Moshés Schüler

Nachts reißt die Sirene das winzige Örtchen aus dem Schlaf. Ein Blick auf das Smartphone zeigt: Es ist kurz nach 5 Uhr morgens. Ich höre die Schritte der Großmutter auf den knarzenden Dielen. Nirgendwo Feuer zu sehen, sagt sie nach einem Rundgang an alle Fenster, besser: nuschelt sie, denn ihr Gebiss liegt ein Stockwerk tiefer in einem Glas. Nebenan ertönt ein langer Pfiff der Mutter. Sie ruft den Hund, der verängstigt von dem Sirenengeheul in einer Ecke der Terrasse kauern wird. Die Großmutter steigt die Stiege hinab, einmal geweckt, beginnt sie ihr Tagwerk. Ich drehe mich nochmals um. Draußen hängt Nebel. Später besprechen wir, ob es auf der nahen Autobahn einen Unfall gegeben haben mag, von Urlaubern auf dem Weg in die Alpen.

„Die Ersten an Land, die Letzten zurück“, hatte Alexander Kent, Autor zahlreicher Seekriegsgeschichten, seinen Roman über die Royal Marines betitelt. Die Eschen machen es umgekehrt. Sie sind die letzten Bäume, die sich im Jahreslauf in Grün kleiden, und die ersten, die ihr Gewand wieder abwerfen. Die anderen Bäume zeigen sich umso bunter in Rot- und vor allem Gelbtönen, von selbst im Morgennebel leuchtenden Farben von melancholischem, ja krankhaftem Charakter, wie sie einem französischen Film um eine depressive Schönheit ziemen mögen aus jenen Jahren, in denen Frankreich noch für seine anspruchsvollen Problemfilme berühmt war – entschleunigt, schonungslos, mit messerscharfen Dialogen – anstatt für hektisch-seichte Komödien. Ich friere bei dem Frühstück auf dem städtischen Wochenmarkt, unserer ersten Etappe an diesem Tag im Indian Summer. Danach geht es hinaus in die Vorberge, schon am Rand der Stadt lassen wir den Nebel hinter uns, ein selbst in der Oktoberpracht auffallender, feuriger Herbst ziert das Plakat der Waldorfschule, die in ihrem Gartenareal ein Bauwagencafé betreibt. Im Sonnenschein wird das Fieber der Bäume zu reiner Schönheit. Wir unterhalten uns auf der Fahrt, ob Spiritualität auch ohne Transzendenz möglich sei.

Auf dem Parkplatz des Tales locken zwei schartige Container die Bauern der umliegenden Siedlungen. Sie laden ihren Eisenschrott hier ab, wuchten ihn mit dem Vorderlader der Traktoren in die Behältnisse, reichen sich meterdicke Rollen aus Drahtgitter und gebogene Dachrinnen mit den behandschuhten Händen hoch, werfen kleinere Teile von unten über die Containerwand. Der Hänger mit Platten wird nach seiner Entladung gleich abgekoppelt und stehengelassen, es war seine letzte Fahrt. Unsere Blicke meiden die Arbeitenden, untereinander aber scherzen sie. Wie gerne würde ich meinen gekünstelt gewordenen Dialekt unter ihnen schulen. Ein Bartträger zündet sich genussvoll eine Zigarette an, der Mann mit den grauen Koteletten pinkelt für alle sichtbar neben einen roten Opel ohne Nummernschild. Der Motor des Wagens läuft, ein paar Minuten später falten sich drei junge Burschen, groß und kräftig, Schirmmützen über den runden Gesichtern, in das Auto und lassen es unter dem Röhren des kaputten Auspuffs vom Parkplatz rollen. Auch dieses Auto hat einen Platten. Es hindert die Burschen nicht daran, es die für Kraftfahrzeuge verbotene Straße hochzujagen, über die wir gleich unseren Spaziergang beginnen werden.

