Elegie

Am Montag könne ich sein Vorwort erwarten, bekräftigt der Professor am Telefon. Er macht seinen üblichen, tagespolitisch begründeten Witz über Stuttgart (manchmal muss auch sein Stadtstaat herhalten) und fällt dann in ein Klagelied der Verunsicherung. Er habe ja doch schon einiges gesehen, er habe den Kalten Krieg erlebt, aber eine solche bedrückende, verwirrende, zersetzende Zeit wie heute, das kenne er nicht.

„Es ist diffus. Alles ist diffus“, endet er und für einen Moment ist nur noch schweigende Schwermut in der Leitung zwischen uns. Aber nun, rafft sich der Professor auf, nun werde er sich auf eine Reise machen zu dem Schloss, auf dem Rilke seine „Duineser Elegien“ geschrieben habe. „Das ist doch ein kleiner Trost“, sagt er. „Und Sie, Sie bekommen mein Vorwort auf den Tisch, während Sie die Wahlergebnisse studieren.“

Draußen hängt Nebel.

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Liebe Leserin, lieber Leser! Sie sind, du bist wahlberechtigt in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt? Gehen Sie, gehe am Wochenende wählen! Mit aller Vernunft und Achtsamkeit, zu der wir fähig sind.

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Das Schweigen der Bahnen

Diese Stille in der Stadtbahn hinaus in die Vororte. Der Großteil der Plätze ist belegt an diesem frühen Freitagabend, aber keiner sagt ein Wort. Vielleicht 20 Menschen habe ich im Blickfeld – sie schweigen. Es dauert Minuten, bis ein Kind die Wortlosigkeit der U-Bahn durchbricht. Und erst als es zu heulen beginnt, wird die Situation in dem Wagen menschlich. Aber halt, da ist die Familie bereits ausgestiegen und stumm geht es wieder weiter.

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An einem der vielen Streiktage hörte ich zum ersten Mal die Vögel am Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, dass mein gebuchter ICE zu jenen Zügen gehörte, die trotz Streik fuhren. Der Bahnhof lag beinahe verlassen da. Die paar Menschen wirkten wie versehentlich vor Ort. Sie standen – die Sonne schien, aber der Wind war schneidend – am Rand des Bahnsteigs in einem schmalen Streifen Licht. Wie aufgereiht standen sie, die Absätze an der Kante, das Gesicht dem Gestirn zugewandt, dankbar für ein bisschen Wärme. Irgendwo seufzte eine Lokomotive. Nichts aber war so laut wie das Pfeifen der Vögel.

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Wir nahmen den letzten Zug aus der beschaulichen Neckarstadt zurück nach Stuttgart. Mein arabischer Freund M. – wir kannten uns aus meiner Studienzeit im Nahen Osten – war zu Besuch und wir hatten einen sehr heiteren Abend auf der Terrasse von Freunden verbracht. In der nächtlichen Bummelbahn wandte sich unser Gespräch einem weniger freundlichen Thema zu: dem Mukhabarat, den berüchtigten syrischen Geheimdiensten. Auch ich als Ausländer war damals von dem allgegenwärtigen Misstrauen angesteckt worden – Paranoia und Schweigen als Grundzüge einer Gesellschaft. Ich berichtete M. davon, wie ich bei meinem letzten Syrienaufenthalt, im Frühjahr 2011 (als in einem Städtchen ganz im Süden des Landes eben die ersten Toten des kommenden Bürgerkrieges zu beklagen waren), an den Geheimdienst geraten war. Passiert war mir – einem Touristen, einem Deutschen – natürlich nichts. Aber in jenen Stunden der unverhüllten Bespitzelung, der Isolierung, Befragung und unausgesprochenen Einschüchterung hatte ich Ängste ausgestanden, die ich aus einem Leben in der Bundesrepublik nicht kannte. Dann erzählte M. mir Geschichten, von eigenen Erfahrungen mit dem Mukhabarat, von erschreckenderen aus zweiter oder dritter Hand. Dann mussten wir umsteigen. Am Bahnsteig taxierten uns Uniformierte. Sie verdächtigten offenbar uns, für eine frische Urinlache vor dem Fahrplanaushang verantwortlich zu sein. Unser Anschluss kam und befreite uns von den Blicken. In dem Nachtzug arbeiteten wir uns Waggon für Waggon an die Spitze vor, um im Kopfbahnhof dann schneller am Ausgang zu sein, vorbei an Schlafenden, an unruhig Schlummernden, an ins Leere starrenden Menschen, während hinter den Scheiben eine verdunkelte Landschaft vorbeirauschte. Alles war ruhig, nur die Wagen rumpelten laut und rhythmisch über die Schwellen. Wir waren wie aus Zeit und Raum enthoben, es hätte eine Szenerie aus einem altmodischen Spionagefilm sein können. Unser Weg durch den langen, viel zu langen Zug bekam etwas Gehetztes, als würde uns jemand folgen. Ich erinnere mich, wie meine Augen unruhig nach links und rechts huschten, über die Gesichter hinweg, über die Türen zu den Liegeabteils. Mein Atem war flach und ich war froh, als wir in Stuttgart auf den Bahnsteig traten. In Sicherheit waren. Wer es als Erster von uns aussprach, weiß ich nicht mehr. „Stell dir vor, ich hatte ein komisches Gefühl vorhin. Ich hatte Angst. Vor dem Mukhabarat.“ Die Erleichterung des anderen war offensichtlich. „Ich auch! Mir ging es genauso. Wie merkwürdig. Da sind wir so weit weg von Syrien und trotzdem hat uns die Angst bis hierher verfolgt.“

