Die verborgene Seite der Literatur

Der Ansturm hielt sich in Grenzen. Nicht jeder ist eben empfänglich für den eigenwilligen Charme der Verlierer. Denn heute Abend ging es im Literaturhaus Stuttgart um Bücher, die nie entstanden sind, genauer um verworfene Buchtitel. „Gescheiterte Titel – die verborgene Seite der Literatur“, unter diesem Motto waren die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Annette Pehnt, die Stuttgarter Suhrkamp-Autorin Anna Katharina Hahn und Hanser-Verleger Jo Lendle zur Diskussion eingeladen. Der Mann, der auf dem Podium Platz nahm, war aber nicht Jo Lendle. Der war krank und Tom Kraushaar, Geschäftsführer von Klett-Cotta, sprang kurzfristig für ein Heimspiel ein.

„Titel sind eine Verlockung“, ist sich Annette Pehnt gewiss, weshalb sie 200 Autorinnen und Autoren angeschrieben hatte, einen verworfenen Titel für eine Anthologie beizusteuern. 70 (darunter Anna Katharina Hahn) folgten dem Ruf, verfassten einen erklärenden Text zu ihrem Titel und erhielten von jungen Grafikern eine richtige Titelgestaltung. Das Ergebnis: eine reizvolle und hübsche „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“, da stimmte auch Tom Kraushaar zu: „Ich habe das Buch vor fünf Minuten zum ersten Mal gesehen, werde es aber unbedingt lesen. Ich gehöre ja gewissermaßen zur Kernzielgruppe.“

„Wie grausam ist die Suche nach dem Titel“, versuchte die Moderatorin eine Diskussion über das Ringen um den richtigen Buchtitel zwischen Autorinnen und Verleger in Gang zu bringen. Der Erkenntnisgewinn blieb allerdings überschaubar (Feuerwanzen gehen gar nicht auf dem deutschen Buchmarkt, gleich zwei Autoren fanden für ihre verschmähten Titeltiere Zuflucht in der „Bibliothek der ungeschriebenen Bücher“) und der Unterhaltungswert beschränkte sich auf „Döner Hawaii“. (Wer mehr wissen will, besuche die Website des Klett-Cotta Verlags.) Vollends in Allgemeinplätzen versackte das Gespräch in seinem „Wurmfortsatz“ der einschlägigen und offenbar unvermeidbaren Themen E-Book, Selfpublishing, Amazon.

Schade: ein müder Auftakt zur vermutlich wichtigsten Kalenderwoche für das antiquarische und schöne Buch in Deutschland. Am Donnerstag eröffnet die Antiquaria in Ludwigsburg ihre Messepforten, am Freitag die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Württembergischen Kunstverein. Auf der hatte ich selbst ein paar Jahre lang verkauft, unter anderem für ein Antiquariat, das besonders Hermann Hesse-Fans bekannt sein könnte. Ich erinnere mich, wie ich noch während meines Studiums Kurierdienste für das Antiquariat erledigte und zum Beispiel den Berg hochstrampelte, um Walter Jens eines seiner Bücher zum Signieren vorzulegen, oder wie ich mich einmal an einem Samstag im Ladengeschäft ärgerte, weil ich in dem Besucher nicht den Anglisten und Schriftsteller Elmar Schenkel erkannte, dem ich gerne für seine H.G. Wells-Biographie gedankt hätte. (Wer weiß, wie viele literarische Besucher ich sonst nicht erkannt habe.) Später entdeckte ich, dass wir in der Kundendatenbank Rafik Schami führten, und erfuhr, dass er mit dem Vater des Eigentümers befreundet war. Ich habe Rafik Schami noch nie im Leben leibhaftig gesehen. In Damaskus aber hatte ich einmal seinen Bruder kennengelernt.

