Goethe drängt

„Göthe sitzt neben mir“, schreibt am 7. November 1792 ein Herr auf einem Gut vor Düsseldorf, „darum kann ich Ihnen nur im Fluge schreiben. Ich habe ihm etwas zu lesen in die Hand gegeben; so lange das dauert werde ich fort schreiben.“

#eisfrei

Statt Pistazien- und Schokoladeneis gibt es ausgesuchte Bücher, Schmuck und Fotografie. Die Münchner Kulturkonsorten („Netzwerk für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Kommunikation im digitalen Raum“) haben in der Schwanthalerstraße für zwei Monate eine Eisdiele als Verkaufs- und Kommunikationsraum übernommen. In den Adventswochen wird dann noch eins draufgelegt: Jeden Abend bis zum 24. Dezember wird das #eisfrei mit einem Kulturprogramm bespielt: von der SPAM-Lesung über den Männerhäkelkurs bis zum Foodsharing. Die Idee für diese Kulturtheke im Münchner Westend entstand spontan, umgesetzt hat sie das Team in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. „Die Bücher“, erzählt Branchenkenner Felix Wegener bei einem Bier der lokalen Brauerei Giesinger, „habe ich zusammen mit meinem Vater, einem Buchhändler mit über 40 Jahren Berufserfahrung, ausgesucht. Das hat großen Spaß gemacht.“ Diese Begeisterung ist zu spüren im kleinen, feinen #eisfrei. Hier wird vorgelebt, wie Zwischennutzung auch aussehen kann − und sich Kreativität in unserem Land der Bedenkenträger Raum zu verschaffen weiß.

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Umbau im #eisfrei für das Abendprogramm

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Meine ersten Schneeflocken fallen an einer Autobahntankstelle. Es ist Nikolaustag, die Raststätte ist wegen Umbau gesperrt. So romantisch.

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Wenn der Krampus müde wird

Die nächste Tankstelle steuern wir im Pinzgau jenseits der Grenze an. Die Berge liegen schwer in Wolken, nur die Flanken zeigen sich dem Auge, weglose Mischwaldhänge.

Der Verkaufsraum der Tankstelle ist uniform wie jeder andere, das angeschlossene kleine Café hingegen hat Charakter. Sehr einfach ist es, doch mit einer richtigen Siebträgermaschine bestückt. Einheimische Männer sitzen auf den Bänken, ihr Lachen mischt sich rau mit Zigarettenrauch. Acht oder zehn Schritte hindurch zur Toilettentür reichen, um den schmierigen Film auf der Haut zu spüren. Es ist ein unwirklicher Besuch. Wir alle sind irritiert, weil wir so etwas aus Deutschland (und ganz besonders Bayern) nicht mehr kennen.

„Zwei von den Würstchen da bitte“, bestellt jemand von uns. „Wollen Sie auch Gebäck dazu?“ Schon wieder sind wir verwirrt. Denn auf der Theke stehen nur süße Croissants und der Tankstellenwirt wird doch nicht solche anbieten zu … „Äh, ja, einen Semmel bitte“, kommt mit Verspätung die Antwort. „Eine Semmel, sehr wohl“, bestätigt der Wirt.

Das Tal öffnet sich, klare Gewässer mäandern zwischen den Feldern (einige der Zuflüsse nichts als Kiesbänke, trocken wie ein Wadi), die Siedlungen werden größer. An einem Kreisverkehr wandert ein Krampus vorüber. Die Hörnermaske hängt ihm schief über den befellten Rücken, er setzt einen kleinen Schritt vor den anderen, die Augen blinzeln in den trüben Tag. Ein armer, müder Teufel nach durchzechter Nacht auf dem Weg nach Hause.

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Die allseitigen Komplimente über seine rosafarbenen Halbschuhe nimmt der Hochzeitsgast mit einem uneitlen Lächeln entgegen. „Und er scheint ja auch ein netter Hund zu sein“, äußert sich eine Freundin. Das ist natürlich ganz und gar anerkennend.

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Grenzverschiebungen

Die Stimmung innerhalb der 400 Jahre alten Scheunenmauern ist hervorragend. Burgenländer Wein fließt und der Münchner Journalist an unserem Tisch gefällt sich (durchaus zur Unterhaltung aller) darin, die österreichischen Tischgenossinnen und -genossen zu provozieren, sie kontern munter. Und dann ziehen die Rheinhessen vor dem Brautpaar auf und alles wird anders. Sie schwenken Fahnen (das Mainzer Rad). Sie singen (fremdartig). Sie rufen „Helau!“ (sehr fröhlich). Der Oberbayer blickt den Allgäuer an und scheint das zu sehen, was in seinem eigenen Gesichte steht. „Jetzt haben wir den Kulturschock“, wendet er sich an seinen österreichischen Sitznachbarn. „Da sind wir euch dann eben doch näher.“

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Ein kurzer Schwenk ab vom Mittleren Ring, bevor es wieder auf die Autobahn geht und plötzlich ist der Bildschirm des Navis schwarz. Als er wieder aufleuchtet, steht da der „Weg nach Timbuktu“.

