Hirsch röhrt, Strauß stirbt

Die Hänge gleichen einer Wüste. Was einst Wälder waren, ähnelt einem Schlachtfeld aus geknickten, zersplitterten, zerstreuten Stämmen. Erst hatte der saure Regen Vorarbeit geleistet, dann kamen zwei Orkane mit vernichtender Wucht, was danach noch stand, hatte der Borkenkäfer zerstört. Heute noch stehen und liegen kahle, entrindete Bäume am Berg, von der Sonne gebleicht wie die Knochen einer zugrunde gegangenen Karawane.

Als der Wecker klingelt, steht der Vollmond noch am Himmel. Ich sehe ihn direkt von meinem Bett aus durch das Fenster des Baumhauses. Der runde Mond färbt, da die Sonne noch nicht aufgegangen ist, die Welt in einen fahlen gelblichen Ton. Es ist eine unwirkliche Farbe, wie sie nur in Zwischenzeiten möglich ist. Später, als ich von der Schnellstraße nach Osten abbiege, fahre ich geradewegs ins Morgenlicht. Die tiefstehende Sonne erreicht dank der Schutzblende nicht direkt meine Augen, trotzdem lässt mich diese Flut an Licht fast erblinden, kaum erkenne ich die Straße vor mir. Und dann ist schlagartig alles anders. Im Lichtschatten des Berges vor mir wandelt sich das Tal übergangslos zu einem kühlen, dämmerigen Landstrich, einem Reich Saurons. Nein, in solchen Schatten wollte ich nicht leben. Als ich am Parkplatz aussteige, friere ich, an einem Sonntagmorgen Ende August.

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Wege

Beim Aufstieg wundere ich mich über den jungen Wald, den zahlreichen Ahorn, auf dem Rückweg dann erfahre ich den Grund. Eine Schautafel zeigt in drei Bildern die Veränderungen der Forstlandschaft. Bis 1990 war auch an diesen Hängen wie vielerorts im Allgäu (eine seiner reizloseren Seiten) Fichten-Monokultur vorherrschend: schnell wachsende Flachwurzler. Das zweite Foto zeigt die verheerenden Zerstörungen durch Orkane im Jahr 1990, bei dem ganze Hänge leergefegt wurden. Das dritte ist ein rechteckiger Ausschnitt in der Tafel: Es öffnet den Blick auf den echten Wald dahinter. Einen Mischwald, der in vieler Hinsicht eine Bereicherung und Gesundung darstellt, zugleich sicher weniger Rendite abwirft (das steht nicht auf der Tafel) und nicht zuletzt auch stärker bejagt werden muss (was sehr wohl erläutert wird). Erst Schaden macht klug. Und ich denke zurück an jenes Jahrzehnt, als das Schreckgespenst des sauren Regens in der Bundesrepublik umherging, das Waldsterben die Westdeutschen um ihren Schlaf brachte und wir Kinder Karl dem Käfer für die Hitparade die Daumen drückten …

Interessant wird der Aufstieg erst im Häbelesgund. Hier öffnet sich ein Kessel, der Wald weicht Latschenkiefernbewuchs, mächtig erhebt sich die Rückwand in die Höhe. Unterhalb des schräg geschichteten Gesteins ziehen sich erstarrte Ströme aus Geröll herab auf den Kesselboden, sie verbreitern sich zum Grunde hin, und dort wo sie sich treffen, bilden dicke Felsbrocken die Speerspitze. Der Weg weicht dieser drohenden Klinge aus, er gabelt sich. Links windet er sich auf den bewachsenen Breitenberg, rechts ziehen sich Serpentinen über steile Schotterflächen auf die Rotspitze. Dort steige ich hinauf, während sich die Sonne über die rückseitige Kesselwand erhebt und den Weg erstrahlen lässt. Mit jeder Wende komme ich dem ergrauten, aber bergerprobten Paar über mir näher, und kaum könnte ich zum Überholen ansetzen, verliert sich der Weg auf einer kiefernüberwucherten Kante. Stoisch und ohne Tempowechsel setzt der Graubart vor mir einen Stock vor den anderen, ich hingegen gerate fast auf alle Viere, wie ich mich an Wurzeln und Gestein klammere, den Abgrund zur Rechten spüre und doch nicht sehen will. Als ich den Grat hinter mir lasse und der Weg sich wieder zurückwindet, ist das Paar davongezogen. Schattseitig geht es weiter, der Fels ist hier noch kalt, wie meine Hände staunend ertasten, der nackte Ellbogen streift das Gestein. Das Paar hole ich wieder ein, aber ich überhole es bis zum Gipfel nicht, denn immer wieder falle ich dort zurück, wo ich zögerlicher werde, denn die beiden vor mir kennen den Sog der Tiefe nicht. Endlich auf dem Gipfel wundere ich mich über Wanderer, die sich die Mühe machen, eine Bierflasche mit in die Höhe zu tragen, ich stütze die Arme auf den Beinen auf, während ich den Rundumblick in meinem Notizbuch festhalte, und als ich die Ellbogen wieder löse, sehe ich Bluttupfer auf der Hose. Nicht stark war der Schlag gegen den Felsen, aber Stein ist eben härter als Fleisch.

