Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (7)

27. Abschied – Leben und Sterben heute

Die Feiertage sind vorüber. Ade, Weihnachten, es heißt Abschied nehmen, bis zum nächsten Jahr.

Und schon, kaum ist der fromme Gruß ausgesprochen, die Feierzeit entlassen, laufen die Katastrophenmeldungen ein. Der Großvater, Vater der Mutter dieses Mal, ist niedergestürzt und nun im Krankenhaus. Als hätte er sich eben noch durchs Weihnachtsfest schleppen wollen, geschafft und jetzt – gleichfalls Abschied nehmen. Wird es für ihn ein nächstes Jahr geben? Wasser in der Lunge, Schwäche, allgemeine Kraftlosigkeit werden erst einmal diagnostiziert. Doch halt, da wird noch ein Milzriss entdeckt, Unmengen von Blut in der Bauchhöhle, Notoperation, man hätte den Befund keine Stunde später stellen dürfen. Gerettet? Keinesweg; aus der Narkose wird ein Koma.

War es das?

Und haben wir da nicht noch einen Abschied? Die liebe Verwandte hat sich vor den Feiertagen von ihrem Freund getrennt und er taumelt nun im Trennungsschmerz durch die Tage und Nächte. So ist das für manche: Da offenbart man sich als Einzelgänger einem Menschen, vertraut ihm – und nur ihm – alles an, macht diesen Menschen zum besten Freund und zur Geliebten zugleich und dann so was. Die Nabelschnur gekappt, der Astronaut treibt plötzlich allein durch ein leeres, kaltes, dunkles Universum. Wieso den Abschied nicht gleich perfekt machen und sich in den Tod stürzen? Zwei Tage und Nächte also stützen ihn seine Verflossene und ihr Bruder, Betreuung rund um die Uhr, bis es ihnen langt: Genug ist genug, wenn du nicht leben willst, wird’s zu einem klinischen Fall. Und da haben wir also schon wieder das Krankenhaus und die Drohung von Tod.

Abschied, Abschied, Abschied.Die Erde dreht sich weiter. Und wir schweben immer noch in unseren Anzügen durch das All.

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Ein Weihnachtszyklus – (nicht ganz) frei von Religion (2)

22. Der gewaltigste aller Filme

Die Begrüßung hatte eine gewisse Befangenheit. Wir hatten uns lange nicht gesehen und ich war das erste Mal in seiner neuen Wohnung. Sie war größer als die vorherige; noch mehr Raum, der mit Computern, CDs, Zeitschriften, Postern, Büchern und ein paar Überbleibseln aus seiner Kindheit, gleich bizarren Inseln in diesem Meer, gefüllt war.

Er freute sich und ich freute mich auch und wir lächelten ein geheimnisvolles Lächeln und sahen doch in den Augen des anderen ein wenig Verlegenheit. Wie so oft lief Filmmusik. Schwere Musik, schwer und groß wie der Mann vor mir: ein langsamer Hüne, und diese Schwere fand sich in allem – in seinen Gebärden, in diesem Zimmer, in den Farben.

Er war vom Filmgeschäft enttäuscht. Hoffnungen waren geplatzt, Verträge waren zurückgezogen, Versprechen gebrochen, Ideen für eigene Projekte abgewiesen worden. Zu originell, lautete die Begründung. Niemand wolle so etwas sehen, und folglich wollte niemand so etwas produzieren. Bloß keine Experimente auf dem deutschen Filmmarkt!

Das war vielleicht das Schlimmste: der Tod der Kreativität. Was blieb, war die Möglichkeit, die eigene Haut zu Markte zu tragen. Sich zu verkaufen, das widerstrebte ihm aber; etwas zu schaffen, an das er nicht glaubte, tat ihm weh.

Und nun sah er seine neue Hoffnung im Glauben, der zu seiner wichtigsten Stütze geworden war. Er überlegte, nochmals zu studieren, vielleicht einen internationalen Studiengang Theologie, berufsbegleitend. Und danach – womöglich Pastor?

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll und höre nur zu, ich registriere, lächle vage, aber nicke nicht.

CD-Wechsel: Der Herr der Ringe 2.

