Kurze Gedanken auf einer Zugfahrt

Geht ein Plan nicht auf, muss er neu justiert werden. Die Lebenskunst ist es wohl, darin nicht eine Ungerechtigkeit oder ein Ärgernis, sondern eine Chance zu sehen.

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Wie die Menschen in die Züge drängen, wie stumpfes, stieres Vieh, ist mir schon geradezu ekelhaft. Hier könnte, meine ich, die Zivilgesellschaft üben. Doch wie macht man das? Wo setzt man an?

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„Plötzlich war es so dunkel, dass ich im Norden kaum mehr den schwarzen Himmel und das schwarze Meer unterscheiden konnte. Nur die hellen Lichter der fernen Fischkutter zogen langsam am Horizont entlang; wie große Mähdrescher, die die Dunkelheit einfuhren, markierten sie die Trennlinie zwischen den beiden.“ (Robert Macfarlane, Karte der Wildnis)

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Der Punkt Baden-Württembergs, der am weitesten von einer Bahnlinie entfernt liegt, dürfte in Hohenlohe liegen, das legt die Streckenkarte nahe.

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Der Friede des Abends im letzten Licht. Die Menschen auf den Bahnsteigen, Massen untertags, Verlorene nachts, sind in dieser Stunde befreundeten Wesen gleich. Selbst der Güterzug fährt behutsamer durch den Bahnhof als gewohnt.

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„Wie gut: Zu gehen und zurückzukehren. / Man könnte Schlimmeres sein als Birkenschaukler.“ (Robert Frost, Birken)

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Sauber aufgereihte „Hoinzen“

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Das Schweigen der Bahnen

Diese Stille in der Stadtbahn hinaus in die Vororte. Der Großteil der Plätze ist belegt an diesem frühen Freitagabend, aber keiner sagt ein Wort. Vielleicht 20 Menschen habe ich im Blickfeld – sie schweigen. Es dauert Minuten, bis ein Kind die Wortlosigkeit der U-Bahn durchbricht. Und erst als es zu heulen beginnt, wird die Situation in dem Wagen menschlich. Aber halt, da ist die Familie bereits ausgestiegen und stumm geht es wieder weiter.

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An einem der vielen Streiktage hörte ich zum ersten Mal die Vögel am Hauptbahnhof. Ich hatte Glück, dass mein gebuchter ICE zu jenen Zügen gehörte, die trotz Streik fuhren. Der Bahnhof lag beinahe verlassen da. Die paar Menschen wirkten wie versehentlich vor Ort. Sie standen – die Sonne schien, aber der Wind war schneidend – am Rand des Bahnsteigs in einem schmalen Streifen Licht. Wie aufgereiht standen sie, die Absätze an der Kante, das Gesicht dem Gestirn zugewandt, dankbar für ein bisschen Wärme. Irgendwo seufzte eine Lokomotive. Nichts aber war so laut wie das Pfeifen der Vögel.

