Snippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 3)

47.

Wie schamlos junge Männer sein können. Laut sind die deutschen Jungs, als sie spät nachts in den Schlafsaal kommen, laut sind sie morgens, laut und ungehemmt. Und dann erzählen sie noch, dass sie nachts ins Waschbecken des Zimmers gepinkelt haben, um nicht die zehn Schritt über den Flur aufs Klo zu müssen. Mir tun die zwei englischsprachigen, flüsternden Mädchen leid, die noch mit im Zimmer sind und all das ertragen müssen. Ich frage die beiden schließlich, ob sie es aushalten unter all den lauten Deutschen. Es beeindruckt mich, als das kleingewachsene Mädchen zu einer Beschwerde anhebt. Die anderen werden sich später über es lustig machen. Ich schäme mich.

48.

Der Himmel hängt tief. Nur ein paar Schritte von meiner Unterkunft entfernt betrete ich fürs Frühstück das „Moreish Café Deli“ an der Ecke Marchmont Street. Spanisch-englische Speisen und Feinkostwaren, andalusische Kachelwände, ansprechende Holztische, ein wunderbar robuster, thekenartiger Tisch entlang der Fensterwand. Das rissige, verfärbte Holz erinnert mich an den großen Küchentisch meiner Kindheit, der Ausblick durch die Glasfront aufs Straßenleben gefällt. Eine hübsche Spanierin erklärt mir die ganze Auswahl an Frühstücksmöglichkeiten. Was da nicht alles lockt: verschiedene Tortillas, Membrillo aus Quittenmus, Serranoschinken … Ich entscheide mich dann doch für einen englischen Pudding mit Creme anglaise zum Café con leche. Es scheint mir, es ist mein erster süßer englischer Pudding: ein köstlicher, saftiger Auflauf mit Trockenfrüchten. Während ich Gabel für Gabel dieser kulinarischen Sünde absteche und den Kaffee genieße, bedaure ich, dass sich das Frühstück nicht beliebig in die Länge ziehen lässt. Und dann bin ich auf einmal genervt und froh, das Café zu verlassen, als ich zum dritten Mal den Satz der Spanierin gegenüber Kunden höre: „Then you pay first, please.“

IMG_1721

Und weiter geht es

49.

Ein Schwarzer, das Smartphone am Ohr, eine Mütze kühn auf dem Kopf, schwarze Jogginghose und einen Bundeswehrparka mit der deutschen Nationalflagge. Ich hatte genau einen solchen Parka einmal in einem Kanadaurlaub getragen, ausgeliehen von einem Kroaten. Die Flagge am Ärmel war mir, typisch deutsch, peinlich gewesen.

50.

Ein gestählter Grauhaariger in schlichten Alltagsklamotten − dunkle Hose, blaues T-Shirt, Beutel am Gürtel − quert die Straße. Die muskulösen, tätowierten Unterarme sind nackt. Man ahnt das Spiel der Muskelstränge im Rhythmus, in dem sein Daumen über das Display tanzt.

IMG_1723

BT Tower

51.

Neonweste, Neonjacke, Neonrucksack, Neonhelm − allgegenwärtige Utensilien der Radfahrer in einem Land des Dämmerlichts.

52.

Eine ruhige Straße mit identisch aussehenden Häusern auf beiden Seiten: die kurzen Treppenaufgänge alle mit schwarzem Geländer, oben Holztüren, alles weiß und schwarz, keine Farbe, die das Muster durchbricht. Auf den ersten Blick wirkt das Sträßchen schmuck, auf den zweiten schäbig. Manchen Häusern mangelt es an Pflege und Instandhaltung, einige stehen leer und zum Verkauf, an allen anderen stehen und hängen Plastiktüten voller Müll. Ein paar der Tüten sind aufgeplatzt oder womöglich auch mutwillig ausgeschüttet. Abfall fließt dann über die Treppenaufgänge hinab. Nur ein einziges Haus hat kleine Mülltonnen am Gitter der Treppe hängen − eine beinahe spießig wirkende, jedenfalls hoffnungslose Insel in dem Straßenzug. Der Weg entpuppt sich als Sackgasse. Ich mache kehrt. Trostlosigkeit schleicht sich hinter mir auf die Straße, um das winzige Vakuum zu füllen, das ich hinterlassen habe.