„Der gewaltigste Film aller Zeiten“, sagt er. Die Musik ist dunkel und heroisch und das Ende
schwer und gewaltig, gigantisch, düster, wie schwarze Klippen der Nacht, die majestätisch
emporragen. Einsam.

Das war es: Sie drückte aus, was ich sah, was ich fühlte, als ich ihm zum Abschied die Hand reichte. Ein einsamer, großer, schwerer Mann, der da dunkel im Zimmer stand.

Eine kaspische Irrung – Olivier Rolin, „Letzte Tage in Baku“

An einem Frühlingstag im Jahr 2009 setzte sich der französische Schriftsteller und Journalist Olivier Rolin in einem Hotelzimmer der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku (Hotel Abscheron, Zimmer 1123) eine Pistole an den Kopf und erschoss sich. So nahm der Autor 2004 seinen eigenen Tod in einem literarischen Spiel vorweg. Fünf Jahre später reist er – gegen den Rat seiner Freunde – nach Baku ans Ufer des Kaspischen Meers: zu einem Rendevouz mit seinem eigenen literarischen Tod.

Der makabre Flirt sieht sich unerwarteten Schwierigkeiten gegenüber, denn das Hotel Abscheron existiert nicht mehr. Einen Monat lang treibt Rolin, einem unerlösten Geist gleich, durch das kaspische Land, isoliert durch seine mangelnden Kenntnisse des Russischen (ganz zu Schweigen natürlich vom turksprachigen Aserbaidschanischen) und auf sich selbst zurückgeworfen.

Ich habe mich immer als Kosmopolit gefühlt, aber gehemmt, unzulänglich, unentschlossen. Schuldig, sprechen wir es ruhig aus. Wenn ich sterbe – vielleicht bald hier, in Baku –, werde ich unter anderem eines bedauern: dass ich nur ein Grabscher von Sprachen war, dass ich sie nicht zu meinen Maitressen gemacht habe.

Seine Stadtodyssee führt ihn in eklektizistische Paläste, die neureiche Ölbarone – eine muslimisch-kapitalistische Aristokratie, gegen die sich Stalin (als der diesen Namen noch nicht trug) als Bankräuber und Terrorist seine Sporen als sozialistischer Kämpfer verdiente – Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet hatten, eine Epoche, die der schillernde Autor Essad Bey alias Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Kurban Said einst so malerisch beschrieben hatte.

Rolin pirscht sich an Sungarit heran, den größten petrochemischen Industriekomplex der UdSSR, früher eine Gartenlandschaft mit begehrten Melonen, heute eine kilometerweit verwüstete, düstere Landschaft entlang des Kaspischen Meeres und einer der am stärksten von Umweltgiften verseuchten Orte der gesamten Welt.

Rolin sucht die Stimmen Aserbaidschans, vom ehemaligen Offizier der Roten Armee und Afghanistanveteranen, der nun das Hungerdasein eines Bettlers fristet, bis zum Maler Tahir Salachow, der sich mit beinahe jeder Berühmtheit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ablichten lassen. Und er unternimmt einen Ausflug über das Kaspische Meer hinüber nach Turkmenistan, einer weiteren der ehemaligen Sowjetrepubliken, die erstarrt ist unter dem wahnwitzigen Kult um ihren Staatsführer, dem Turkmenbaschi („Führer der Turkmenen“) Saparmurat Nijasow.

Einer der Fischer, ein großer, schlaksiger Kerl mit Bart und im Trainingsanzug, fragt mich, ob es in Frankreich Fische gebe (diese Frage …) und ob es Carla Bruni gut gehe (diese Frage bejahe ich weniger nachdrücklich, hm, ja doch, ich habe den Eindruck, ja).

Ein Reisebericht kennt immer drei Ebenen einer Reflexion oder Auseinandersetzung – der unmittelbaren Begegnung mit dem Gegenüber; der mittelbaren durch Rezeption anderer Quellen und Wissensvermittlung aus zweiter Hand; der Konfrontation mit sich selbst – und entsprechend erhält ein Reisebuch seinen Grundcharakter durch die Gewichtung der drei Ebenen. Rolin räumt allen dreien Platz ein, in einer immer wieder seine Form suchenden, oszillierenden Gemengelage.