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Ausgebleicht

An einem herrlichen Herbsttag Ende der 80er-Jahre waren zwei Familien – vier Erwachsene, fünf Kinder und alle auf irgendeine Weise im BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland) aktiv – auf einer Wanderung irgendwo in den Tannheimer Bergen. Es war ein perfekter Tag für eine Bergwanderung, ein goldener Herbsttag: golden das schwere Licht, golden das Gras, das Laub der Wälder, der Ruf der Hirsche. Als wir am Parkplatz zurück waren, hörten wir im Radio, dass Franz Josef Strauß, bayerischer Ministerpräsident und Übervater der CSU, gestorben war. Betroffenheit war, um ehrlich zu sein, nicht die vorrangige Reaktion in unserem Kreis. Auch die beiden Familienväter, sensible Männer mit den für die 80er-Jahre typischen Schnurrbärten und gelegentlicher Schwermut in den sanften Augen, Polizist der eine, Lehrer der andere, waren vom Hinscheiden ihres Landes- und obersten Dienstherrn nicht erschüttert. Es war vielmehr, als wäre eine Last von uns abgefallen. Ich will das hier nicht beurteilen, aber ich meine, es sagt etwas aus über das Lebensgefühl im Bayern der 1980er Jahre.

„Es gibt zwei markante Stellen“, beschreibt mir der Mann in seinem charakteristisch schwerfälligen Dialekt die Hohen Gänge. Ich höre auf seinen Rat und steige lieber über die Südseite ab. An der Weggabelung fühle ich mich bestätigt. „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und absolute Schwindelfreiheit erforderlich“, warnt ein Schild vor dem Weg nach Osten. Durch die ersten beiden hätte ich mich noch durchgemogelt, das dritte ist mir ernste Mahnung. Über Grashänge steige ich also ab, suche über vereinzelte felsige Platten meinen Weg, ausgespülte Rinnen zwingen zu tiefen Schritten und lenken die Aufmerksamkeit dorthin, wohin man den Fuß setzt. Das Tier sehe ich erst, als ich zwei Schritte von ihm entfernt bin. Ein Schlangenkopf zuckt empor. Es ist die erste Kreuzotter, der ich in meinem Leben begegne, braun mit dem dunklen Rückenmuster und nicht sehr lang, vielleicht 30 cm nur, aber ganz eindeutig Viper und nicht Natter. Der gedrungene Leib, der charakteristische Kopf mit dem deutlichen Halseinschnitt, das Verhalten des Tieres bezeugen es. Denn nach dem ersten Schreck verharrt es aufmerksam an Ort und Stelle, wartet, ob mich ihr Ruf als giftiges Getier zum Rückzug bewegt. Erst als es merkt, dass ich nicht das Weite suche (sondern nach der Kamera in der Tasche taste), setzt sich die Schlange in Bewegung und kriecht unter ein Grasbüschel, auch dabei nicht gar zu eilig verglichen mit einer hurtigen Ringelnatter (wenn auch immer noch zu schnell für meine Kamera, leider). Die Schlange zischt auf ihrer Flucht. Ist die Schlange so klein, für einen Erwachsenen nicht tödlich giftig und vor allem auf der Flucht vor einem selbst, ist solch ein erstmals vernommenes, drohendes Zischen eine reizende Erfahrung.

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Durst

Am 7. Oktober 1988 geleitete ein Trauerzug Strauß‘ Leichnam durch die bayerische Hauptstadt. Über 100 000 Menschen verfolgten das Ereignis vor Ort – es war der größte Trauermarsch in der Geschichte Münchens. Und zugleich empfand ein Teil der Bevölkerung eine neue Freiheit. Luft zum Atmen.

