch ansprechen könne, grüße ich sie. Und ich sage „Grüß Gott“ und noch während ich es mit der Zunge, mit den Lippen forme, merke ich, was ich da von mir zu geben im Begriff bin – „Grüß Gott“ in Frankfurt am Main –, und heraus kommt schließlich ein gedämpfter, gequetschter Gruß. Doppelt fehlgeschlagen also.

Die graue, grimmige Dame grüßt zurück, immerhin, doch eine Philanthropin ist sie wirklich nicht, das wird gleich klar: Am Telefon weist sie jemanden barsch zurück, Bestellungen möge man bitte sehr per Fax schicken, sie habe Kundschaft im Laden. Viele Besucher sind es allerdings nicht, und das wundert mich jetzt auch nicht mehr. Ich stehe vor dem Regal neben der Kasse und blättere ungestört die arabischen Bücher durch – nahezu alle von allergeringstem bibliophilen Anreiz – und versuche, die Titel zu entziffern. Ein anderer Kunde hat weniger Glück. Die graue Dame marschiert auf ihn zu und fordert ihn heraus: „Kann ich Ihnen helfen?“ Danke, könne sie nicht, antwortet der arme Mann, als müsse er eine Schuld eingestehen. Die Dame macht kehrt, verschanzt sich wieder hinter der Theke, schneuzt sich und schaltet das Radio an. Viel zu laut und aufdringlich ertönen die Nachrichten.

SüdseiteBlick in die wunderbare Internationale Buchhandlung „Südseite“

Bald hat die graue Dame ihre wenigen Kunden vertrieben, nur ich stehe noch da und entscheide mich schließlich für ein arabisches Büchlein, in dem, wenn ich richtig verstanden habe, ein Vater seinem Sohn erklärt, warum Menschen Krieg führen und dass daran ein gewisser Herr Bush nicht unwesentlichen Anteil habe. Wenn ich Pech habe, wird es sich als peinliche Agitation entpuppen, aber es ist sowieso eher ein Verlegenheitskauf, und ich weiß jetzt schon, dass ich über die ersten Seiten vermutlich nicht hinauskommen werde und das Büchlein ein weiteres Denkmal meines sprachlichen Scheiterns sein wird.

Als ich das Buch an die Kasse lege, überträgt die Verkäuferin mit etwas Mühe den Titel – er steht in Umschrift auf einem Etikett – in einen Block, dann schüttet sie ein Einmachglas mit Münzen aus und wühlt auf der Suche nach Wechselgeld. „Zweier gebe ich so ungern heraus“, murmelt sie und wühlt stumm weiter.

Ich warte geduldig und dann frage ich gegen das Schweigen an: „Haben Sie auch Bücher auf Swahili?“ (Nicht, dass ich viel damit anfangen könnte.)

„Nein“, bringt die Dame hervor und sieht mich aus grauen Augen an. „Nein.“

„Aber eine wirklich schöne Buchhandlung“, rufe ich ihr zum Abschied munter zu. Vielleicht sieht so dieser Ort doch noch ein Lächeln, bevor die Dame den Laden abschließt.

Miniaturenmaler des Alltags – Wilhelm Genazino, „Tarzan am Main“

Der Supermarkt ist die kleinste mögliche Erlebniseinheit in der Stadt.

Genazino_24122_MR.inddDa spricht also einer über Frankfurt, ein alter Hase des Literaturbetriebs und Bewohner der Mainmetropole selbstverständlich, und nähert sich der Stadt der „Desillusionierungen“ – vorschriftsgemäß, möchte man fast sagen – über klassische Themen: Flughafen, Bankenviertel, Rotlichtmeile, Migration und Integration, der Bedeutungsverlust Frankfurts seit der Wende. Das wird Wilhelm Genazino in seinem jüngsten Werk „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ aber recht bald langweilig. Und er geht über zu dem, was er immer schon gemacht hat: zu Miniaturen des Alltags, gewonnen aus einer lebenslang eingeübten Kunst des Beobachtens, die aus der ernüchterndsten Banalität unserer Alltäglichkeit noch Einsichten gewinnt.

Es sind Beobachtungen auf Spaziergängen, beim Einkaufen, beim Blick aus dem Fenster – der aufmerksame, geduldige Blick auf Paare, Passanten, auf die Angestellten des Großraumbüros, auf Penner und Säufer, auf die müden Frankfurtpendler im ICE (die „Wiedergänger des Bahnhofs“), auf Kinder wie „butterweiche Frührentner“ bis hin zum Treiben der Mäuse in der nächtlichen U-Bahn-Station.

Genazino nimmt sich selbst nicht aus von seinen Beobachtungen, und so werden die „Spaziergänge“ zur uneitlen Res Gestae eines alternden Schriftstellers: ein weiter fragmentarischer Bogen von den einprägsamen Erinnerungen an den zehnjährigen Liebhaber der Tarzanhefte (daher der Buchtitel) und seine Pläne, dem kommenden Krieg zu entgehen, über den „Provinzler“, der für die Redaktion in der linksradikalen Zeitschrift „pardon“ Anfang der Siebzigerjahre nach Frankfurt kommt, bis hin zur ‚Abwicklung‘ seiner literarischen Existenz, als die Herren vom Literaturarchiv Marbach seinen „Vorlass“ sichten, kaufen, abholen – beinahe, als wäre es bereits vorbei mit Genazinos Schaffensphase.

Ist es aber nicht. „Tarzan am Main“ sind gelungene Alltagsminiaturen eines nach wie vor ganz und gar aufmerksamen Geistes. Der Rückentext trügt daher in einer Hinsicht: Ja, viel geht es um Frankfurt – doch oft genug nur ums Leben.

Wilhelm Genazino: Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands. 138 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book. © 2013 Carl Hanser Verlag München.

Buch(messe)sorgen

Wenn ich frühmorgens im ICE zur Frankfurter Buchmesse über einem Manuskript zur Begriffsgeschichte der „Bestimmung des Menschen“ in der Aufklärung brüte und dann neben mir junge Kolleginnen aus einem anderen Verlag darüber diskutieren, dass ihr Verlagstext falsch sei, da das Pferdekinderbuch nicht in der Mongolei, sondern auf Island spiele, dann relativiert das Vieles.