Welchen Sinn hat diese Geschichte eigentlich, die Sie gerade lesen? Und was ist es überhaupt? Ein Reisetagbuch, zusammenhanglose Erinnerungsfetzen, ein Testament?

Dabei überzeugen Rolins „Letzte Tagen in Baku“ nicht immer. Wer ein Geflecht literarischer Bezüge schätzt, wird den Teppichknüpfer Rolin (mit seinen Rückgriffen insbesondere auf französische und russische Literatur) mutmaßlich genießen. Ungeachtet bestechender Schilderungen (etwa des Opernbesuchs, der menschenleeren megalomanischen Moschee in Kiptschak, der Ruinen von Merw) lässt der Erzähler doch Poesie missen. Womit selbstredend nichts Schwelgerisches gemeint ist, sondern eine Verdichtung von Sprache und Bild, die neue Blickfluchten öffnet. Nicht zuletzt wirkt der Erzähler in der Innen- und Außenwelt bisweilen orientierungslos, als hätte er nicht gewusst, was er mit seiner Zeit anfangen sollte.

In einer Schlüsselszene lichtet sich der (fast) nackte Autor in seinem Hotelzimmer selbst ab, das Foto ist in das Buch aufgenommen: Steif steht er da, den Kopf etwas schief gelegt, der Körper noch durchtrainiert, die Einsamkeit seines 62. Geburtstages steht in das Gesicht geschrieben, die Situation ist lächerlich. Es könnte Sinnbild einer biographischen Selbsthinterfragung unter dem Zeichen des Todes sein. Doch es fehlt der Odem der Überzeugungskraft. An dem Bild wie an dem Buch.

Eine Besprechung der sehr lohnenswerten Biographie „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“ von Tom Reiss findet sich auf Philea‘s Blog.

Olivier Rolin, Letzte Tage in Baku. Bericht. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2013. Halbleinen mit Lesebändchen, 160 Seiten mit 57 Schwarzweißfotografien.

Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 1)

1.

Als ich an dem Dezembermorgen um 4.28 Uhr aus dem Haus trete, sehe ich durch die schmale Hofeinfahrt hindurch Sterne am Himmel. Draußen auf der Straße sind sie bereits verschwunden, das Firmament im Rücken der Laternen wirkt schwarz und leer. In der Luft liegt ein Versprechen. London calling.

2.

Kurz vor Köln kommt die Morgendämmerung, wenig später wechselt der Zugbegleiter bei seinen Ansagen auf vier Sprachen über. Die Sonnenstrahlen fallen über das flache Land, kaum Wolken, keine Spur von Frost. Der Winter scheint noch fern, nur eine Hypothese, keine Drohung. Vorfreude auf Tee jenseits des Tunnels und auf die in Ghee angebratenen grünen Chilis auf den Gerichten indischer Restaurants.

3.

Nach der erneuten Passkontrolle (der Eurostar, der den Kontinent und London miteinander verbindet, ist vermutlich der bestgeschützte Personenzug Europas) empfängt mich die Durchsage: die Mahnung − einer ganz tadellosen Stimme, laut und hallend −, das eigene Gepäck immer bei sich zu behalten und herrenlose Gepäckstücke sofort zu melden. Durch die Brechung einer anderen Sprache wird mir der auch von deutschen Bahnhöfen allzu vertraute Aufruf erst eigentlich bewusst. Ich lausche den Durchsagen, während ich mich zwischen einer Heerschar an CCTV-Überwachungskameras (über 400 Kameras sind im Bahnhof St. Pancras/King’s Cross installiert, ein erneuter Superlativ der Kontrolle) durch die Halle schiebe. Da komme ich also in einem der ältesten demokratischen, liberalen Staaten der Welt an und das Erste, was ich erlebe, ist ein Akt der Überwachung und ein Aufruf zur Selbstüberwachung. Wie frei sind wir wirklich in unserer Angst vor dem Terror, dieser Achillesferse unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaften? Al-Qaida hat ganze Arbeit geleistet.

4.

