Werkstatt

„Eine Bäuerin erzählte mir vom Schneesturm und ich schwieg dazu.“
(Werner Herzog, Vom Gehen im Eis)

Als ich im letzten Sommer über die Schwäbische Alb wanderte, fiel mir in der Auslage einer Buchhandlung (ja, an ein paar Orten gibt es auch auf der Alb Buchhandlungen) ein Bändchen auf. Eine neu erschienene Reisereportage, auf dem Titelbild schreitet einer über einen Feldweg aus, drüber steht „Allein über die Alb“. Welch kühne Tat. Was für ein lächerlicher Titel.

Nun habe ich mir das Buch trotzdem ausgeliehen, um zu schauen, wie andere das so machen. Worüber schreiben sie, wie schreiben sie. In einem Punkt überraschte mich das Buch, denn anders als das Umschlagbild suggeriert, ist Wandern darin nicht angesagt. Bertram Schwarz, Radioreporter vom SWR 4, besucht mit dem Linienbus, als Anhalter, auf dem Rad oder zur Not halt auch mal zu Fuß Orte über die ganze Länge der Schwäbischen Alb hin, um die Menschen zu porträtieren. Das Ergebnis ist manchmal ganz nett, bisweilen peinlich, jedenfalls bieder und gar nicht literarisch. Lernen konnte ich trotzdem was davon, wie man es meistens im Leben kann, wenn man nur will: Schwätzen musst du mit den Leuten! Nicht nur lauschen – „immer horsche, immer gugge“, wie der gute Herr Ärmel sagen würde, oder in meinem Idiom: allat losa, allat luaga –, sondern reden! (Der Herr Ärmel kann das übrigens.)

Parallel lese ich in einem anderen Reisebuch, das zwar auch sehr dünn und ebenfalls süddeutsch geprägt ist (ja sogar eine Albüberquerung im Schneetreiben beschreibt), aber ansonsten ziemlich eine Antipode zu Schwarzens Schrift darstellt. Als 1974 die Filmhistorikerin Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, wanderte der Regisseur Werner Herzog von München aus zu ihr, um durch seinen Gang, sein Gehen, sie am Leben zu erhalten. Was – je nach Standpunkt – von einem tiefen magischen oder kindlichen Denken zeugt. „Vom Gehen im Eis“ ist zweifellos literarisch. Es ist sprachgewaltig mit einem starken bayerischen Dreh, von scharfer Beobachtungsgabe dem Außen wie dem Innen gegenüber, und zwingt mit seinem Rhythmus und seinem Gedankenfluss zu aufmerksamer Begleitung.

Auch bieder ist es nicht, im Gegenteil, der Herzog, etwas merkwürdig und selbstherrlich, wie er halt so ist, irgendwie ein Aufschneider letzten Endes und Narzisst, berichtet vier Jahre nach seinem „Gehen im Eis“ öffentlich, wie er wiederholt in Hütten und Ferienhäuser einbricht zum Übernachten und nachts in einen Gummistiefel bieselt, warum auch immer. Na ja, weil er hat zu faul war, bei der Kälte durch den Türrahmen hinauszupinkeln, der Dreckskerl.

Sympathisch ist der Herzog nicht, sein Buch aber eine Lust.

Bertram Schwarz, Allein über die Alb. Eine Reisereportage. Tübingen: Silberburg 2015.

Werner Herzog, Vom Gehen im Eis. München – Paris. München: Hanser 1978. Neuauflage 2012.

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.

Die verborgene Seite der Literatur

Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Nicht jeder ist eben empfänglich für den eigenwilligen Charme der Verlierer. Denn heute Abend ging es im Literaturhaus Stuttgart um Bücher, die nie entstanden sind, genauer um verworfene Buchtitel. „Gescheiterte Titel – die verborgene Seite der Literatur“, unter diesem Motto waren die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annette Pehnt, die Stuttgarter Suhrkamp-Autorin Anna Katharina Hahn und Hanser-Verleger Jo Lendle zur Diskussion eingeladen. Der Mann, der auf dem Podium Platz nahm, war aber nicht Jo Lendle. Der war krank und Tom Kraushaar, Geschäftsführer von Klett-Cotta, sprang kurzfristig für ein Heimspiel ein.