IMG_1726

Marylebone, die Kirche im Rücken

53.

Ein kalter, feuchter Vormittag eine Woche vor Weihnachten. Ich zittere unter meiner Regenjacke. In einem Park machen zwei junge Frauen in billigen Kunstfaserklamotten Gymnastik. Sie versuchen sich an Gleichgewichtsübungen, sie hüpfen auf einem Bein herum. Eine Weile schaue ich zu, dann drehe ich plötzlich den Kopf, als wäre mir bewusst geworden, dass ich sie bei etwas Unanständigem beobachten würde.

54.

London ist fabelhaft mit Orientierungshilfen gepflastert. An jeder Bushaltestelle hängen Karten von ganz vorbildlicher Natur: der eigene Standort ist zentriert, zwei Kreise zeigen einen Umkreis von fünf bzw. 15 Gehminuten an. Nur eines ist verwirrend: Die Karten sind nicht genordet, ihre Ausrichtung wechselt von Haltestelle zu Haltestelle, von einer Karte zur nächsten. Manchmal möchte man sich auf den Kopf stellen, um seine Richtung wiederzufinden.

IMG_1737

Die Kuppeln der London Business School

55.

Hinter den Bäumen des Regent‘s Park schimmern fast rosa verzierte Kuppeln. Ein indischer Moghulnpalast? Es fehlen nur noch die Tiger im Unterholz des Parkes. Aber die gibt es am anderen Ende des Parks im Zoo of London. Hier, an den Wasserläufen der Südseite, kreischen, krächzen, jaulen, schnalzen, grunzen, gurren nur die Vögel. Unterbrochen von dem harten, konzentrierten Schlagen Aberdutzender Flügel, wenn eine ruckartige Bewegung am Ufer das Federvieh aufschreckt.

IMG_1736

Nur einer aus der Vögel Schar

56.

An einem kleinen, blattlosen Baum, er besteht fast nur aus einem Gewirr allerkleinster Ästchen, knarzig, hart, verdreht und abweisend, einem einsamen Guerillakämpfer in rauen Landen, leuchten rote Beeren. Die einzige satte, kräftige Farbe hier im Park. Die frohe Botschaft des krummbeinigen Rebellen.

57.

Und hinter der nächsten Wende Palmen in London. Eine Amsel pickt an den mickrigen Fruchtständen. Subtropisches Weihnachtsmahl.

IMG_1740

Queen Mary’s Garden im Rgent’s Park

58.

„Hello Sir, what do you have spotted?“ Der Mann mit der Kappe, der mit einem Begleiter mit Rasenstecher die Pflanzungen inspiziert, wechselt die Straße, um den still dastehenden Herrn mit Brille, Schnurrbart und Fernglas auf der Brust anzusprechen. „Oh, well …“, braucht der Angesprochene erst einige Momente, sich in der Menschenwelt zu orientieren. Dann entspinnt sich ein kleiner Schwatz über den Wiesenzaun hinweg, wie zwischen zwei Nachbarn.

59.

Immer wieder Frauen mit drei oder vier Hunden an der Leine. Der Radrennfahrer zieht derweil mit verzerrtem Gesicht seine Bahnen auf dem asphaltierten Inner Circle rund um Queen Mary‘s Garden − seine beinahe private Rennbahn, immerzu im Kreis herum. 85 Sekunden benötigt er für eine Umdrehung. Wie viele Runden er wohl macht?

IMG_1742IMG_1745

60.

Jenseits der weiten Grünfläche, die sich endlich auftut, ragen, irgendwo beim Zoo, große, massive, verwinkelte Bauten in verwaschenen Sandfarben empor. Die Monströsität der Bauten erinnern an eine Festung, ein bisschen an die Flaktürme in Wien. Ihr Zweck, so rätselhaft er auf die Ferne ist, dürfte allerdings viel friedlicher sein diese Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg, Kletterareale etwa für Bergziegen im Zoo. Beim Näherkommen geht es mir dann wie Jim Knopf mit dem Riesen: immer kleiner wirken die Berge, immer weniger monströs, je näher ich komme.

IMG_1746IMG_1747

61.

Mit wiegenden Schritten stolziert die Giraffe vorüber, graziles Gleichgewicht von vier Schritt Höhe.