Vom Bahnhof erreiche ich meine Unterkunft zu Fuß. Das Hostel wirkt hervorragend organisiert und so neu, dass Teile noch Baustelle sind. Die Rahmenbedingungen sind trotzdem bescheiden, aber das war klar. Für zehn Pfund die Nacht − ein Schnäppchen − ist nicht mehr zu erwarten. Es macht nichts, ich habe nicht vor, hier mehr zu tun als zu schlafen, zu duschen, das Smartphone aufzuladen.

5.

Gleich ums Eck ziehen sich Straßen mit niedrigen Ziegelbauhäusern hin, fast jedes beherbergt im Erdgeschoss ein Lokal oder Ladengeschäft: ein Café, ein Restaurant, ein Antiquariat, eine Schwulenbuchhandlung. Ich betrete das erste indische Restaurant, das ich sehe.

6.

Chilischweiß auf der Stirn und eine orgasmische Komposition von Gewürzen und Zutaten. Kulinarische Glückseligkeit. Kein indisches Restaurant in Deutschland kocht auf solche Weise.

7.

Zum Nachtisch ein Espresso Macchiato in einer Pastabar nur ein paar Häuser weiter. Nichts treibt mich, ich bin frei. Es ist sehr beengt, die Tische sind lachhaft klein, eine studentische Intimität mit hipper mediterraner Küche. Ich gebe mich dem Klang der Gespräche um mich herum hin und lächle. Britisch-Englisch ist die einzige Fremdsprache, bei der ich so viel verstehe, dass sich nicht sofort das Gefühl von Fremde, Entfremdung einstellt. Ich genieße es.

8.

Endlich Eintauchen in die Stadt. Ich schwenke nach Osten.

9.

„Ethio Modern European Restaurant & Bar“. Ja, das ist die moderne englische Küche, nicht mehr verkochter Kohl an geschmacklosen Kartoffeln und ein paar Erbschen! Dann sehe ich, dass das Restaurant geschlossen ist, aufgegeben.

10.

An der Tür der Clerkenwall Screws Ltd. − Nuts & Bolts hängt ein Schild: „Do not bring bikes into the shop.“ Der Kundenbereich vor der Ladentheke ist ein schmaler Schlauch von rund zwei Quadratmetern. Schiebt ein Kunde sein Rad hinein, passt er selbst kaum mehr dazu, geschweige denn andere Besucher. Die merkwürdige Regel auf der Ladentür gewinnt nach einem Blick ins Ladeninnere also ganz neues Gewicht.

11.

„First Act, Than Reflect“ − Kapitelüberschrift in einem Buch aus dem Magma Book Shop, einem Ratgeber für ein erfüllteres Berufsleben.

12.

Ein Fahrradfahrer im dezemberlichen Straßenverkehr Londons: kurze Hose, Neonleuchtweste, Atemgerät aus durchsichtigem Plastik. Fahrender Ritter des 21. Jahrhunderts.

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Who am I?

 

 

 

 

 

 

 

 

13.

Es dämmert bereits, als sich die uniformierten Schüler, den Kragen gelockert und miteinander schäkernd, auf den Heimweg machen. Nur der brave indische oder pakistanische Junge mit der großen Brille und dem scharf gezogenen Scheitel geht allein, die Augen auf den Boden gerichtet. Alles an ihm ist tadellos, einzig das freche Glück fehlt in seinem Gesicht.

14.

Innerhalb einer halben Stunde zweimal von Einheimischen nach dem Weg gefragt zu werden, hat − vielleicht irrigerweise − etwas Schmeichelhaft: das Selbstverständnis eines Fisches im Wasser. Helfen konnte ich nicht.

15.

„Chariot Roman Spa − Englands Biggest & Best Mens Health Spa“. Bemerkenswerter Name. Was wohl alles angeboten wird? Lustknaben in Toga inklusive? Haarige Wagenlenker mit Aufschlag?

16.

Ich weiß nicht, wie hoch angesichts der vorherrschenden Wintermode die Rate an Blasenentzündungen bei den Londoner Frauen ist. Es sind jedenfalls nicht meine Augen, die Schmerzen davontragen.

17.

