Werkstatt

„Eine Bäuerin erzählte mir vom Schneesturm und ich schwieg dazu.“
(Werner Herzog, Vom Gehen im Eis)

Als ich im letzten Sommer über die Schwäbische Alb wanderte, fiel mir in der Auslage einer Buchhandlung (ja, an ein paar Orten gibt es auch auf der Alb Buchhandlungen) ein Bändchen auf. Eine neu erschienene Reisereportage, auf dem Titelbild schreitet einer über einen Feldweg aus, drüber steht „Allein über die Alb“. Welch kühne Tat. Was für ein lächerlicher Titel.

Nun habe ich mir das Buch trotzdem ausgeliehen, um zu schauen, wie andere das so machen. Worüber schreiben sie, wie schreiben sie. In einem Punkt überraschte mich das Buch, denn anders als das Umschlagbild suggeriert, ist Wandern darin nicht angesagt. Bertram Schwarz, Radioreporter vom SWR 4, besucht mit dem Linienbus, als Anhalter, auf dem Rad oder zur Not halt auch mal zu Fuß Orte über die ganze Länge der Schwäbischen Alb hin, um die Menschen zu porträtieren. Das Ergebnis ist manchmal ganz nett, bisweilen peinlich, jedenfalls bieder und gar nicht literarisch. Lernen konnte ich trotzdem was davon, wie man es meistens im Leben kann, wenn man nur will: Schwätzen musst du mit den Leuten! Nicht nur lauschen – „immer horsche, immer gugge“, wie der gute Herr Ärmel sagen würde, oder in meinem Idiom: allat losa, allat luaga –, sondern reden! (Der Herr Ärmel kann das übrigens.)

Parallel lese ich in einem anderen Reisebuch, das zwar auch sehr dünn und ebenfalls süddeutsch geprägt ist (ja sogar eine Albüberquerung im Schneetreiben beschreibt), aber ansonsten ziemlich eine Antipode zu Schwarzens Schrift darstellt. Als 1974 die Filmhistorikerin Lotte Eisner in Paris im Sterben lag, wanderte der Regisseur Werner Herzog von München aus zu ihr, um durch seinen Gang, sein Gehen, sie am Leben zu erhalten. Was – je nach Standpunkt – von einem tiefen magischen oder kindlichen Denken zeugt. „Vom Gehen im Eis“ ist zweifellos literarisch. Es ist sprachgewaltig mit einem starken bayerischen Dreh, von scharfer Beobachtungsgabe dem Außen wie dem Innen gegenüber, und zwingt mit seinem Rhythmus und seinem Gedankenfluss zu aufmerksamer Begleitung.

Auch bieder ist es nicht, im Gegenteil, der Herzog, etwas merkwürdig und selbstherrlich, wie er halt so ist, irgendwie ein Aufschneider letzten Endes und Narzisst, berichtet vier Jahre nach seinem „Gehen im Eis“ öffentlich, wie er wiederholt in Hütten und Ferienhäuser einbricht zum Übernachten und nachts in einen Gummistiefel bieselt, warum auch immer. Na ja, weil er hat zu faul war, bei der Kälte durch den Türrahmen hinauszupinkeln, der Dreckskerl.

Sympathisch ist der Herzog nicht, sein Buch aber eine Lust.

Bertram Schwarz, Allein über die Alb. Eine Reisereportage. Tübingen: Silberburg 2015.

Werner Herzog, Vom Gehen im Eis. München – Paris. München: Hanser 1978. Neuauflage 2012.

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Friede den Hütten

Still ist es auf dem Berg. Unten im Tal läuten die Glocken zum Hochfest der Geburt des Herrn. Danach schlägt ein Hund an, irgendwo, dann legt sich wieder Stille über den Gipfel. Die Sonne scheint an diesem 25. Dezember, als würde sie den ganzen Winter über nichts anderes tun. Schneeschuhe haben wir nicht gebraucht für den Aufstieg.

Unter uns liegt Wertach, die höchstgelegene Marktgemeinde Deutschlands, aber warum fange ich jetzt damit an, da muss ich nur erklären, was das ist, eine Marktgemeinde, denn das hatte schon für Verwirrung gesorgt, als ich fürs Studium in ein anderes Bundesland gezogen war, Verwirrung auf beiden Seiten, weil die Dame auf dem Bürgeramt nicht wusste, was es mit diesem „Markt“ auf sich hat, und ich wiederum nicht wusste, dass es sich dabei in Deutschland um eine bayerische Eigenart handelt.