62.

21 britische Pfund Sterling trennen mich vom „Tiger Territory“. Ich entscheide mich gegen einen spontanen Besuch im Zoo. Ein solcher Eintrittspreis löst selbst den Bann der Giraffenschritte.

IMG_1748

Alles Tiger Territory?

63.

Das helle Blau fesselt meinen Blick zuerst: ein dreistöckiges Gebäude, Ziergiebel über den geviertelten Fenstern, leichte Formen, passend dazu die Farbe. Und es ist nicht allein. Ein Haus an das andere reiht sich in schmucken, sauberen Pastellfarben. Jedes Gebäude hat seinen eigenen Farbton. Nirgendwo habe ich bisher London so leicht und heiter erlebt, ohne dabei in Übermut zu verfallen, wie hier, wo die Albert Terrace in die Regent‘s Park Road einmündet.

IMG_1752

IMG_1750

64.

66,7 m über dem Meeresspiegel genügen. Auf dem Aussichtspunkt von Primrose Hill habe ich zum ersten Mal einen Blick über die Stadt, über die Bezirke, die ich bereits abgelaufen bin. In die steinerne Ummauerung des Aussichtspunktes ist ein Vers von William Blake eingemeißelt.

I have conversed with the spiritual sun.
I saw him in Primrose Hill.

Der Dichter also hatte etwas ganz anderes vor Augen als wir heute hier oben. Der Mann, der breitbeinig, die Arme konzentriert in zwei verschiedenen Winkeln vom Körper ausgestreckt, am Hang steht, ist vielleicht eher ein Erbe Blakes. Vielleicht sind es Chi-Übungen für den richtigen Fluss unsichtbarer Energien, bevor er seinen Fußmarsch fortsetzt, wieder hinein in die Stadt.

Dezember 2013. Fortsetzung folgt.

Werbeanzeigen

For Tigers Everywhere − International Tiger Day

Tyger! Tyger! burning bright
In the forests of the night,
What immortal hand or eye,
Dare frame thy fearful symmetry?

(William Blake, The Tyger)

Viele sind es nicht mehr, weltweit leben noch rund 3000 von ihnen in freier Wildbahn. Daran erinnert der heutige Welttigertag (International Tiger Day, Global Tiger Day). „Entering the Age of Extinction“ untertitelte Richard Ives seine faszinierende Spurensuche nach dem Tiger und daran hat sich in dem Vierteljahrhundert seit den Reisen, die schließlich zu seinem Buch „Of Tiger and Men“ führten, nichts geändert. Immerhin, die pessimistische Schlagzeile auf dem Buchumschlag scheint sich nicht bewahrheitet zu haben: „In twenty-five years, tiger will habe vanished from the earth.“ Grund zur Entspannung gibt es allerdings keinen. Die Zahl der Tiger sinkt weiter.

Soy el tigre.
Te acecho entre las hojas
anchas como lingotes
de mineral mojado.

(Pablo Neruda, El tigre)

Irgendwann um die Jahrtausendwende, als es zwar schon üblich war, sich E-Mails zu schicken, internationale Geldtransaktionen übers Internet aber noch alles andere als gängig waren, schrieb ich kurz vor Weihnachten dem Tiger Trust India eine Nachricht. Ich wollte Tigern aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, meine Dankbarkeit erweisen und der Stiftung eine kleine Spende zukommen lassen, ein Weihnachtsgeschenk, und bat um Informationen zur Bankabwicklung. Ein britischer Mitarbeiter der Stiftung meldete sich zurück, sehr freundlich und ein wenig verzweifelt. Seine wenigen Zeilen waren überraschend persönlich: Er war über die Weihnachtsfeiertage ganz allein auf der Station in Indien, alle Kollegen waren bei ihren Familien und er war einsam − überarbeitet und einsam. Aber er half mir weiter. Und so machte ich die erste Auslandsüberweisung meines Lebens über einen lächerlichen Betrag, denn ich war noch Student und Geld immer knapp.

