„Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt!“ – „Gravity“ versus Bradbury: zwei Entwürfe der ultimativen menschlichen Ausgeliefertheit

„Der erste Stoß schnitt die Seite des Raumschiffs wie mit einem riesigen Büchsenöffner auf.“ Das ist die Urkatastrophe in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Kaleidoskop“ (Teil seines „Illustrierten Mannes“) und sie wird nicht weiter erläutert, nicht erklärt, sie ist einfach geschehen. Und nun treiben die Astronauten in ihren Raumanzügen hilflos durchs All, jeder von der Schubkraft der Explosion in eine andere Richtung hinein in das dunkle Meer geschleudert. Der Funk ist das einzige, was diese Schiffbrüchigen in ihrem endlosen Fall noch miteinander verbindet – der letzte Beweis ihrer Existenz, ihres Menschseins. Und aus diesem Funkverkehr spinnt sich ein Faden aus Angst, Wut, Gemeinheit und Vergebung, bis auch er schließlich zusammenbricht und jeder allein ist mit der Unendlichkeit des Weltalls.

Recht ähnlich ist die Ausgangssituation im neuesten Kinofilm von Alfonso Cuarón, Schöpfer der Gänsehaut erregenden Dystopie „Children of Men“. Ein Space Shuttle wird in der Erdumlaufbahn vom Weltraumschrott zerfetzt. Zwei Besatzungsmitglieder – gespielt von Sandra Bullock und George Clooney – überleben und trudeln in ihren Anzügen durch den kalten Weltraum. Ihre einzige Hoffnung ist, eine nahe Raumstation im Orbit zu erreichen und mit einer Raumkapsel zur Mutter Erde zurückzukehren – bevor der Sauerstoff des Anzugs ausgeht, die Energie der Schubdüsen erlischt, ihnen die Satellitentrümmer auf ihrer Umlaufbahn erneut begegnen, sie schlicht Todesangst überwältigt oder ganz banal ein falscher Schubvektor sie rettungslos tiefer ins All stürzt. Ein Wettlauf voller Katastrophen beginnt, ein Überlebenskampf gegen den einsamsten aller Tode, während unter ihnen die heimatliche Erde in all ihrer Pracht prangt – so schön, so unerreichbar.

Die Kritiker der großen Medien überschlagen sich vor Begeisterung, von neuen Maßstäben für das Kino des 21. Jahrhunderts ist die Rede, von einem möglichen Oscar für Sandra Bullock wird geschwärmt und der Film spielt – erstaunlich bei einem Kammerstück, das 90 Minuten im freien Weltraum spielt – Rekordsummen ein. Nachvollziehbar? Nein. Denn Cuarón, der „pures Kino“ schaffen wollte, wie er auf einem Interview von Spiegel Online gesteht, ist auf dem mühsamen, mehrjährigen Weg des Filmdrehs der Verlockung der Technik und damit einem Primat der Äußerlichkeit erlegen. Atemberaubende 3D-Aufnahmen in der beeindruckend simulierten Schwerelosigkeit machen das Herz des Filmes aus, nicht die Geschichte, und der Zuschauer wird von den Sinneseindrücken und ganz besonders einer überbordenden Tonkulisse aus Musik und Sound erschlagen. Die hohe Kunst des Erzählens, sie kommt dabei zu kurz. Und obwohl manche Momente wirklich tief berühren („Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt“ ist, weiß man um den Kontext der Handlung, einer davon) und obwohl lange Sequenzen schlicht fingernägelkauend aufreibend sind, bleibt der Film letztlich als Ganzes – hohl. Und damit lästig. Nach „Children of Men“ und den verheißungsvollen Kritiken eine Enttäuschung.

Ganz anders zeigt sich der Altmeister der SF-Erzählungen Ray Bradbury in seinem „Kaleidoskop“. Die unerträgliche Macht des Weltraums wird in nur wenigen, doch wirkungsvollen Sätzen skizziert, nicht mehr als ein paar knappe, unbarmherzige Federstriche. Nicht eine „Überwältigungskulisse“ für die Sinne (ich fürchte, der Filmkritiker meinte seine Worte positiv) macht die Geschichte aus. Sondern was in diesen Menschen vorgeht, was in ihnen bloßgelegt wird, während sie durchs Weltall in den Tod treiben, mit jedem Augenblick weiter voneinander getrennt; in ihrer Lebensrekapitulation, in den Funkgesprächen der Verlorenen, in all der Erbärmlichkeit und der Würde des Lebens. Auf nur 13 Seiten entwirft Bradbury sein „Kaleidospok“, so atemberaubend, todtraurig und wunderschön, dass einem die Tränen kommen könnten. Ja, weint, weint, während die Astronauten tiefer fallen, fallen, fallen!

„Gravity“. Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney. 90 min. 2013.

Ray Bradbury, Kaleidoskop, in: ders., Der illustrierte Mann. Aus dem Amerikanischen von Peter Naujack. (Originaltitel: Kaleidoscope, in: The Illustrated Man 1951). Diogenes © 1962, 1973 Diogenes Verlag, Zürich.

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2 Gedanken zu „„Wie sich die Sonne im Ganges spiegelt!“ – „Gravity“ versus Bradbury: zwei Entwürfe der ultimativen menschlichen Ausgeliefertheit

  1. Bin ich froh, dass die Email von wordpress, die ich eben bekommen habe, mich auf Deinen Blog aufmerksam gemacht hat – der ist ja toll!
    Da werde ich gleich mal die zerknitterte Ausgabe von The Illustrated Man suchen, die mein Mann irgendwo im Bücherregal stehen hat.
    Aber was Gravity angeht, bin ich anderer Meinung. Ich habe das Gefühl, dass Cuarón gerade mit den Bildern noch eine zweite Geschichte erzählt, oder sagen wir eine zweite Erzählebene dazustellt, und es eben nicht nur ein spannender Thriller ist. So viele Bilder sind symbolträchtig: Sandra Bullock, die sich zum ersten Mal den Anzug auszieht und sich im Raumschiff der Russen zusammenrollt. Oder die Perspektive der Kamera im letzten Bild. Das mag dick aufgetragen sein, aber ich habe es nicht als hohl empfunden. Geknackt habe ich diese Ebene noch nicht, aber ich werde mir den Film irgendwann bestimmt nochmal angucken, und dann.

  2. Vielen Dank, das freut mich! Mir geht es übrigens ähnlich: Ich hatte von deinem Blog auch erst über deinen jüngsten Kommentar auf der Seite von Danares erfahren. So kann man immer wieder etwas entdecken …

    Ja, mich wundert es nicht, dass du bei Gravity anderer Meinung bist. Die meisten sind es wohl, und dafür werden sicher alle auch einen guten Grund haben. Dass es starke, stark aufgeladene Bilder in dem Film gibt, stimme ich zu. Trotzdem haben sie mich nicht überzeugt. Waren sie mir zu lose im Film, aufs Ganze bezogen? Jedenfalls haben sie mich nicht über den Moment hinaus betroffen und gefangen und nachdenklich gemacht (ich übertreibe jetzt natürlich ein wenig, um zuzuspitzen). Ganz anders etwa als die Bilder in 2001. Die hatten mich voll erwischt. Aber die empfinden ja wiederum andere als hohl oder aufgesetzt. Ach ja, Bildmetaphern …

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