„Titel sind eine Verlockung“, ist sich Annette Pehnt gewiss, weshalb sie 200 Autorinnen und Autoren angeschrieben hatte, einen verworfenen Titel für eine Anthologie beizusteuern. 70 (darunter Anna Katharina Hahn) folgten dem Ruf, verfassten einen erklärenden Text zu ihrem Titel und erhielten von jungen Grafikern eine richtige Titelgestaltung. Das Ergebnis: eine reizvolle und hübsche „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“, da stimmte auch Tom Kraushaar zu: „Ich habe das Buch vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen, werde es aber unbedingt lesen. Ich gehöre ja gewissermaßen zur Kernzielgruppe.“

„Wie grausam ist die Suche nach dem Titel“, versuchte die Moderatorin eine Diskussion über das Ringen um den richtigen Buchtitel zwischen Autorinnen und Verleger in Gang zu bringen. Der Erkenntnisgewinn blieb allerdings überschaubar (Feuerwanzen gehen gar nicht auf dem deutschen Buchmarkt, gleich zwei Autoren fanden für ihre verschmähten Titeltiere Zuflucht in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“) und der Unterhaltungswert beschränkte sich auf „Döner Hawaii“. (Wer mehr wissen will, besuche die Website des Klett-Cotta Verlags.) Vollends in Allgemeinplätzen versackte das Gespräch in seinem „Wurmfortsatz“ der einschlägigen und offenbar unvermeidbaren Themen E-Book, Selfpublishing, Amazon.

Schade: ein müder Auftakt zur vermutlich wichtigsten Kalenderwoche für das antiquarische und schöne Buch in Deutschland. Am Donnerstag eröffnet die Antiquaria in Ludwigsburg ihre Messepforten, am Freitag die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Auf der hatte ich selbst ein paar Jahre lang verkauft, unter anderem für ein Antiquariat, das besonders Hermann Hesse-Fans bekannt sein könnte. Ich erinnere mich, wie ich noch während meines Studiums Kurierdienste für das Antiquariat erledigte und zum Beispiel den Berg hochstrampelte, um Walter Jens eines seiner Bücher zum Signieren vorzulegen, oder wie ich mich einmal an einem Samstag im Ladengeschäft ärgerte, weil ich in dem Besucher nicht den Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel erkannte, dem ich gerne für seine H.G. Wells-Biographie gedankt hätte. (Wer weiß, wie viele literarische Besucher ich sonst nicht erkannt habe.) Später entdeckte ich, dass wir in der Kundendatenbank Rafik Schami führten, und erfuhr, dass er mit dem Vater des Eigentümers befreundet war. Ich habe Rafik Schami noch nie im Leben leibhaftig gesehen. In Damaskus aber hatte ich einmal seinen Bruder kennengelernt.

Vom Bab Tuma, dem Thomas-Tor, führte vor dem Bürgerkrieg (wie es nun aussieht und inwiefern es vom Krieg betroffen ist, weiß ich nicht) eine gleichnamige Straße durch das Christenviertel der Damaszener Altstadt. Beiderseits der Kopfsteinpflasterstraße reihten sich zahllose kleine Geschäfte. Manche von ihnen erfüllten jeden westlichen Anspruch an Modernität. Ein Blick nach oben, zu den oberen Stockwerken der Häuser aber zeigte unmissverständlich, dass die Straße Bestandteil der Altstadt war: graue, unstrukturierte Altbauten, schäbig und mit einem schmutzigen Charme aus Alter und bloßen Stromkabeln. Auf den Gehwegen hockten tagsüber wild aussehende Männer oder Bäuerinnen wie aus einer anderen Welt vor einer Auslage an Gemüse, an Küchenkräutern, Oliven oder Walnüssen. Mittags strömten Horden von Kindern in blauer Schuluniform durch die Straße. Zu den Stoßzeiten brach der Verkehr praktisch völlig zusammen. Dann lagen auf voller Länge der Straße Autos, Taxis und Busse regungslos und mit laufendem Motor da und raubten einem die Luft zum Atmen. Schwer hingen die Smogwolken über Damaskus. Abends kamen dann die Eckensteher, gelangweilte junge Männer, die in kleinen Grüppchen dastanden und vielleicht rauchten und manchmal kein Wort sagten. Manche orderten eine Schawirma oder einen frisch gepressten Fruchtsaft oder Bananenmilch (die nicht unsympathische syrische Alternative zu alkoholischen Getränken) beim kurdischen Angestellten eines der vielen Imbissstände. Hauptsächlich aber schauten sie nur auf die Straße, musterten die Frauen (Kopftücher gab es hier im Viertel kaum) oder folgten mit ihren Blicken den Autos der Privilegierten, die mit heulenden Motoren durch die enge Straße rasten.