And then I heard it. Although far away, the sound carried clearly in the cool night air: ‚Ba-oooh-ah! Ba-oooh-ah!‘
Involuntarily, instinctively, my hand closed on the stock of my rifle, as the old, frightening thoughts, born of the age-old jungle rumour, once more impinged themselves on my mind. The ghastly partners were on the prowl again. Would that uncanny jackal guide the tiger to us, just as he had done two nights previously?
The answer came, almost like a spoken reply to my unvoiced thoughts: ‚A-oongh! O-o-n-ooh! Aungh-ha! Aungh-ha!‘

(Kenneth Anderson, The Call of the Man-Eater)

Lange Zeit war die Rolle des Tigers in der Literatur festgelegt, wie in dieser (zugegeben, spannenden und gekonnt geschriebenen) Kurzgeschichte des 1910 in Indien geborenen Kenneth Anderson: als König des Dschungels, als Menschenfresser gar, der die Jagdlust des Menschen herausfordert und ihm, der zweibeinigen Krönung der Schöpfung, weichen muss, ein ums andere Mal. Nicht zuletzt diese Haltung führte dazu, dass der Tiger innerhalb eines Jahrhunderts (um 1900 soll es rund 100 000 freilebende Tiere gegeben haben) beinahe ausgerottet wurde. Von allen Texten über den Tiger − zoologische Werke, Romane, Abenteuergeschichten, Reiseberichte, Gedichte, Kinderbücher − hat mir Richard Ives‘ „Of Tiger and Men“ am besten gefallen: eine Reise durch Indien, Nepal und Südostasien auf der Spur des Tigers − und nicht zuletzt auch jener merkwürdigen Spezies geheimnisvoller Wanderer und „Tigerleute“, die sich dem Schutz der aussterbenden Großkatze verschrieben hatten.

20140729_223449

Brüderliches Geschenk (Holzschnitt)

Two minutes later, the howdah steeply tilted, the elephant steps down into a dry streambed dappled with irregular pools of filtering light, the sandy bottom everywhere impressed with tiger tracks. As though we were a group of medieval pilgrims stunned by some holy visitation, no one has uttered a word. At last, it is Amar who breaks the silence. Turning to Bob, a broad grin on his face, he asks, „Well, Bob, was this close enough for you?“
I wince. Though Amar has not noticed it, Bob is still trembling, and I have no idea how he will take this kind of teasing.
„Yes, Amar“, he says at last, his voice just slightly shaky, „that was definitely close enough.“
„Close enough to pluck one of the tiger‘s whiskers?“
„I‘d say so.“
„And did you pluck one?“
„No, I didn‘t, Amar.“ Bob smiles. „Frankly, I was too worried that I was going to pee my pants.“

(Richard Ives, Of Tiger and Men. Entering the Age of Extinction)

Ich hatte das Buch in einem Sonderangebot in Kanada erworben, zufällig, und ich erinnere mich daran, wie ich auf einem Felsrund, der den Nadelwald von Vancouver Island durchbrach und einen weiten Blick über den See und die Bäume zuließ, darin las. Tiger gab es in dieser Wildnis selbstredend nicht − zum Glück −, nur Pumas. Auf dem Rückweg zur Hütte fand ich ein kläglich schreiendes Kätzchen im Gebüsch. Als ich mich dem armen Ding näherte, überfiel mich plötzlich Angst: Was, wenn es ein Pumababy ist und gleich die Mutter zurückkommt? Das war natürlich Unsinn und das Tier einfach nur ein von einem mitleidlosen Besitzer ausgesetztes Hauskatzenjunges, beruhigte ich mich. Ich nahm das Tier, das blind auf mich (auf meine Geräusche) zustolperte, in die Hand, sofort wurde es still und sog an meinen Fingern. Milch kam keine. Und da fing es wieder zu klagen an. Ich versuchte alles, was ich konnte, um dem Tierchen zu helfen, es bei den wenigen Häusern, die es am See gab, unterzubringen. Zwecklos. Am Ende legte ich es ins Gebüsch zurück, es schrie und schrie, und ich wusste, dass ich es damit dem Tod aussetzte. Es war viel schlimmer, als wenn ich mich erst gar nicht um das Tier bemüht hätte. Es war eine Lektion des Todes für mich.

What does the tiger do? In Sundarbans the people say the tiger gives life to legends and prayers. The tiger works magic. The tiger materializes from nowhere, flies through the air, lands weightlessly on boats. The tiger disappears in water.