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Wir nahmen den letzten Zug aus der beschaulichen Neckarstadt zurück nach Stuttgart. Mein arabischer Freund M. – wir kannten uns aus meiner Studienzeit im Nahen Osten – war zu Besuch und wir hatten einen sehr heiteren Abend auf der Terrasse von Freunden verbracht. In der nächtlichen Bummelbahn wandte sich unser Gespräch einem weniger freundlichen Thema zu: dem Mukhabarat, den berüchtigten syrischen Geheimdiensten. Auch ich als Ausländer war damals von dem allgegenwärtigen Misstrauen angesteckt worden – Paranoia und Schweigen als Grundzüge einer Gesellschaft. Ich berichtete M. davon, wie ich bei meinem letzten Syrienaufenthalt, im Frühjahr 2011 (als in einem Städtchen ganz im Süden des Landes eben die ersten Toten des kommenden Bürgerkrieges zu beklagen waren), an den Geheimdienst geraten war. Passiert war mir – einem Touristen, einem Deutschen – natürlich nichts. Aber in jenen Stunden der unverhüllten Bespitzelung, der Isolierung, Befragung und unausgesprochenen Einschüchterung hatte ich Ängste ausgestanden, die ich aus einem Leben in der Bundesrepublik nicht kannte. Dann erzählte M. mir Geschichten, von eigenen Erfahrungen mit dem Mukhabarat, von erschreckenderen aus zweiter oder dritter Hand. Dann mussten wir umsteigen. Am Bahnsteig taxierten uns Uniformierte. Sie verdächtigten offenbar uns, für eine frische Urinlache vor dem Fahrplanaushang verantwortlich zu sein. Unser Anschluss kam und befreite uns von den Blicken. In dem Nachtzug arbeiteten wir uns Waggon für Waggon an die Spitze vor, um im Kopfbahnhof dann schneller am Ausgang zu sein, vorbei an Schlafenden, an unruhig Schlummernden, an ins Leere starrenden Menschen, während hinter den Scheiben eine verdunkelte Landschaft vorbeirauschte. Alles war ruhig, nur die Wagen rumpelten laut und rhythmisch über die Schwellen. Wir waren wie aus Zeit und Raum enthoben, es hätte eine Szenerie aus einem altmodischen Spionagefilm sein können. Unser Weg durch den langen, viel zu langen Zug bekam etwas Gehetztes, als würde uns jemand folgen. Ich erinnere mich, wie meine Augen unruhig nach links und rechts huschten, über die Gesichter hinweg, über die Türen zu den Liegeabteils. Mein Atem war flach und ich war froh, als wir in Stuttgart auf den Bahnsteig traten. In Sicherheit waren. Wer es als Erster von uns aussprach, weiß ich nicht mehr. „Stell dir vor, ich hatte ein komisches Gefühl vorhin. Ich hatte Angst. Vor dem Mukhabarat.“ Die Erleichterung des anderen war offensichtlich. „Ich auch! Mir ging es genauso. Wie merkwürdig. Da sind wir so weit weg von Syrien und trotzdem hat uns die Angst bis hierher verfolgt.“

Goethe drängt

„Göthe sitzt neben mir“, schreibt am 7. November 1792 ein Herr auf einem Gut vor Düsseldorf, „darum kann ich Ihnen nur im Fluge schreiben. Ich habe ihm etwas zu lesen in die Hand gegeben; so lange das dauert werde ich fort schreiben.“

#eisfrei

Statt Pistazien- und Schokoladeneis gibt es ausgesuchte Bücher, Schmuck und Fotografie. Die Münchner Kulturkonsorten („Netzwerk für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im digitalen Raum“) haben in der Schwanthalerstraße für zwei Monate eine Eisdiele als Verkaufs- und Kommunikationsraum übernommen. In den Adventswochen wird dann noch eins draufgelegt: Jeden Abend bis zum 24. Dezember wird das #eisfrei mit einem Kulturprogramm bespielt: von der SPAM-Lesung über den Männerhäkelkurs bis zum Foodsharing. Die Idee für diese Kulturtheke im Münchner Westend entstand spontan, umgesetzt hat sie das Team in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. „Die Bücher“, erzählt Branchenkenner Felix Wegener bei einem Bier der lokalen Brauerei Giesinger, „habe ich zusammen mit meinem Vater, einem Buchhändler mit über 40 Jahren Berufserfahrung, ausgesucht. Das hat großen Spaß gemacht.“ Diese Begeisterung ist zu spüren im kleinen, feinen #eisfrei. Hier wird vorgelebt, wie Zwischennutzung auch aussehen kann − und sich Kreativität in unserem Land der Bedenkenträger Raum zu verschaffen weiß.

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Umbau im #eisfrei für das Abendprogramm

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Meine ersten Schneeflocken fallen an einer Autobahntankstelle. Es ist Nikolaustag, die Raststätte ist wegen Umbau gesperrt. So romantisch.

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Wenn der Krampus müde wird

Die nächste Tankstelle steuern wir im Pinzgau jenseits der Grenze an. Die Berge liegen schwer in Wolken, nur die Flanken zeigen sich dem Auge, weglose Mischwaldhänge.

Der Verkaufsraum der Tankstelle ist uniform wie jeder andere, das angeschlossene kleine Café hingegen hat Charakter. Sehr einfach ist es, doch mit einer richtigen Siebträgermaschine bestückt. Einheimische Männer sitzen auf den Bänken, ihr Lachen mischt sich rau mit Zigarettenrauch. Acht oder zehn Schritte hindurch zur Toilettentür reichen, um den schmierigen Film auf der Haut zu spüren. Es ist ein unwirklicher Besuch. Wir alle sind irritiert, weil wir so etwas aus Deutschland (und ganz besonders Bayern) nicht mehr kennen.