Ganz unerwartet taucht oben auf dem Hügel ein liebliches Örtchen auf, eine Kapelle, eine Handvoll schmucker Höfe. Viel Holz ziert ihre Fassaden, die seltene Stechpalme wächst hier in großer Zahl. Am schönsten und lebendigsten Hof machen wir Halt, jemand kennt hier jemanden. Schrott wird verladen für den Container unten im Tal, Ziegen werden auf die Wiese getrieben, ein Pfau stolziert durchs Gehege, Enten queren ihren Teich. Die Hunde fallen sich immer wieder an, denn unsere hündische Begleitung ist zu frech, immer wieder gerät sie mit dem Hofhund aneinander, aber da ist nichts zu machen, das müssen die Hunde selbst klären. Ihre Besitzer bleiben gelassen, als würden sie Spatzen bei der Futtersuche studieren – aufmerksam, aber gelassen. In dieser Geschäftigkeit findet sich die Zeit, dass wir auf den sonnigen Bänken einen Kaffee erhalten. Ein weißbärtiger Alter in Latzhose gesellt sich zu uns, er ist nicht wie erwartet ein Allgäuer Großvater, sondern ein ‚Jobhopper‘ aus Israel. Deutsch spricht er nicht und außer mir scheint niemand willens (oder in der Lage) zu sein, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen und so komme ich mit ihm ins Gespräch. Und unerwarteter noch, als schon dieser schmucke Weiler auf dem Hügel sich gezeigt hat, erblüht hier in seinem Herzen noch eine weitere Schönheit auf. David, in einem Kibbuz aufgewachsen, hatte noch bei Moshé Feldenkrais gelernt, und bald sind wir in einem Gespräch über Achtsamkeit, über Wandel, über den Mut zur steten Veränderung. Ein Lehrer zu sein, weist David von sich, und doch ermuntert er mich, sehr bescheiden und ganz humorvoll, zu Schritten in ein neues Leben. „Ich sage nicht, dass es leicht wird! Wenn du natürlich glaubst, wie ein Schmetterling herumflattern zu können … Auch ein Schmetterling muss erst einen langen Zyklus durchlaufen, das ist harte Arbeit und er kann unterwegs gefressen werden. But of course, trust yourself and just do it. I did not regret one single change in my life.

In der nächsten Kapelle verkündet eine schlichte Tafel „‚Vergelts Gott‘ für an guate Alpsommer.“ Dem Dank kann ich mich in gewisser Hinsicht anschließen. Ein gutes Wanderjahr war es, auf Berg und in Auen und auch in seinen menschlichen Begegnungen. Von dem Heuschnaps an der Alpe gegenüber nippe ich nur und statt des mit Zwiebeln und Essig angemachten herben Romadurs – kein Essen verbinde ich mehr mit meinem Großvater selig als diesen Sauren Käs – wähle ich lieber Weißwürste. Die Sonne wärmt, der Herbst verzaubert das Voralpenland zu einem Paradies, einem Sehnsuchtsort, den ich nie wieder verlassen will. Der Tag ist ganz Erfüllung und zugleich liegen Kopfschmerzen wie ein Folterreif um meinen Schädel.

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Herbstfrucht

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Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.

Der Dichter und die Massen

Zum Welttag des Buches hatte ich über eine Dichterlesung in Syrien berichten wollen. Die war auf den Monat genau zehn Jahre zuvor von einem der berühmtesten arabischen Gegenwartsdichter begangen worden. Ich hatte es sogar im Kalender stehen: „23. April: Welttag des Buches – Maḥmūd Darwīš“. Warum kam es nicht dazu? An dem Tag hatte ich einfach keine Lust, etwas zu bloggen. So schlicht sind manchmal die Motivationen. Nun reiche ich den Text nach. Es war damals ein Bericht an die Daheimgebliebenen. Ich gebe zu, manches würde ich inzwischen, zehn Jahre später, anders schreiben. Sollte ich es nachbearbeiten? Ich habe mich dagegen entschieden.