Es gab verschiedene Bäckereien in der Straße, jede hatte ihre Spezialität. Eine schlichte Backstube am Anfang der Straße verkaufte zum Beispiel Fata’ir, diese kleinen herzhaft belegten Fladenbrote, sowie syrische Hostien: dicke, runde, leicht süßliche Fladenbrote mit einem Stempelaufdruck. Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte, und der grauhaarige Verkäufer mit den auffallenden Koteletten erklärte es mir mit lispelndem Zungenschlag, als ich der Neugierde wegen eines dieser Brote kaufte. „Bei euch sind die Hostien ja wie Papier“, nuschelte er und riss zur Bekräftigung seiner Worte das Eck einer Zeitung ab und tat so, als würde er den Papierfetzen in den Mund schieben, zwischen den braunen Zahnstümpfen hindurch, und darauf kauen. Ich lachte. Beim christlichen Abendmahl, erklärte der freundliche Bäcker weiter, wurden die Brotbrocken in Wein (dem säuerlichen Wein aus den christlichen Bergdörfern Syriens) getunkt und verteilt. Wir unterhielten uns ein bisschen über Deutschland und der Bäcker erzählte, dass er schon mehrmals dort gewesen sei, vor allem in Heidelberg, das er gut kannte und schätzte. Dann zog er eine Mappe mit Zeitungsartikeln heraus, aus deutschen und anderen Zeitungen. Er tippte mit dem Finger auf ein Foto und fragte: „Kennst du den? Das ist mein Bruder.“ Ich beugte mich über das Bild: Es war Rafik Schami.

Irgendwann fasste ich den Mut und schrieb Rafik Schami aus dem Antiquariat eine E-Mail. Ich erklärte, wer ich war, und berichtete von der Begegnung mit seinem Bruder zwei Jahre zuvor. Und eines Tages war die Antwort da. Liebenswürdig bedankte sich der Schriftsteller für die Nachricht und berichtete, sein Bruder habe die Bäckerei inzwischen in ein Café umgewandelt. Post von Rafik Schami habe ich trotzdem nie bekommen, denn offenbar hatte er meine Nachricht nicht allzu aufmerksam gelesen: Namentlich angesprochen war in der E-Mail mein Chef.

„Verlosung“: Ich habe Eintrittskarten für die Stuttgarter Antiquariatsmesse übrig!

Antiquaria Ludwigsburg, 22.-24. Januar

Stuttgarter Antiquariatsmesse, 23.-25. Januar

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Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. Piper 2014. 224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.

Miniaturenmaler des Alltags – Wilhelm Genazino, „Tarzan am Main“

Der Supermarkt ist die kleinste mögliche Erlebniseinheit in der Stadt.

Genazino_24122_MR.inddDa spricht also einer über Frankfurt, ein alter Hase des Literaturbetriebs und Bewohner der Mainmetropole selbstverständlich, und nähert sich der Stadt der „Desillusionierungen“ – vorschriftsgemäß, möchte man fast sagen – über klassische Themen: Flughafen, Bankenviertel, Rotlichtmeile, Migration und Integration, der Bedeutungsverlust Frankfurts seit der Wende. Das wird Wilhelm Genazino in seinem jüngsten Werk „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“ aber recht bald langweilig. Und er geht über zu dem, was er immer schon gemacht hat: zu Miniaturen des Alltags, gewonnen aus einer lebenslang eingeübten Kunst des Beobachtens, die aus der ernüchterndsten Banalität unserer Alltäglichkeit noch Einsichten gewinnt.

Es sind Beobachtungen auf Spaziergängen, beim Einkaufen, beim Blick aus dem Fenster – der aufmerksame, geduldige Blick auf Paare, Passanten, auf die Angestellten des Großraumbüros, auf Penner und Säufer, auf die müden Frankfurtpendler im ICE (die „Wiedergänger des Bahnhofs“), auf Kinder wie „butterweiche Frührentner“ bis hin zum Treiben der Mäuse in der nächtlichen U-Bahn-Station.

Genazino nimmt sich selbst nicht aus von seinen Beobachtungen, und so werden die „Spaziergänge“ zur uneitlen Res Gestae eines alternden Schriftstellers: ein weiter fragmentarischer Bogen von den einprägsamen Erinnerungen an den zehnjährigen Liebhaber der Tarzanhefte (daher der Buchtitel) und seine Pläne, dem kommenden Krieg zu entgehen, über den „Provinzler“, der für die Redaktion in der linksradikalen Zeitschrift „pardon“ Anfang der Siebzigerjahre nach Frankfurt kommt, bis hin zur ‚Abwicklung‘ seiner literarischen Existenz, als die Herren vom Literaturarchiv Marbach seinen „Vorlass“ sichten, kaufen, abholen – beinahe, als wäre es bereits vorbei mit Genazinos Schaffensphase.