(Sy Montgomery, Spell of the Tiger. Man-Eaters of Sundarbans)

Wenn ich in Stuttgart die Wilhelma betrete, zieht es mich − an den putzigen Pinguinen, an den verspielten Robben vorbei − immer zu den Tigern. Und jedesmal wieder ist die Begegnung niederdrückend: Unruhig wie Rilkes Panther, aber ohne Anmut, dreht das Tier hinter den Gitterstäben seine Kreise, das Gesicht ist zerfurcht vor Qual, die Augen sind stumpf im psychotischen Wahn. Und ich wünsche mir, der Zoo wäre frei von Tigern, frei von Raubkatzen.

„Tigerin“, sagte er. „Das ist meine andere Mutter.“

(Chen Jianghong, Der Tigerprinz)

An dem Glas sind noch Reste schwarzer Streifen: Erinnerungen an eine Tigerparty vor rund zwölf Jahren. Die Gläser wurden mit Streifen bemalt, mit Fruchtsäften gefüllt sollten sie an den Tiger erinnern. Die Party war ein Erfolg. Noch heute sprechen mich manchmal Freunde darauf an, so kürzlich ein argentinischer Freund beim Wiedersehen. Dass er und seine Frau, wenn sie von mir reden, auch über diese Feier sprechen, auf der anderen Seite der Welt, macht mich (ich gebe es zu) ein wenig stolz.

20140729_211801

Letzte Streifen

Ich nehme einen Schluck aus dem Glas und werde nachlässig genug, diesen − kaum etwas anreißenden und doch schon viel zu langen − Beitrag zum International Tiger Day mit einer Geschichte abzuschließen, einer Episode um den Radscha und den Tiger. Einer alten Geschichte, einer naiven Geschichte vielleicht. Aber heute darf es sein.

Alles Gute, Tiger, sterbt nicht aus.

***

Ein kühner Jäger

Sie waren in einem Wald unterwegs und wanderten Stunde um Stunde. Als sie schließlich auf eine kleine Lichtung inmitten des Grüns kamen, meinte der Radscha: „Ich bin hungrig. Lass uns hier rasten und etwas zu uns nehmen!“

Tiger willigte gerne ein und so luden sie ihr Bündel ab und machten sich daran, einen Lagerplatz vorzubereiten. Der Radscha öffnete den Proviantsack, entnahm ihm zuerst eine dünne Decke und faltete sie gerade als Tischtuch aus, als wie ein Pfeil ein Tier aus dem Gebüsch hervorschoss und schon wieder darin verschwunden war, bevor der Radscha und selbst Tiger sich zu rühren wussten.

„Das Essen!“, rief der Radscha aus. „Der Sack ist weg! Er ist gestohlen worden!“

Noch immer verblüfft blickten sie um sich, als von einem Baume herab ein Lachen kam, ein heiseres, selbstgefälliges Lachen, langsam, frei von jeder Hast und Furcht. Tiger knurrte leise.

„He, du da!“, rief der Radscha empor. „Zeig dich, du Räuber!“

Da schob sich ein geschecktes Katzengesicht durch das Blätterdach und schaute auf die Wanderer herab.

„Vermisst ihr etwas?“, fragte der Leopard und strich sich geziert über die Schnurrbarthaare.

„Du also bist der freche Dieb!“, schmetterte der Radscha. „Gib sofort zurück, was du uns geraubt hast!“

„Holt es euch doch, wenn ihr es wollt“, entgegnete der Leopard lächelnd und verschwand wieder im Blätterwerk.
Tiger grollte lauter. Seine Schnurrbarthaare zitterten vor Wut.

„Warum gehst du nicht hinterher und verpasst dem dreisten Kerl eine Tracht Prügel, wie er sie verdient hat?“, wandte sich der Radscha an ihn.

„Ich bin zu schwer zum Klettern, o Prinz, und zu langsam für ihn, denn er ist es gewohnt, in den Bäumen zu leben. Und zudem könnte der Gefleckte so frech sein und gerade dann flink über dich herfallen, wenn ich eben im Unterholz verschwunden bin.“

„Tiger!“, empörte sich der Radscha. „Ich weiß mich zu wehren!“

Da schob sich über ihnen im Geäst erneut der helle Kopf aus dem Blätterdach hervor und der Panther lächelte trügerisch auf die Lichtung herab.