السلام هو الإنصراف إلى عمل في الحديقة:
ماذا سنزرع عما قليل؟

Frieden heißt den Garten pflegen und fragen:
Was pflanzen wir demnächst?

(Mahmud Darwisch)

Damaskus, April 2004

Araber lieben Poesie. Das ist uraltes arabisches Erbe. Vor dem Wirken des Propheten Mohammed, vor dem Auftreten des Islams also, oder – um es mit einem arabischen Wort zu bezeichnen – in der Zeit der „Dschahiliya“ (der Unwissenheit, Ignoranz) war die Kultur der Araber recht überschaubar. Nur in der Poesie, da waren sie groß gewesen, und was davon die islamische „Kulturrevolution“ überlebt hatte, gilt heute noch als eine der großen Epochen der Dichtkunst. Beduinen, die barfüßig durch die Dünen liefen und von Leidenschaft und Tod sangen und damit die Grundlage für das Hocharabische lieferten, einer Sprache so schwer, dass auch viele Araber an ihr verzweifeln. (Und bisweilen, wenn sie einer Fremdsprache mächtig sind, lieber in dieser mit einem Ausländer reden, als vom Dialekt auf das Hocharabische – da längst nur Schriftsprache – umzusteigen.) Bis heute erreichen arabische Dichter einen Ruhm, wie er für den europäischen Poeten – oft genug Sinnbild einer armen, wirkungsohnmächtigen Existenz – unvorstellbar ist. Einer von ihnen, der vielleicht größte und bekannteste dieser Zeit, sollte zu einer Lesung nach Damaskus kommen: Mahmud Darwisch.

In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Nein, dieses Foto hat nur ganz am Rande etwas mit Mahmud Darwisch zu tun: In diesem Haus hatte ich zur Zeit der Dichterlesung gewohnt.

Mahmud Darwisch war Palästinenser und nicht zuletzt die Tatsache, dass er – auch – ein politischer Dichter war, eine Stimme Palästinas, machte ihn so ungeheuer populär in der arabischen Welt. In seinen jungen Jahren war der Dichter in der kommunistischen Partei tätig. 1970 ging er ins Exil und trat in die PLO ein, wo er schließlich eine wichtige Stellung einnahm. So war er unter anderem Mitglied der palästinensischen Gesandtschaft in Oslo, trat dann aber von seinem Posten zurück, weil ihm die palästinensischen Zugeständnisse gegenüber Israel in dem Oslo-Abkommen zu weit gingen. In den letzten Jahren galt er als innerpalästinensischer Oppositioneller – und ist ungebrochen populär sowohl als politischer Dichter wie auch als Denker und Poet, der die Verbindung zu den einfachen Dingen im Leben, den gewöhnlichen Menschen nicht verloren hat.

Wir waren eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die die Dichterlesung besuchte. Fast zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung betraten wir das unerwartet modern wirkende Sportareal. Schon jetzt standen die Menschen Schlange vor dem Eingang, an dem Taschen und Mäntel kontrolliert wurden. Die Lesung sollte in einer Turnhalle stattfinden – es gab keine Kultureinrichtung, welche die erwarteten Besuchermassen zu fassen imstande gewesen wäre. Die Sitzplätze waren bald belegt und eine harsche Lautsprecherstimme forderte die Stehenden auf, auf dem mit Tüchern ausgelegten Boden der Sporthalle Platz zu nehmen.

Schließlich war auch dieser belegt. Dichtgedrängt saß Reihe an Reihe. Viele Besucher waren junge Leute, wie sie auch in Europa nicht aufgefallen wären. Ein paar trugen Palästinaflaggen, schwarzweiße ‚Palästinensertücher‘ um den Hals oder ein Che Guevara-T-Shirt. Doch fanden sich letztlich ganz unterschiedliche Menschen unter den Zuhörern, die da in größter Disziplin und Geduld unten saßen, Ellbogen an Ellbogen (und ohne Zigaretten oder Alkohol): Jung neben Alt, Mann neben Frau, Reich neben Arm, Modernistisch neben Konservativ – Mensch an Mensch.