Euklids Degen

Diese merkwürdige Furcht, beim Öffnen einer Toilette im öffentlichen Raum eine Leiche vorzufinden …

Er liest vom Blatt über die phänomenologische Begründung der Geometrie, dieser überschlanke Mann mit den tiefen Geheimratsecken, das schüttere schwarze Haar schräg nach hinten gekämmt und zu einem Scheitel aufgeworfen. Im hageren Künstlergesicht suchen große dunkle Augen (umrandet), ein kurzer, angegrauter Vollbart bietet den asketischen Wangenknochen nur schwachen Schutz, die scharfe Nase springt weit nach vorn, der Mund eher Strich als Schwung.

Weit offen steht der weiße Hemdkragen über dem dunklen Sweatshirt − ein Halstuch würde dem Manne stehen −, die dunkle, offene Jacke schmücken große Knöpfe, die schwarze Hose ist von einem lässig hängenden Gürtel mit übergroßer Schnalle gehalten und über den schwarzen Schuhen abgebunden, seine Rosinante ein Rad.

Er könnte ein verarmter spanischer hidalgo sein aus dem siglo del oro, den steifen Barockkragen abgeworfen, den Degen verkauft für die Feder, einen Hauch feminin und womöglich bereits auf die schiefe Bahn geraten. Auch ein dunkler van Gogh vor dem Schnitt des halben Ohres ginge an, vielleicht auch ein Hungerrabe zwischen Gedankenschwere und Lebenstanz.

Die Füße schlägt er im Stehen übereinander, dann zieht er die Hose hoch über die schmalen Hüften, er stützt den Ellbogen auf das Pult, reibt sich mit der beringten Hand über Kinn oder Brust und scheint, während er die Sätze abliest, sein Publikum vergessen zu haben. Draußen wird es hell, der Dämmerregen hat aufgehört, über dem Gehölz links und rechts des schmalen Tales hängen die Wolken tief bis fast auf die Wipfel herab. It never rains in Southern California, das tut es dafür hier am äußersten Rand einer weiteren deutschen Regenstadt umso mehr. Vor dem Fenster, hinter dem Parkplatz liegt nur noch Wald, hier nicht allzu fern von der Mitte Deutschlands und doch am Ende der Welt.

„Die Systembiologen sammeln riesige Datenmengen und wenden sich dann an die Philosophen und fragen, könnt ihr uns sagen, was wir da eigentlich tun? Das ist, finde ich, dann ein bisschen spät.“

„Wenn Siegen zu ist, ist Siegen zu“, ruft der Busfahrer vier Reihen nach hinten und niemand wagt den sophistischen Gegenbeweis. „Ich bin gelernter Speditionskaufmann und war 20 Jahr lange in der Disposition, ich bin Vollprofi. Aber so was wie hier habe ich nicht erlebt. Das ist die Hölle, sage ich Ihnen. Hätte ich Ihnen jetzt auch durchs Mikrofon sagen können, aber das ist kaputt. Aber ich nehme mal an, meine Stimme ist laut genug, ne?“ Ich hebe den Daumen und renne dann los. Ich habe ihn gerade noch erwischt, den Zug, der Hölle zum Trotz.