„Zwei von den Würstchen da bitte“, bestellt jemand von uns. „Wollen Sie auch Gebäck dazu?“ Schon wieder sind wir verwirrt. Denn auf der Theke stehen nur süße Croissants und der Tankstellenwirt wird doch nicht solche anbieten zu … „Äh, ja, einen Semmel bitte“, kommt mit Verspätung die Antwort. „Eine Semmel, sehr wohl“, bestätigt der Wirt.

Das Tal öffnet sich, klare Gewässer mäandern zwischen den Feldern (einige der Zuflüsse nichts als Kiesbänke, trocken wie ein Wadi), die Siedlungen werden größer. An einem Kreisverkehr wandert ein Krampus vorüber. Die Hörnermaske hängt ihm schief über den befellten Rücken, er setzt einen kleinen Schritt vor den anderen, die Augen blinzeln in den trüben Tag. Ein armer, müder Teufel nach durchzechter Nacht auf dem Weg nach Hause.

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Die allseitigen Komplimente über seine rosafarbenen Halbschuhe nimmt der Hochzeitsgast mit einem uneitlen Lächeln entgegen. „Und er scheint ja auch ein netter Hund zu sein“, äußert sich eine Freundin. Das ist natürlich ganz und gar anerkennend.

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Grenzverschiebungen

Die Stimmung innerhalb der 400 Jahre alten Scheunenmauern ist hervorragend. Burgenländer Wein fließt und der Münchner Journalist an unserem Tisch gefällt sich (durchaus zur Unterhaltung aller) darin, die österreichischen Tischgenossinnen und -genossen zu provozieren, sie kontern munter. Und dann ziehen die Rheinhessen vor dem Brautpaar auf und alles wird anders. Sie schwenken Fahnen (das Mainzer Rad). Sie singen (fremdartig). Sie rufen „Helau!“ (sehr fröhlich). Der Oberbayer blickt den Allgäuer an und scheint das zu sehen, was in seinem eigenen Gesichte steht. „Jetzt haben wir den Kulturschock“, wendet er sich an seinen österreichischen Sitznachbarn. „Da sind wir euch dann eben doch näher.“

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Ein kurzer Schwenk ab vom Mittleren Ring, bevor es wieder auf die Autobahn geht und plötzlich ist der Bildschirm des Navis schwarz. Als er wieder aufleuchtet, steht da der „Weg nach Timbuktu“.

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Die ebsch Seit

Eine Woche zuvor war ich zu einem Audio-Podcast eingeladen worden von einer in Mainz ansässigen Bloggerin. Es war meine erste Erfahrung mit Podcasts und es war gut. Es ist bemerkenswert, wie viele Bloggerinnen und Blogger ich in anderthalb Jahren kennengelernt habe, die einen Bezug zu Rheinhessen oder Südhessen haben; vielleicht mehr als aus allen anderen Regionen. Freundschaften sind daraus entstanden und Besuche. Was mir in dem Stadel im Salzburger Land so fremd erschienen war, ist in einem anderen Kontext also nahe. Die ebsch Seit ist eben eine Sache der jeweiligen Perspektive und erst die Vielzahl unserer Identitäten macht uns wirklich aus.

So hatte ich heute das Griasdi-pfiati-Land (seine Grenzen sind in keinem politischen Atlas zu finden) ein wenig schwermütig verlassen. Als ich die Stufen des Stuttgarter Bahnhofs − seit heute wissen wir, einer der zehn „Risikobahnhöfe“ Deutschlands, wie die Welt am Sonntag unter einer so reißerisch wie dümmlich-vereinfachenden Überschrift darlegt − hinabschreite, schiebt sich eine neue Schablone vor meine innere Wahrnehmung. Nichts hat sich verändert in der Außenwelt und doch ist alles anders. Was eben Exil war, ist wieder Zuhause. Mit einem Lächeln beschleunige ich meinen Schritt. Die Welt scheint zu pulsieren vor Möglichkeiten.

420 Wörter später muss der Briefeschreiber zum Ende kommen. „So viel für heut. Ich hatte gestern wüthende Kopfschmerzen, darum war es mir unmöglich zu schreiben. − Abends um 6 erschien Göthe. […] Er hat schon lange ausgelesen u spuckt um mich herum daß ich wohl aufhören muß.“

Links für Neugierige
Das #eisfrei
Die Kulturkonsorten in München
Wer den Krampus nicht kennt.
Der Briefeschreiber aus Pempelfort
Die Top-Ten deutscher „Risikobahnhöfe“