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Ein Blick tiefer in die Gasse hinein. Hat der Krieg sie inzwischen verwüstet?

Es lag eine freudige Erwartung über der Menge. Einige Grüppchen junger Exil-Palästinenser klatschten im Chor und riefen die Freiheit Palästinas an. Dann endlich trat jemand ans Rednerpult der Tribüne und Tausende von Menschen erhoben sich, klatschten, riefen, jubelten. Kein Dichter, nur Rockstars werden bei uns so gefeiert. Doch zuerst gab es Vorreden, politische Phrasendrescherei vor allem und eine Schweigeminute für die „Märtyrer“ im Kampf um Palästina. (Als Märtyrer wird praktisch jeder vereinnahmt, der durch israelische Gewalt zu Tode kommt.) Ich war abgeschweift und reagierte zu langsam, als sich plötzlich alle in der Halle erhoben. Ein arabischer Freund stieß mich, auch wenn er persönlich wohl nicht so besonders viel von den arabischen Märtyrern hielt, in den Rücken und so zuckte auch ich hoch und erst nach und nach kamen einige Wortfetzen der vorigen Rede bei mir an und ich begriff. Jetzt sitzen zu bleiben wäre eine heftige Provokation gewesen.

Endlich kam der Dichter und wieder brandete Jubel auf. Mahmud Darwisch stand am Mikro, ein gepflegter, nicht besonders großgewachsener Intellektueller mit seiner großen Brille, und begann, seine Gedichte vorzutragen, selbstredend in Hocharabisch. Wie ich erwartet hatte, verstand ich nicht allzu viel von den Versen und nie den eigentlichen Sinn. Aber ich war sowieso nicht gekommen, um seine Gedichte zu erfassen. Die Lesung ging etwa anderthalb Stunden dahin und irgendwann ließ meine Konzentration spürbar nach, ich versuchte nicht einmal mehr, Worte und Halbsätze zu verstehen. Die Luft war schlecht, verbraucht und aufgeheizt von den vielen Menschen, und der Körper rebellierte gegen das stundenlange Sitzen auf einem zu kleinen Plastiksitz.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Und ums Eck mein Gemüsemarkt. Meist schätzten mich die Syrer gleich richtig als Deutschen ein. Dort hingegen wurde ich öfters für einen Russen gehalten.

Ein paar wenige kleinere ungeplante Ereignisse unterbrachen die Lesung. Einmal trat ein Herr in Anzug an den Lesenden heran und küsste ihn auf die Stirn. Dann blieb der Strom kurze Zeit weg und gegen Ende hin ließen es sich die Zuschauer nicht nehmen, sich selbst zu Wort zu melden: Ein Mädchen rief dem Dichter ihre Liebe entgegen und einige äußerten einen Gedichtwunsch. Eine Art Dialog entspannte sich so zwischen dem Dichter und der Menge. Mahmud Darwisch ließ sich darauf ein, dass das Gegenüber von Lesendem und Zuhörer aufgehoben wurde. Natürlich sprach er mit den Zuhörern im Dialekt und es stellte sich das Gefühl ein, das auch in seinen Gedichten (liest man sie) zum Ausdruck kommt: Dass er einer von ihnen, den gewöhnlichen Menschen ist, aber dieses Leben in die Zaubersprache der Poesie zu bannen weiß.

Eine europäische Kommilitonin drückte sich am Folgetag so aus: „Ich hatte den Eindruck, dass dieser Mann in der Lage wäre, eine Revolution auszurufen.“

Mahmud Darwisch, die ‚poetische Stimme des palästinensischen Volkes‘, starb am 9. August 2008 mit 67 Jahren nach einer Herzoperation in Houston, Texas.

