Kehrseite

Das Krachen ist trocken, spröde. Die plattgedrückte Colaflasche wird von dem Auto über die Kreuzung mitgerissen, sie rutscht auf die Gegenfahrbahn, kommt gegen die Steigung der Straße zur Ruhe. Die Motorengeräusche entfernen sich, die Plastikflasche liegt still in der Morgenkühle, waidwund, die Halsränder ausgerissen. Dann kommt ein Fahrzeug den Hang herab, erneut das Krachen, die Flasche schlittert einige Meter über den Asphalt, sofort wird sie vom nächsten Wagen erwischt. Es ist, als würde ein unbarmherziger Schläger nachtreten.

Der Höhenzug auf der anderen Seite des Tales schüttelt die Schatten ab. Glasfronten flammen auf in der Morgensonne. Das Licht wandert tiefer. Alles wartet auf seine Berührung. Ein glänzend weißer LKW bremst an der Ampel ab, seine Aufschrift Lindner & Portugall trägt eine Ahnung von Frühlingshauch und Orangenduft. Es ist Freitagmorgen und die Welt ein Versprechen, eine in Licht gezeichnete Verheißung.

Für den Schwarzen mit der Bierdose sind die Versprechen gebrochen. Er schwankt in der Stadtbahn und lamentiert laut, sehr laut über Europa. Du elender Halbkontinent, deine faulen Verkündungen. Der Mann tritt auf als Prophet des Untergangs, der Hoffnungslosigkeit. Um ihn herum betretenes Schweigens. Die Augen meiden ihn, die maskenhaften Gesichter geben vor, den Betrunkenen nicht wahrzunehmen. Eine wortlose Konvention: Es gibt ihn nicht, da ist niemand. Ich bin keine Ausnahme.

Wieder an der Oberfläche ein Zauber, Zauber, Zauber über allem. Kräfte bündeln sich, Säfte steigen, alles will. Später im Mittagslicht Photonenrausch.

In Somalia, Libyen, Irak reißen am heutigen Tag Terror und Gewalt Aberdutzende Menschen in den Tod. Moskau und Washington ballen wieder einmal die stählerne Faust. Über Stunden bange Blicke nach Brüssel. 4 von 5 Europäern leiden unter Feinstaub. In der Wohnung über mir liegt eine Frau im Sterben.

Die Sonne strahlt den ganzen Tag. In Herrlichkeit.

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