Eine dreifache Apokalypse

Der Container war gewaltig. Wir klammerten uns an die Metallsprossen, wuchteten die Bananenkisten über die Kante und kippten sie aus. Ein ganzer Kofferraum voller Bücher landete so in dem Papiercontainer, sie flatterten leise wie sterbende Vögel zu Boden oder donnerten trotzig gegen die Containerwand. Die Kisten nahmen wir wieder mit. Sie waren zu wertvoll, um sie dem Altpapiercontainer zu überlassen. Wir fuhren zurück ins Antiquariat, ich saß schweigsam neben meinem Chef, das Gemetzel hatte mir die Worte genommen. Nach Feierabend schnappte ich mir mein Studentenrad und fuhr schnurstracks zurück ins Industrieviertel. Der Container lag einsam da, kein Mensch weit und breit. Also stieg ich die Sprossen empor, vergewisserte mich, dass mir der Rückweg gelingen würde, und sprang hinab in die Bücherflut. Ich wühlte in den Druckwerken, klappte Einbände auf, strich Eselsohren glatt. Und plötzlich begriff ich. Was hier lag, war wertlos, absolut wertlos. Niemand interessierte sich mehr für diese Bücher, nicht einmal ich. Als letzte Geste der Pietät griff ich nach einer alten Auflage von H.G Wells „A Short History of the World“, das ich bereits in einer antiquarischen Ausgabe besaß. Der Rest war – Müll. Bereit für eine neue Inkarnation als Kartonage oder Klopapier. Ich kletterte aus dem Container, schnappte mir das Rad vom Boden und strampelte zurück in die Stadt. Ein Bann war gebrochen, der Tempel entweiht. Seither habe ich Aberdutzende Bücher ohne jede Scheu ins Altpapier geworfen.

Wenn du drei Bücher vor der Apokalypse, die alle anderen Bücher auf dem Planeten zerstört, retten könntest, fragt der Kaffeehaussitzer – welche wären es? Erläuterungen in (maximal) 140 Zeichen.
1. „Handbuch für den gewitzten Stadtkrieger“: Voller auch und gerade in apokalyptischen Zeiten nützlicher Ratschläge. Überlebensführer. Das Schönste: Es nimmt sich selbst nicht ernst.

2. Peter Fleming, „Brasilianische Abenteuer“: Der ältere Bruder Ian Flemings. Weil ich es gerade lese. Und ein wahnwitziger Meister des guten alten britischen Stils – brilliantly witty.
3. „Handwörterbuch Englisch“. Für eine lingua franca unter den Überlebenden der Apokalypse von Nutzen. Zur Not tut es auch irgendein anderes Wörterbuch – Hauptsache dick.

Durch die geöffnete Ofentür beobachte ich, wie die Seiten Feuer fangen. Das Papier sträubt sich. Augenblicke lang scheint es der Glut des Holzofens trotzen zu können, dann bricht der Widerstand, das Glanzpapier des Umschlags wellt sich, zieht sich in Agonie zusammen und geht in blauen und grünlichen Flammen auf, dann lodern die Seiten hell in der Majestät von Gelb und Rot. Ein Heft nach dem anderen schiebe ich in den Ofen. Ein Jahr lang war ich wie besessen gewesen von ihnen. Nun war Schluss damit, für immer. Ich war 13 und Westernheftchen waren keine Bücher.

Da ich selbst um vier weitere Blogstöckchen im Rückstand bin, ermuntere ich niemanden zu weiteren Bücherrettungstaten. Wer mich zum Teufel wünscht und sich trotzdem noch schnell ein paar Bücher unter den Arm klemmen will, bevor die Welt untergeht, findet die Regeln sehr übersichtlicht hier beim Kaffeehaussitzer.

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16 Gedanken zu „Eine dreifache Apokalypse

      • Mein lieber Herr Zeilentiger, ich bin immer wieder verblüfft, welch‘ unsichtbare Fäden die Geschicke verbinden. Mir wurde gestern noch innigst warm und meine Pupillen quollen über. Ich durfte in einem privaten Scriptorium weilen. Selten sah ich derley Schätze auf so engen Raum. Meine Hände weigerten sich schier, die Kleinode und auch die großen Wälzerraritäten zu berühren, ach,…ich bin noch immer hingerissen. Hachende Morgengrüße, Ihre Frau Knobloch, hinundwegseiend.

  1. Ach und je. Ich bin da sentimental, Bücher wegwerfen kann ich nicht. Aussetzen, verschenken, verarbeiten – das ja. Aber nicht wegwerfen. (Ich habe auch schon in Containern gestanden und alte medizinische Werke gerettet, mit vielen unappetitlichen Farbtafeln.)
    Wunderbarst geschrieben!

  2. Wo bloß finden sich Medizinunappetitlichbücher- erst mal solche Container überhaupt…
    Ohne Bücher, schöne, anständige, fein gestaltete, druckfarbe- oder altertümlichriechende will ich nicht leben.

  3. Pingback: Das Haben-Müssen-Gen | wie werden wir lesen

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