Vom Bab Tuma, dem Thomas-Tor, führte vor dem Bürgerkrieg (wie es nun aussieht und inwiefern es vom Krieg betroffen ist, weiß ich nicht) eine gleichnamige Straße durch das Christenviertel der Damaszener Altstadt. Beiderseits der Kopfsteinpflasterstraße reihten sich zahllose kleine Geschäfte. Manche von ihnen erfüllten jeden westlichen Anspruch an Modernität. Ein Blick nach oben, zu den oberen Stockwerken der Häuser aber zeigte unmissverständlich, dass die Straße Bestandteil der Altstadt war: graue, unstrukturierte Altbauten, schäbig und mit einem schmutzigen Charme aus Alter und bloßen Stromkabeln. Auf den Gehwegen hockten tagsüber wild aussehende Männer oder Bäuerinnen wie aus einer anderen Welt vor einer Auslage an Gemüse, an Küchenkräutern, Oliven oder Walnüssen. Mittags strömten Horden von Kindern in blauer Schuluniform durch die Straße. Zu den Stoßzeiten brach der Verkehr praktisch völlig zusammen. Dann lagen auf voller Länge der Straße Autos, Taxis und Busse regungslos und mit laufendem Motor da und raubten einem die Luft zum Atmen. Schwer hingen die Smogwolken über Damaskus. Abends kamen dann die Eckensteher, gelangweilte junge Männer, die in kleinen Grüppchen dastanden und vielleicht rauchten und manchmal kein Wort sagten. Manche orderten eine Schawirma oder einen frisch gepressten Fruchtsaft oder Bananenmilch (die nicht unsympathische syrische Alternative zu alkoholischen Getränken) beim kurdischen Angestellten eines der vielen Imbissstände. Hauptsächlich aber schauten sie nur auf die Straße, musterten die Frauen (Kopftücher gab es hier im Viertel kaum) oder folgten mit ihren Blicken den Autos der Privilegierten, die mit heulenden Motoren durch die enge Straße rasten.

Es gab verschiedene Bäckereien in der Straße, jede hatte ihre Spezialität. Eine schlichte Backstube am Anfang der Straße verkaufte zum Beispiel Fata’ir, diese kleinen herzhaft belegten Fladenbrote, sowie syrische Hostien: dicke, runde, leicht süßliche Fladenbrote mit einem Stempelaufdruck. Ich wusste nicht, was es damit auf sich hatte, und der grauhaarige Verkäufer mit den auffallenden Koteletten erklärte es mir mit lispelndem Zungenschlag, als ich der Neugierde wegen eines dieser Brote kaufte. „Bei euch sind die Hostien ja wie Papier“, nuschelte er und riss zur Bekräftigung seiner Worte das Eck einer Zeitung ab und tat so, als würde er den Papierfetzen in den Mund schieben, zwischen den braunen Zahnstümpfen hindurch, und darauf kauen. Ich lachte. Beim christlichen Abendmahl, erklärte der freundliche Bäcker weiter, wurden die Brotbrocken in Wein (dem säuerlichen Wein aus den christlichen Bergdörfern Syriens) getunkt und verteilt. Wir unterhielten uns ein bisschen über Deutschland und der Bäcker erzählte, dass er schon mehrmals dort gewesen sei, vor allem in Heidelberg, das er gut kannte und schätzte. Dann zog er eine Mappe mit Zeitungsartikeln heraus, aus deutschen und anderen Zeitungen. Er tippte mit dem Finger auf ein Foto und fragte: „Kennst du den? Das ist mein Bruder.“ Ich beugte mich über das Bild: Es war Rafik Schami.

Irgendwann fasste ich den Mut und schrieb Rafik Schami aus dem Antiquariat eine E-Mail. Ich erklärte, wer ich war, und berichtete von der Begegnung mit seinem Bruder zwei Jahre zuvor. Und eines Tages war die Antwort da. Liebenswürdig bedankte sich der Schriftsteller für die Nachricht und berichtete, sein Bruder habe die Bäckerei inzwischen in ein Café umgewandelt. Post von Rafik Schami habe ich trotzdem nie bekommen, denn offenbar hatte er meine Nachricht nicht allzu aufmerksam gelesen: Namentlich angesprochen war in der E-Mail mein Chef.

„Verlosung“: Ich habe Eintrittskarten für die Stuttgarter Antiquariatsmesse übrig!