„Weißt du denn, wen du vor dir hast?“, rief der Radscha empor. „Ich bin der König dieses Reiches und Herr über all seine Länder! Und das ist Tiger, mein höchster Berater und mein General, Leibwächter und Freund dazu.“

„Mein Reich ist nur klein und Minister habe ich keine“, antwortete der Leopard seidenglatt, „aber ich habe wenigstens die Kontrolle über mein Reich.“

Vor Wut ballte der Radscha die Hände zu Fäusten. „So, Herrscher dieses Wäldchens nennst du dich? Dann bist du also, nehme ich an, so etwas wie einer meiner Statthalter?“

Der Leopard riss sein Maul zu einem gewaltigen Gähnen auf, dass die Fangzähne blitzten. „Ich erkenne niemanden über mir an. Wie könnte ich da dein Statthalter sein?“, sagte er gelangweilt.

„Du hältst dich wohl für unangreifbar, du Waldfürstchen“, grollte der Radscha. „Und was, wenn ich meine ganze Macht aufbringe und dein Reich abholzen und niederbrennen lasse?“

Hart blickten die dunklen Leopardenaugen zurück. „Was, glaubst du, soll das bringen? Wenn mich jemand übertrifft, dann weiche ich, aber ich unterwerfe mich nicht. Höre: Kein Gesetz, keine Regel bindet mich. Ich tue und unterlasse, was ich will. Wenn ich töten will, dann töte ich und wenn ich mich großzügig zeigen will, so tue ich es, wie es mir beliebt. Und glaube nicht, Menschlein, dass du mich mit all deiner Macht zu binden wüsstest. Niemand vermag das, denn ich bin mir mein eigener Fürst.“

Da begriff der Radscha, dass jeder Versuch, den Leoparden mit seinen Maßstäben messen zu wollen, scheitern würde.

Ratlos blickte er hoch zu dieser schönen Katze auf dem Baume, wie sie sich auf dem mächtigen Ast ausgestreckt die Tatzen zu lecken begann.

Da mischte sich Tiger ein: „Und was machst du gegen deine Einsamkeit?“

Der Leopard hob den Kopf und blickte forschend zu Tiger hinab. „Gegen meine Einsamkeit setze ich meinen Stolz. Gegen Schwäche meine Kraft, gegen Stärke meine Behendigkeit, gegen das Leben den Tod und gegen den Tod das Leben.“

„Schmerzt es nicht trotzdem manchmal, als würde dein Herz bluten?“, fragte Tiger ruhig weiter.

Würdevoll erhob sich der Panther und stand da in seiner ganzen strahlenden Schönheit über ihnen. „Einsamkeit ist Angst vor Leere. Und Angst vor der Leere ist Angst vor dem Tod. Aber ein kühner Jäger darf keine Angst vor dem Tode haben, denn er ist sein ständiger Begleiter.“

Mit einer raschen Bewegung wandte sich der Leopard auf dem Ast herum und so schnell und leise, wie er gekommen war, war er wieder verschwunden. Nur noch das grüne Blätterdickicht des Waldes umgab die beiden unten auf der Lichtung.

Nach einer Weile rührte sich der Radscha mit einem Seufzer und wandte sich Tiger zu. Die goldenen Augen blickten den Radscha an: „Er ist eine Katze“, sagte Tiger mit einem Achselzucken. Mit knurrendem Magen setzten sie ihren Weg fort, hinein in den Wald, wo die aufgeschreckten Vögel wieder zu singen begonnen hatten.

***

Und darüber hinaus:

Die Überschrift „For Tigers Everywhere“ ist die Widmung aus dem wunderbaren Kinderbuch „Mr Tiger Goes Wild“ von Peter Brown.

Mehr Informationen zum International Tiger Day gibt es hier.

Der indische Nationalpark Ranthambore ist eines der wichtigsten und bekanntesten Refugien für freilebende Tiger.

Will man sich auf einer deutschsprachigen Website über Tigerschutzprojekte informieren, empfiehlt sich sicherlich der WWF.

Ach ja, und bitte keine Selfies mit Tiger!

20140729_222518

Lieber so als Tiger-Selfies