Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 1)

1.

Als ich an dem Dezembermorgen um 4.28 Uhr aus dem Haus trete, sehe ich durch die schmale Hofeinfahrt hindurch Sterne am Himmel. Draußen auf der Straße sind sie bereits verschwunden, das Firmament im Rücken der Laternen wirkt schwarz und leer. In der Luft liegt ein Versprechen. London calling.

2.

Kurz vor Köln kommt die Morgendämmerung, wenig später wechselt der Zugbegleiter bei seinen Ansagen auf vier Sprachen über. Die Sonnenstrahlen fallen über das flache Land, kaum Wolken, keine Spur von Frost. Der Winter scheint noch fern, nur eine Hypothese, keine Drohung. Vorfreude auf Tee jenseits des Tunnels und auf die in Ghee angebratenen grünen Chilis auf den Gerichten indischer Restaurants.

3.

Nach der erneuten Passkontrolle (der Eurostar, der den Kontinent und London miteinander verbindet, ist vermutlich der bestgeschützte Personenzug Europas) empfängt mich die Durchsage: die Mahnung − einer ganz tadellosen Stimme, laut und hallend −, das eigene Gepäck immer bei sich zu behalten und herrenlose Gepäckstücke sofort zu melden. Durch die Brechung einer anderen Sprache wird mir der auch von deutschen Bahnhöfen allzu vertraute Aufruf erst eigentlich bewusst. Ich lausche den Durchsagen, während ich mich zwischen einer Heerschar an CCTV-Überwachungskameras (über 400 Kameras sind im Bahnhof St. Pancras/King’s Cross installiert, ein erneuter Superlativ der Kontrolle) durch die Halle schiebe. Da komme ich also in einem der ältesten demokratischen, liberalen Staaten der Welt an und das Erste, was ich erlebe, ist ein Akt der Überwachung und ein Aufruf zur Selbstüberwachung. Wie frei sind wir wirklich in unserer Angst vor dem Terror, dieser Achillesferse unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaften? Al-Qaida hat ganze Arbeit geleistet.

4.

Vom Bahnhof erreiche ich meine Unterkunft zu Fuß. Das Hostel wirkt hervorragend organisiert und so neu, dass Teile noch Baustelle sind. Die Rahmenbedingungen sind trotzdem bescheiden, aber das war klar. Für zehn Pfund die Nacht − ein Schnäppchen − ist nicht mehr zu erwarten. Es macht nichts, ich habe nicht vor, hier mehr zu tun als zu schlafen, zu duschen, das Smartphone aufzuladen.

5.

Gleich ums Eck ziehen sich Straßen mit niedrigen Ziegelbauhäusern hin, fast jedes beherbergt im Erdgeschoss ein Lokal oder Ladengeschäft: ein Café, ein Restaurant, ein Antiquariat, eine Schwulenbuchhandlung. Ich betrete das erste indische Restaurant, das ich sehe.

6.

Chilischweiß auf der Stirn und eine orgasmische Komposition von Gewürzen und Zutaten. Kulinarische Glückseligkeit. Kein indisches Restaurant in Deutschland kocht auf solche Weise.

7.

Zum Nachtisch ein Espresso Macchiato in einer Pastabar nur ein paar Häuser weiter. Nichts treibt mich, ich bin frei. Es ist sehr beengt, die Tische sind lachhaft klein, eine studentische Intimität mit hipper mediterraner Küche. Ich gebe mich dem Klang der Gespräche um mich herum hin und lächle. Britisch-Englisch ist die einzige Fremdsprache, bei der ich so viel verstehe, dass sich nicht sofort das Gefühl von Fremde, Entfremdung einstellt. Ich genieße es.

8.

Endlich Eintauchen in die Stadt. Ich schwenke nach Osten.

9.

„Ethio Modern European Restaurant & Bar“. Ja, das ist die moderne englische Küche, nicht mehr verkochter Kohl an geschmacklosen Kartoffeln und ein paar Erbschen! Dann sehe ich, dass das Restaurant geschlossen ist, aufgegeben.

10.