Wer den Dichter selbst in seiner Sprache hören will, findet hier ein Beispiel: Das Gedicht „Ich bin von dort, ich bin von hier. Und ich bin nicht hier und ich bin nicht dort“. Im Übrigen habe ich auf Youtube keine Rezitation von Mahmud Darwisch gefunden, die nicht musikalisch unterlegt wurde. Etwas ungewohnt für unsere Ohren – und vermutlich auch ein Ausdruck kultureller Disposition.

Mehrere Werke Mahmud Darwischs liegen in deutscher Übersetzung vor. Die Tücken der Umschrift bringen es mit sich, dass sein Name in den einschlägigen Datenbanken variiert: Machmud Darwisch, Mahmoud Darwisch, Mahmud Darwisch und Mahmoud Darwish habe ich als Schreibweise unter den lieferbaren Titeln gefunden.

‚Falestin auf Hebräisch einritzen‘ – Ayman Sikseck, „Reise nach Jerusalem“

Eine Gruppe palästinensischer Israelis demonstriert gegen einen militärischen Schlag Israels in Gaza. Die jungen Araber bereiten ein Plakat vor und stoßen auf eine simple Schwierigkeit: „Ich habe die Parolen so draufgeschrieben, wie ihr es haben wolltet, auf Arabisch, Hebräisch und Englisch. Allerdings habe ich vergessen, was ‚Transfer’ auf Arabisch heißt.“

Sikseck_9783716026878Es ist eine archetypische Situation in Ayman Siksecks kleinem Roman „Reise nach Jerusalem“. Jeder fünfte israelische Staatsbürger ist Araber. Und wie bei diesen jungen Demonstranten oszilliert ihre Identität zwischen zwei Welten, zu denen beiden sie nicht wirklich gehören. Sikseck, Jahrgang 1984, ist selbst einer dieser palästinensischen Israelis (oder Palästinenser in Israel, wie die Nomenklatur auch lautet). Er schreibt auf Hebräisch Kolumnen für Tageszeitungen und legt mit „Reise nach Jerusalem“ (treffender der Original-Titel: El Yafo, also Jaffa, der arabische Teil von Tel Aviv, woher Sikseck stammt) seinen ersten Roman vor.

Der Erzähler und seine Schwester versuchen sich im palästinensisch geprägten Jaffa zu emanzipieren: durch ein Studium, durch Arbeit im jüdisch-arabischen Gemeindezentrum, gegen die patriarchalisch-konservativen Strukturen ihrer Familie, gegen die – absichtlichen oder unabsichtlichen – Bevormundungen durch die hebräische Gesellschaftsmehrheit. Der Erzähler lebt in einem dauerhaften Zustand der Hin- und Hergerissenheit. Seine arabische Freundin Scharihan darf er nur heimlich treffen, solange er nicht offiziell um ihre Hand anhält. Ihre romantischen Spaziergänge vollziehen sich mit weitem räumlichen Abstand zwischen sich, um nach außen ja nicht den Eindruck irgendeiner Verbindung aufkommen zu lassen (sehr begehrt deshalb der Marktbesuch, weil man sich in dem Gedränge unweigerlich körperlich näher kommt), und endet „an der bröckelnden Rückwand eines alten Restaurants“, wo sie unter dem Abluftgebläse der Küche einen Moment der Intimität erleben können, wenn sie nicht ihr schwieriges Verhältnis über den Umweg der „Antigone“ und anderer klassischer (abendländischer) Literatur klären. (Ja, sie kennen Dostojewski oder Proust besser als Ghassan Kanafani, diese wichtige literarische Stimme der Palästinenser des 20. Jahrhunderts.) Und auf der anderen Seite steht seine israelische Freundin Nitzan, eine lebensoffene Soldatin, mit der er die Premiere des neuen Films der Coen-Brüder besucht und die ihn in Discos entführt und ihn erst mit Alkohol abfüllen muss, um ihn irgendwann abzuschleppen.