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Die ebsch Seit

Eine Woche zuvor war ich zu einem Audio-Podcast eingeladen worden von einer in Mainz ansässigen Bloggerin. Es war meine erste Erfahrung mit Podcasts und es war gut. Es ist bemerkenswert, wie viele Bloggerinnen und Blogger ich in anderthalb Jahren kennengelernt habe, die einen Bezug zu Rheinhessen oder Südhessen haben; vielleicht mehr als aus allen anderen Regionen. Freundschaften sind daraus entstanden und Besuche. Was mir in dem Stadel im Salzburger Land so fremd erschienen war, ist in einem anderen Kontext also nahe. Die ebsch Seit ist eben eine Sache der jeweiligen Perspektive und erst die Vielzahl unserer Identitäten macht uns wirklich aus.

So hatte ich heute das Griasdi-pfiati-Land (seine Grenzen sind in keinem politischen Atlas zu finden) ein wenig schwermütig verlassen. Als ich die Stufen des Stuttgarter Bahnhofs − seit heute wissen wir, einer der zehn „Risikobahnhöfe“ Deutschlands, wie die Welt am Sonntag unter einer so reißerisch wie dümmlich-vereinfachenden Überschrift darlegt − hinabschreite, schiebt sich eine neue Schablone vor meine innere Wahrnehmung. Nichts hat sich verändert in der Außenwelt und doch ist alles anders. Was eben Exil war, ist wieder Zuhause. Mit einem Lächeln beschleunige ich meinen Schritt. Die Welt scheint zu pulsieren vor Möglichkeiten.

420 Wörter später muss der Briefeschreiber zum Ende kommen. „So viel für heut. Ich hatte gestern wüthende Kopfschmerzen, darum war es mir unmöglich zu schreiben. − Abends um 6 erschien Göthe. […] Er hat schon lange ausgelesen u spuckt um mich herum daß ich wohl aufhören muß.“

Links für Neugierige
Das #eisfrei
Die Kulturkonsorten in München
Wer den Krampus nicht kennt.
Der Briefeschreiber aus Pempelfort
Die Top-Ten deutscher „Risikobahnhöfe“

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18 Gedanken zu „Goethe drängt

  1. Ja mei, da ist ja wieder was los bei euch im Süden! Bin ich froh, dass wenigstens der aktuelle Bewohner des Pistanzieneisfachs auf Hiddensee zu Hause ist! Jetzt brauch‘ ich eigentlich nur noch zu verstehen, warum Audio-Podcasts, die ich bisher in der virtuellen Welt verortete, offenbar im Hessischen beheimatet sind. Und wieso ist eigentlich niemand an gesamtdeutschen Freundschaften interessiert?

    • Liebe Maren, ein Pistazieneisfach auf Hiddensee, das klingt verlockend. Wäre das #eisfrei nicht ebensolches, hätte ich natürlich Pistazieneis *und* Bücher dort gekauft. Podcasts gibt es auch nur im Audioformat, etwa die Beiträge von Radiosendern. Was das mit Hessen bzw. Rheinland-Pfalz zu tun hat, da warte ich lieber mit der Antwort, bis ich sicher bin, dass die Aufnahme auch zu hören sein wird. Freundschaftliche Grüße nach Hamburg, Hiddensee und in alle anderen Himmelsrichtungen!

    • Wahrscheinlich spukt er nur, der Goethe, und der Schreiber hat umsonst das C gesetzt. Aber so oder so kein Goethe, wie man ihm im Wohnzimmer oder am eigenen Schreibtisch haben möchte.

      • Zu Goethes Zeiten schrieb man ja auch nach Gefühl und nicht nach Duden. Mir ist es aufgefallen, weil dieses Wortspiel spuken/spucken in einem Kinderbuch vorkommt, das wir oft lesen. Und es war auch einfach ein herrliches Ende. 🙂

  2. Ich neige leider zum Fremdschämen; die Rheinhessen hätte ich glatt noch lieber, wenn sie das mit der Fassenacht unter sich ausmachen könnten. Schön hingegen Ihr Krampus-Bild. (Aber ich habe hier im Norden gut reden; vielleicht sind die Krampusse ja eine Landplage da, wo sie wohnen.)
    Dann lese ich vom Briefwechsel in 30 Bänden und frage mich, ob dermaleinst sorgsam edierte eMail-Wechsel (in originaler Rechtschreibung) herausgegeben werden. Wahrscheinlich werden sie.
    Und die Risikobahnhöfe klingen sehr nach Problembären …

    • Fürs Fremdschämen bieten wir Menschen ja leider immer wieder guten Grund. Ob die Krampuse eine Plage sind? Als ich ein Kind war, war das Klausentreiben (eine – äußerlich etwas weniger imposante – vergleichbare Erscheinung in meiner Heimat) etwas Bedrohliches und es ging die Mär von schlimmen Dingen. Ich kann es nicht aus eigener Erfahrung sagen, wieviel davon Mythos, wieviel wirkliche Landplage war. Ansonsten kann ich Ihnen ja nur zustimmen. Die E-Mail-Wechsel wird es dann halt digital als Datenbank geben, aber ja doch, die originale Schreibweise wird peinlichst dokumentiert sein.