An der Tür der Clerkenwall Screws Ltd. − Nuts & Bolts hängt ein Schild: „Do not bring bikes into the shop.“ Der Kundenbereich vor der Ladentheke ist ein schmaler Schlauch von rund zwei Quadratmetern. Schiebt ein Kunde sein Rad hinein, passt er selbst kaum mehr dazu, geschweige denn andere Besucher. Die merkwürdige Regel auf der Ladentür gewinnt nach einem Blick ins Ladeninnere also ganz neues Gewicht.

11.

„First Act, Than Reflect“ − Kapitelüberschrift in einem Buch aus dem Magma Book Shop, einem Ratgeber für ein erfüllteres Berufsleben.

12.

Ein Fahrradfahrer im dezemberlichen Straßenverkehr Londons: kurze Hose, Neonleuchtweste, Atemgerät aus durchsichtigem Plastik. Fahrender Ritter des 21. Jahrhunderts.

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Who am I?

 

 

 

 

 

 

 

 

13.

Es dämmert bereits, als sich die uniformierten Schüler, den Kragen gelockert und miteinander schäkernd, auf den Heimweg machen. Nur der brave indische oder pakistanische Junge mit der großen Brille und dem scharf gezogenen Scheitel geht allein, die Augen auf den Boden gerichtet. Alles an ihm ist tadellos, einzig das freche Glück fehlt in seinem Gesicht.

14.

Innerhalb einer halben Stunde zweimal von Einheimischen nach dem Weg gefragt zu werden, hat − vielleicht irrigerweise − etwas Schmeichelhaft: das Selbstverständnis eines Fisches im Wasser. Helfen konnte ich nicht.

15.

„Chariot Roman Spa − Englands Biggest & Best Mens Health Spa“. Bemerkenswerter Name. Was wohl alles angeboten wird? Lustknaben in Toga inklusive? Haarige Wagenlenker mit Aufschlag?

16.

Ich weiß nicht, wie hoch angesichts der vorherrschenden Wintermode die Rate an Blasenentzündungen bei den Londoner Frauen ist. Es sind jedenfalls nicht meine Augen, die Schmerzen davontragen.

17.

In einer vergitterten Hofeinfahrt zwischen zwei Fish & Chips sitzt, fast schon im Dunkeln, eine Frau auf einem Stuhl, den Kopf leicht nach vorne gebeugt. Vielleicht isst sie etwas, mir ist, als bewegte sich ihr Kiefer. Dann leuchtet kurz das kalte, blaue Licht eines Displays auf. Warum aber sitzt sie hier, in der dunklen, zugigen Einfahrt unter dem Küchenabzug? Hat sie nur hier, zwischen Mülltonnen, einen kostbaren Augenblick der Ruhe? Oder doch nur freies WLAN aus einem Nebenzimmer?

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Eine Botschaft in der Dämmerung von East London

 

 

 

 

 

 

 

18.

Partyhüte hinter Fensterfronten. Belegschaften bei der Weihnachtsfeier, papierene Kronen aus den Christmas Crackern auf dem Kopf, buntes Krepppapier über weißen Hemdkragen.

19.

Im East End Straßenschilder in Bengali unter den lateinischen Lettern. Was hier um die Brick Lane heute Banglatown ist, war einst Tatort von Jack the Ripper.

20.

Die City leuchtet, von Finsternis überdacht. Schwere Wolken legen sich wie eine Decke über die frühabendliche Stadt, dann bricht der Regen los. Niemand beginnt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, zu rennen. Selbst Passanten ohne Schirm und Kopfbedeckung nehmen den Regenschauer hin wie Windhauch oder Sonnenschein. Und tatsächlich, er erfrischt.

Bricks and glass

Bricks and glass

 

 

 

 

 

 

 

 

21.

Auf dem Reiseblog einer Freundin hatte ich das Foto gesehen und war ihr verfallen − der Salted Caramel Tart. Ich hatte mir den Namen des Restaurants im Londoner Osten geben lassen und suche nun nach dem Kuchen. Ich habe nur den Namen des Lokals, keine exakte Adresse und der Akku des Smartphones ist bereits leer. Ich frage mich durch und als ich schon nicht mehr damit rechne und eben aufgeben will, stehe ich plötzlich direkt vor dem Eingang.

22.

Und als ich den ersten Bissen im Mund habe, geschieht etwas: Es wird Frühling auf meiner Zunge, Goldadern fließen durch den Gaumen, bis hinein in den Unterleib kribbelt es. Entzücken durch alle Schichten: den dunklen Kuchenboden, das Salted Caramel, die feste Schokoladenschicht bis hin zu den ganz sacht gesalzenen, angerösteten Mandelblättern obenauf.

