Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.

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3 Gedanken zu „Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

  1. Vielen Dank für die Vorstellung Ihrer Gedanken zu dem Buch von Schäuble. Da ich notorisch an Büchern mit den Erfahrungen und Erlebnisse von Fussgängern interessiert bin – und vor allem natürlich an den gezogenen Schlüssen daraus – habe ich Ihre Besprechung aufmerksam gelesen.
    Selbstverständlich haben die berühmten Fussgänger in der Literaturgeschichte ihre berühmten Wege nicht allesamt per pedes zurückgelegt, selbst der Fernwanderer Seume hat von den 6000 Kilometern seiner Reise etwa 1200 Kilometer auf und in Wagen zurückgelegt.
    Meine erste Frage ist folglich, ob ich das „Zu Fuss“ im Titel, diese spezielle Form des Reisens, im Text wiederfinden werde. Oder andersrum, wäre das Buch auch so geworden, wenn er mit dem Fahrrad oder einem Allradfahrzeug seine Grenzreise unternommen hätte?
    Ich danke Ihnen, lieber Zeilentiger schon jetzt für eine Aufklärung. (Weiterhin, aber dies jetzt in Klammern, interessiert mich ihre Meinung dazu, warum der Autor so lange brauchte, um seine Holperstrecke zu überwinden.)

    Frühabendlichdämemrnde Grüsse aus dem trägen Bebelland

    • Lieber Herr Ärmel, mit Verspätung möchte ich auf Ihre erste Frage eingehen. Wenn Sie nach dem Spezifischen „zu Fuß“ suchen, werden Sie ergiebigere Bücher finden. Trotzdem hat das „zu Fuß“ eine zentrale Bedeutung für Schäubles Reise: Weil das die Grundlage fürs Trampen ist. Es ist im Eigentlichen ein Anhalter-Buch. Daraus entspringen die wesentlichen und die interessantesten Begegnungen.
      Beste Grüße aus dem sonnigeisigen Kessel

      • Ach was Verspätung. Ich bin nicht mehr jung genug um noch ungeduldig zu sein. Ich danke Ihnen, lieber Zeilentiger, für die Hinweise, die nun doch Licht ins Dunkel meiner Fragen gebracht haben. Recht schönen Dank dafür und nachtfriedliche Grüsse aus dem ruhigen Bembelland

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