Der Abgrund in der See

Vielleicht ist es vier Uhr morgens, als er mich in das Haus am Meer führt. Die Tür des Wohnblocks steht offen, im Treppenhaus brennt Licht. Der Fahrstuhlschacht ist ein leerer Schlund, die Zugänge notdürftig mit Brettern gesichert. Die kleine Wohnung stellt der Vater seinen Söhnen zur Verfügung, wenn sie vor Ort sind. Hier beziehe ich für die nächsten Tage Quartier. Wo die Söhne, alle auf Heimaturlaub vor Ort, nun unterkommen, weiß ich nicht. Es ist eine ziemliche Bude: ein liebloses Versteck, kein vernünftiges Licht im Wohnzimmer, das Bad eine niedrige Nasszelle, eine Flasche Wasser auf dem ausgesteckten Kühlschrank, Alkoholika unterm Flachbildschirm. Der kühle Wind rüttelt an den Balkontüren, an der Wohnungstür. Ich werfe meine Reisetasche auf einen Sessel, krieche unter zwei Wolldecken und suche zum Geräusch der Wellen den ersten Schlaf der Nacht.

Seit 24 Stunden rollt das Meer immer stärker gegen die Levanteküste an. Der Sturm bringt Regen und er bringt den bislang vermissten Schnee in den Bergen. Das Meer färbt sich in Küstennähe immer grüner, es bildet Gischt aus, wo es nach dem Festland krallt, bricht sich an der natürlichen Felswand, auf der einst phönizische Gemäuer standen. Längst toben Poseidons Pferde in der Bucht, rennen schäumend an gegen die Küste. Vormittags standen noch Fischer am Strand. Sie sind nun weg, zwischen den feuchten Steinen hinter dem Schutzwall liegt nur ein toter schwarzer Kater. Niemand wird ihn vermissen. Auf den Lippen habe ich Salz.

Das Grün des Meeres wandert. Warum, verstehe ich nicht. Sicher spielt der Sonneneinfall eine Rolle, aber das allein kann es doch wohl nicht sein. Ich werde jemanden fragen müssen, der mehr weiß vom Meer als ich. Was sich zu Beginn des Sturmes in der Bucht grün hervorhob, ist nun jedenfalls weiter hinausgewandert. Die Wellen heben sich stetig höher, die Gischt peitscht immer noch weiter in den Himmel. „Wasit“ – mittel, meint der Onkel, der im ersten Stock seine Wohnung hat, beim Mittagessen nur. „It‘s nothing“, bestärkt sein Neffe. Wie muss es erst sein, wenn die Brecher „hoch“ sind? Die Schneegrenze ist in der Nacht auf 800 m gesunken, auch an der Küste geht ein kalter Wind. Immer wenn ich in meinem Quartier bin, schaue ich lange hinaus aufs Meer, auf die Brandung, als könnte ich mich nicht sattsehen an einem fremden Wunder. Nur am Morgen, da war mir das stete Rauschen, Wogen, Donnern plötzlich zu viel und ich sehnte mich nach ruhigem Land, Feldern auf festem Grund, stille Hügel.

Eine merkwürdige, eigentlich recht erschreckende Sensationslust. – Auf der natürlichen Mauer steht ein aus Beton gegossenes Häuschen, nicht mehr als ein ummauerter Unterstand. Ein weiteres im steinigen Becken hinter der Mauer war zu tief gebaut und im letzten Wintersturm zerlegt worden. Die Trümmer der Betonwände liegen noch zwischen den Steinen verstreut. Als gestern Fischer und Neugierige auf der Felswand standen und in die Brandung schauten (und das Salzwasser einer besonders hohen Welle aus den Haaren strichen), gierte etwas in mir vom Balkon herab nach einem Katastrophenbild: dass eine unerwartet hohe Woge einen mit sich reißen würde. Woher kommt eine solche schauderhafte Imagination, eine solche hässliche Gier? Als ich später selber am Ufer bin und abschätze, wie weit ich mich wohl nach vorne wagen dürfe, drängt sich mir die Frage auf, wie es wäre, selbst mitgerissen zu werden. Zum Spielball der Wogen zu werden. An die Felsen geschlagen zu werden. Wie wäre das? Hätte ich eine, wenn auch noch so geringe Chance, da herauszukommen? Würde ich ertrinken? Oder würden mich die Felsen zerbrechen? Es ist weder Angst noch ist es Empathie mit dem Opfer meiner vorherigen Fantasie, sondern nur eine andere Ausformung der selben Sensationsgier. Ist es das, was manche törichterweise den nahenden Tsunami filmen lässt statt davonzurennen?