23.

Nach ein paar Bissen der tiefe Fall: Die Tart wird doch zu aufdringlich, in ihrer Süße wie in ihrer Salzigkeit. Von manchen Früchten sollte man eben doch nur einmal beißen.

24.

Ein Doppeldeckerbus taucht vor dem Fenster des Lokals auf. Nur die obere Busetage ist zu sehen. Sie ist fast leer, einzig zwei Schwarze sitzen darin. Er eine Mütze auf dem Kopf, sie ein paar Sitze weiter, ihren schweren Leib nach vorne gebeugt. Beide wirken müde. Sein Gesicht wendet sich zur Seite, fast begegnen sich unsere Blicke, dann ist er weg, der Mann, der Bus. Unmittelbar folgt ein zweiter Doppeldeckerbus und doch eine andere Welt. So viele Menschen sitzen oben, dass ich ihre Zahl kaum überschlagen kann, bevor das Fahrzeug vorüber ist und es wieder die große Aufschrift „Boxpark“ an der gegenüberliegenden Hauswand freigibt.

25.

Ich habe bezahlt und lasse den Blick noch schweifen: nach draußen in den Regen, durch die weitläufigen Räume des Lokals. Es ist laut und rege. Überall sitzen die Menschen zu Paaren, in Gruppen. Plötzlich hat mich die Einsamkeit schwer im Griff. Als eine schwermütige Ballade von Bruce Springsteen angespielt wird, greife ich nach der Jacke und haste hinaus auf die abendlichen Straßen, Kilometer um Kilometer glänzenden Asphalts vor mir. Manche Indianer glaubten, bei einer zu schnellen Reise käme ihre Seele nicht hinterher. Ich schreite aus, um daraus etwas abzuwerfen.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

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44 Gedanken zu „Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 1)

  1. 1. Ach, es ist so schön, mit dem Zeilentiger nach London zu reisen! 2. Über 400 CCTV-Kameras in St. Pancras/King’s Cross? Ich kann’s nicht glauben… 3. „Dämmerung über East London“: So schön, das Foto! 4. Freue mich sehr über die Wiederbegegnung mit den Damen ohne Blasenschwäche. 🙂 5. Bis zur Fortsetzung werde ich noch einige Male zu diesem Text hier zurückkehren, das steht fest. 6. Vielen Dank für diese wunderbaren London-Snippets!

    • Ich freue mich wirklich sehr über deine Rückmeldung. Und dass es dir wert war, diese Snippets nochmals zu lesen, obwohl du sie wie ein paar andere ja bereits kanntest. In den folgenden Teilen wird mehr Neues für dich dabei sein! Und auch die besagten Damen kommen noch einmal zu Wort.

  2. Lieber Herr Zeilentiger, das war meine erste Londonreise und sie war wundervoll. Fast zuviel der Eindrücke auf einmal. Ich hab’s wohl, die Indianerweisheit ignorierend zu schnell gelesen. Also gleich nochmal, Absatz für Absatz und Kopfkino der bonfortionösesten Sorte genießen. Danke , mein Lieber.

    • Liebe Frau Knobloch, mir wird es rotwarm in den Wangen für diese Ehre, Sie zu Ihrer ersten Londonreise mitnehmen zu dürfen, und es freut mich umso mehr, dass sie Ihnen gefallen hat!

      Vielen Dank auch für Ihren Hinweis, dass es Ihnen fast zuviel der Eindrücke waren. Würden Sie für die Zukunft kürzere Etappen begrüßen? Vielleicht nur 20 Blicke oder 15 (statt der 25)? Sprechen Sie ganz frei, ich freue mich über eine ehrliche Rückmeldung!

      • Ihre Etappen sind stimmig gewählt. Das ist ja das Bonfortionöse am Reisen, diese Vieleindrückerey, die man wieder und wieder verarbeiten will und immer noch ein neues Fitzelchen Erinnerung entdeckt. Verarbeiten will, nicht muß. Ich freue mich bereits auf morgiges Nochmallesen der Londonschnippsel. Es wird wieder anders sein. Fetzt! Nochmals dankende Grüße, Ihre Frau Knobloch, mit leichtem Gepäck unterwegs.