In Wertach also, und darum geht es mir, ist der Schriftsteller W. G. Sebald geboren und aufgewachsen. Dass ich seine „Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt“ jetzt erst lese, erscheint mir im Nachhinein unglaublich, und je unglaublicher, je weiter ich in dem Buch komme und mich in immer größeren Maße begeistern lasse. Drei Menschen haben mich im letzten Jahr auf dieses Buch gebracht, das ich längst gekannt und geliebt haben sollte, zwei davon sind Blogger, und allen drei danke ich. Es ist ja, und das kann ich mit umso mehr Überzeugung von mir geben, als ich es heute im Zug zu Ende gelesen habe, nicht nur ein unerhörter Gewinn, sondern zugleich Verlust. Würden sich die Ringe des Saturn doch nur in die Unendlichkeit des Raums erstrecken, um ihnen ein Leben lang zu folgen!

Es bleibt nur ein Trost, nämlich das andere große Buch meines Jahres wieder aufzugreifen, in das sich der Sebald dazwischengeschoben hatte, nämlich Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“, ebenfalls ein Reisebuch und ebenso viel mehr als nur das. Zwei kluge und aufmerksame und sehr menschliche Beobachter, das eine Buch ein fast traumartiger Gesang des Verfalls, das andere ein immer wieder aufgreifendes Staunen der Menschlichkeit in unserer so flüchtigen Existenz. Beide Autoren sind mir zu literarischen Helden geworden, zu meinem Glück – und (hoffentlich) zum Stachel, der mich anspornt.

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Wurzelwerk, Lebenswege

Brotzeit wird auf der Bank unterm Gipfelkreuz ausgebreitet. Earl Grey und heißer Ingwer, belegte Brote, liebevoll kleingeschnittenes Obst und Gemüse, ein Schälchen mit einem bunten Nuss-Beeren-Gemisch, ein gerecht in Stücke gebrochener Bioschokoladenriegel. Das ist die zivilisatorische Handschrift der Frauen, könnte man vermuten, denn ich hätte mich, wäre ich allein aufgestiegen, mit einer Flasche Wasser, einer Packung Cashews vielleicht und einer Banane begnügt. Aber so einfach ist es nicht, die Grenzen verlaufen anders. Das Essen jedenfalls ist ein von allen begrüßtes Fest und der Earl Grey schmeckt besser, als er es je an einem Schreibtisch tun könnte.

Hebe ich den Blick, liegt das Illertal ausgebreitet unter mir bis dorthin, wo sich im Unterland die Eiszeitmoränen im Dunst verlieren. Links ziehen sich Höhen ins westliche Allgäu hinüber, rechts reicht der Blick ins flacher werdende Ostallgäu, inmitten des Panoramas liegt die Stadt Kempten. Von all diesen Höfen, aus diesen Weilern und Dörfern, die ich da vor mir sehe, denke ich mir, waren 1525 Bauern und Handwerker zusammengeströmt, um gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die weltlich-geistlichen Herrschaften zu protestieren. Immer wieder hingehalten von den Mächtigen, setzten die Wortführer des Allgäuer Haufens gemeinsam mit denen der beiden anderen großen schwäbischen Bauernaufgebote in der Reichsstadt Memmingen – dort am Rande meiner Sicht – zwölf Artikel auf. Manche sehen in dieser Versammlung die erste verfassungsgebende Versammlung in Deutschland, und die „Zwölf Artikel“ sind so etwas wie die erste Aufzeichnung von Menschenrechten in Europa.

Zu(o)m dritten ist der brauch byßher gewesen, das man vns für jr aigen leüt gehalten haben, wo(e)lchs zu(o) erbarmen ist, angesehen, das vns Christus all mitt seynem kostparlichen plu(e)tvergu(e)ssen erlo(e)ßt vnnd erkaufft hat, Den || hyrtten gleych alls wol alls den ho(e)chsten, kain außgenommen. Darumb erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen vnd wo(e)llen sein.

Die Antwort der Mächtigen erfolgte mit dem Schwert.