In einer vergitterten Hofeinfahrt zwischen zwei Fish & Chips sitzt, fast schon im Dunkeln, eine Frau auf einem Stuhl, den Kopf leicht nach vorne gebeugt. Vielleicht isst sie etwas, mir ist, als bewegte sich ihr Kiefer. Dann leuchtet kurz das kalte, blaue Licht eines Displays auf. Warum aber sitzt sie hier, in der dunklen, zugigen Einfahrt unter dem Küchenabzug? Hat sie nur hier, zwischen Mülltonnen, einen kostbaren Augenblick der Ruhe? Oder doch nur freies WLAN aus einem Nebenzimmer?

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Eine Botschaft in der Dämmerung von East London

 

 

 

 

 

 

 

18.

Partyhüte hinter Fensterfronten. Belegschaften bei der Weihnachtsfeier, papierene Kronen aus den Christmas Crackern auf dem Kopf, buntes Krepppapier über weißen Hemdkragen.

19.

Im East End Straßenschilder in Bengali unter den lateinischen Lettern. Was hier um die Brick Lane heute Banglatown ist, war einst Tatort von Jack the Ripper.

20.

Die City leuchtet, von Finsternis überdacht. Schwere Wolken legen sich wie eine Decke über die frühabendliche Stadt, dann bricht der Regen los. Niemand beginnt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, zu rennen. Selbst Passanten ohne Schirm und Kopfbedeckung nehmen den Regenschauer hin wie Windhauch oder Sonnenschein. Und tatsächlich, er erfrischt.

Bricks and glass

Bricks and glass

 

 

 

 

 

 

 

 

21.

Auf dem Reiseblog einer Freundin hatte ich das Foto gesehen und war ihr verfallen − der Salted Caramel Tart. Ich hatte mir den Namen des Restaurants im Londoner Osten geben lassen und suche nun nach dem Kuchen. Ich habe nur den Namen des Lokals, keine exakte Adresse und der Akku des Smartphones ist bereits leer. Ich frage mich durch und als ich schon nicht mehr damit rechne und eben aufgeben will, stehe ich plötzlich direkt vor dem Eingang.

22.

Und als ich den ersten Bissen im Mund habe, geschieht etwas: Es wird Frühling auf meiner Zunge, Goldadern fließen durch den Gaumen, bis hinein in den Unterleib kribbelt es. Entzücken durch alle Schichten: den dunklen Kuchenboden, das Salted Caramel, die feste Schokoladenschicht bis hin zu den ganz sacht gesalzenen, angerösteten Mandelblättern obenauf.

23.

Nach ein paar Bissen der tiefe Fall: Die Tart wird doch zu aufdringlich, in ihrer Süße wie in ihrer Salzigkeit. Von manchen Früchten sollte man eben doch nur einmal beißen.

24.

Ein Doppeldeckerbus taucht vor dem Fenster des Lokals auf. Nur die obere Busetage ist zu sehen. Sie ist fast leer, einzig zwei Schwarze sitzen darin. Er eine Mütze auf dem Kopf, sie ein paar Sitze weiter, ihren schweren Leib nach vorne gebeugt. Beide wirken müde. Sein Gesicht wendet sich zur Seite, fast begegnen sich unsere Blicke, dann ist er weg, der Mann, der Bus. Unmittelbar folgt ein zweiter Doppeldeckerbus und doch eine andere Welt. So viele Menschen sitzen oben, dass ich ihre Zahl kaum überschlagen kann, bevor das Fahrzeug vorüber ist und es wieder die große Aufschrift „Boxpark“ an der gegenüberliegenden Hauswand freigibt.

25.

Ich habe bezahlt und lasse den Blick noch schweifen: nach draußen in den Regen, durch die weitläufigen Räume des Lokals. Es ist laut und rege. Überall sitzen die Menschen zu Paaren, in Gruppen. Plötzlich hat mich die Einsamkeit schwer im Griff. Als eine schwermütige Ballade von Bruce Springsteen angespielt wird, greife ich nach der Jacke und haste hinaus auf die abendlichen Straßen, Kilometer um Kilometer glänzenden Asphalts vor mir. Manche Indianer glaubten, bei einer zu schnellen Reise käme ihre Seele nicht hinterher. Ich schreite aus, um daraus etwas abzuwerfen.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.