  3. Ich bin ja dafür bekannt, unter anderem zum Essen nach Italien zu fahren, aber nach England bin ich bisher eher wegen der Pubs gefahren. Nach deinem Bericht würde ich, hätte ich das nötige Kleingeld, gleich mal einen kulinarischen Trip nach London planen 😉

    • Nur das angesprochene nötige Kleingeld hindert mich daran, öfter einmal zu einem spontanen Essen nach London zu fahren. 😉 Ja, ich garantiere dir, ein kulinarischer Trip lohnt sich auch nach London. Wobei ich im Augenblick noch lieber nach Italien fahren würde. Mir fließt das Wasser im Mund zusammen … Da bist du jetzt schuld. 🙂

  4. Ganz toll geschrieben. London ist eine meiner absoluten Lieblingsstädte, schade, dass das Leben dort so derart teuer ist. Die Überwachung ist auch keine schöne Entwicklung, ich kenne es noch anders und war, als ich vor zwei oder drei Jahren zuletzt dort war, sehr erschrocken über die in der Stadt verteilten Kameras. Furchtbar. Dennoch ist diese Stadt einzigartig und bleibt es auch, ob mit oder ohne Kameras. Und die Schönheit und Vielfältigkeit hast Du gut einfangen können. Vielleicht fällt ja noch das ein oder andere Foto ab. Ich würde mich sehr freuen.
    Vielen Dank für die wunder-vollen Eindrücke. Ich hätte noch stundenlang weiter lesen können und mögen und freue mich nun umso mehr auf die Fortsetzungen.

    • Ich freue mich natürlich riesig über eine solche begeisterte Rückmeldung, und erst recht, weil sie von dir kommt. Danke sehr! Ja, London ist wirklich eine ganz spannende Stadt (wahrscheinlich kennst du sie noch besser als ich) und es würde mir sehr gefallen, dort eine Zeitlang zu leben – wenn es, wie du sagst, nur nicht so furchtbar teuer wäre.
      Ein paar Fotos wird es zu den weiteren Teilen geben, wenn auch weniger, als ich mir jetzt selber wünsche. Da ich eh ständig in ein Büchlein kritzelte – im Gehen, im Halbdunkeln, bei Regen -, war ich nicht so geduldig mit dem Knipsen. Und die Akkus wollten auch nicht immer. 😉

      • Danke für die Blumen. Das freut mich. 🙂 Wegen der Fotos – wenn noch eins im Text drin ist – freu ich mich. Und in London leben? Ja! Auf jeden Fall!
        Freue mich auf die Fortsetzung Deiner Reiseeindrücke. Und ja, kenne mich etwas in London aus. Aber eher nicht in St. Pancras.

  5. In fernweher Vorfreude auf weitere Schnipsel-Spaziergänge durch eine der großartigsten Städte: Eine wunderbare Mischung aus äußeren und inneren Eindrücken, denen du hier Ausdruck verliehen hast, lieber Zeilentiger!

  6. SEHR beeindruckend, und spannender als jeder Reiseführer, da bin ich mir sicher!

    Das mit der Einsamkeit und der Seele à la Indianer kenne ich in diesem Kontext auch sehr gut…

    Ich freue mich auf die Fortsetzung…
    und wünsche dir einen schönen Tag 🙂

  7. Bisher war ich noch nie in London und doch fühlt es sich gerade an, als hätte ich einen ersten Eindruck der Stadt sehen, einatmen und schmecken dürfen. Dank für’s Mitnehmen und herzliche Grüße! Ich freue mich sehr auf weitere Schnipsel. 🙂

    • Liebe Katja, eine schönere Rückmeldung ist ja kaum vorstellbar. Vielen Dank – und ich hoffe, die weiteren Schnipsel werden auch noch einladend sein. Herzliche Grüße!

  8. Pingback: Was bleibt. Das Blogger-Jahr 2014 | danares.mag

  9. Lieber Zeilentiger, eine Frage aus bald akutem Anlass: Bist Du die gesamte Brick Lane rauf/runter gelaufen oder lohnt sich ein bestimmter Abschnitt der Straße ganz besonders?

  10. Pingback: Brick Lane | danares.mag

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