Antiquaria Ludwigsburg, 22.-24. Januar

Stuttgarter Antiquariatsmesse, 23.-25. Januar

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Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher.
Zusammengetragen von Annette Pehnt, Friedemann Holder und Michael Staiger. Piper 2014. 224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag.

Eine dreifache Apokalypse

Der Container war gewaltig. Wir klammerten uns an die Metallsprossen, wuchteten die Bananenkisten über die Kante und kippten sie aus. Ein ganzer Kofferraum voller Bücher landete so in dem Papiercontainer, sie flatterten leise wie sterbende Vögel zu Boden oder donnerten trotzig gegen die Containerwand. Die Kisten nahmen wir wieder mit. Sie waren zu wertvoll, um sie dem Altpapiercontainer zu überlassen. Wir fuhren zurück ins Antiquariat, ich saß schweigsam neben meinem Chef, das Gemetzel hatte mir die Worte genommen. Nach Feierabend schnappte ich mir mein Studentenrad und fuhr schnurstracks zurück ins Industrieviertel. Der Container lag einsam da, kein Mensch weit und breit. Also stieg ich die Sprossen empor, vergewisserte mich, dass mir der Rückweg gelingen würde, und sprang hinab in die Bücherflut. Ich wühlte in den Druckwerken, klappte Einbände auf, strich Eselsohren glatt. Und plötzlich begriff ich. Was hier lag, war wertlos, absolut wertlos. Niemand interessierte sich mehr für diese Bücher, nicht einmal ich. Als letzte Geste der Pietät griff ich nach einer alten Auflage von H.G Wells „A Short History of the World“, das ich bereits in einer antiquarischen Ausgabe besaß. Der Rest war – Müll. Bereit für eine neue Inkarnation als Kartonage oder Klopapier. Ich kletterte aus dem Container, schnappte mir das Rad vom Boden und strampelte zurück in die Stadt. Ein Bann war gebrochen, der Tempel entweiht. Seither habe ich Aberdutzende Bücher ohne jede Scheu ins Altpapier geworfen.

Wenn du drei Bücher vor der Apokalypse, die alle anderen Bücher auf dem Planeten zerstört, retten könntest, fragt der Kaffeehaussitzer – welche wären es? Erläuterungen in (maximal) 140 Zeichen.
1. „Handbuch für den gewitzten Stadtkrieger“: Voller auch und gerade in apokalyptischen Zeiten nützlicher Ratschläge. Überlebensführer. Das Schönste: Es nimmt sich selbst nicht ernst.

2. Peter Fleming, „Brasilianische Abenteuer“: Der ältere Bruder Ian Flemings. Weil ich es gerade lese. Und ein wahnwitziger Meister des guten alten britischen Stils – brilliantly witty.
3. „Handwörterbuch Englisch“. Für eine lingua franca unter den Überlebenden der Apokalypse von Nutzen. Zur Not tut es auch irgendein anderes Wörterbuch – Hauptsache dick.

Durch die geöffnete Ofentür beobachte ich, wie die Seiten Feuer fangen. Das Papier sträubt sich. Augenblicke lang scheint es der Glut des Holzofens trotzen zu können, dann bricht der Widerstand, das Glanzpapier des Umschlags wellt sich, zieht sich in Agonie zusammen und geht in blauen und grünlichen Flammen auf, dann lodern die Seiten hell in der Majestät von Gelb und Rot. Ein Heft nach dem anderen schiebe ich in den Ofen. Ein Jahr lang war ich wie besessen gewesen von ihnen. Nun war Schluss damit, für immer. Ich war 13 und Westernheftchen waren keine Bücher.

Da ich selbst um vier weitere Blogstöckchen im Rückstand bin, ermuntere ich niemanden zu weiteren Bücherrettungstaten. Wer mich zum Teufel wünscht und sich trotzdem noch schnell ein paar Bücher unter den Arm klemmen will, bevor die Welt untergeht, findet die Regeln sehr übersichtlicht hier beim Kaffeehaussitzer.