Bloggeburtstag

Heute wird „Zeilentiger liest Kesselleben“ ein Jahr alt! Es war ein spannendes Jahr: viel gelernt und viel erfahren, neue Entdeckungen und neue Menschen, immer Freude am Blog. Ich sage danke. Ohne Euch, liebe Leserinnen und Leser, wäre der Blog nichts wert.

Statt einer Geburtstagstorte gibt es eine kleine Geschichte, einen Text, wie er an diesen Ort sonst nicht gehört. Und den Kaffee dazu, den trinken wir vielleicht einmal bei passender Gelegenheit.

Geschichten vom Radscha und dem Tiger – Der Aufbruch

„Tiger“, seufzte der Radscha, „ich bin unglücklich.“

Der Angesprochene hob den Kopf von seinen Tatzen und zog eine Augenbraue nach oben. „Unglücklich? Wo du doch Radscha bist? Was fehlt dir denn?“

„Das ist es ja: Ich weiß es selbst nicht. Alles ist so schal und fad. Weißt du – an jedem Tag dasselbe: Ich sollte mich über den neuen Tag freuen, wenn ich morgens aufwache, und auf den Balkon treten, um die Sonne zu begrüßen, aber was mache ich stattdessen? Ich wälze mich im Bett von einer Seite auf die andere, bis ich endlich doch mal aufstehe. Und wenn ich dann in den Spiegel sehe, blickt mir ein Griesgram mit verquollenem, blassem Gesicht entgegen. Und das ist nur der Anfang. Das geht den ganzen Tag und die ganze Woche und den ganzen Monat so weiter. Wie Langeweile, nur schlimmer.“

Selbstmitleidig stützte der Radscha das Kinn in seine Hand.

Tiger richtete sich auf. „Das ist nicht gut, das sollte nicht sein.“

„Und was rätst du mir, Tiger?“

Der blickte ernst aus dem Fenster hinaus, wo die Vögel über den schlanken Baumwipfeln schwirrten und die Luft unter dem blauen Himmel vor Hitze flimmerte. „Vielleicht brauchst du eine Änderung, o mein Prinz. Siehst du die Vögel dort draußen fliegen? Ich glaube, du solltest dich unter sie mischen.“

Der Radscha blickte mit neu erwachtem Interesse nach draußen, doch schnell fand sein Gesicht wieder zu dem Ausdruck von Missmut zurück. „Und wer soll sich um mein Reich kümmern, wenn ich dort draußen bin?“

„Radscha, Radscha“, tadelte ihn der Tiger mit einem sachten Lächeln. „Ein guter Herrscher sitzt nicht nur in seinem Palast wie die Spinne im Netz und harrt der Dinge, die da kommen mögen – oder es vielleicht auch nicht tun. Es ist sicherlich eine gute Idee, einmal hinauszugehen und nachzusehen, wie dein Reich denn tatsächlich beschaffen ist. Oder hast du es etwa schon durchforscht, vom einen Winkel bis zum andern, und kennst alle Wege und Strecken?“

„Nein“, bekannte der Radscha. „Das habe ich nicht. Da hast du Recht.“

Doch noch immer zögerte er. Bangen und Hoffen mischten sich in seinen Zügen, während seine Finger unruhig mit den Fransen eines Kissens spielten.

„Und wie soll ich die Reise machen, Tiger, mein Ratgeber? Wen nehmen wir in unser Gefolge? Wie gestalte ich den Hofstaat? Nehmen wir Elefanten und Standarten oder lieber stolze Reiter in Weiß und Silber oder Tänzerinnen und Trommler, die uns den Weg bereiten?“

Tiger musterte die Vögel vor dem Balkon. „Wenn du ein Tiger bist und dich unter Tauben mischen willst, wie verhältst du dich dann?“

„Ich werde zu einer Taube.“

Tiger nickte. „So ist es, junger Radscha.“

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12 Gedanken zu „Bloggeburtstag

  1. Und dann kommt eine Geschichte des Erwachsenwerdens hinterher .. Wie, keine story of initiation? Man endet mit einer Weisheit, ohne diese auf Herz und Nieren zu testen? Hm … ich muss den Palast meiner Lesegewohnheiten wohl mal verlassen – und mich unter die Tauben neuer Texte und Autoren mischen.

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