Du Koffer, du

Der Koffer stand auf halber Höhe des Stadtbahnausgangs. Ein großer, schwarzer Reisekoffer mit einem Flugreiseband am Griff, unmittelbar neben einen Mülleimer gestellt und definitiv herrenlos. Mein Blick wanderte über das Gepäckstück, dann war ich vorbei und stieg die zweite Treppenhälfte empor. Oben drehte ich mich nochmals um. Andere Menschen kamen aus der Haltestelle, manche würdigten den Koffer keines Blickes, andere schauten ihn an wie ich: irritiert, aber ohne innezuhalten. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort. Ich war müde und hungrig und hatte Gepäck bei mir und wollte nach Hause.

In meinen Kopf aber war noch immer der Koffer. Wie unfassbar gering muss die Wahrscheinlichkeit sein, dachte ich mir, dass es sich ausgerechnet bei diesem Koffer um eine Bombe handelt. Wie dämlich müsste ein Attentäter (mit Blick auf maximale Schadenswirkung) sein, überlegte ich weiter, seine Bombe ausgerechnet an dieser Stelle zu positionieren, wo sie – je nach Taktung der Straßenbahn und Fahrgastaufkommen – möglicherweise keinen einzigen Menschen verletzen würde. Und wäre für eine solche Tat nicht manches naheliegender als solch ein gewaltiger Koffer mit dem Band einer Fluggesellschaft? Und schließlich: Angenommen, ich würde tatsächlich die Polizei informieren, würde dann die Haltestelle wegen eines Koffers voller Schmutzwäsche womöglich für längere Zeit gesperrt und viele Menschen ziemlich angepisst sein? Und dann ein anderer Gedanke: Nur einmal angenommen, der außerordentlich unwahrscheinliche Fall trifft tatsächlich ein und ich erfahre eine Stunde später, dass dort unten am Treppenaufgang der Stadtbahn eine Kofferbombe explodierte, drei Todesopfer, fünf Verstümmelte. Könnte ich es mir jeweils verzeihen, den Koffer ignoriert zu haben?

Eine der herrlichsten Szenen in Michael Moores Film „Bowling for Columbine“ ist, als der US-amerikanische Dokumentarfilmer ein Gerücht auf die Probe stellt, Kanadier würden ihre Haustür nicht abschließen. In einer Großstadt jenseits der Grenze also drückt Moore an irgendwelchen Einfamilienhäusern die Klinke herunter – siehe da, unverschlossen –, stapft in das fremde Haus hinein und verwickelt die recht unaufgeregten Bewohner in ein harmloses Gespräch. In den USA wäre er, so Moore, niemals in das Haus hineingekommen. Oder aber bereits vom Besitzer erschossen. Michael Moores These von der „Kultur der Angst“, die ganz besonders in den USA, in schwächerem Maße aber auch in der übrigen westlichen Welt gepflegt und gehegt wird, hatte mich damals unmittelbar überzeugt. Von dieser, seit 9/11 grassierend wachsenden Angst wollte ich mich nicht beherrschen lassen, das war mir klar. Ich wollte kein Angst essen Seele auf.

