Schöne Töne

Auf der Feier strich er, angeschlagen vom vorherigen Abend, nach einer halben Stunde wieder die Segel. Als wir uns das nächste Mal wiedersehen, überreicht er mir eine CD mit einem eigenen Album. Bevor ich ihm danken kann, setzt er seinen Satz fort. „Und dein eigentliches Geschenk ist das hier.“ Er hält eine Schallplatte in die Höhe. Damit – mit dieser Scheibe – habe ich ganz und gar nicht gerechnet. „Ich habe sie in den Niederlanden gefunden, es hat etwas gedauert, deswegen konnte ich dir die Platte nicht rechtzeitig geben. Jetzt kannst du die ‚Göttlichen‘ auch zuhause hören.“ Und er überreicht mir die Schallplatte mit den herzensbesten Wünschen.

„Ach, ich habe da noch etwas für dich.“ Wie bitte? Er verschwindet im Nebenraum und kommt mit einem Magazin zurück. „Die neueste Ausgabe des Cicero.“ TsiTSEro betont er es. „Eigentlich ist es das Exemplar für die Ministerin, aber wenn sie es nicht in die Finger kriegt, bekommst du es.“

Ich lasse mich im Musiksessel nieder und stelle das Gläschen Gin in den Lichtkreis auf dem Boden. Teppich, Wände, Decke sind übersät mit diesen Flecken aus Licht. Das Zentrum des Kreises bildet ein längliches Dunkel, gleich der Pupille einer Katze. Als ich die Hand von meinem Getränk zurückziehe, wird das Ginglas zur Pupille. Rund wie die eines Menschen. Sie leckt. Denn das Glas wirft einen Schatten, hinein in die Iris aus Licht. Dann finden wir einen neuen Musikbegriff: „Cold Math“. Das gab es noch nicht als Genrebezeichnung, eine wirkliche Neuerung. „Bravo!“, ruft er. Dabei war meine Leistung nicht mehr gewesen, als einen Resonanzboden zu geben.

Später verschwinden wir ganz in der Musik. Hören uns ein Album – „Coffins on Io“ von Kayo Dot – über Kopfhörer an, jeder für sich und doch gemeinsam, konzentriert, wir sind nur für die Musik, nur Ohr, nicht Mund noch Auge. Nur wenn eine Stelle ganz besonders eindrücklich oder überraschend ist, tauschen wir Gesten der Bewunderung, stumm und von Klang erfüllt.

2015-02-20 00.03.10

Perennial Divide meets Art Teachers

 

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14 Gedanken zu „Schöne Töne

  1. Stammt die Idee zu diesem Text von vor oder anch dem Anhören der Scheibe von Kayo Dot?
    Die läuft hier gerade und ich denke mir . . ~~ . .
    Abendschöne Grüsse aus der schläfrigen Mainspitze

    • Ach da schau her. Sie lief eben bei Ihnen und Sie dachten … was? Haben Sie sie sowieso gehört, kannten Sie das Album bereits? Hm, der Samen für den Text keimte vor dem Hören, aber Kayo Dot war sozusagen das Siegel unter Idee und Umsetzung.
      Schöne Montagmorgengraupelgrüße

      • Nun, zu der Musik habe ich mich anregen lassen von einem Herrn Zeilentiger.
        Ich werde mir die Scheibe jedoch nochmals anhören, denn beim ersten mal klang sie mir ziemlich fremd.
        Morgendlichschneeregnerische Grüsse aus dem trübseligen Bembelland

      • Oh ja, diesen Eindruck kann ich gut nachvollziehen. Es war sehr konzentriertes Hören und Einlassen, bis mich das Album (auf der zweiten Seite der Vinylausgabe) hatte. Wiederum nicht ganz überraschend für mich hatte ich doch schon gestaunt, als der Gastgeber ein Artrockalbum ankündigte, weil das bei ihm eher nicht zu erwarten ist. Umgekehrt nannte ein Freund, der Progrock sehr schätzt, das Album auf meine Empfehlung hin vorsichtig „speziell“. Ich werde es mir auch nochmals anhören.
        Inzwischen graupelfreie Grauhimmelgrüße

  2. da bin ich und will COLD MATH schnell mal erörtern: eine mischung aus COLDWAVE und MATH ROCK; vorgemacht von der amerikanischen band THE SOFT MOON, deren arbeit uns zur schöpfung dieses genialen genrebegriffes inspirierte, harhar.

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