Kurz vor dem Talausgang komme ich am Café Horn vorbei, von dem mir W. vorgeschwärmt hat, weil der Ort das verklärte Ausflugsziel seiner Kindheit war, dort, wo Kuchen und Torten ausgebreitet waren, um bestaunt zu werden und um aus ihnen auszuwählen. Das war etwas Außerordentliches für W., denn er ist in einer Bäckersfamilie aufgewachsen, da ging man nicht einfach Kuchen anderer Leute kaufen. Volksmusik aus der Dose dringt mir entgegen, ich mache an der Schwelle kehrt und verzichte gerne auf meinen Kuchen. Unten an der Ostrach, fast schon am Ziel, mache ich dann doch noch Halt und setze mich auf die Terrasse eines kleinen Landgasthofes. Die Bedienung ist eng in ein Dirndl geschnürt, aber das ist nur Kulisse, Staffage. Die osteuropäischen Augen verraten die junge Frau noch vor ihrem Akzent. Ihre zur Schau gestellte Langeweile und die Tatsache, dass sie mich mehrmals ostentativ übersieht, ärgert mich, aber zugleich meine ich sie zu verstehen. Da zwängt sie sich für einen saisonalen Job in die Tracht einer Regionalkultur eines anderen Landes und bedient in einem Gasthaus irgendwo zwischen zwei Bergen, wo sie die Hälfte der Besucher ihres Dialekts wegen vermutlich nicht versteht. Das alkoholfreie Weizen bringt mir ihr Kollege an den Tisch. Binnen Sekunden ist das Glas geleert und sofort glänzen meine Unterarme feucht. Der Kellner schaut verdutzt. „Soll ich Ihnen nochmals die Luft aus dem Glas lassen?“ Danke, nein. Frisch getankt geht es nach Hause.

Die CSU regiert noch immer.

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Ein Blick zurück

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Goethe drängt

„Göthe sitzt neben mir“, schreibt am 7. November 1792 ein Herr auf einem Gut vor Düsseldorf, „darum kann ich Ihnen nur im Fluge schreiben. Ich habe ihm etwas zu lesen in die Hand gegeben; so lange das dauert werde ich fort schreiben.“

#eisfrei

Statt Pistazien- und Schokoladeneis gibt es ausgesuchte Bücher, Schmuck und Fotografie. Die Münchner Kulturkonsorten („Netzwerk für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im digitalen Raum“) haben in der Schwanthalerstraße für zwei Monate eine Eisdiele als Verkaufs- und Kommunikationsraum übernommen. In den Adventswochen wird dann noch eins draufgelegt: Jeden Abend bis zum 24. Dezember wird das #eisfrei mit einem Kulturprogramm bespielt: von der SPAM-Lesung über den Männerhäkelkurs bis zum Foodsharing. Die Idee für diese Kulturtheke im Münchner Westend entstand spontan, umgesetzt hat sie das Team in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. „Die Bücher“, erzählt Branchenkenner Felix Wegener bei einem Bier der lokalen Brauerei Giesinger, „habe ich zusammen mit meinem Vater, einem Buchhändler mit über 40 Jahren Berufserfahrung, ausgesucht. Das hat großen Spaß gemacht.“ Diese Begeisterung ist zu spüren im kleinen, feinen #eisfrei. Hier wird vorgelebt, wie Zwischennutzung auch aussehen kann − und sich Kreativität in unserem Land der Bedenkenträger Raum zu verschaffen weiß.

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Umbau im #eisfrei für das Abendprogramm

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Meine ersten Schneeflocken fallen an einer Autobahntankstelle. Es ist Nikolaustag, die Raststätte ist wegen Umbau gesperrt. So romantisch.

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Wenn der Krampus müde wird

Die nächste Tankstelle steuern wir im Pinzgau jenseits der Grenze an. Die Berge liegen schwer in Wolken, nur die Flanken zeigen sich dem Auge, weglose Mischwaldhänge.

Der Verkaufsraum der Tankstelle ist uniform wie jeder andere, das angeschlossene kleine Café hingegen hat Charakter. Sehr einfach ist es, doch mit einer richtigen Siebträgermaschine bestückt. Einheimische Männer sitzen auf den Bänken, ihr Lachen mischt sich rau mit Zigarettenrauch. Acht oder zehn Schritte hindurch zur Toilettentür reichen, um den schmierigen Film auf der Haut zu spüren. Es ist ein unwirklicher Besuch. Wir alle sind irritiert, weil wir so etwas aus Deutschland (und ganz besonders Bayern) nicht mehr kennen.