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Die andere Seite

Die Eisplatten knacken unter den Schritten; wo die Sonne den gefrorenen Schnee erweicht, knirscht er wie fein geklopftes Crushed Ice in einem Glas. Schattseitig trägt die Schneeschicht (ein Einsinken bis zu den Knien bleibt die Ausnahme), die Sonnenhänge sind schneefrei: kurz das gelbbraune Wintergras, die Pfade von Silberdisteln gesäumt. Es sind die schönsten Wegstrecken. Nur am Aufstieg zum benachbarten Gipfel darf gelegentlich die Hand zuhilfe genommen werden. Der Geist ist ruhig, das Herz weit offen. Es ist die letzte Bergwanderung in diesem Jahr.

Die Weihnachtstage liegen zurück, der Jahreswechsel rückt näher. Vorher noch werde ich einer Einladung in den Nahen Osten folgen. Ich wünsche allen ein erfülltes, glückreiches neues Jahr! Und freue mich, uns in einigen Tagen wieder zu lesen, inschallah.

Martin Schäuble, „Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina“

„Sie fragte mich, wie es dort war, und ich, der aus der Ferne kam, erzählte es ihr, die nie dort war, in Dschenin, auf der anderen Seite, ein paar Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.“

Schäuble_978-3-446-24142-8Die Grenzen auf seiner Reise sind nahezu allgegenwärtig. Zu Fuß und vor allem per Anhalter reist der Journalist, Autor und Politikwissenschaftler Martin Schäuble durch Israel und Palästina. (Der Untertitel ist ein mauer Werbetrick der Marketingabteilung – auch der bekannte Fußgänger Wolfgang Büscher ist natürlich nicht nur „Zu Fuß durch Amerika“, wie der Untertitel seines Berichts „Hartland“ behauptet.) Vom Roten Meer und seinem „israelischen Festland-Mallorca“ Eilat bis zum schneebedeckten Gipfel des Hermon an der syrisch-libanesischen Grenze, von den altbiblischen Mauern Jerichos bis zu den Schmugglertunnels des Gazastreifens erkundet Schäuble eine Region voller (geographischer und verinnerlichter) Mauern und Grenzen. Und immer wieder sucht er das Gespräch mit den Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Schichtzugehörigkeit, ihrer religiösen oder politischen Identität.

Manche Reisen beginnen holprig. „Zwischen den Grenzen“ ist solch ein Fall. Schäuble braucht sehr, sehr lange, um in seine eigene Reise zu finden. Viele Situationen lang scheint er nur ein Getriebener zu sein, er wirkt nicht wirklich ‚da‘. Belanglos und banal wirken seine Beobachtungen, literarisch rettet sich Schäuble in hohle Gesten, aufgesetzte Pointen, künstliche Überdeutung. Die ersten Kapitel sind eine Enttäuschung. Man könnte ihn schütteln, den Autor.

Doch wie ein Zug, der erst zögernd, mit ungelenken Rucken und Wiederinnehalten, irgendwann in Fahrt kommt und schließlich eine ungeheure Schubkraft entwickelt, so findet auch Schäuble im Laufe des Buches seine literarische Form. Vor allem in der zweiten Hälfte weiß er so bestechend zu schreiben, dass viele Begegnungen unter die Haut gehen: das Kreuzverhör durch Nachkommen von Holocaustüberlebenden über die Sitzlehne eines fahrenden Autos hinweg; wenn in Gesprächen mit Israelis oder Palästinensern über die jeweils andere Seite plötzlich etwas aufbricht und eine nachdenkliche Frage kommt wie „Wollen sie Frieden mit uns?“; das Geburtstagsessen beim Geheimdienst der Fatah; die israelischen Kiffer, die ihr Haschisch von der Hisbollah, dem Erzfeind Israels, aus dem Libanon beziehen, um nur ein paar Beispiele zu geben. Schäuble gelingen immer wieder Begegnungen, die uns die Frage vor Augen führen, was es eigentlich heißt, Mensch zu sein und über die Gabe zu verfügen, miteinander kommunizieren zu können. Auch und gerade in einer Region, die wie kaum eine zweite als eine ununterbrochene Kette von Leid, Ungerechtigkeit und Gewalt wahrgenommen wird.

„Zwischen den Grenzen“ ein runder Wurf, ein Meisterwerk? Nein. Aber wer nicht frühzeitig das Handtuch wirft, wird mit kostbaren Einblicken und mit Gänsehaut belohnt. Und das macht, aller Kritik zum Trotz, das Buch ohne jede Frage lesenswert.

Martin Schäuble, Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina. Hanser Verlag 2013. Pappband mit Schutzumschlag oder als E-Book, 224 Seiten.

Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

An einem Frühlingstag im Jahr 2009 setzte sich der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Rolin in einem Hotelzimmer der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (Hotel Abscheron, Zimmer 1123) eine Pistole an den Kopf und erschoss sich. So nahm der Autor 2004 seinen eigenen Tod in einem literarischen Spiel vorweg. Fünf Jahre später reist er – gegen den Rat seiner Freunde – nach Baku ans Ufer des Kaspischen Meers: zu einem Rendevouz mit seinem eigenen literarischen Tod.

Der makabre Flirt sieht sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber, denn das Hotel Abscheron existiert nicht mehr. Einen Monat lang treibt Rolin, einem unerlösten Geist gleich, durch das kaspische Land, isoliert durch seine mangelnden Kenntnisse des Russischen (ganz zu Schweigen natürlich vom turksprachigen Aserbaidschanischen) und auf sich selbst zurückgeworfen.

Ich habe mich immer als Kosmopolit gefühlt, aber gehemmt, unzulänglich, unentschlossen. Schuldig, sprechen wir es ruhig aus. Wenn ich sterbe – vielleicht bald hier, in Baku –, werde ich unter anderem eines bedauern: dass ich nur ein Grabscher von Sprachen war, dass ich sie nicht zu meinen Maitressen gemacht habe.

Seine Stadtodyssee führt ihn in eklektizistische Paläste, die neureiche Ölbarone – eine muslimisch-kapitalistische Aristokratie, gegen die sich Stalin (als der diesen Namen noch nicht trug) als Bankräuber und Terrorist seine Sporen als sozialistischer Kämpfer verdiente – Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet hatten, eine Epoche, die der schillernde Autor Essad Bey alias Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Kurban Said einst so malerisch beschrieben hatte.

Rolin pirscht sich an Sungarit heran, den größten petrochemischen Industriekomplex der UdSSR, früher eine Gartenlandschaft mit begehrten Melonen, heute eine kilometerweit verwüstete, düstere Landschaft entlang des Kaspischen Meeres und einer der am stärksten von Umweltgiften verseuchten Orte der gesamten Welt.

Rolin sucht die Stimmen Aserbaidschans, vom ehemaligen Offizier der Roten Armee und Afghanistanveteranen, der nun das Hungerdasein eines Bettlers fristet, bis zum Maler Tahir Salachow, der sich mit beinahe jeder Berühmtheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ablichten lassen. Und er unternimmt einen Ausflug über das Kaspische Meer hinüber nach Turkmenistan, einer weiteren der ehemaligen Sowjetrepubliken, die erstarrt ist unter dem wahnwitzigen Kult um ihren Staatsführer, dem Turkmenbaschi („Führer der Turkmenen“) Saparmurat Nijasow.

Einer der Fischer, ein großer, schlaksiger Kerl mit Bart und im Trainingsanzug, fragt mich, ob es in Frankreich Fische gebe (diese Frage …) und ob es Carla Bruni gut gehe (diese Frage bejahe ich weniger nachdrücklich, hm, ja doch, ich habe den Eindruck, ja).

Ein Reisebericht kennt immer drei Ebenen einer Reflexion oder Auseinandersetzung – der unmittelbaren Begegnung mit dem Gegenüber; der mittelbaren durch Rezeption anderer Quellen und Wissensvermittlung aus zweiter Hand; der Konfrontation mit sich selbst – und entsprechend erhält ein Reisebuch seinen Grundcharakter durch die Gewichtung der drei Ebenen. Rolin räumt allen dreien Platz ein, in einer immer wieder seine Form suchenden, oszillierenden Gemengelage.

Welchen Sinn hat diese Geschichte eigentlich, die Sie gerade lesen? Und was ist es überhaupt? Ein Reisetagbuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?

Dabei überzeugen Rolins „Letzte Tagen in Baku“ nicht immer. Wer ein Geflecht literarischer Bezüge schätzt, wird den Teppichknüpfer Rolin (mit seinen Rückgriffen insbesondere auf französische und russische Literatur) mutmaßlich genießen. Ungeachtet bestechender Schilderungen (etwa des Opernbesuchs, der menschenleeren megalomanischen Moschee in Kiptschak, der Ruinen von Merw) lässt der Erzähler doch Poesie missen. Womit selbstredend nichts Schwelgerisches gemeint ist, sondern eine Verdichtung von Sprache und Bild, die neue Blickfluchten öffnet. Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.