Ist es aber nicht. „Tarzan am Main“ sind gelungene Alltagsminiaturen eines nach wie vor ganz und gar aufmerksamen Geistes. Der Rückentext trügt daher in einer Hinsicht: Ja, viel geht es um Frankfurt – doch oft genug nur ums Leben.

Wilhelm Genazino: Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands. 138 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag oder als E-Book. © 2013 Carl Hanser Verlag München.

Najem Wali, „Jussifs Gesichter“

„Wer von uns hat sein Gedächtnis noch nicht verloren? Am Ende sind wir alle Verlorene auf Bewährung.“

978-3-446-23006-4-Grosses-Cover-397x648„Ich wusste nicht, warum ich auf einmal Angst bekam, die Person, die dort schlief, könnte jede sein außer mir selbst.“ Jussif ist auf der Flucht vor sich selbst zu sich hin. In ständigem Widerstreit mit seiner eigenen Identität kehrt er immer wieder zu seinem inneren Ausgangspunkt zurück, der Erinnerung an das kleine Mädchen mit den grünen Augen, den blonden Zöpfen und dem blauen T-Shirt, Quell seines Heils und Unheils, Leuchtturm seiner Erinnerung. Das Mädchen war einst seine erste, unschuldige Liebe, doch sein Bruder Junis tötete es mit einem Kuchen voller Nägel und brachte Jussif an seiner Stelle ins Gefängnis. Das war der erste Schritt in ein Schattenlabyrinth aus Identitäten.

Als sein Bruder später untertauchte, nahm Jussif dessen Namen an, um seiner Geschichte aus Schuld und Scham zu entweichen. Doch der Rollentausch war verhängnisvoll, denn irgendwann stellte sich heraus, dass Junis ein Folterknecht war – und zuletzt unter dem Namen Jussif mit der amerikanischen Armee als Befreier zurückkehrte. Nun ist der wahre Jussif gleichermaßen bedroht von den nach Rache dürstenden Opfern des Folterknechts wie von seinem Bruder selbst, der um seine neue Identität fürchtet. Da aber hat sich der echte Jussif längst in einem Dickicht aus Namen und Masken verloren.

Mit einem Kassettenrekorder versucht er seine Erinnerungen einzufangen und irrt, halb fliehend, halb suchend, durch die Straßen Bagdads. Er gleicht einem Phantom in einer Geisterstadt im „Land der Siegreichen und Gedemütigten“, das durch Diktatur, Terror, Folter, Lügen, Kriege und Besatzung sich selbst entfremdet ist. In den Leichenhallen der Stadt forscht er nach sich selbst – wurde er hier abgeliefert? – und lauscht den Monologen von Verrückten („Wir alle brauchen einen Vergessensapparat. Das gesamte Land muss sich erinnern, um vergessen zu können“). Er besucht Josef Karmali, den geschickten Fälscher, der allen Identitäten zu einer behördenwirksamen Realität verhelfen kann. Ins dunkle Kino, dem Reich der Illusionen und Masken, flüchtet er vor seinen Verfolgern. Seine Schwägerin besucht er heimlich, um in der Rolle des Junis seinen Ehepflichten nachzugehen und weiß dabei nicht, für wen sie ihn wirklich hält – Jussif oder Junis. Seine eigene Ehefrau Sarab („Fata Morgana“) droht ihm gleichzeitig angesichts seiner Sprachlosigkeit zu entgleiten.

Zuletzt strandet er in der Mekka-Bar, die „der einzige Ort in diesem Land ist, an dem die Meinungsfreiheit keine Grenzen kennt und die Leute daher zu ihr pilgern.“ In dem kleinen und schmutzigen Lokal treffen sich Irrfahrer am „Tisch der Hoffnungslosen“, trinken Arrak und erzählen Geschichten und treiben auch hier das Spiel um Verschleierung und Wahrheitssuche weiter, bis Jussif schließlich erlöst zu sein scheint: Doch ist das erst der Anfang der Geschichte.

Ein dunkles Maskentreiben, ein kafkaeskes Verwirrspiel, ein Traumlabyrinth frei von Zauber: eine übersteigerte Hommage an den europäischen Existenzialismus und zugleich ein Spiegel der irakischen Seele, ja wer weiß, möglicherweise sogar so etwas wie ein Schlüsselroman zur modernen arabischen Identität. Aber ein Genuss, nein, das nicht.

Najem Wali, Jussifs Gesichter. Roman aus der Mekka-Bar.
Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien.
© 2008 Carl Hanser Verlag München

Titel der arabischen Originalausgabe Surat Jussif [d.i. Sure 12 des Korans]. Der Band liegt auch in einer Lizenzausgabe bei dtv vor.

http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-23006-4