„Zwei von den Würstchen da bitte“, bestellt jemand von uns. „Wollen Sie auch Gebäck dazu?“ Schon wieder sind wir verwirrt. Denn auf der Theke stehen nur süße Croissants und der Tankstellenwirt wird doch nicht solche anbieten zu … „Äh, ja, einen Semmel bitte“, kommt mit Verspätung die Antwort. „Eine Semmel, sehr wohl“, bestätigt der Wirt.

Das Tal öffnet sich, klare Gewässer mäandern zwischen den Feldern (einige der Zuflüsse nichts als Kiesbänke, trocken wie ein Wadi), die Siedlungen werden größer. An einem Kreisverkehr wandert ein Krampus vorüber. Die Hörnermaske hängt ihm schief über den befellten Rücken, er setzt einen kleinen Schritt vor den anderen, die Augen blinzeln in den trüben Tag. Ein armer, müder Teufel nach durchzechter Nacht auf dem Weg nach Hause.

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Die allseitigen Komplimente über seine rosafarbenen Halbschuhe nimmt der Hochzeitsgast mit einem uneitlen Lächeln entgegen. „Und er scheint ja auch ein netter Hund zu sein“, äußert sich eine Freundin. Das ist natürlich ganz und gar anerkennend.

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Grenzverschiebungen

Die Stimmung innerhalb der 400 Jahre alten Scheunenmauern ist hervorragend. Burgenländer Wein fließt und der Münchner Journalist an unserem Tisch gefällt sich (durchaus zur Unterhaltung aller) darin, die österreichischen Tischgenossinnen und -genossen zu provozieren, sie kontern munter. Und dann ziehen die Rheinhessen vor dem Brautpaar auf und alles wird anders. Sie schwenken Fahnen (das Mainzer Rad). Sie singen (fremdartig). Sie rufen „Helau!“ (sehr fröhlich). Der Oberbayer blickt den Allgäuer an und scheint das zu sehen, was in seinem eigenen Gesichte steht. „Jetzt haben wir den Kulturschock“, wendet er sich an seinen österreichischen Sitznachbarn. „Da sind wir euch dann eben doch näher.“

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Ein kurzer Schwenk ab vom Mittleren Ring, bevor es wieder auf die Autobahn geht und plötzlich ist der Bildschirm des Navis schwarz. Als er wieder aufleuchtet, steht da der „Weg nach Timbuktu“.

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Die ebsch Seit

Eine Woche zuvor war ich zu einem Audio-Podcast eingeladen worden von einer in Mainz ansässigen Bloggerin. Es war meine erste Erfahrung mit Podcasts und es war gut. Es ist bemerkenswert, wie viele Bloggerinnen und Blogger ich in anderthalb Jahren kennengelernt habe, die einen Bezug zu Rheinhessen oder Südhessen haben; vielleicht mehr als aus allen anderen Regionen. Freundschaften sind daraus entstanden und Besuche. Was mir in dem Stadel im Salzburger Land so fremd erschienen war, ist in einem anderen Kontext also nahe. Die ebsch Seit ist eben eine Sache der jeweiligen Perspektive und erst die Vielzahl unserer Identitäten macht uns wirklich aus.

So hatte ich heute das Griasdi-pfiati-Land (seine Grenzen sind in keinem politischen Atlas zu finden) ein wenig schwermütig verlassen. Als ich die Stufen des Stuttgarter Bahnhofs − seit heute wissen wir, einer der zehn „Risikobahnhöfe“ Deutschlands, wie die Welt am Sonntag unter einer so reißerisch wie dümmlich-vereinfachenden Überschrift darlegt − hinabschreite, schiebt sich eine neue Schablone vor meine innere Wahrnehmung. Nichts hat sich verändert in der Außenwelt und doch ist alles anders. Was eben Exil war, ist wieder Zuhause. Mit einem Lächeln beschleunige ich meinen Schritt. Die Welt scheint zu pulsieren vor Möglichkeiten.

420 Wörter später muss der Briefeschreiber zum Ende kommen. „So viel für heut. Ich hatte gestern wüthende Kopfschmerzen, darum war es mir unmöglich zu schreiben. − Abends um 6 erschien Göthe. […] Er hat schon lange ausgelesen u spuckt um mich herum daß ich wohl aufhören muß.“

Links für Neugierige
Das #eisfrei
Die Kulturkonsorten in München
Wer den Krampus nicht kennt.
Der Briefeschreiber aus Pempelfort
Die Top-Ten deutscher „Risikobahnhöfe“