In einer Schlüsselszene lichtet sich der (fast) nackte Autor in seinem Hotelzimmer selbst ab, das Foto ist in das Buch aufgenommen: Steif steht er da, den Kopf etwas schief gelegt, der Körper noch durchtrainiert, die Einsamkeit seines 62. Geburtstages steht in das Gesicht geschrieben, die Situation ist lächerlich. Es könnte Sinnbild einer biographischen Selbsthinterfragung unter dem Zeichen des Todes sein. Doch es fehlt der Odem der Überzeugungskraft. An dem Bild wie an dem Buch.

Eine Besprechung der sehr lohnenswerten Biographie „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“ von Tom Reiss findet sich auf Philea‘s Blog.

Olivier Rolin, Letzte Tage in Baku. Bericht. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2013. Halbleinen mit Lesebändchen, 160 Seiten mit 57 Schwarzweißfotografien.

Auf Du und Du mit Kairos – Dan Kieran, „Slow Travel. Die Kunst des Reisens“

„Heute können wir so schnell die ganze Welt umrunden, dass die meisten von uns paradoxerweise gar nicht mehr reisen – sondern nur noch ankommen.“

Slowtravel_UMSCHLAG_300dpi_1400pxEntschleunigung begegnet uns immer häufiger als ein Gegenentwurf, je kürzer getaktet und uniformierter wir die Prozesse unserer Alltagswelt wahrnehmen. Das Label „Slow“ für ein Mehr an Lebensqualität brachte Carlo Petrini 1986 mit der Gründung der Slow Food-Bewegung ein, die für ein genussvolles, bewusstes und regionales Essen einsteht. Bald wurde das Konzept auf andere Lebensbereiche übertragen, so auch auf Slow Travel, das zum Beispiel in Zeitschriften wie „Hidden Europe“ oder „The Idler“ Stimmen fand für eine langsamere und damit bewusstere und erfülltere Art des Reisens.

In seinem Buch über die Kunst des langsamen Reisens, 2012 in einer britischen Ausgabe, im Frühjahr 2013 bereits in einer deutschen Übersetzung erschienen, greift der englische Reiseschriftsteller Dan Kieran zurück auf altgriechische Vorstellungen von Zeit. Die Griechen kannten zwei Konzepte der Zeit (abstrakte Begriffe, die zugleich als göttliche Wesen personifiziert werden konnten). Chronos ist der Ablauf der Zeit – eine äußere oder objektivierte Zeit, die für uns Sterblichen unweigerlich im Tod mündet. Dem entgegen steht Kairos, der rechte Zeitpunkt, in dem sich das Leben verdichtet, höchste Aufmerksamkeit voraussetzt und nach einer Entscheidung ruft – eine intensive, subjektivierte Zeit: ein Augenblick, in dem die Macht des Chronos gebrochen ist.

„Kev litt vor sich hin, als wir aus der Stadt hinausfuhren, aber ich war begeistert, dass wir so bald in Unannehmlichkeiten geraten würden.“

Biographischer Ausgangspunkt für das langsame, bewusste Reisen war für Dan Kieran seine ausgeprägte Flugangst. Sie zwang den Inselbewohner zu einem veränderten Reiseverhalten, und was als psychologisches Handicap begann, beschenkte den Reisenden mit unerwarteten Erfahrungen und Erkenntnissen. Es sind im Grunde einfache Regeln, die dem Slow Travel zugrunde liegen – und aus Tourismus ein echtes Reiseerlebnis machen: die verlangsamte Fortbewegung, die einen bewussten, intensiveren Austausch mit den Landschaften, Kulturen und Menschen auf der Reise erlaubt, die Aufgabe von Routinen und die Offenheit für das Unerwartete.

Kieran bietet anhand eigener Erlebnisse wie der anderer Reiseschriftsteller, auf deren literarischen Fundus er zurückgreift (mit besonders großer Verehrung auf Stefan Zweig), zahlreiche Beispiele für diese Kunst des Reisens. Die entbehrungsreichen Wanderungen von Jay Griffiths („Wild. An Elemental Journey“, 2006) durch tropische Dschungel und eisige Wüsten sind ein Extrem. Viel harmloser und unspektakulärer und trotzdem ein Paradefall für Slow Travel kann die Erkundung des eigenen Lebensraums sein, etwa eine Tageswanderung von der eigenen Haustür ab durch eine Landschaft, die man täglich mit dem Auto durchfliegt, ohne je ein Gefühl für das Land gewonnen zu haben. Eine solche Wanderung rückt das Land näher, sie bringt neue Maßstäbe und einen neuen, reicheren Blick – die Fähigkeit, die eigene Heimat mit den Augen eines Reisenden zu sehen.