Die Kinder im palästinensischen Viertel feiern auch die jüdischen Feste – genauso wie ein längst globalisiertes Weihnachtsfest unter der Ägide von Santa Claus – und Jugendfreund Said grübelt über das Laubhüttenfest: „In der Grundschule gab es einiges, von dem wir dachten, es würde uns gehören, und dann war’s doch nicht so.“

Manchmal erhält dieses Leben zwischen den Identitäten etwas geradezu Unwirkliches. Wenn sich palästinensische Israelis außerhalb ihres heimischen Viertels begegnen, suchen sie bisweilen verlegen nach der sprachlichen Form – Arabisch, Hebräisch? – für ihr Gespräch; trifft der Erzähler Palästinenser mit dem Akzent der Besetzten Gebiete („ein militantes, krachendes Arabisch“, wie er es empfindet), wird er selbst wachsam und – ein Höhepunkt – auf den Busfahrten findet er sich von der gleichen Angst, der gleichen Paranoia vor Selbstmordattentaten gefangen wie die jüdischen Israelis, wenn er unruhig die Taschen der arabischen Mitreisenden mustert.

Die jungen Leute schauen Shrek II oder die Bourne-Trilogie, sie gehen zu IKEA, um sich einzurichten, und beugen sich zuhause dann doch dem Diktat der frommen Väter und Onkels und den Ehen, die ihre Eltern gegen ihre Herzenswünsche arrangieren. Während der Erzähler durch die Stadt irrt, immer sein geliebtes Notizbuch bei sich, um sich darin selbst zu vergewissern, sich darin immer wieder neu zu greifen versucht und doch scheitert, nimmt es seine Schwester Samaher gelassener: „Auch wenn’s nicht echt ist […] es kommt in diesem Fall der Echtheit so nahe wie möglich.“ Und fasst die Lage einer Millionenbevölkerung so zusammen: „Manchmal muss man auch das Unechte akzeptieren. […] Weil nichts anderes übrig bleibt.“

Es gibt Bücher, bei denen es sich lohnt, zuerst das Nachwort zu lesen. Sikseck gehört dazu, andernfalls bleiben womöglich zu viele Andeutungen enigmatisch. Der Form nach spürt man, dass der Roman aus Zeitungskolumnen hervorgegangen ist. Stilistisch präsentiert sich Sikseck recht einfach – er ist kein Poet, auch kein Romancier, eher ein junger, zwar fehlerfreier, aber doch noch nach einem literarischen Ausdruck suchender Essayist. So besteht der Roman im Grunde aus vielen kleinen Episoden, die sich aneinanderreihen und die alle – oft etwas aufdringlich – in einer Pointe oder Moral enden. Überhaupt ist das eine der größten Schwächen des Buches: das bisweilen Konstruierte, Künstliche. Erst gegen Ende verliert sich dieser Zug zunehmend und unverfälscht lässt Sikseck den Schmerz sprechen. Es sind erzählerisch die stärksten Seiten des Buches.

Ein spannendes, unbedingt lesenswertes Thema, wenn auch nicht eine immer überzeugende Form. Schön auf jeden Fall, dass es aller Widrigkeiten in der Verlagswelt zum Trotz noch unabhängige Literaturverlage wie Arche gibt, die mit Reihen wie Arche Paradies – von Denis Scheck herausgegeben – Autoren aus aller Welt ein Forum bietet.

Ayman Sikseck, Reise nach Jerusalem. Roman. Mit einem Nachwort von Hanan Hever. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. (Originalausgabe 2010 unter dem Titel El Yafo.) Gebunden mit Schutzumschlag, 155 Seiten. © Arche Literatur Verlag AG, Zürich – Hamburg, 2012.