    • Haha, lieber Lu, du bist so großherzig! Danke dir. Ob es sich bei einem der Gipfel um den Großglockner handelt? Ich bin mir nicht sicher, die beiden Bergspitzen waren auch nur für drei Minuten zu sehen …
      Herzliche Abendgrüße zurück!

      • Bist du da gerade geflogen als das Foto gemacht wurde?
        Hm…kann ja eigentlich nicht sein, wegen des Baumes…
        Conclusio: es kann nicht der Großglockner sein, denn der ist ja der höchste Punkt Österreichs
        —hm— *g*

        Liebe Morgengrüße vom Lu

  3. Lieber Zeilentiger, von Ihnen würde ich mir gerne vorlesen lassen. Diesen Beitrag und andere. Die Wahl überlasse ich Ihnen.
    Ich liebe derartige Collagen, sie erinnern mich an einen Frankfurter Kranz (ob Göthe den mochte?) und den mag ich lieber als Baumkuchen. Zu seinem Glück jedenfalls sass Jacobi weder auf dem Perron eines Problembahnhofs noch musste er über den Mittleren Ring kutschieren.
    „Bewahre“, sagte er, als er den Kiel neu anschnitt ~~~
    Das Ihnen auffällig bemerkenswert erscheinende freundliche Hingezogensein zur oberrheinischen Tiefebene versteht – Sie erwarten dazu keine Bemerkung meinerseits. (Zum karnevalischen Treiben mit Parolengerufe äussere ich mich seit Jahrzehnten nicht mehr schriftlich).
    Würden Sie mir im #eisfrei das Buch empfehlen, das in dem Behälter ausgelegt ist, in welchem zu wohltemperierteren Jahreszeiten das Zitroneneis gekühlt feilgeboten wird?
    Dies fragend sende ich Ihnen die wohlbeäpplertbesten Abendgrüsse aus dem unübertroffenen Bembelland

    PS: die neue Scheibe von den Smashing Pumpkins – Monuments to an Elegy (2014) höre ich gerne…..

    • Dass Sie, lieber Herr Ärmel, Collagen mögen, wundert mich nicht. Denn wenn ich ehrlich bin, sehe ich mich mit einem Blogbeitrag wie diesem ein wenig in der ärmelschen Schule. (Lachen Sie nicht, Sie haben da wirklich etwas angeregt.) Dass Sie sich das dann auch noch von mir vorlesen lassen würden, schmeichelt mir und freut mich. Es könnte in den Tagen vor Weihnachten eine solche Gelegenheit geben (ich forme die Idee derzeit noch im Kopf), aber natürlich ist die Kesselstadt nicht im Bembelland …

      „Bewahre“, ja, das könnte Jacobi gesagt haben, auch wenn ich mich nicht erinnere, ob es mir schon untergekommen ist. Irgendwie ganz gerne habe ich die Briefe seines Busenfreundes Hamann gelesen, aber der ist inzwischen tot und die jakobinischen Revolutionsarmeen stören den Frieden zerfurchter Denkerstirne. Ich schweife ab.
      Wie das ja oft so ist, möchte ich gerade bei Ihrem Klammerinhalt nachhaken. Vielleicht wollen Sie das dereinst bei einer Tasse Tee erläutern. Ich verspreche auch, Ihre Erläuterung nicht heimlich mitzuschneiden.
      Zitroneneis, das finde ich interessant. Also, das dürfte, vermute ich, da eher etwas rechts gewesen sein. Vielleicht dort, wo die leichte und vergnügliche Hemingway-Biographie von Thomas Fuchs liegt, in der ich gerade lese.
      Danke für den Musiktipp. Ich habe auf einer einschlägigen Seite zwei Lieder angehört und finde sie interessant genug, um mich mit dem Album noch näher vertraut zu machen.

      Kaltzehige Spätabendgrüße ins Bembelland (nein, keine Sorge, die Kälte behalte ich hier)!

      • Mit meiner in den Klammern an mich gerichteten Frage bin ich mir unsicher.
        Sicher bin ich mir mit der Nachricht, dass ein neuer Bericht zu Ihrer Kenntnisnahme bereit steht.
        Begleitende Fotografien ebenfalls…
        Und nun: eine gute Nacht gesendet aus dem stillen Bembelland

      • Falls ich Ihnen mit meinem, wie ich hoffe, bescheidenen Begehr nicht zu nahe trete, möchte es wohl gefallen, wenn Sie über Ihre vorweihnachtlichen Gedankenbewegungen auf dem Laufen halten mögen. Es wäre mir überaus misslich, Sie nicht anzutreffen wegen mangelnder Absprachen vorweg…
        Abendeingeläuteteäpplerfröhliche Grüsse aus dem trockenen Bembelland (mit den Smashing Pumpkins aus den alten Braun Lautsprechern im Hintergrund)

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