Libanon_Meer_Mittelmeer

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17 Gedanken zu „Der Abgrund in der See

  1. Klasse erzählt. Das Katastrophenbild ist vielleicht diese Macht die die Natur uns bietet, sich ihr entgegenzustellen, sie zu besiegen, was niemals gelingen wird. Man möchte eins sein mit dieser unbändigen Kraft.
    Ach ja.

      • Danke, aber ich lass das Konzert schwersten Herzens sausen. Die letzte Woche war so knackvoll, u.a. hatte ich schon Steven Wilson in der Liederhalle, die nächste Woche wird auch so und gestern Abend war ich wie heute nur platt.
        Es fällt mir echt schwer, aber im Moment ist es die richtige Entscheidung.
        Mal sehen, vielleicht tu ich mir im Frühjahr Marillion an. Auch wenn das nicht Craig B. ist. Aber Craig B. ist eben auch nicht Aereogramme. (Ich reds mir schön).
        Schönen Abend!

      • Irgendwo kommt eine Grenze. Das verstehe ich. Übrigens hat ein Freund wahnsinnig geschwärmt von dem Steve Wilson-Konzert in Stuttgart. Ein anderer, der nicht dort war, hat sich nur enttäuscht geäußert über dessen jüngstes Album. Was sagst du?

        Marillion? Cool. Im Herbst kommt King Crimson nach Stuttgart.

        Ebenso einen schönen Abend und morgen einen guten Wochenstart!

      • Ich komm da wieder durch die Hintertür. Zu Porcupine Tree konnte ich nie richtig den Zugang finden und hab es nicht weiter verfolgt. Das aktuelle Konzept Album fand ich interessant und es hat mich sehr begeistert, war es doch meine erste Scheibe von Wilson. Wenn auch etwas zu perfekt, aalglatt, fast kalt. Ich bin sozusagen groß geworden mit Marillion (mit Fish am Mikro), habe auf diesem Wege zu den frühen Genesis und Yes gefunden, und auch Van der Graaf Generator haben mich überzeugt. Ich weiß die hatten auch ihre Perfektion, aber wenn ich diese Musik höre ist da noch was anderes, der nicht messbare Faktor. Mehrmals schon hab ich The Musical Box angeschaut, die die alten Genesis Konzerte quasi klonen. Meine Lieblingsshow ist die Selling England by the Pound Aufführung. Ich zergehe vor Begeisterung obwohl es nicht das Original ist. Suppers Ready live und die Illusion ist perfekt.
        Jetzt Steven Wilson: der Anfang war mal wieder perfekt, da ist nichts dem Zufall überlassen, 5 vor 8 beginnt das Intro, es wird langsam dunkel, um Punkt 8 gehts los, keine Sekunde zu früh oder zu spät. Irgendwie passt da aber noch nichts zusammen. Ich höre die Musik und sehe die Band, aber das ist wie 2 parallele Welten erleben, Fußball schauen und den Radiokommentar dazu hören, irgendwie bin ich falsch hier. Das aktuelle Album durchgespielt, alles großartig, super inszeniert, klarer Sound, geniale Musiker, was will man mehr. Dann eine Pause. Kurbelt den Verkauf der Reliquien an, und ein Bierchen tut auch gut zwischenrein. Naja. Dann Teil 2. Bin mal gespannt. Und da passiert es, alles verselbständigt sich, ich hab das Gefühl, alles verliert sich im Sounduniversum, der Saal kocht, die Anspannung fällt und dann ein Instrumental, ich werde eins mit den Rhythmen, die Gitarren lassen mich nicht mehr los. Es fetzt.
        So ungefähr. Es kommt drauf an woher man kommt, aber schlecht ist das aktuelle Album auf keinen Fall, es ist sogar sehr gut.
        Dir auch eine gute Woche.