„Einmal fuhren wir einen Hügel hinauf und wurden von einer Hummel überholt.“

Ein besonders schöner Bericht ist Kierans Fahrt in einem alten elektrischen Milchwagen quer durch England, die er mit zwei Freunden unternommen hatte („Three Men in a Float“, 2008). Aus einem verrückten Einfall, anfänglich von niemandem ernst genommen, wurde ein Musterbeispiel für das langsame Reisen, das die drei Freunde tief prägte und veränderte – aber auch die Menschen, denen sie unterwegs begegneten. Durch die entschleunigte Weise des Reisens (ohne damit verbundener körperlicher Anstrengung wie beim Wandern oder Radfahren) erlebten Kieran und seine beiden Mitreisenden, wie die Kluft zwischen Umwelt und dem Reisenden zunehmend geringer wurde. Als der Autor auf einer Etappe an einer ganz gewöhnlichen Einkaufstour in einem PKW teilnahm, war er überwältigt und entsetzt. „Angesichts der absurden Geschwindigkeit verfiel ich in Panik, und alles, was ich durch das Fenster sah, hatte auf einmal seine Bedeutung verloren.“

Nicht nur das Land rückte viel näher an die Reisenden, sondern diese veränderten auch das Land, genauer die Menschen. Indem sie während ihrer ungewöhnlichen Unternehmung in dauernden Kontakt mit fremden Leuten kamen, deren Neugier weckten oder auf diese angewiesen waren (etwa fürs tägliche Aufladen des Elektromotors), lösten die Milchwagenfahrer in den Menschen unerwartete Regungen aus: Viele Wildfremde erzählten plötzlich mit leuchtenden Augen von ihren eigenen heimlichen „verrückten“ Ideen, die sie sonst wie Geheimnisse peinlich gehütet hatten.

„Deshalb übt das langsame Reisen auf mich einen solchen Reiz aus, denn es bringt einen dazu, das eigene Leben als die einzige epische Realität anzusehen, die man jemals erfahren wird.“

Nicht die Sehenswürdigkeiten zählen auf einer Reise – gegen sie hat Kieran geradezu eine Abneigung, da der Tourist hier nur Bestätigung einer vorgefassten Meinung suche –, sondern es sind unerwartete Begegnungen mit Menschen, es sind Erfahrungen jenseits aller Vorhersehbarkeit, es ist die Konfrontation mit dem Unbekannten und damit auch immer und immer wieder die Auseinandersetzung mit sich selbst, die im Reisenden eine Entwicklung auslöst. Nein, bequem ist diese Art des Reisens nicht immer, aber genau darin sieht Kieran die Tiefenwirkung seiner Kunst des Reisens: eine Neubestimmung des eigenen Lebens. Wer sich darauf einlässt, für den verliert der unbarmherzige Griff von Chronos an Macht, denn in der Intensität des Augenblicks wird das Leben kostbar und erfüllt.

„Slow Travel“ ist dort am fesselndsten, wo Kieran die Kunst des Reisens an eigenen Reiseerlebnissen auszuführen versucht – an der Schnittstelle zwischen dem Erzählen und der Reflexion über das Selbsterlebte. Hier springt an der einen oder anderen Stelle der Funke über, Kairos fliegt vorüber und man wünscht sich, schnell die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und aufzubrechen in ein bewussteres, befreiteres Leben. Kierans Ausflüge in die Neurowissenschaften hingegen und andere Versuche, sein Thema auf theoretischer Ebene zu unterfüttern, sind letztlich unnötig, und manches an seinem Reisebuch geht bedauerlicherweise über Plattitüden und auch stilistische Banalitäten nicht hinaus. Ein mitreißendes Buch ist „Slow Travel“ aufs Ganze gesehen daher nicht. Aber grundsympathisch.

Dan Kieran, Slow Travel. Die Kunst des Reisens. (Originalausgabe 2012 unter dem Titel: The Idle Traveller. The Art of Slow Travel). Mit einem Vorwort von Tom Hodgkinson. Aus dem Englischen von Yamin von Rauch. 222 Seiten. Hardcover mit Schutzumschlag mit Code zum einmaligen Download des E-Books für € 19,95. © 2013 Rogner & Bernhard, Berlin.