Ich blieb stehen, unschlüssig. Schließlich holte ich das Smartphone heraus (wie einfach es uns dieses Gerät heute macht), tippte nach der Nummer der Polizei, löschte das Suchergebnis wieder, suchte nach einer Sicherheitshotline des SSB, fand keine auf der Website der Verkehrsgesellschaft und wich einer Entscheidung aus, indem ich den Weg wieder zurückging und die Treppe hinabschaute. Dort stand der Koffer immer noch. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Dort, wo ich aufgewachsen war, hatten wir nachts nie die Haustür abgesperrt, auch dann nicht, als wir keinen Hund mehr hatten. Manche Menschen in meiner Verwandtschaft lassen das Auto nachts unverschlossen, andere lassen außen den Haustürschlüssel stecken. Auf dem Land geht das. In der Stadt veränderte ich mein Verhalten. Als Student spielte ich noch damit: In manchen Nächten (nicht in allen) wäre es für einen Fremden ohne jede Gewaltausübung möglich gewesen, von der Straße bis in mein Zimmer zu kommen. Ich vertraute darauf, dass es nicht geschehen würde. Später dann in Mehrfamilienhäusern dicht besiedelter Stadtteile war es eine von zwei Türen, die ge- und verschlossen zu sein hatte: die Haustür oder die Wohnungstür, möglichst aber nicht beide. (Kompromisse, die sich aus technischen Gründen oder durch kollidierende Bedürfnisse von Partner oder Nachbarn ergeben, lassen wir einmal außen vor.)

Das entspricht, so stelle ich mir das vor, einem schönen Satz, auf den man bisweilen in einem Büchlein mit Sinnsprüchen oder dergleichen aus dem Koran zitiert findet: „Gott behütet dein Kamel, doch zuerst binde es an einen Baum.“ In Wahrheit stammt das Zitat nicht aus dem Koran, sondern aus dem Hadith (also den dem Propheten Mohammed zugeschriebenen – und normstiftenden – Aussprüchen und Handlungen und darin der, nach dem Koran, zweitwichtigsten Quelle des Islam), außerdem lautet es im Original, zwar inhaltlich gleich, formal doch deutlich anders und weniger prägnant. Von Muslimen wird es nach wie vor gerne zur Erläuterung des tawakkul, des rechten Maßes an Gottvertrauen, herangezogen. Trotz des Fragezeichenwortes „Gott“ darin hat mir der Satz immer gut gefallen.

Ich rief die Polizei an. „Ich komme mir ja ein bisschen dämlich vor, wegen eines Koffers anzurufen“, erklärte ich mich. „Gar nicht, im Gegenteil“, meinte die freundliche Polizistin. Die Antwort fühlte sich gut an. Sie fühlte sich nach getaner Bürgerpflicht an. Ich wurde durchgestellt. Es war der erste Anruf meines Lebens bei der Polizei.

Im letzten Jahr hatte ich die Dissertation eines Freundes Korrektur gelesen, in der unter anderem die Ausübung von Kontrolle (und damit Macht) über die Gesellschaft durch Anerziehung von Selbstkontrolle kritisch thematisiert wurde. So betrachtet, hat dieses Konzept bei mir inzwischen Früchte getragen. Ich hatte den herrenlosen Koffer als Problem wahrgenommen, ich hatte mich zur Tat durchgerungen, ich hatte die Polizei informiert – die Selbstkontrolle war also verinnerlicht. Unter dem Gesichtspunkt „Und was wenn doch, du würdest es dir nie verzeihen“ war es das Richtige, was ich getan hatte.

Fragen bleiben. Wie viele Koffer und andere Gepäckstücke werden täglich in Deutschland vergessen oder zumindest lange genug aus den Augen gelassen, um aufzufallen? Wie viele davon werden von Passanten Tag für Tag gemeldet? Wie gering ist die Wahrscheinlichkeit hierzulande, dass es sich dabei tatsächlich um eine Kofferbombe – oder sagen wir großmütiger: um irgendetwas, von dem die Polizei wissen sollte – handelt? (1:50 000? Ich habe absolut keine Ahnung.) Wer eigentlich aus meinem persönlichen Umfeld hat selbst schon mal solch einen herrenlosen Koffer gemeldet? Und wie geht die Polizei dann konkret vor Ort vor? Das sind nur die Fragen auf der Ebene des Faktischen. Es gibt weitere: die nach dem politischen Herrschaftsdiskurs etwa. Sie sind es, die mich, wenn auch für mich nur schwer greifbar, noch immer beschäftigen. Obwohl es doch nur ein Koffer war.

„Jaja, wir sind informiert“, antwortete der Polizist, zu dem ich durchgestellt wurde, recht gelassen. Und dann, nach einer kurzen Pause des Schweigens, in der ich nicht wusste, was ich sagen sollte: „Es kümmert sich bereits jemand darum.“