Weihnachten reloaded – Ein paar Flocken im Schneetreiben

21.

Weihnachten liegt in der Luft. Ein Zauber, eine Besinnlichkeit verschönern den Tag, überall ist es plötzlich schön und ich weine vor Trauer über den menschlichen Hass. Mittags im Café lese ich die Kommentare, die Menschen im Internet über sich ergehen lassen müssen: eine Journalistin, die eine Morddrohung erhält; Hetze gegen Bloggerinnen wegen ihrer offenen Worte gegen PEGIDA; Musiker, die für ihre Musik widerwärtigste Häme ernten. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen, sie erfolgt in den unterschiedlichsten Kontexten, aber sie eint eines: ein unaussprechlicher und ganz und gar unnachvollziehbarer Hass und eine abgrundtiefe Missachtung jeder menschlichen Würde. Ich sitze vor meinem Kaffee und Tränen treten mir in den Augen. Die Kellnerin tritt an den Tisch und fragt schwungvoll, ob ich noch etwas bestellen möchte. Ich drehe den Kopf und wimmel sie ab.

22.

Streit im Treppenhaus. Die balkandeutsche Nachbarin (70 Jahre Schwaben) wirft der ostdeutschen Nachbarin (20 Jahre Schwaben) vor, dass ihr Rezept mal echt nicht schwäbisch sei. Geht ja gar nicht! Seit zehn Minuten erbitterte Diskussion über Zwiebeln und Essigspritzer. Absurd. Vielleicht sollten wir mit „Stuttgart bleibt bunt“ hier im Haus beginnen.

23.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist der Vorabend des Heiligen Abends und auf dem Trottoir sitzt ein großer Plüschhase auf einem Stuhl. Der winzige Laden mit den Kleinantiquitäten und Weltkriegsdevotionalien, der immer verschlossen ist, hat geöffnet, heute, um diese Stunde. Ein Schwarzer, offenbar der Betreiber, tritt durch die Tür, mit ihm kommen die einleitenden Takte von Trios „Da da da“ aus den 80ern. Es ist ein Gefühl, als hätte dir das Universum mal geschwind das Gehirn herumgedreht, um einen Moment später wieder so zu tun, als wäre nichts geschehen.

24.

Und nun einmal „Stille Nacht“ trompeten auf der Karlshöhe. Die Dunkelheit schützt mich vor den schiefen Tönen.

25.

Eine Stunde lang höre ich nur Vögel zwitschern. Laute, die ich so nicht erwartet habe am Morgen des 25. Dezembers. Dann ruft ein Säugling, das erste menschliche Geräusch, und das scheint dem Anlass des Tages ja durchaus gerecht zu werden.

*

Dorfbahnhof an Weihnachten: Enkel, die dem Großvater in die Arme springen, junge Paare wie frisch verliebt. Schönes Menschsein. Dann Stille.

*

Schneefall! Und plötzlich ist man beinahe wieder Kind. Wenigstens ein paar Augenblicke lang.

26.

Die Fußsohlen brennen bereits vor Kälte, als der Fuß die Dicke des Eises testet und sie mühelos durchbricht. Drei Holzstiegen hinab, die Hand bricht die Ränder der Schollen weiter ab, dann taucht der erhitzte Körper ins schwarze Wasser ein. Weiße Flocken wirbeln über dem Teich. Ein paar Augenblicke später ist der Schmerz bereits Lebenslust und die nächsten steigen ins Loch.

27.

Winter_Raunacht_Allgäu

In den Raunächten

 

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15 Gedanken zu „Weihnachten reloaded – Ein paar Flocken im Schneetreiben

  1. Könnte ich jetzt gerne noch weiter lesen… 28, 29 30 . . .
    Und nochmals zurück zur 24 – wie das die Dunkelheit, Sie vor den schiefen Tönen zu schützen?
    Fastmitternächtlichmüde Grüsse aus einschlafenden Bembelland

    • Ach ja, dunkel und schief also auch mein Satz. Wollte sagen, die Dunkelheit gab mir ungeachtet möglicher Schieftöne die innere Freiheit, loszulegen. Noch müde Morgengrüße aus dem fußlahmen Zug

      • Aaahh, das Licht scheinet in die Dunkelheit – nun habs sogar ich geschnallt: ich danke Ihnen für die erhellende Erklärung und sende morgenmüdkalte Grüsse aus dem erwachenden Bembelland in den fusslahmen Zug 😉

  2. wie schön das ist, was du hier schreibst, lieber Holger, es erfreut mein Herz beim Lesen…
    und eine Träne in den Augen spüre ich auch dabei…

    dir ein schönes Silvester/Neujahr!
    Liebe Grüße vom Lu

  3. Zu Silvester hier noch mal auf Weihnachten zu gelesen (der automatische Hinweiser war nachlässig, sonst hätte ich wohl schon früher …) — schön. Ich verbuche die Nachträglichkeit unter Entschleunigung und wünsche ein gutes, rundes, freundliches neues Jahr!

  4. Lieber Herr Zeilentiger,
    meine Vornahme, verpassten Weihnachtszyklus in Ruhe nachzulesen, scheitert sogleich. Ich tauche mit Ihnen in die Raunächte hinein und verspüre Fußsohlengekribbel. In das Schwarzstillgewässer einzubersten, das traute ich mich nicht, aber es hier beschrieben zu lesen ist ein moderater Ersatz. Danke dafür und überhaupt. Ihre Schreibensweise hat mein Jahr ungemein bereichert. Ich freue mich auf das kommende, immer die Ihre, Frau Knobloch, eigenkässpätzrezeptlich, weil neig’schmeggt.

    • Liebe Frau Knobloch, das ist eine ungemein schöne Rückmeldung. Ich danke Ihnen sehr herzlich. Ihnen ein ganz erfülltes neues Jahr! Bis zum sehr baldigen Wiedersehen auf Ihrem herzensreichen Blog! Ihr Zeilentiger

  5. Mein Dorfbahnhof an Weihnachten:
    ein Parkplatz neben verrosteten Containern, die eigentlich schon seit mehreren Jahren hatten abtransportiert werden sollen. Der bärtige Mann, der den Kiosk betreibt, ist nur zwei Jahre älter als ich. Hat vier Kinder mit derselben Frau, ist aber seit einiger Zeit geschieden. Stellt zu Weihnachten immer eine kleine Plastiktanne mit bunten Lämpchen auf und verteilt Zimtsterne an seine Kunden.
    Einige seiner Kunden sind auch seine Kumpels. Mit denen er nach Feierabend ein Bier trinkt. Oder zwei.
    LG von Rosie

    • Liebe Rosie, danke sehr für deinen Dorfbahnhof! Man kann überall etwas sehen, nicht wahr? Und die Zimtsterne sind ja eine nette Geste.

      Herzliche Grüße, Holger

  6. Ich lese erst eben Deinen Beitrag und bin berührt von Deiner aufmerksamen und mitfühlenden Teilnahme an den Dingen und vor allem Menschen um Dich herum.
    Einen schönen, weil menschlichen Blick hast Du und die Worte, die Du dafür findest zeichnen ein schönes Bild Deiner Welt und von Dir selbst.
    Zum Glück habe ich diesen Text eben noch entdeckt.
    Frohes Neues!

    • Danke, danke sehr. So etwas hört man wirklich nicht jeden Tag. Ich schätze deine Worte wert! Auch dir noch ein glückliches neues Jahr – viel Leben, wenig Krankenhaus!

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