  2. Weißt was, lieber Gestreifter, da ist wieder kein Wort zuviel oder zuwenig…ich mag das alles so gern lesen, wie Du beschreibst und vor allem mit welcher respektvollen Behutsamkeit Du über die Gastgeber und ihr Land sprichst, das gefällt mir wirklich gut, sehr gut sogar. Ach ja, seufz, das einstige phönizische Gemäuer und das wandernde Grün auf dem Meer, das beschäftigt mich so sehr, das wird sicher heut Nacht ins Traumland mitwandern. Hast Du es denn noch erfahren, warum das wandert, das Grün? Und Deine Frage, woher sowas wie Gier auf Sensationen kommt, die kann ich gut verstehen, hab mich auch schon öfters geschämt, wenn ich mmich dabei ertappe, daß ich wiedermal geheimen Orten hinterherjage und dann z.B. durch eine versteckte Tür in einem Hügel in einen Radlkeller gelange…Morgen werd ich mal herumsuchen, wo das eigentlich ist, die Levanteküste. Liebe Grüsse von der Grauen

    • Weißt was, liebe Graue, über deine Überlegungen wie deine Freude freue ich mich immer. Was das Grün bettifft, hat der Gastgeber nur ratlos geschaut. (Wieder eine dieser komischen Fragen.) Eine Gewährsperson zuhause meinte entweder und wahrscheinlich Wolkenstand und damit Lichteinfall oder ein Algenteppich. Ich bin ratlos.
      Herzliche Grüße vom Zeilengestreiften!
      P.S. Was hat’s denn mit dem Radkeller auf sich?

  3. Lieber Zeilentiger, der Titel Ihres grandiosen Beitrages und dazu Ihr eindrückliches Foto alleine haben schon genügt, Ihre Stimmungen ahnen zu lassen, die Sie in Ihrem Text so mitreissend geschildert haben.

    Das dräuende Unheil des tiefgrauen Himmels oben und unten die gegen den Horizont verführerisch türkisleuchtende Wasserschönheit exakt geteilt durch die Horizontlinie in der Bildmitte. Der Betrachter spürt sofort, dass er sich auf einer ganz schmalen Grenze befindet.
    Da verwundern Ihre eigenen Gedanken und Gefühle nicht mehr.
    „Wenn einer wacht, so muss er sehen, wie er dich übersteht … lauter Raum reissend von weit herein…“ fiel Rilke dazu angesichts eines Meerblicks ein. als er am Strand der Insel Capri stand.
    Das Wasser, sagt man, sei der Spiegel des Himmels und so entsteht denn auch seine Farbe. Auf Ihrer Fotografie verlockend und verheissungsvoll die Grünbläue in der Ferne wo doch schon das kommende Unglück schmutziggraugelb fast direkt vor unseren Augen unruhig wogt. Wie sollten einem da andere Erscheinungen als Abgründe vor dem inneren Auge aufwallen…

    Morgendlichschöne Grüsse aus dem Bembelland, Ihr Herr Ärmel

    • Ich bin begeistert, lieber Herr Ärmel. Sie gehören zu den Menschen, die besser als ich etwas auf die bewusste Ebene der Reflexion bringen können. Und dann auch noch ein Rilke dazu.
      Einen schönen Tag!

      • Ich danke für Ihren guten Wunsch, ich werde vielleicht brauchen können.
        Meine Empfehlung für das Wohlbefinden in der feinstaubigen Kesselstadt: Geniessen Sie eine dicke Zigarre. Im Freien versteht sich.
        Und einen wohlgelingenden Tag wünsche ich Ihnen ohnehin dazu!

  4. Ein Text, der mir Seufzer entlockt und ein verständnisvolles Lächeln zum Schluss. Ich habe das mit dem wandernden Grün an der Levante-Küste (sogar bei bedecktem Himmel) auch schon erstaunt beobachtet und nie eine Antwort bekommen. Falls es sich klären lässt, wäre ich sehr interessiert, das zu erfahren.

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